Ein Augenblick für immer. Das zweite Buch der Lügenwahrheit, Band 2

von: Rose Snow

Ravensburger Buchverlag, 2019

ISBN: 9783473479160 , 448 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 14,99 EUR

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Ein Augenblick für immer. Das zweite Buch der Lügenwahrheit, Band 2


 

Kapitel 1

»Willkommen in meinem ganz persönlichen Albtraum.« Lilly blieb am Spielfeldrand stehen und blickte düster über den penibel gepflegten Rasen. Ein paar Mädchen aus unserer Klasse waren bereits auf dem Feld und machten Aufwärmübungen. Ich hätte mich ihnen normalerweise angeschlossen, aber Lilly sah noch nicht so aus, als wäre sie bereit.

»Eine Stunde Hockey macht mich schon fertig. Aber zwei?«, schnaubte sie und steuerte auf eine leere Bank zu.

»So schlimm wird es bestimmt nicht werden«, sagte ich und beschattete meine Augen mit der Hand. Obwohl es bereits Oktober war, strahlte die Sonne angenehm warm vom wolkenlosen Himmel.

Lustlos ließ Lilly ihre Sporttasche auf die Bank fallen. »Warum kannst du nicht einfach eine andere Gabe haben, June? Wie cool wäre es, wenn du uns jetzt von hier wegteleportieren würdest – oder noch besser: wenn du Avatare erschaffen könntest, die für uns Hockey spielen. Die könnten dann auch das ganze andere lästige Schulzeug machen. Ist doch viel besser, als zu wissen, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt.«

»Pssst«, zischte ich und sah mich rasch um. Glücklicherweise stand niemand in unserer direkten Nähe. Das Sportgelände der King’s School war so riesig, dass sich sogar Schüler darauf verliefen. Abgesehen von den beiden nebeneinanderliegenden Feldhockeyplätzen gab es rechts von uns eine Schwimmhalle, um die eine Laufbahn führte, sowie ein Fußballfeld und mehrere Tennis- und Beachvolleyballplätze. »Geht es vielleicht noch etwas lauter?«

Mit schuldbewusstem Gesicht zupfte Lilly einen Grashalm von ihrem steingrauen Hockeytrikot. »Sorry.«

»Schon gut.« Ich fummelte einen Haargummi aus meiner Sporttasche, mit dem ich mir meine Haare zurückband. Dabei atmete ich tief ein und dachte an den ganzen Wahnsinn, der seit meiner Ankunft in Cornwall passiert war. Die Entdeckung meiner Fähigkeit, das Hin und Her mit Blake und Preston und dann auch noch dieser verdammte Fluch. Früher hätte ich alles, was nicht logisch erklärbar war, sofort von mir gewiesen – aber diese Zeiten waren jetzt einfach vorbei.

»Ich habe überlegt, ob ich meinen Bruder auf diesen Lord Musgrave ansetzen soll«, erklärte Lilly dann leise. »Ich meine, wozu hat man sonst einen Polizisten in der Familie, der einen seinen wichtigen Job auch niemals vergessen lässt? Und der noch immer zu Hause wohnt, obwohl er sich schon längst eine eigene Wohnung leisten könnte?«

»Es wäre natürlich cool, wenn er etwas herausfinden könnte«, gab ich ebenso leise zurück. Bislang hatten wir noch nichts Nützliches über den Lord herausgefunden. »Aber was willst du deinem Bruder erzählen? Wieso sollte er für dich den Lord durchleuchten?«

»Ich könnte ihm sagen, dass meine Freundin von dem creepy Lord indirekt bedroht wurde, weil sie eine magische Grüne ist. Eine Grüne, die sich total von einem Blauen angezogen fühlt. Aber ihre Liebe darf nicht sein«, Lillys Stimme bekam eine unheilvolle Note, »weil ein schrecklicher alter Fluch auf ihnen lastet. Sobald sie ihrer Anziehung nachgeben, werden sie …« Mit der flachen Hand machte Lilly eine rasche Bewegung, als würde sie sich selbst die Kehle durchschneiden.

Ich atmete hörbar aus. »Super, jetzt fühle ich mich gleich viel besser.«

»Was denn? Es ist die Wahrheit, und es ist gut, der Wahrheit ins Auge zu blicken.« Sie zwinkerte mir zu. Offenbar war sie ziemlich stolz auf ihren Wortwitz.

»Wir wissen doch gar nichts über den Fluch. Wer weiß, wie gefährlich er überhaupt ist«, sagte ich und wünschte, ich könnte mir selbst glauben.

Es war frustrierend. Seit dem Kings & Queens-Fest vor einer Woche hatten Lilly und ich versucht, irgendeine Info zu dem Fluch zu bekommen – bisher jedoch ohne Erfolg.

»Genau das ist das Problem, June. Im Grunde wissen wir gar nichts. Keine Ahnung, was ich meinem Bruder erzähle. Vielleicht sage ich ihm, dass ich für ein Referat in der Schule mehr über diesen reichen Lord herausfinden muss. Und dass im Internet nur diese ganzen Lobeshymnen auf ihn zu finden sind. Alle Artikel beteuern, wie gutherzig Lord Musgrave ist, wie viel Pfund er jährlich welchem Kunstprojekt oder Waisenhaus spendet … Ich sage dir, so nett ist keiner.« Sie zog energisch den Reißverschluss ihrer Sporttasche zu. »So nett ist keiner, June, wirklich nicht.«

»Ich hatte auch nicht unbedingt den Eindruck, dass er nett ist.« Bei der Erinnerung an den stechenden Blick des Mannes, der behauptet hatte, dass ein tödlicher Fluch über unseren Familien schwebte, bekam ich noch immer eine Gänsehaut.

Lilly betrachtete mich eindringlich. »Er wird dir doch nichts antun, oder?«

»Nein, das trau ich nicht mal ihm zu.«

»Vielleicht sollten wir dich lieber mit einem Schutzzauber belegen. Nur zur Sicherheit.«

Ich hob eine Augenbraue. »Ist das dein Ernst?«

»Okay Leute, in zehn Minuten geht’s los. Fangt schon mal an, euch warm zu machen!«, rief unsere drahtige Sportlehrerin Mrs Peacock in diesem Moment über das Feld und klatschte dabei in die Hände.

Seufzend begann Lilly, ihre Beine zu dehnen. »Meine Granny hat mich gestern angerufen und mir gesagt, dass sie bald von ihrer bewusstseinserweiternden Indienreise zurückkommt. Sie könnte einen Schutzzauber für dich aussprechen.«

Ich beugte mich nach unten und berührte mit den Fingerspitzen den sandigen Boden, um meine Muskeln zu lockern. »Meine Oma kann stricken und Kuchen backen. Und deine spricht Schutzzauber aus?«

Lilly zuckte mit den Schultern, bevor sie widerwillig eine Kniebeuge machte, weil unsere Sportlehrerin zu uns herübersah.

»Wir Bakers waren schon immer besonders«, keuchte sie grinsend. »Manche glauben, dass Granny eine Hexe ist. Vielleicht weiß sie auch etwas über den Fluch. Wir sollten sie auf alle Fälle besuchen, wenn sie wieder da ist. Apropos wieder da sein. Schau mal ganz unauffällig nach rechts.«

Mein Blick wanderte zu der langen Laufbahn, die sich um die Schwimmhalle wand. Eine kleine Gruppe älterer Jungs kam gerade mit ihrem Trainer an. Sofort spürte ich, wie mein Herz schneller zu schlagen begann, als ich Blake unter ihnen entdeckte. Seine dunklen Haare hingen ihm verschwitzt in die Stirn. Auch die anderen wirkten schon etwas außer Atem, doch der Trainer blies gnadenlos in seine Pfeife und deutete auf den Boden.

»Sieht nach Zirkeltraining aus«, stöhnte Lilly, während die ganze Gruppe Liegestütze machte, bevor der Trainer erneut pfiff und die Jungs auf die Laufbahn schickte. Lilly wandte den Kopf zu mir und betrachtete mich intensiv. »Und das sieht definitiv nach Liebeskummer aus.«

»Blödsinn«, widersprach ich. Seit dem Kings & Queens-Fest ging mir Blake derart hartnäckig aus dem Weg, dass ich mich fragte, ob die Rose auf meinem Platz überhaupt von ihm gewesen war. Auf dem Fest hatte ich mir eingebildet, dass er etwas für mich empfand, doch inzwischen war ich mir wirklich nicht mehr sicher.

»Vielleicht glaubt Blake, dass zwischen dir und Preston etwas läuft«, mutmaßte Lilly. »Vielleicht hält er sich deswegen von dir fern. Oder es hat tatsächlich mit dem Fluch zu tun.« Lilly betonte das Wort so dramatisch, dass ich schmunzeln musste. Doch dann machte sich wieder ein dunkles Gefühl in mir breit.

»Glaubst du, dass wir uns nur wegen dieses Fluches voneinander angezogen fühlen?« Es war ein eigenartiger Gedanke, aber er begleitete mich schon die ganze Zeit.

Lilly runzelte die Stirn. »Das glaube ich irgendwie nicht. Aber klar, uns fehlen einfach die Infos.« Sie machte eine kurze Pause. »Was ist mit dem Geheimgang? Können wir ihn heute noch einmal unter die Lupe nehmen?«

Ich nickte. »Wilfried hat sich den ganzen Tag freigenommen. Blake ist sowieso nie da und Preston hat Bandprobe, weil er sich auf einen Gig in London vorbereitet.« Ich sah, wie Grayson von Weitem auf uns zu geschlendert kam. »Aber du sagst nichts zu Grayson, versprochen? Blake würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass du eingeweiht bist.«

»Und Grayson bringt mich um, wenn er jemals erfährt, dass ich ihn so lange angelogen habe. Zuerst die Sache mit der Kleptomanie und dann das.« Sie stockte kurz. »Immerhin wären wir dann beide tot.«

Grinsend fuhr ich mit meinen Aufwärmübungen fort. »Hast du Grayson gegenüber ein schlechtes Gewissen?«

Lilly pustete sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. »Seine Kleptomanie-Scherze helfen, dass ich mich ein bisschen weniger schuldig fühle.«

In dem Moment erreichte uns Grayson. »Hallo Ladys. Was für ein herrlicher Tag, um keinen Sport zu machen.«

Lilly legte den Kopf leicht schief. »Müsstest du jetzt nicht beim Schwimmen sein?«

»Darling, du weißt doch, dass ich sportlich gesehen mehr der Typ Zuschauer bin«, bemerkte Grayson lakonisch. »Außerdem habe ich es nicht so mit Wasser. Aber wo wir schon beim Thema sind: Der MI6 hat angerufen und gefragt, ob du etwas von Atlantis weißt.«

»Sehr witzig, Grayson. Atlantis ist aber versunken und selbst ich würde es nicht schaffen, eine ganze Stadt zu klauen. Ebenso wenig bin ich für das Verschwinden des Nibelungenschatzes, des Bernsteinzimmers oder diverser wertvoller Gemälde verantwortlich. Und wenn du es genau wissen willst, bin ich schon seit dem Besuch von Junes Freundin Carla klaufrei.«

Grayson zuckte mit den Schultern. »Man wird ja noch mal fragen dürfen.«

Ich lächelte und blickte...