Calvin kennen lernen

von: Reiner Rohloff

Vandenhoeck & Ruprecht, 2009

ISBN: 9783647569673 , 96 Seiten

2. Auflage

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 10,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Calvin kennen lernen


 

Wirkung (S. 81-82)

Calvins bis in unsere Zeit reichende Wirkungsgeschichte kann im Rahmen dieses Buches nur angedeutet werden. Das soll geschehen im Blick auf Theologie, Frömmigkeit und kirchliche Praxis, das Verhältnis von Kirche und Staat, den Umgang mit Bedürftigen (Sozialethik) und eine an Gerechtigkeit orientierte Wirtschaft (Wirtschaftsethik). Ein abschließender kurzer Blick fällt auf Calvins Wirkung in Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Die Wirkungsgeschichte Calvins reicht von der Zuspitzung bis zur Ablehnung seines Werkes oder einzelner Bestandteile. Die Gründe dafür liegen zunächst in der Herausbildung der konfessionellen Gegensätze im ausgehenden 16. und 17. Jahrhundert. Zudem erforderte die Verfolgungssituation, in der sich die reformierten Gemeinden in Frankreich, England und den Niederlanden befanden, in mancher Hinsicht eine Zuspitzung der Theologie Calvins. Im Begriff „Calvinismus“ kommt die Zwiespältigkeit der Wirkungsgeschichte Calvins zum Ausdruck. Sie beinhaltet die Verarbeitung und Weiterentwicklung, aber auch die Verkennung und Ablehnung seiner Theologie. Nicht alles, was reformiert oder „calvinistisch“ genannt wird, lässt sich unmittelbar auf Calvin zurückführen.

Theologie, Frömmigkeit und kirchliche Praxis

Reimpsalmen
Der Psalmengesang ist bis heute ein Kennzeichen reformierter Frömmigkeit. In der Ausgabe des Evangelischen Gesangbuchs für die Evangelisch-reformierte Kirche und die Evangelischaltreformierte Kirche ist der Reimpsalter mit Genfer Melodien vollständig enthalten. Damit wird die Einheit des alten und neuen Bundes im Glaubensleben reformierter Gemeinden erkennbar. Die Bereimungen stellen die Psalmen in ihren alttestamentlichen Zusammenhang, so kommt die in ihnen enthaltene Verheißung in einzigartiger Weise zum Ausdruck.

Bilderverbot
Calvins Einteilung der Zehn Gebote nach biblischer und jüdischer Zählung unterstreicht die Bedeutung des zweiten Gebotes.

Jeder Versuch, ihn im Bild festzuhalten und anzubeten, würde den lebendigen Gott verfehlen. Eine Abbildung Gottes ist für reformierte Christinnen und Christen nicht denkbar. Calvin schätzte Bildhauerei und Malerei, sah jedoch die Gefahr, dass Bilder in der Kirche die Einzigartigkeit Gottes in Frage stellen und seiner Verehrung im Wege stehen könnten. So konsequent die Bilderlosigkeit in reformierten Kirchen und die von manchen daher als nüchtern bis kühl empfundene Atmosphäre ist, so bedauerlich ist eine manchmal damit einhergehende Verunsicherung oder ablehnende Haltung gegenüber Kunst im Allgemeinen und kirchlicher Kunst im Besonderen. Das Verhältnis von Kunst und Kirche ist in der reformierten Kirche ein offenes Kapitel.

Abendmahl
Calvins Abendmahlsverständnis betont die verheißene, in Jesus Christus bereits verwirklichte Gemeinschaft der Glaubenden mit Gott (1. Kor 1,4–9, Mt 8,11, Lk 14,15 ff). Während sie Brot und Wein miteinander teilen, wird die Gemeinschaft der Glaubenden mit Jesus Christus in der Tischgemeinschaft sichtbar: Er lädt uns an seinen Tisch. Daher steht in reformierten Kirchen ein Abendmahlstisch und kein Altar. Dass Calvins Abendmahlsverständnis eine vermittelnde Position zwischen der Auffassung Luthers und Zwinglis darstellt, wird trotz der Leuenberger Konkordie (1973) bis heute kaum zur Kenntnis genommen. In Kirchengemeinden in Deutschland wird die Position Calvins in der Regel mit Zwinglis Auffassung als „reformiertes Abendmahlsverständnis“ identifiziert. Hier besteht nach wie vor Gesprächsbedarf.

Welche Formen der Abendmahlsfeier wären geeignet, um den für Calvin wichtigen Gemeinschaftsaspekt des Abendmahls, aber auch das heute ausgeprägte hygienische Empfinden der Gemeindeglieder zu berücksichtigen? Die in reformierten Gemeinden in Ostfriesland gepflegte sitzende Mahlfeier um den Abendmahlstisch bildet die Tischgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern vielleicht am ehesten ab, findet ihre Grenze aber in der Größe der Gemeinde. Die zwinglische Form, bei der Brot und Kelch in den Bankreihen weitergereicht werden, kann in größeren Gemeinden praktiziert werden, verliert aber den Gemeinschaftsaspekt aus dem Blick.