Die Liebe wirst Du los, das Virus nie - Als Homeworker bei der AIDS-Hilfe

von: Rainer Deppe

Brandes & Apsel Verlag, 2013

ISBN: 9783955580247 , 188 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 17,99 EUR

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Die Liebe wirst Du los, das Virus nie - Als Homeworker bei der AIDS-Hilfe


 

Erste Begegnung
Montag, 19. September
Gegen 12 Uhr steigen Andreas Struth und ich, nachdem wir unten geklingelt haben, die Treppen in den vierten Stock eines Mietshauses in der Rohrbachstraße hinauf. Wir wollen zu David Hagenreuther, der einen Homeworker von der Frankfurter AIDS-Hilfe haben möchte, um in seiner Freizeit etwas mit ihm zu unternehmen. Andreas, unser Organisator, hat vor Kurzem schon einmal mit David darüber gesprochen und dabei an mich gedacht. Danach haben wir in der Gruppe darüber geredet, und ich habe mich entschlossen, es zu versuchen.
David öffnet uns die Tür zur Wohnung, die er mit seinem Freund René teilt. Er führt uns in die mit allerlei Utensilien ziemlich voll gestellte Küche, wo wir uns zusammen an einen langen, rechteckigen, mit verschiedensten Dingen zugepackten Tisch setzen. Er kauert uns gegenüber, Kopf und Oberkörper nach vorn gebeugt, die Arme auf den Tisch gestützt, auf einem Stuhl an der Querseite gegenüber dem Fenster sitzend, vor sich eine Batterie von Tablettenröhrchen. Er ist am ganzen Körper abgemagert, das Gesicht hager und ledern mit starker, ungewöhnlich breiter Nase. Er ist, wie wir wissen, fast vollständig erblindet. Auf dem rechten Auge, welches zuerst an Sehkraft verlor, vollständig und auf dem linken Auge, es hat noch zwei bis vier Prozent Sehkraft, beinahe. Er sieht noch Schattenhaftes, sagt er, im Moment z. B. sähe er uns beide verschwommen in einem schwarzen Rahmen. Viel sprechen wir über seine Blindheit nicht, er deutet nur an, welchen Einschnitt der Verlust des Augenlichts in seinem Leben bedeutet. Kochen, sagt er, könne er nicht. Lesen, was er gern gemacht habe, natürlich auch nicht mehr. Auf der Rohrbachstraße müsse er besonders die lautlosen, schnellen Radfahrer fürchten und sich ab und zu von Fremden über den Zebrastreifen führen lassen, ohne dass diese immer wüssten, was mit ihm los sei. In der Wohnung kenne er sich dagegen aus. Dort finde er sich noch allein zurecht. Sein Gehör habe für ihn an Wichtigkeit gewonnen.
Inzwischen hat man ihm die Pflegestufe II zugebilligt. Indes macht das Versorgungsamt wohl einige Schwierigkeiten, ihn der Kategorie "hilflos" zuzuordnen, die anscheinend weitere Vergünstigungen nach sich zieht. Einstufungen, die Ansprüche begründen, werden offenbar durch Buchstaben codiert (beispielsweise R für "Rundfunkgebühren werden übernommen"). Hinsichtlich seiner selbständigen Bewegungsfähigkeit macht David Äußerungen, die für mich nicht ganz eindeutig sind, es womöglich auch gar nicht sein können. Aber sie kommen mir zu optimistisch vor, doch was weiß ich schon. Es sieht so aus, als könne er noch ein paar Meter allein oder in Begleitung zu Fuß gehen, wohingegen er für etwas größere Entfernungen einen Rollstuhl benutzen müsse, der, zusammengeklappt, hinter der Haustür im Parterre steht. Immerhin, sagt er, könne er noch das lange Treppenhaus hinunter und ins gegenüber liegenden Café Spiridon gelangen, aber meist nicht mehr allein die Rohrbachstraße überqueren, da helfen ihm dann Leute aus dem Spiridon. Das etwa 300 m entfernte Café Raute in der Lundstraße, wo es den besseren Kuchen gäbe und das so eine Art Bio-Café sei, wäre dagegen zu Fuß schon zu weit für ihn. Um dahin zu kommen, brauche er den Rollstuhl. Zudem fährt er montagabends anscheinend mit dem Taxi ins Musiklokal Blues in der oberen Rohrbachstraße, von wo er, wie er sagt, erst spät nachts nach Hause zurückkommt.