Nebeltod auf Norderney - Kriminalroman

von: Theodor J. Reisdorf

Bastei Lübbe AG, 2009

ISBN: 9783838700922 , 318 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 5,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Nebeltod auf Norderney - Kriminalroman


 

Als Herbert Stamm die Volksschule in Neuss-Gnadental verließ, riet ihm der Klassenlehrer auf Grund der blendenden Noten eine kaufmännische Lehre anzustreben. Auch seine Eltern schlossen sich dieser Meinung an, wenn sie auch anfänglich lieber gesehen hätten, Herbert wäre wie die meisten Schüler der Abgangsklasse als Jungarbeiter in eine der vielen Fabriken gegangen, um Geld zu verdienen. Da waren die Traktorenfabrik Harvester International, die Nudelfabrik Schramm, die Ideal Standard mit der weit gefächerten Produktion und viele Werke mehr. Sie alle suchten Arbeitskräfte und zahlten gut.

Sicherlich war das Ansehen eines Angestellten höher als das eines Fabrikarbeiters, doch dafür verdiente der, vorausgesetzt er konnte anfassen, wesentlich mehr. Da lag es nahe, dass Herbert Stamm als Lehrling seine Karriere im Kontor bei der Firma Wilhelm Werhahn, Mühlenbetriebe, begann, wo sein Vater all die Jahre als Stauer der Schiffstruppe im Neusser Hafen arbeitete.

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren gekennzeichnet durch Bescheidenheit. Tante-Emma-Läden führten die notwendigen, vollständigen Warensortimente. Sie konkurrierten nicht miteinander und gehörten zu einem Wohnviertel dazu. Der Plausch und der Klönschnack gehörten zum Einkauf. Das Angebot von aus der Reihe tanzenden Luxusangeboten fehlte gänzlich.

Auch die engen Wohnungen zeichneten sich durch Bescheidenheit aus. Unvorstellbarer Nachholbedarf prägte das wirtschaftliche Warenangebot. Vom Gespenst der Arbeitslosigkeit sprachen nur ein paar verschrobene Professoren, die niemand ernst nahm. Arbeitswillige fanden eine zufrieden stellende Beschäftigung. Volksschülern gelang ohne Abitur, oft sogar ohne die mittlere Reife, der Aufstieg in der Betriebs- und Werkshierarchie.

Auch für Herbert Stamm standen die Chancen nicht schlecht. Nach einer dreijährigen Lehre bestand er die Kaufmannsgehilfenprüfung, wechselte in eine Lebensmittelgroßhandlung und wurde dann in Neuss-Reuschenberg Filialleiter in einem der fünfzehn »Nova«-Supermärkte. Das Einzugsgebiet der Ladenkette waren die Städte Neuss und Grevenbroich. Die Geschäftslage war hervorragend.

Herbert Stamm, ein gut aussehender, kräftiger junger Mann mit dunkelblonden Locken, lernte während der Prüfer-Lehrgänge bei der IHK Helma Edelhausen kennen, die Bürokauffrau gelernt hatte und bei einer Baufirma arbeitete. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie verdienten beide gut und mussten nicht um ihre Posten bangen.

Helma Edelhausen war klein und zierlich. Sie und ihr Herbert bildeten zusammen ein hübsches Paar. Herbert Stamm hatte von zu Hause ein Grundstück bekommen, auf dem sie mit vielen Eigenleistungen ein Eigenheim errichten ließen. Sie heirateten aus Liebe.

Die Belastung des Einfamilienhauses schmolz dahin, als Herberts Vater starb und ihm eine Lebensversicherung ausgezahlt wurde. Jahre später folgten ihm seine Mutter und dann kurz danach der Vater seiner Frau. Herbert und Helma trauerten um den Tod der Lieben, waren aber zufrieden mit ihrem Los und glücklich miteinander. Für sie ging es ständig nach oben.

Der Fortschritt machte sich auf allen Ebenen spürbar. Es fehlte Herbert und Helma nicht an Mitteln, sich schick einzurichten und das Haus zu pflegen. Sie kauften einen Lloyd und fuhren mit ihm wie Tausende Deutsche nach Italien in Urlaub. Zu ihrem Glück, da waren sich Herbert und Helma einig, fehlte ihnen ein Kind, das ihrem Leben einen tieferen Sinn geben würde.

Alles klappte auf Wunsch. Helma wurde schwanger. Sie kündigte ihre Stelle als Buchhalterin bei dem Baumarkt und schenkte einem Mädchen das Leben. Sie nannten das Kind Marga. Nicht nur der Säugling sorgte oft für Aufregung und ungewohnte Unruhe. Die Zeit wurde unruhiger. Es begann das Geschäftesterben, zwar noch allmählich, nicht besonders sichtbar. Auch die Nova-Kette erhöhte immer mehr den Druck auf ihre Angestellten. Hinzu gesellten sich neue Verrechnungssysteme, die unter dem Einsatz effizienter Rechenmaschinen zu genauen Kosten- und Leistungsermittlungen führten. Wissenschaftlich ausgebildete Angestellte übernahmen die Leitung der mittleren Firmen.

Herbert Stamm musste, wollte er bestehen, noch einmal die Schulbank drücken. Er besuchte am Abend die Kurse der Volkshochschule, und es kam häufig vor, dass er sich am Wochenende auf sein Zimmer zurückzog, um zu lernen oder seine betrieblichen Umsatzberechnungen zu erstellen.

Helma versorgte die kleine Marga in Liebe rund um die Uhr, während Herbert sich die Zeit nahm, sich für sein berufliches Weiterkommen in seine Bücher zu vertiefen. Auch zu seinen Joggingabenden ging er nicht mehr.

Helma ging es nicht viel besser. Sie hatte nicht einmal Zeit, ihre gehbehinderte Mutter in Wuppertal zu besuchen. Die kleine Marga nahm fast ihre ganze Zeit in Anspruch. Dazu kamen die Wäsche, die Sauberhaltung des Hauses und der Garten. Es gab Abende, da schlichen sie mit leeren Augen aneinander vorbei, ohne ein Wort zu wechseln. Vorbei waren die Zeiten des stundenlangen Kuschelns im Bett oder auf dem bequemen Doppelsofa.

Ihre Freunde kamen seltener und wenn, dann meistens zu ungünstigen Zeiten. Das geschäftliche Klima gestaltete sich zusehends kälter. Herbert Stamm, der seinen Supermarkt hervorragend führte, hatte mit Umsatzrückgängen zu kämpfen, an denen er keine Schuld trug. Er musste fachlich versierte Verkäuferinnen entlassen und unausgebildete Frauen stundenweise beschäftigen.

Allmählich lernten er und seine Frau, mit der Belastung besser umzugehen. Marga schlief nachts durch und beglückte ihre Eltern mit ihrem süßen Lachen, wenn sie aufwachte. Helma packte sie in den Kinderwagen und ging fast täglich mit ihr in den städtischen Anlagen spazieren.

Zu dieser Zeit atmete Herbert Stamm erleichtert auf, weil sich der Umsatz seines Marktes konsolidierte, zum Teil sogar leicht anstieg, was der Schließung einiger Läden in der Nachbarschaft zu verdanken war. Ihre Angst vor einer Entlassung nahm damit wieder ab.

Ihre Gesichter entspannten sich, Frieden zog wieder ein, und sonntags kamen des Öfteren Freunde, tranken Kaffe und bewunderten die kleine süße Marga. Die Mutti blühte wieder auf und war wieder stolz auf ihre mädchenhafte Figur. Helma liebte es, sich schick zu machen, wenn sie Marga spazieren fuhr.

Im Frühjahr, als Marga fast zwei Jahre alt geworden war, lernte Helma Stamm auf dem Spielplatz Ilona Büttgen kennen, die wie sie ein Mädchen von zwei Jahren großzog. Ihr Töchterchen hieß Sofie. Es war wie Marga ein hübsches und gesundes Mädchen mit blonden Haaren. Ilona Büttgen hatte eine kräftige Figur, aber ein feines Gesicht. Sie war mittelgroß und trug ihr dunkelblondes Haar im Bubikopfschnitt. Ihr Mann war Steuerberater. Auch sie litt darunter, dass ihr Mann mehr mit seiner Firma als mit ihr verheiratet war. Da gab es eine Menge von Parallelen, über die sie lachten, als sie diese zum Besten gaben.

Auch Ilona Büttgen hatte vor der Geburt ihrer Tochter als Büroangestellte bei der Neusser Sauerkrautfabrik gearbeitet und war fest entschlossen, wenn Sofie das Kindergartenalter erreicht hatte, wieder zu arbeiten. Es war nicht das Geld, nein, darauf konnte sie ohne Not verzichten, sondern die Langeweile des Haushaltes, die sie hasste.

Das sah Helma Stamm nicht anders. Auch die beiden Kleinen verstanden sich auf Anhieb gut. Sie zankten sich nicht, sondern nahmen sich an die Hände, spielten zusammen, pflückten Blumen oder kletterten an den Spielgeräten. Das war die Basis einer neu geschlossenen Freundschaft, die mit der Zeit immer enger wurde.

Das hatte zur Folge, dass sich auch die Männer nicht verschließen konnten, und an einem Samstagnachmittag saßen Herbert Stamm, Marktleiter, und Johann Büttgen, Steuerberater, neben ihren Frauen auf einer Bank des Spielplatzes und sprachen sachkundig über die große »Wirtschaftsflaute«.

Doch während Johann Büttgen die Zeit nutzte und sein viertes Haus im Düsseldorfer Flingern kaufte, lebte Herbert Stamm mit der ständigen Angst der Betriebsschließung, da seine Filiale im Einzugsbereich einer »Wal Mart«-Niederlassung lag. Das war für seine Chefs Grund genug, ohne Gehaltserhöhung von ihm und seinen Mitarbeitern das Letzte herauszuholen. Herbert Stamm verzichtete auf seinen Urlaub.

Für Helma Stamm hatten diese Mehrbelastungen ihres Mannes unvorhergesehene Folgen. Er drohte nicht nur aus dem seelischen Gleichgewicht zu geraten, sondern ihm fehlte auch die Zeit, sich um sie und seine Tochter zur Genüge zu kümmern, denn er war morgens der Erste und abends der Letzte in der Firma.

Sein neuer Freund Johann Büttgen begleitete seine Frau und das Töchterchen häufig zum Spielplatz, doch seine Frau Helma und Marga kamen alleine, weil der Papa keine Zeit hatte. Johann traf seinen Freund Herbert Stamm zu Hause recht selten an, dennoch machte er sich auf den Weg, ihn zu Hause zu sprechen. Marga Stamm spielte dann die Überraschte, lud den Gast zu einem Kaffee ein, der es sich leisten konnte, oft stundenlang dem Büro fern zu bleiben.

Das führte dazu, dass Helma Stamm in den Bus stieg, wenn Marga den Kindergarten besuchte, nach telefonisch vereinbarten Haltestellen fuhr, an denen der Liebhaber sie in seinem Mercedes abholte.

In Gnadental, am Silbersee, auf den Rheinwiesen oder in der Kämp gab es einsame Wege zur Genüge, die den Blicken Neugieriger versperrt blieben, wenn sich Helma und Johann in der frischen Luft auf moosigem Boden oder im bequemen Auto liebten.

Dabei verstand es Helma Stamm meisterlich, Ilona Büttgen eine gute Freundin zu sein und von ihrem Tun und den Orten des Geschehens abzulenken. Sie avancierte zu ihrer engsten Beraterin in...