Nicht ohne meine Mutter - Mein Vater entführte mich als ich ein Jahr alt war. Die Geschichte meiner Befreiung

von: Meral Al-Mer

Bastei Lübbe AG, 2013

ISBN: 9783838724973 , 319 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 6,99 EUR

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Nicht ohne meine Mutter - Mein Vater entführte mich als ich ein Jahr alt war. Die Geschichte meiner Befreiung


 

1
Hamids Träume


Als ich am 2. Februar 1981 im Elisabeth-Krankenhaus in Mönchengladbach zur Welt kam, war die Ehe meiner Eltern bereits die reinste Katastrophe. Eine Fotografie zeigt meine Mutter im Krankenhausbett, eine Schönheit im orientalischen Prinzessinnennachthemd, ihr wunderschönes Gesicht von dunklem Haar in weichen Wellen umrahmt. Es nützte ihr nichts. Mein Vater wollte keine Kinder, doch Saliha, die hoffte, dass Nachwuchs ihn sanfter stimmen würde, hatte die Pille heimlich abgesetzt. Statt eines Sohnes kam ich, doch mein Vater wurde alles andere als sanfter. Kaum war sie wieder zu Hause, prügelte er Saliha die Treppe zu ihrer gemeinsamen Wohnung unter dem Dach im Haus des Familienclans hinauf und wieder hinunter, weil sie es nicht einmal geschafft hatte, einen Sohn zu gebären – so erzählten es später die Nachbarn.

Oder stimmt das gar nicht? Hat mich Hamid vom ersten Moment an geliebt und in seine Arme geschlossen, tagelang herumgetragen und allen stolz gezeigt? Warum sonst hätte er darauf bestanden, dass ich bei ihm blieb? In dieser Geschichte gibt es so viele Wahrheiten, dass es schwer ist herauszufinden, was tatsächlich geschah.

Mein Vater Hamid Al-Mer und mindestens sechs seiner Geschwister wurden in der Türkei geboren, in einem Dorf in der Nähe von Antakya, nicht weit von der türkisch-syrischen Grenze entfernt. Dieses Gebiet gehörte ursprünglich zu Syrien, und erst in den Sechzigerjahren ging es per Volksentscheid an die Türkei. Darum sprechen die Älteren in meiner Familie sowohl Arabisch als auch Türkisch.

Mein Großvater Abit Al-Mer stammte aus Syrien, aus der Nähe von Aleppo. Als seine Eltern starben, nahm ihn die Familie meiner Großmutter auf, die auf der heute türkischen Seite wohnte. Mit sechzehn heiratete er Halima, seine dreizehnjährige Großcousine, mit der er aufgewachsen war, und Halima gebar ihm Kind um Kind. Die Gegend um Antakya war in den Sechziger- und Siebzigerjahren bitterarm, und darum entschloss sich mein Großvater, als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen.

Nach einigen Zwischenstationen landete er in Hückelhoven bei Mönchengladbach, wo er Arbeit im Steinkohlebergbau fand. Später holte er seine Familie nach, und damit die Söhne gleich mitarbeiten konnten, wurden sie für älter ausgegeben, als sie tatsächlich waren. Während meine Oma Halima noch weiteren Kindern das Leben schenkte – insgesamt neun –, verfolgte mein Großvater den Plan, so schnell wie möglich viel Geld zu verdienen, um dann mit diesem Startkapital wieder zurück in die Heimat zu gehen.

Mein Vater Hamid war der älteste Sohn des Al-Mer-Clans, und oft erzählte er mir, wie froh er gewesen war, dem armseligen Leben in Anatolien zu entfliehen. Seit ich denken kann, hing bei uns im Wohnzimmer die Reproduktion eines Gemäldes, das zwei zerlumpte Betteljungen zeigt, die sich gemeinsam am Boden sitzend über eine Melone hermachen.

»Die beiden erinnern mich an meinen Bruder und mich«, sagte er oft, »als wir einmal eine Melone fanden.«

Von diesem Bild hat er sich bis heute nicht getrennt, so als müsste er sich stets rückversichern, woher er eigentlich kommt, und welchem Schicksal er entronnen ist.

Das Schicksal, das ihn in Hückelhoven erwartete, war allerdings alles andere als das, was er sich für sein Leben erträumt hatte. Was genau das war, darüber sprach er nie. Mein Vater Hamid war äußerst intelligent, und mit einer entsprechenden Schulbildung hätte er viel mehr aus seinem Leben machen können. Er lernte rasch akzentfrei Deutsch, und alles, was neu und unbekannt für ihn war, sog er in sich auf wie ein Schwamm. Mit seinem tiefschwarz glänzenden, kleingelockten Haar, das ihm wie eine Gloriole um den Kopf stand, seinem athletischen Körper und den markanten Augenbrauen, die mit seiner Nase ein entschiedenes Y zu bilden schienen, war er ein attraktiver junger Mann, eine Mischung aus Bob Marley und Tom Selleck. Er besaß einen umwerfenden Charme, sprühte nur so vor Ideen und originellen Einfällen, und die Frauen fühlten sich zu ihm hingezogen. Ja, zu dem Leben, das er sich wohl erträumte, gehörten auch Frauen, am liebsten deutsche, blonde, und stets hatte er mindestens eine solche Freundin. Und das, obwohl er seit seiner Kindheit mit Saliha verlobt war, seiner Großcousine im fernen Dorf in der Nähe von Antakya.

Was er sich mit Sicherheit nicht erträumt hatte, das war sein überaus strenger und gewalttätiger Vater, zu dem er ein schwieriges Verhältnis hatte und der mit eiserner Hand versuchte, sein Leben zu reglementieren. Opa Abit hielt nicht nur seine Töchter unter Kontrolle, er entschied auch, mit wem seine Söhne Umgang haben durften. Nach Hause konnten sie die Freunde ohnehin nicht mitbringen, und Ausgehen war nicht erlaubt. Über jeden seiner Schritte musste mein Vater Rechenschaft ablegen. Alle fürchteten sich vor Opa Abit; er hing über den Geschwistern wie eine dunkle Wolke.

Bei Zuwiderhandeln – und mein Vater fügte sich diesem strengen Regiment mit Sicherheit nicht – misshandelte Opa Abit seine Kinder. Einmal verprügelte er meinen Vater mit dem Schürhaken dermaßen, dass er heute noch Narben am Kopf davon hat, eine besonders dicke hinter dem Ohr. Um der Tortur zu entgehen, sprang Hamid sogar aus dem Fenster im zweiten Stock in den Garten, so groß war seine Angst. Wie seine Brüder musste er seinen Lohn am Monatsende abgeben und konnte froh sein, wenn er ein Taschengeld erhielt.

Heute glaube ich, dass Hamid nie die Anerkennung von seinem Vater erhielt, die ein junger Mann braucht, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Mein Großvater war ein eigenartig kühler und ernster Mensch, und als ich ein einziges Mal für ein Familienfoto auf seinem Schoß sitzen musste, fühlte ich mich unbehaglich – so als säße ich auf einem schrecklich unbequemen Stuhl. Mein Opa war dünn, fast knöchern, trug stets Jeans, karierte Hemden und eine Schiebermütze.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Großvater auch nur ein einziges Mal das Wort an mich richtete, und doch beobachtete ich ihn bei meinen Besuchen oft stundenlang. Wie alle Männer in meiner Familie achtete auch Abit Al-Mer stets auf sein Äußeres. Er saß auf dem Sofa und feilte sich die Nägel, schnitt sich mit der Nagelschere den Schnurrbart zurecht oder entfernte sich die Haare, die ihm aus der Nase und den Ohren wuchsen. Oft sah ich ihm zu, wie er sich mit einem Zigarettenstopfer aus orangefarbenem Kunststoff Zigaretten machte, manchmal durfte ich dabei sogar helfen. Wenn er auf dem Sofa lag und ein Schläfchen machte, mussten wir alle mucksmäuschenstill sein, damit er ja nicht gestört wurde.

Nein, mein Opa Abit war nicht der Vater, der Sinn für die Träume und Wünsche seines Ältesten hatte, zu denen auch eigenes Geld und natürlich coole Autos gehörten. Dennoch schaffte es Hamid, gemeinsam mit seinem Schwager, Onkel Youssef, den ich immer im Stillen »Mickey Mouse« nannte, weil er einen tätowierten großen Punkt auf der Nasenspitze hatte, einen neuen, lukrativeren Nebenerwerb aufzutun: die Überführung von gebrauchten deutschen Autos nach Saudi-Arabien.

In coolen Autos quer durch Europa, durch die gesamte Türkei, vorbei an Antakya und den staubigen Dörfern, in denen die arme Verwandtschaft nach wie vor Ziegen hielt, Tabak anbaute und in Lehmhütten wohnte, durch Syrien und den Libanon hinunter auf die arabische Halbinsel – das war ganz nach Hamids Geschmack.

Ich sehe die beiden vor mir in – sagen wir – einem hellgrünen Opel-Rekord, dem Alltag, dem Bergbau und vor allem dem strengen Opa Abit entflohen: Youssef am Steuer fährt viel zu schnell eine Landstraße entlang, irgendwo zwischen der türkischen Grenze und der syrischen Stadt Aleppo. Der heiße Asphalt schimmert, als sei er flüssig geworden. Pinkfarbener Oleander am Straßenrand rauscht an ihnen vorüber. Hamid schält Orangen und wirft die Schalen aus dem Autofenster. Aus den Boxen schallt laute Musik.

Hamid zündet einen Joint an und zieht an ihm, reicht ihn seinem Schwager. Er blinzelt in die Sonne und zieht aus der Brusttasche seines Hemds ein Foto hervor. Es zeigt eine hübsche Blondine, Hamids aktuelle Freundin. Youssef schaut kurz darauf, seufzt und sagt: »Alter, mit dir würde ich gerne tauschen!«

Hamid grinst breit und versteht seinen Schwager absichtlich falsch. »Tauschen? Aber gerne. Fahr rechts ran, Kumpel, dann fahr ich eine Weile.«

Youssef schnappt sich das Foto. Etwas flattert aus dem Fenster davon.

»Ey, du Arschloch«, schreit mein Vater in jähem Zorn und boxt seinen Schwager hart gegen die Schulter. »Halt sofort an! Hol das Foto zurück, du verfickte Strafe Gottes!«

Youssef fährt rechts ran und bringt den Wagen zum Stehen. Er lacht gutmütig über Hamids Zorn. Wie ein Zauberer zieht Youssef das Foto wieder hervor. Er hat etwas anderes aus dem Fenster flattern lassen, und der smarte Hamid ist darauf hereingefallen. Der schnappt sich das Foto, lacht grimmig und versetzt seinem Schwager mit der flachen Hand einen leichten Schlag auf den Hinterkopf.

Sie tauschen die Plätze, jetzt sitzt Hamid am Steuer. Es wird Abend, und die beiden nähern sich einer Kleinstadt. Da sind Händler am Straßenrand, die ihre Obst- und Gemüsestände zusammenpacken, auf Karren laden und in Richtung Stadt schieben. Hamid legt eine neue Musikkassette ein, die wehmütige Stimme der arabischen Sängerin Feyruz erfüllt den Wagen.

Plötzlich ein dumpfer Knall. Holzkarrenteile spritzen rechts und links am Wagen vorbei. Melonen zerplatzen auf der Windschutzscheibe. Hamid hält fluchend an. Als sie aussteigen, werden sie von wütenden Menschen angegriffen. Während aus dem Wagen immer noch die Stimme von...