Bildungspsychologie

von: Christine Spiel, Barbara Schober, Petra Wagner et al.

Hogrefe Verlag Göttingen, 2010

ISBN: 9783840920813 , 459 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 35,99 EUR

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Bildungspsychologie


 

"3 Ergebnisse und Interpretation (S. 379-380)

Generell kann gesagt werden, dass die Mehrzahl der Fehlersituationen mit negativen Gefühlen behaftet ist. Dies trifft sowohl für die Emotionen der Personen in der Geschichte als auch für die eigenen Emotionen zu. Besonders negativ werden öffentliche Fehler erlebt (80% der Schülerinnen und Schüler). Sie beschreiben dabei, sich schlecht gefühlt (26 Nennungen) oder geschämt (6 Nennungen) zu haben, enttäuscht gewesen (4 Nennungen) oder wütend geworden zu sein (2 Nennungen).

19 Schülerinnen und Schüler wählen spezifische Emotionsbeschreibungen (Einzelnennungen) wie z. B. sich unsicher, dumm oder als Versager fühlen, verzweifelt oder traurig sein. Eine zentrale Ursache für Emotionen in öffentlichen Fehlersituationen ist das Erleben von Inkompetenz und verfehlter Leistungserbringung: Über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler sieht Fehler beim Vorlesen bzw. Vorrechnen prinzipiell als unangenehm an. Zwei Drittel der Ursachen beziehen sich auch auf soziale Aspekte, die mit der Lehrperson und den Mitschülerinnen und Mitschülern verbunden sind.

Dabei zeigt sich ein interessantes Ergebnis: Zwar sprechen 16 Schülerinnen und Schüler explizit von unerwünschten Reaktionen der Lehrpersonen, wie Ärger, Bloßstellen oder Zynismus (was zum Teil auch abhängig von der Laune der Lehrperson zu sein scheint), und manche verweisen darauf, dass die Lehrperson eher über den Fehler hinwegsehen bzw. diesen ignorieren (8 Schülerinnen und Schüler) würde, aber die deutliche Mehrheit (42 Schülerinnen und Schüler) erwähnt ein positives Lehrerverhalten, geprägt von Verständnis bzw. Unterstützung. Wesentlich häufiger wird auf das explizit unangenehme Verhalten von Mitschülerinnen und Mitschülern (Peers) bzw. der Schulklasse verwiesen (28 Schülerinnen und Schüler).

Die Schülerinnen und Schüler würden sich in öffentlichen Fehlersituationen also primär deshalb schlecht fühlen, weil ihre Peers Zeuginnen und Zeugen des Fehlers wurden, weil sie Gefahr laufen, ausgelacht zu werden oder als dumm dazustehen bzw. weil sie bei ihren Peers auf Unverständnis treffen und wenig Unterstützung erfahren. Dieser hohe Einfluss der Peers ist vermutlich auf soziale Vergleichs - prozesse sowie auf ein instabiles Selbstkonzept und ein Sozialklima, das eher auf Kompetition als auf Kooperation beruht, zurückzuführen.

Trotzdem ist nicht der Grad an Öffentlichkeit der allein entscheidende Prädiktor für negative Emotionen in Fehlersituationen, denn sie werden ebenso in Lernsituationen erwähnt und erweisen sich auch dann als dominant, wenn Fehler unentdeckt bleiben. So erwähnten 13 von 38 Schülerinnen und Schülern, die zur unentdeckten Fehlersituation bei der Selbstkorrektur von Übungsaufgaben Stellung nahmen, negative Gefühle (z.B. „schlechtes Gewissen“, „unangenehm“).

Begründet wird dies von den Kindern und Jugendlichen mit der Erfahrung der Inkompetenz bzw. mit der Tatsache, dass eine Korrektur eigentlich Mogeln gleich käme. Hier scheinen sich jedoch Veränderungen im Laufe der Jahre zu vollziehen: Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto weniger werden unentdeckte Fehlersituationen als emotional belastend bzw. bedeutsam beurteilt (fünf von sieben Schülerinnen und Schülern der Oberstufe berichteten, in solchen Situationen fühle man sich „normal“ oder „neutral“)."