Geld und Freunde - Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten

Geld und Freunde - Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten

von: Volker Reinhardt

Primus, 2014

ISBN: 9783896789402 , 144 Seiten

Format: ePUB, PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 13,99 EUR

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Geld und Freunde - Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten


 

Das politische System


Erste Erschütterungen waren lange vor dem großen Beben spürbar. Im Frühjahr 1402 notiert der reiche Kaufmann und einflussreiche Politiker Buonaccorso Pitti in seiner für den Hausgebrauch geführten Chronik:

Und so scheint mir, dass wir in so große Selbstsucht und in eine so heillose Unordnung abgesunken sind, dass wir uns gegen einen Angriff des Kaisers oder eines anderen mächtigen Herrn nicht behaupten könnten – so tief ist die Spaltung unter den Reichen und Mächtigen unseres Regiments. Ihrem Parteigeist und heimlichen Hass aufeinander opfern sie das Wohl und die Ehre der Kommune.2

Ideal und Realität klafften auseinander. Wie das Gemeinwesen beschaffen sein sollte, steht seit je her unverrückbar fest. Gemeinsinn soll vor Eigennutz rangieren. Doch das war ein Thema für Sonntagsreden. Wenn der Vater dem Sohn Ratschläge fürs Leben erteilte, hörte es sich anders an.

Dies vor allem möchte ich denjenigen, die meine Aufzeichnungen lesen, ans Herz legen und einschärfen: Trennt euch nie, sei es aus Furcht, sei es als Folge von Schmeichelei, von eurem Besitz und eurem Rang und ebenso wenig von euren Verwandten und euren Freunden; denn auf diese und ihre Hilfe vertrauen alle anderen.3

Und die anderen haben damit Erfolg. Im Gegensatz zu uns. Daher müssen wir werden wie die anderen: schlau, zielstrebig und eigennützig. So Giovanni di Pagolo Morelli in seinen ebenfalls nur für die Familie bestimmten Notizen. Darin stimmt er mit dem viel reicheren und vornehmeren Neri Capponi voll und ganz überein.

Verbündet euch vor allem mit euren Nachbarn und Verwandten. Und helft euren Freunden innerhalb wie außerhalb der Stadt.4

So sah die tatsächliche Ausbildung zum Politiker in Florenz aus. Dagegen ließ sich trefflich predigen; auszurichten war dagegen nichts. Nieder mit den Netzwerken, die die Republik zersetzen – es leben die nützlichen Freunde, die allein Beistand in der Not garantieren. Das ganze Dilemma der Republik Florenz liegt in diesem Gegensatz.

Ab 1425 machte sich ein noch viel tieferes Unbehagen am Zustand des Gemeinwesens breit. Und wieder wurden die üblichen Klagen laut: Eigennutz herrscht vor, das Gemeinwohl wird mit Füßen getreten; Rückbesinnung auf die gemeinsamen Verpflichtungen zum Schutz des Freistaats, zu Solidarität und Brüderlichkeit ist daher vonnöten. Doch die Rufe verhallten ungehört. Es führte kein Weg zurück.

Wahr ist, dass die einen Rivalitäten der Republik schaden und die anderen ihr nützen. Zerstörerisch sind diejenigen, die mit Interessengruppen und Netzwerken zu tun haben, heilsam die, die davon frei sind. […] Die Feindschaften in Florenz waren stets von klientelären Spaltungen geprägt und daher unheilvoll; nie blieb eine solche Partei in sich geschlossen, es sei denn, sie hatte eine bedrohliche Gegenpartei. […] In Florenz waren, wie mehrfach erwähnt, zwei herausragende Bürger, Cosimo de’ Medici und Neri Capponi. Neri hatte sein Ansehen auf öffentlichen Wegen erworben, deshalb hatte er viele Bewunderer, aber wenig Gefolgsleute. Cosimo hingegen, der durch öffentliche wie heimliche Methoden aufgestiegen war, hatte nicht weniger Bewunderer als Anhänger.5

So lautet die achtzig Jahre nach den Ereignissen gestellte Diagnose des Staatstheoretikers und Historikers Niccolò Machiavelli. Sie beschreibt einen politischen Krankheitszustand: Florenz, die von Cliquen beherrschte Republik. So war es, und so wird es bleiben. Die Medici bilden in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Denn sie haben zwar gewisse Verdienste um das Gemeinwohl, im Wesentlichen aber sind sie mit ihrer Klientel aufgestiegen. Deshalb werden sie über kurz oder lang auch von einer neu emporgekommenen Interessengruppe gestürzt werden. Das ist der Fluch von Florenz: Die wenigen Uneigennützigen wie Neri Capponi werden von der Masse der Egoistischen überwältigt. Mit dieser Analyse täuschte Machiavelli sich gleich doppelt. Was Capponis Überparteilichkeit betrifft: siehe das vorletzte Zitat. Und auch, was die Medici-Partei betraf, lag der geniale Querdenker falsch. Sie war anders als die vielen anderen Interessengruppen. Vor allem hatte sie andere, ehrgeizigere Ziele.

So war der Konflikt, der sich seit etwa 1400 unaufhaltsam zuspitzte, von anderer Art als die unzähligen Auseinandersetzungen, welche die Republik Florenz seit ihrer Neuordnung im Jahr 1282 zwar erschüttert, doch nicht zerstört hatten. Streit zwischen den führenden Familienverbänden um Ämter und Einfluss stand von Beginn an auf der Tagesordnung; und wenn es hart auf hart ging, wurde er auch blutig ausgetragen. Die politische Ordnung der Republik aber wurde dadurch in der Regel nicht angetastet. Ein einziges Mal, beim Aufstand der Ciompi im Jahr 1378, stand auch sie auf dem Spiel. Politisch und wirtschaftlich rechtlos, ja ihren Arbeitgebern, den großen Textilunternehmern, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, forderten die Wollarbeiter ihren Anteil am Wohlstand sowie an den Ämtern und Würden der Republik. Und da die Führungsschicht zu dieser Zeit tief gespalten war, konnten sie diese Revolution einige Monate lang zum Erfolg führen, bis die alte Elite zum Gegenschlag ausholte und bald darauf fester denn je im Sattel saß.

Von der – durch gezielte Repression und polizeiliche Observierung in Schach gehaltenen – Unterschicht hatten die Reichen und Mächtigen ab 1425 nichts mehr zu befürchten. Die Störung der sozialen und politischen Formation kam nicht von außen, sondern von innen. Ein Machtkampf kündigte sich an, von dem dauerhafte Verwerfungen der öffentlichen Ordnung zu befürchten waren – oder zu erhoffen, je nach Parteinahme. Beunruhigend an der sich abzeichnenden Konfrontation war, dass sich ihr kaum jemand entziehen konnte. Dieses „Entweder – Oder“, „Freund oder Feind“ war neu. Bislang hatten diejenigen, die nicht durch die Bande der Verwandtschaft, Verschwägerung oder anderer, auf beiderseitigem Nutzen beruhender Partnerschaften involviert waren, in den Kämpfen der großen Clans und ihrer Netzwerke neutral bleiben oder sogar vermitteln können. Jetzt aber hieß es, Partei zu nehmen. Dessen ungeachtet behaupteten die beiden Interessengruppen, die sich von nun an immer heftiger befehdeten, die Republik vor heimtückischer Unterwanderung zu schützen und Schaden von ihr abzuwenden.

Der verbannte Nationaldichter: Dante Alighieri

Im Jahr 1265 in Florenz geboren, wurde der theologisch und philosophisch hochgebildete Dichter in Parteikämpfe verwickelt und 1302 aus seiner Heimatstadt verbannt. In seiner Göttlichen Komödie, einer durch Hölle, Purgatorium und Paradies führenden Jenseits-Wanderung, hält der exil immeritus, der zu Unrecht Verbannte (so seine Selbstbezeichnung), denn auch Gericht über viele frisch verstorbene Zeitgenossen. Zwischen 1310 und 1313 machte er sich für die Herrschaftsansprüche Kaiser Heinrichs VII. in Italien stark. Seit seinem Tod literarisches Vorbild, wurde er im 19. Jahrhundert als Vordenker der nationalen Einigung Italiens gefeiert.

Zur Ruhe gekommen war sie nie. Ihr berühmtester Bürger Dante Alighieri verglich sie mit einer kranken Frau, die sich ruhelos im Bett hin und her wälzt, doch die richtige Lage zur Gesundung nicht findet.6 Dante wusste, wovon er sprach. In einer der zahlreichen inneren Auseinandersetzungen, in der es um den Einfluss von Familien und Geschäftsinteressen ging, war er 1302 verbannt worden. Zu solchen Turbulenzen bot die politische Ordnung reichlich Anlass. Was für die Wortführer des Regimes die perfekte, freie und gerechte Republik war, lässt sich im heutigen Politikjargon am ehesten als eine relativ offene Oligarchie klassifizieren.

Ämter und Kandidaten

1425 hatte, grob gerechnet, ein Fünftel der volljährigen männlichen Florentiner politische Basisrechte; sie durften wählen und sich wählen lassen. Wählen: das hieß, sie wurden ungefähr alle fünf Jahre dazu aufgerufen, in einem sogenannten squittinio diejenigen zu benennen, die zur politischen Klasse dazu gehören sollten. Wer hier bestätigt wurde, dessen Name durfte in die Lederbeutel gesteckt werden, aus denen alle zwei Monate die Prioren, die neun Mitglieder der signoria, der Stadtregierung, und der mit ihr beratenden...