Das Weihnachtsrätsel - Roman

von: Anne Perry

Heyne, 2009

ISBN: 9783641027209 , 176 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Das Weihnachtsrätsel - Roman


 

Das war also die Isle of Anglesey. Runcorn stand auf der zerklüfteten Landzunge der Insel und blickte über die schmale Meeresenge der Straße von Menai auf das Festland von Wales und das Snowdonia-Bergmassiv. Er fragte sich, wie um alles in der Welt er ausgerechnet im Dezember alleine hierher kommen konnte. Der eisige Wind blies ihm salzige Meeresluft entgegen. Als Londoner war er das Rattern der Pferdekutschen auf dem Kopfsteinpflaster und den Schein der Laternen in der Abenddämmerung gewohnt. Auf den Straßen war das nie abreißende Stimmengewirr der Händler zu hören, die Rufe der Zeitungsverkäufer und der Kutscher mit der Vielfalt ihrer Gefährte, die von der Brougham-Kutsche bis zur einfachen Rollkutsche reichten. Und die Luft roch nach Rauch und Pferdemist.
Jetzt befand er sich wohl am einsamsten Fleck Großbritanniens: nichts als karge Hügel und die raue, glänzende See. Völlige Stille, nur das Raunen des Windes im Gras. Das schwarze Skelett der Menai-Brücke strahlte eine gewisse Eleganz aus, eine wuchtige Eleganz, anders als die niedrigen, vertrauten Brückenbögen über der Themse. Die vereinzelten Lichter, die in der Ortschaft Beaumaris flackerten, entsprachen nicht im Geringsten seinem Bild von einer Stadt: einer Stadt mit Millionen Menschen voller Leidenschaften, Nöte und Träume. Der Grund seiner Anwesenheit hier war denkbar einfach: Er musste nicht irgendwo Bestimmtes sein. Er lebte alleine. Zwar kannte er viele Leute, aber es waren eher Kollegen als Freunde. Er war mehrere Male befördert worden und hatte es mit seinen inzwischen 50 Jahren zum Senior Superintendent der Metropolitan Police gebracht. Aber er betrachtete sich nicht als einen Gentleman. Das würde er nie werden. Dazu fehlten ihm der Schliff, das Selbstvertrauen, die Redegewandtheit und das elegante Auftreten, lauter Eigenschaften, die man nur hat, wenn es einem gleichgültig sein kann, was die Leute von einem denken.
Er spürte den Wind im Gesicht. Er lächelte. Monk, der vor Jahren einmal sein Kollege, ja sogar sein Freund gewesen war, war auch nicht als Gentleman auf die Welt gekommen. Aber irgendwie hatte er es geschafft, wie einer zu wirken. Das hatte ihn früher verletzt, jetzt aber nicht mehr. Er wusste, Monk war auch nur ein Mensch, durchaus verletzbar. Auch er machte Fehler. Vielleicht war er, Runcorn, sogar vernünftiger als Monk.
Der letzte Fall, an dem sie zusammen gearbeitet hatten, war äußerst kompliziert gewesen und hatte ein schlimmes Ende genommen. Nun war Runcorn der Stadt überdrüssig und hatte sich ein paar Wochen Urlaub verdient. Warum sollte er seine Zeit nicht einmal ganz woanders verbringen? Weitab vom Alltagstrott wollte er auf langen Spaziergängen auf andere Gedanken kommen, endlich einmal in Ruhe nachdenken.
Die Sonne ging im Südwesten unter und warf gleißendes Licht wie Feuer auf das Wasser. Mit zunehmender Dunkelheit verblasste die Farbe, und die Landspitze ragte schwarz und dunkelrot aus dem Meer, nur das Hochland lag wie zerknitterter Samt im fahlen Licht.
Wie lange dauerte hier im Winter die Dämmerung? Würde er sich bald nicht mehr orientieren können, womöglich den Weg zu seinem Quartier nicht mehr finden? Es war jetzt schon bitterkalt. Seine Füße waren vom langen Stehen taub. Er drehte sich um und ging nach Osten, dem dunklen Himmel entgegen. Was gab es da nachzudenken? Er machte seine Arbeit gut, er war geduldig, vielleicht etwas zu umständlich. Er hatte nie brillante Geistesblitze, aber er kam ans Ziel. Er hatte es deutlich weiter gebracht als die jungen Leute, die mit ihm angefangen hatten. Er war sogar über sich selbst erstaunt.
Aber war er auch glücklich?
Welch dumme Frage! Glücklichsein war schließlich nichts, was man für immer besitzen konnte. Ja, manchmal war er glücklich. Wenn er zum Beispiel einen Fall abgeschlossen hatte und sicher war, ihn gut gelöst zu haben und der komplizierten Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein, sodass er danach von keinerlei Zweifeln, keinen quälenden, halboffenen Fragen gepeinigt wurde.
Er war glücklich, wenn er nach einem langen Tag am Kamin saß und die Last von ihm abfiel, wenn er etwas wirklich Gutes wie Krustenschinken und Eierkuchen oder Bratwürste mit Kartoffelbrei aß. Er mochte gute Musik, ja manchmal sogar klassische Musik. Das würde er aber niemals zugeben, weil sich die Leute über ihn lustig machen könnten. Und er liebte Hunde. Ein netter Hund brachte ihn immer zum Lachen. Aber reichte das aus?
Er konnte gerade noch die Straße unter seinen Füßen erkennen. Er musste an die riesige Brücke hinter sich denken. Sie spannte sich über die kraftvolle Brandung der See. Wer war wohl ihr Erbauer? War er glücklich gewesen? Er hatte mit Sicherheit etwas gebaut, was man bestaunte und was das Leben der Menschen bis weit in die Zukunft veränderte.
Runcorn hatte zwar ein paar Probleme gelöst, aber hatte er jemals etwas selbst erschaffen? Oder benutzte er vielmehr die Brücken anderer Leute, wenn er verreiste - wohin eigentlich? Nur in ein fremdes Bett in einer Pension? Es war bequem. Er schlief gut, das tat er jedoch fast immer. Das Haus war auch warm genug, und Mrs Owen war eine nette, großherzige Frau.

Am nächsten Morgen war es klirrend kalt, aber die blasse, milchige Sonne kämpfte sich durch die feinen Schleierwolken am Horizont, die sich, wie Mrs Owen ihm versicherte, bald auflösen würden. Der Frost hinterließ nur hier und da eine weiße Reifschicht, die ausreichte, um die Mulden im Gras bis hin zu der großen Eibe hervorzuheben.
Runcorn verzehrte sein herzhaftes Frühstück und unterhielt sich mit Mrs Owen, denn die Höflichkeit erforderte, Interesse zu zeigen, wenn sie ihm von der Gegend und ihren Bräuchen erzählte. Dann brach er wieder zu einem Spaziergang auf.
Diesmal ging er festen Schrittes bergauf, bis es fast Mittag war. Dann drehte er sich um und blickte in den wolkenlosen Himmel und auf das ruhige, in der Ferne schimmernde Meer.
Gebannt von der großartigen Weite blieb er eine ganze Weile so stehen. Dann ging er langsam bergab. Er befand sich schon wieder am Rande von Beaumaris, als er um eine Ecke bog und einem großen, schlanken Herrn gegenüberstand, der selbst mit seinem dicken Wintermantel und dem Hut außergewöhnlich elegant wirkte. Er war ungefähr Mitte dreißig, gut aussehend und ohne Bart.