Schattengrund - Thriller

von: Elisabeth Herrmann

cbt Jugendbücher, 2012

ISBN: 9783641079710 , 512 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Schattengrund - Thriller


 

Eins

Ein Besen. Eine halbe Postkarte. Ein Stein.

Nico sah nach links zu ihrer Mutter, nach rechts zu ihrem Vater, dann geradeaus zu dem Notar – einem bleichen Mann mit schütterem grauen Haar und randloser Lesebrille, der sich einen Aktenhefter aus dunkelblau marmorierter Pappe vor die Nase hielt und daraus mit leiser, monotoner Stimme vorlas. Sie saßen zu dritt vor einem riesigen Schreibtisch. Wahrscheinlich war er nötig. Bei solchen Erbschaften ging man vermutlich gerne mal auf den Testamentsvollstrecker los.

»Diese drei Dinge vermache ich meiner Großnichte Nicola Wagner zum weisen Gebrauch.«

Der Notar ließ den Aktenhefter sinken und sah Nico zum ersten Mal, seit sie in Begleitung ihrer Eltern den holzgetäfelten Raum im ersten Stock eines noblen Altbaus betreten hatte, genau an. Er wollte sehen, wie sie reagieren würde. Auf einen Besen, eine halbe Postkarte, einen Stein.

»Das ist ein Scherz«, entfuhr es Nico.

Sie spürte, wie ihr Gesicht brannte. Vielleicht war es die Enttäuschung, vielleicht auch die Wärme in diesem überheizten Raum. Sie hatten keinen Parkplatz gefunden und das Auto schließlich weit entfernt abstellen müssen. Um sich nicht zu verspäten, waren sie die ganze Strecke fast gerannt.

Aber Nico hatte weder den Regen noch die Kälte gespürt. Sie war so aufgeregt gewesen, so erfüllt von Vorfreude. Eine Erbschaft! So etwas kam doch sonst nur in viktorianischen Familienromanen vor. Und dann auch noch von einer Verwandten, von der man seit Jahren nichts gehört und gesehen hatte. Kein Fake, kein Witz. Und trotzdem hatte sie erst daran geglaubt, als sie das Messingschild am Eingang des Hauses gelesen und noch immer außer Atem das Büro betreten hatte. Die Dame am Empfang hatte sie freundlich angelächelt und ihr und ihren Eltern Kaffee angeboten, der in hauchdünnen weißen Porzellantassen serviert wurde – mit Keksen aus der Confiserie. Da hatte sie noch gedacht, im Vorzimmer eines neuen Lebens zu sitzen. Hatte nur geflüstert, auf die alten Ölbilder an den Wänden gestarrt und versucht, die Titel der Bücher in einem wuchtigen Bibliotheksregal zu entziffern. Mit den Füßen gescharrt. Auf ihre Armbanduhr gesehen. Nicht verstanden, warum ihre Eltern keine Miene verzogen und so aussahen, als wären sie beim Zahnarzt und hätten eine komplizierte Wurzelbehandlung vor sich.

Und dann das. Eine abgefahrene Nummer, das musste man Tante Kiana schon lassen.

»Das ist doch ein Scherz«, wiederholte Nico vorsichtig. »Oder?«

Der Notar hieß Gustav von Zanner und machte ein Gesicht, als ob Humor in seinem Leben keine große Rolle spielen würde. Wahrscheinlich hatte er schon jede Menge enttäuschte Erben erlebt, die unruhig auf den Ledersesseln vor ihm hin- und hergerutscht waren. Nico hatte für diesen Termin auf Jeans und Pullover verzichtet. Sie trug stattdessen eine schwarze Hose, die durch den weißen Rolli und den etwas zu engen, nicht mehr ganz neuen Blazer auch nicht besser wurde. Ihre langen dunkelbraunen Haare hatte sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen. Sie trug sie sonst meistens offen, denn ihre Mähne musste kaum je geschnitten werden – wieder Geld gespart. Sie hatte nur einen Hauch von Lipgloss aufgelegt. Er zauberte ein wenig Frische in ihr blasses, rundes Gesicht. Präraffaelitisch, nannte ihr Vater das. Sie und Stefanie, ihre Mutter, würden ihn an Gemälde aus der Renaissance erinnern. Unschuldig, aber dann hatten sie es faustdick hinter den Ohren. Davon war im Moment allerdings wenig zu merken. Ihre Mutter schien genauso geplättet wie sie. Nico sah sich vorsichtig um und rechnete im Stillen damit, dass jeden Moment ein Team der versteckten Kamera in das Büro stürmen würde.

Der Testamentsvollstrecker räusperte sich. »Nein.«

»Das ist alles?«

»Nehmen Sie das Erbe an?«

Von Zanner tat so, als wäre es ihm egal, ob er Immobilien in Schweizer Nobelskiorten oder die übrig gebliebenen Reste einer Dachbodenentrümpelung beurkundete. Wahrscheinlich war es ihm das auch. Mitgefühl für eine Siebzehnjährige, die gottweißwas erwartet und erst auf dem Weg in die Kanzlei erfahren hatte, worum es wirklich ging, kannte er wohl nicht.

»Tante Kiana hat mir ihren Sperrmüll vermacht?« Sie wandte sich an ihre Mutter und die Enttäuschung in ihrer Stimme war abgrundtief. »Das glaube ich nicht.«

»Liebes, sie war schon immer so …« Nicos Mutter holte tief Luft, um dann zu schweigen. Das war ihre Art zu reden, wenn sie erwartete, dass man sich den Rest denken konnte.

»… spinnert«, vollendete Nicos Vater erwartungsgemäß den Satz. Er holte sein Smartphone aus der Tasche, checkte mit einem kurzen Blick, dass niemand angerufen hatte, und schob es zurück in seine Anzugtasche. Das tat er mit genau der Hast, die allen zeigen sollte, dass er diesen Termin mittlerweile für ein Kasperletheater hielt. Er hatte sich extra den Vormittag freigenommen, und Nico wusste, dass er im Anschluss in sein Reisebüro zurück musste. »Sag es ruhig, Stefanie. Ich fand immer, sie kam sehr nach deiner Mutter. Wir hätten gar nicht kommen sollen. Ich habe keine Zeit für solche Scherze.«

Nicos Mutter griff nach ihrer Handtasche, die sie neben dem Stuhl abgestellt hatte. Sie berührte ihre Tochter leicht am Arm. »Nimm es dir nicht zu Herzen, mein Schatz. Wir hätten das vorher als deine gesetzlichen Vertreter wissen müssen. Wir haben lange überlegt, ob wir diesen Termin nicht ganz absagen. Aber dann dachten wir, man weiß ja nie, was alte Damen so unter dem Kopfkissen liegen haben.«

»Steine, Altpapier und Besen«, murmelte Nico.

Der Besen war vielleicht einen Meter lang, gebaut aus einem knorrigen Ast und einem Bündel Stroh, zusammengehalten von Hanfkordel. Das Ding sah zerfranst und ziemlich benutzt aus. Staub und Dreck rieselten schon beim Hinsehen auf die hochglanzpolierte Schreibunterlage aus schwarzem Leder. Nico wollte die Hand danach ausstrecken, aber die Berührung ihrer Mutter wurde zu einem festen Griff.

»Lass das. Wir wollen das nicht.«

»Ich kann ihn mir doch wenigstens mal ansehen.«

Stefanie Wagner stieß einen Seufzer aus und ließ sie los. »Das Ding kommt mir nicht ins Haus.«

Dabei wechselte sie einen schnellen Blick mit Nicos Dad.

Nico nahm den Besen, wog ihn in der Hand, drehte und wendete ihn. Strohhalme lösten sich und fielen auf den Perserteppich. Gustav von Zanner schob die Lesebrille mit spitzem Zeigefinger hoch auf die Nasenwurzel und schaute ihr missbilligend zu.

»Entschuldigung.« Nico bückte sich, um die Halme aufzulesen. Hoffentlich löste sich das Teil nicht gleich komplett in der Kanzlei auf. Sie fühlte sich, als ob es ihre Schuld wäre, dass man ihr so einen Schund vererbte. Als ob sie nichts Besseres verdient hätte.

Was hatte sie sich nicht alles ausgemalt. Ein Termin in der Stadt, für den sie sich feingemacht und herausgeputzt hatten … Und dann im Auto – als ihre Eltern ihr von dem Erbe erzählt hatten – hatte sie die wildesten Überlegungen angestellt, ob sie wohl als Millionärin zurück in die enge Mietwohnung kehren würde. Alles Quatsch. Natürlich nicht. Sie hatte gelacht, hatte sich gefreut, dass jemand mal an sie gedacht hatte, hatte sich vielleicht gewundert, dass ihre Eltern so schweigsam waren und so spät damit rausgerückt hatten, aber umso größer war ihre Aufregung gewesen … Und das alles für – Müll.

Nicos Blick fiel auf die Schuhe ihrer Mutter. Hellbraune Pumps mit Goldschnallen. Die trug sie selten. Ausgehen lag kaum noch drin im schmalen Familienbudget, seit die Leute ihre Reisen im Internet buchten und erwarteten, dass kein Flug mehr als zwanzig Euro zu kosten hatte. Ihr Vater hatte Chinos und Hemd gegen Anzug und Krawatte eingetauscht. Das letzte Mal hatte er sich bei Tante Kianas Beerdigung so fein gemacht.

Nico war nicht dabei gewesen. Zum einen, weil sie an diesem Tag eine Deutschklausur geschrieben hatte. Zum anderen, weil sie sich kaum noch an Tante Kiana erinnern konnte. Und wenn, dann mit einem unguten Gefühl. Von Kiana sprach man in ihrer Familie in einem ganz speziellen Ton. Man wurde leiser, verzog bedauernd den Mund, versuchte, wie von einer Kranken zu reden, aber man bekam den Ärger nicht aus der Stimme heraus. Kiana musste ungeheuer nervig gewesen sein. Nicht ganz richtig im Kopf. Jemand aus der entfernten Verwandtschaft, den man kaum noch erwähnte. Nico hatte ein verschwommenes Bild von ihr aus der untersten Schublade ihrer Erinnerungen gekramt: eine zierliche Frau mit weißen krausen Haaren, die wohl einmal blond gewesen sein mussten. Ein verschmitztes Lächeln. Apfelkuchen. Ja. Der Duft von Apfelkuchen, das war der Duft von Kiana.

Nico tauchte aus ihren Grübeleien wieder auf und legte den Besen zurück auf den Schreibtisch. Die Halme behielt sie in der Hand. Sie wusste nicht, wohin damit.

Gustav von Zanner ließ die Mappe sinken und nahm die Lesebrille ab.

»Nun denn. Nicola Wagner, nehmen Sie das Erbe an?«

Den Pruster, den Nico ausstieß, konnte sie nur mit Mühe mit einem Niesen kaschieren.

»Also ich weiß nicht. – Darf ich?« Sie nahm den Stein in die Hand. Er war groß wie ein Ei, scharfkantig, dunkel und schwer. An manchen Stellen glitzerte er. Ein Stein, wie man ihn an jedem Wegrand, an jeder Bushaltestelle, auf jedem Parkplatz finden konnte. »Das ist schon eine enorme Verantwortung. Schwer zu sagen, ob ich dem gewachsen bin. Was sagt ihr?«

Der Witz kam nicht an. Weder bei von Zanner noch bei ihren Eltern.

Theo Wagner stand auf. »Das ist das letzte Mal, dass ich mich von Kiana habe zum Narren halten lassen«, sagte er....