Die Lichtermagd - Historischer Roman

von: Lena Falkenhagen

Heyne, 2009

ISBN: 9783641032654 , 544 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Die Lichtermagd - Historischer Roman


 

PROLOG
Die Nonne kam um Mitternacht, um ihr das Kind zu stehlen. Sie stand als Erste hinter der Tür der Geburtskammer, nur zu sehen durch einen Spalt. Ihr weißer Brustschleier schien im dunklen Raum über dem dunklen Habit zu schweben, beschienen vom letzten Licht einer einsamen Kerze. Die Glocke diffuser Helligkeit, die sie erzeugte, färbte die Dunkelheit darum herum nur noch tiefer. Und die Nonne war nicht allein.
Draußen heulte der Sturm durch das Spitzdach der Kate und schüttelte die Balken. Wind und Regen rüttelten draußen an den Fensterverschlägen und leckten mit kalten Zungen durch jeden Spalt. Und doch trotzten diese Wände Wetter und Unbill und gaben Luzinde das Gefühl von Geborgenheit. Immerhin hauste sie hier seit Monaten; seit die Wölbung ihres Bauchs dem Dorf Lindelberg ihre Sünde vor Augen geführt hatte. Die Holzdielen der kleinen Kammer, in die man Luzinde verbannt hatte, waren rau und grob. Als das Mädchen unförmiger und unbeweglicher geworden war, hatte es sich daran manchen Splitter gezogen und oft ihr Wollkleid zerrissen.
Das Mädchen lag jetzt matt auf dem Lager. Das Haar klebte ihm noch an der Stirn, jeder Muskel schmerzte. Es hatte stundenlang darum gerungen, das Kind zur Welt zu bringen. Die Wehen hatten zur völligen Erschöpfung geführt. Nun fühlte sich das Mädchen, als habe Gott dieses kleine Würmchen mit unbarmherziger Hand aus ihm herausgewrungen. Luzinde wollte sich endlich zurücklegen und schlafen, wollte ihren kleinen und so zerbrechlichen Sohn in den Armen halten. Sie sehnte sich nach seinem Duft, seiner weichen Haut, dem Flaum auf seinem Haar.
Das Würmchen greinte mit schwachem, noch kaum erprobtem Stimmchen. In Luzindes Augen sammelten sich Tränen; nicht die von Leid und Verzweiflung wie in den letzten Tagen, in denen ihr Vater und die Nonne sie gedrängt hatten, den Bastard fortzugeben. Dies waren Tränen der Freude und Erleichterung. Sie richtete sich schwerfällig in eine halb sitzende Stellung auf.Weiter kam sie nicht, denn in ihrem Unterleib fühlte sich alles wund an.
»Bitte«, flüsterte sie mit rauer Kehle und streckte eine blutbefleckte Hand nach dem Bündel aus. Die Hebamme reagierte nicht. Stattdessen rieb sie das Kind trocken und schlug es fest in Leinentücher ein.
»Frau Stoll«, bat Luzinde. Sie sehnte sich so sehr danach, das Kind zu berühren, dass der in ihren Körper zurückkehrende Schmerz verdrängt wurde. Doch die Frau reagierte, nicht sondern trat zur Tür. Draußen wartete die Nonne, und wer weiß, vielleicht auch Konrad, der Vater des Neugeborenen, oder Margaret Welser, seine Verlobte.
»Schwester Elisabeth«, hörte die junge Mutter die Amme nun murmeln. »Hier habt ihr … Es ist … Glückshaube.« Luzinde hielt den Atem an, um die Worte zu verstehen, doch die Amme und die Nonne sprachen zu leise. Dann hörte sie die lautere Stimme ihres Vaters. Er war da! Er war gekommen. Luzinde beruhigte sich sofort, denn sie wusste, dass der Vater nur ihr Bestes wollte.
»Das ändert nichts. Nehmt es! In Gottes Namen, nehmt es. Sie ist doch selbst noch ein Kind. Wie soll sie da für eines sorgen?«
Der Vater hatte es Luzinde oft erklärt, und die Nonne auch einmal. Sie war gestern Nacht an ihr Bett getreten und hatte mit ihr gebetet. »Willst du, dass die Leute aus Lindelberg dich jemals wieder anschauen? Willst du wieder in Gottes Gnaden stehen?« hatte sie dann gefragt. »Dann gib das Kind fort und bereue.« Und Luzinde hatte ja gesagt.
»Nein«, wollte sie jetzt rufen.Was immer sie gestern gesagt hatte, besaß heute keine Gültigkeit mehr. Doch ihre Kehle brachte kaum einen Ton hervor. Niemand hörte sie. Sie wollte aufspringen, ihr Kind aus den Armen der Amme reißen – doch dazu reichte ihre Kraft nicht. Mühsam zog sie die Beine an und schob die Decke zurück.
»Gut«, sprach die Nonne. »… Glückshaube. Daher … benenne... Tagesheiligen. Eher … Heiligen Johann. Seid … einverstanden?«
»Macht, wie Ihr es für richtig haltet, Schwester Elisabeth.« Luzindes Vater hörte sich abweisend an.
Luzinde durchfuhr eine Welle der Freude. Ein Sohn. Hatte sie einen Sohn geboren? Sie musste ihn sehen, wenigstens einmal. »Nein«, schluchzte sie wieder auf, und dieses Mal hatte sie die Stimme besser unter Kontrolle. »Nicht …«
Nun schob der Vater die Tür auf und sah zu ihr herüber.Trotz des Kerzenlichts lagen seine Augen im Dunkeln. »Luzinde, leg dich hin. Du bist noch zu schwach.«
»Ich will aber doch nicht, dass mein Kind …«, keuchte Luzinde, doch der Vater unterbrach sie.
»Du bist noch zu jung. Du kannst noch gar nicht ermessen, was für eine Verantwortung du dir damit aufbürden willst. Für dich ist es besser so, und für das Kleine auch.«
»… nur zu verständlich …«, drangen die Worte der fremden Nonne in den Raum. »Gebt … das.« Etwas Blitzendes wechselte die Hand.
Luzinde nahm all ihre Kräfte zusammen, die sie zu mustern imstande war, als die Nonne durch die Tür der kleinen Kammer trat und das Kind von der Amme empfing. Die junge Mutter schob die Beine über die Bettkante, zog sich am Pfosten hoch, um ihr Gleichgewicht zu finden, und machte einen Schritt. Ihre Beine versagten, und sie sank zu Boden. Den Schmerz des Aufpralls in den Handgelenken spürte sie kaum.
»Nein...«, weinte sie, doch die Nonne hörte nicht. Sie drehte sich wieder um und schritt über die Schwelle. »Nein!«, schluchzte die Mutter auch, als ihr Vater sie aufhob und zurück ins Bett hob. Sie schlug mit den Fäusten um sich und traf ihn am Kinn, so kraftvoll sie eben konnte. Er hielt ihre Arme fest und drückte sie aufs Bett. Dann streifte er ihr etwas über den Kopf. Kühles Metall lag ihr auf der Haut zwischen den Brüsten. »Das ist zum Trost, sagt Schwester Elisabeth. Such dein Heil, Luzinde.«
»Sollten sie allein lassen«, murmelte die Amme. Das Weiß ihrer Augen schimmerte im Kerzenlicht. »Wird sich schon wieder beruhigen. Spätestens, wenn die Milch aufhört zu flie ßen.« Damit sammelte sie ihre Utensilien zusammen, wusch die Hände im bereits geröteten Wasser und ging. Die Nonne folgte ihr, das wimmernde Bündel im Arm.
Draußen sauste der Wind noch immer, und der Regen hämmerte gegen das Holz der einsamen Kate vor dem Dorf Lindelberg, als wolle er es zerschlagen. »Nein«, flehte Luzinde. Ihr Vater war der Letzte in der kleinen Kammer. Wenn sie schwor, sie werde sich kümmern, werde aufhören, Unfug zu machen, werde mehr Verantwortung übernehmen, dann würde er bestimmt auf sie hören, würde die Nonne zurückholen!
»Ich will mein Kind …«, begann sie. Doch der Vater fuhr ihr über den Mund. »Hör auf! Du weißt nicht, was du da redest. Es ist schlimm genug, wie es ist.« Er strich ihr nicht über das Haar oder gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor er ging, wie er es früher getan hatte. Seit er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, blickte er sie nicht einmal mehr an.
Als auch der Vater ging, blieb nur Luzinde zurück. Allein mit dem Heulen des Windes und dem beständigen Prasseln des Regens auf dem Dach. Allein mit dem Stöhnen der Holzbalken und der eisigen Kälte. Immerhin hatte sie noch Licht. Ihre Augen tasteten die vertrauten Schemen der Kammer ab, die durch die freundliche Flamme beschienen wurden. In ihren Brüsten zog es schmerzhaft.
Luzinde starrte auf die Kerze. Sie hatte sich über Monate nur auf diesen Augenblick vorbereitet, ihn herbeigesehnt und gleichzeitig gefürchtet. Sie hatte versucht sich vorzustellen, was sie für ihr Kind empfinden würde. Sie hatte von Glückseligkeit und Vergebung geträumt. Davon, dass ihr Vater stolz seinen Enkel in die Arme nehmen würde, wenn er ihn erst einmal gesehen hätte. Nun war alles anders, und das Einzige, was ihr blieb, war der pulsierende Schmerz in ihrem Schoß.
Eine Windbö erfasste die Kate mit sausendem Geräusch und rüttelte daran. Luzinde erzitterte. Die Tür fuhr auf und quietschte in den Angeln. Das Mädchen zog die Decke höher über die Schultern und wünschte sich, das Feuer wäre nicht heruntergebrannt. Dann verlöschte jäh die Kerze.
Die Schwärze lähmte das Mädchen vor Schreck. Plötzlich schien die Einsamkeit greifbar, und mit der Dunkelheit kam auch die Erkenntnis dessen, was gerade geschehen war. Man hatte ihr das Kind genommen. Für immer. Wie hatte sie das nur zulassen können!
»Ich will mein Kind«, flüsterte sie, doch der Raum blieb stumm. Dann schrie sie hinaus: »Ich will mein Kind! Bitte, gebt mir meinen Sohn!« Johann. Sie hatte ihn nicht einmal in den Armen gehalten!
Luzinde zog sich die Wolldecke um den Leib und strengte jeden Muskel an. Sie schob sich wieder aus dem Bett und stützte sich ab, wo sie nur konnte. Ihr helles Nachthemd war noch feucht und blutig, doch sie scherte sich nicht um die Kälte, die auf ihrer Haut klebte.
Langsam, Schritt für Schritt, schob Luzinde sich zur Tür der Kammer, hinaus in den Vorraum, in dem die Glut eines Feuers gerade verglomm. Sie schaffte es bis zur Tür und zog mit Mühe den Riegel zurück. Der Sturm riss ihr die Tür aus der Hand.
»Vater!«, rief Luzinde der Bö entgegen, doch draußen war niemand. »Frau Stoll!«, schrie sie in die Nacht hinaus. Die Wolken rasten über den Himmel und verbargen den Mond. Die Bäume um die Hütte herum wirkten wie eine undurchdringliche schwarze Wand.
Luzinde scherte sich nicht darum, sondern wankte hinaus. Sie wusste nicht, wohin ihre nackten Füße sie trugen. Sie sah nur das kleine Bündel vor sich, das die Amme in die Hand der Nonne gelegt hatte. Sie wollte nach Lindelberg, ins Haus des Vaters, wollte um sich schlagen, zetern und schreien, um nie wieder von ihrem Sohn...