Duke of Manhattan

von: Louise Bay

LYX, 2018

ISBN: 9783736308688 , 331 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Duke of Manhattan


 

1. KAPITEL


RYDER

Alles war besser in einem Privatflugzeug. Allerdings waren Privatflüge nichts, womit sich der britische Adel abgab. Meine Familie betrachtete so etwas als unseriös – sie würden es neureich nennen. Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass meine Familie und ich unterschiedlicher Meinung waren – mir gefiel nämlich alles an diesem Erlebnis. Die Art, wie sich der Ledersitz an meinen Hintern schmiegte. Die Tatsache, dass die Röcke der Flugbegleiterinnen besonders kurz, ihre Beine aber sehr lang aussahen. Sogar der Service hatte etwas von einem Flirt an sich.

Die blonde Schönheit, die für diesen Flug eingeteilt war, beugte sich tief über mich, um mir ein Glas Wasser einzugießen und mir einen Blick in ihren Ausschnitt zu gewähren.

Ich wusste ihr Entgegenkommen zu schätzen.

Wenn ich unter besseren Umständen nach London zurückgekehrt wäre, hätte ich möglicherweise überprüft, ob ihr Blick fürs Detail sich auch auf das Schlafzimmer erstreckte. Ich liebte es, in einem gekonnten Blowjob zu schwelgen, und ich hatte das Gefühl, dass Melanie ihn mit Vergnügen so lange ausdehnen würde, wie ich es wollte.

Aber auch ein Griff in den Nacken dieser schönen Frau, während sie das Gesicht in meinem Schoß vergrub, würde meinen Tag nicht besser machen.

Ich warf einen Blick auf die Uhr.

»Noch dreißig Minuten bis zur Landung, Sir«, ließ Melanie mich wissen. Schade, dass ich darauf verzichtet hatte. Normalerweise ließ ich mir kein Vergnügen entgehen, aber irgendwie hatte ich den Kopf nicht frei. »Darf ich Ihnen noch etwas bringen?«

»Nein, danke. Ich rufe noch schnell jemanden an.« Ich musste meiner Schwester sagen, dass ich in etwa einer Stunde ankommen würde.

Ich löste die Finger von dem weichen, cremefarbenen Leder der Sitzlehne. Vor mittlerweile sechs Stunden hatte ich erfahren, dass mein Großvater gestürzt war. London fehlte mir nur selten, aber bei Gelegenheiten wie dieser wünschte ich mir immer, New York wäre nur eine Dreiviertelstunde mit dem Auto von meiner Familie entfernt.

Immer wieder musste ich mir sagen, dass ich nichts für meinen Großvater tun konnte, egal, ob ich mich an seinem Bett befand oder hier oben in der Luft.

»Seid ihr schon gelandet?«, fragte Darcy, als sie meinen Anruf entgegennahm.

»In einer halben Stunde.«

»Dann bist du also in ungefähr einer Stunde hier. Schick mir gleich nach der Landung eine Nachricht, ich hole dich ab.«

»Warum? Gibt es etwas, das ich noch nicht weiß?« Hatte sich Großvaters Zustand verschlechtert, seit ich das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte?

»Nein. Aber dieses Krankenhaus ist schwer zu finden.« Meine Schwester klang müde, als wäre sie die ganze Nacht wach gewesen. Wenn ich erst mal bei ihr war, würde ich ihr einen Teil der Last abnehmen können.

»Ist er bei Bewusstsein?«, fragte ich, denn ich bezweifelte, dass sie mir die ganze Geschichte erzählt hatte.

»Ja. Er sagt, er habe sich nie besser gefühlt, aber natürlich ist es schlimm, wenn man sich mit zweiundachtzig die Hüfte bricht.« Ihre Stimme klang angespannt. Sie riss sich zusammen. Wollte sich nichts anmerken lassen.

»Er wird wieder gesund werden.« Diesmal noch. »Hast du die Ergebnisse der Computertomographie schon bekommen?«

»Nein«, sagte sie und seufzte. »Weißt du, sie haben mehrere Stunden gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass er sich durchleuchten lassen sollte.« Ohne es zu wollen, verzog ich die Lippen zu einem Lächeln. Darcy würde die Belustigung in meiner Stimme hören und wütend auf mich sein, weil ich zu ihm hielt. Großvater war ein unbeugsamer Charakter, und es war fast unmöglich, ihn zu etwas zu überreden, das er nicht wollte. Und wenn ihm umgekehrt jemand erzählte, er könne etwas nicht tun, fand er immer Mittel und Wege, es sehr wohl in die Tat umzusetzen. In dieser Hinsicht waren wir einander ziemlich ähnlich. Als ich noch ein kleiner Junge war, war er mein Held. Und ein besserer Elternteil für Darcy und mich als unsere eigenen nichtsnutzigen Eltern. Unser Vater hatte sich mit einer Kellnerin abgesetzt. Damals war ich so jung gewesen, dass ich mich kaum an ihn erinnerte, und unsere Mutter hatte sich davon nie erholt und den größten Teil ihrer Zeit auf der Suche nach Erleuchtung an verschiedenen Orten in Asien verbracht. Unser Großvater war der Mensch, der uns beruhigte, wenn wir aufgebracht waren, der zu unseren Theateraufführungen in die Schule kam – und den wir noch immer um Rat fragten.

»Er hasst es, wenn so viel Aufhebens um ihn gemacht wird«, sagte ich.

»Ich weiß, aber nach dem Schlaganfall können wir kein Risiko mehr eingehen.«

Großvaters Schlaganfall zwei Jahre zuvor war für uns alle ein Schock gewesen. Zum Glück war er ein Kämpfer und hatte sich Sprache und Bewegungsvermögen weitestgehend zurückerobert. Aber seine linke Körperhälfte war gebrechlich und schwach geblieben, sodass er anfällig für Stürze war. »Ich weiß. Trotzdem, er wird wieder gesund.« Ich ließ meine Stimme so energisch wie möglich klingen. Wenn sein Sturz allerdings eine Hirnblutung nach sich gezogen hatte … Ich atmete tief durch und versuchte, meinen schneller werdenden Puls zu beruhigen.

»Victoria hat angerufen«, sagte Darcy mit gepresster Stimme.

Ich biss die Zähne zusammen und schwieg, denn ich fand es unerträglich, etwas über die egoistische Frau meines Cousins zu hören.

»Wahrscheinlich wollte sie wissen, ob sie schon mal anfangen können, das Geld zu zählen«, fügte Darcy hinzu.

Erneut atmete ich tief durch. Ich musste mich zusammenreißen, denn sonst würde sich auch meine Schwester aufregen.

Der Titel meines Großvaters ging auf den nächsten verheirateten männlichen Erben über. Da ich der Älteste war, hätte ich dieser Erbe sein sollen. Aber ich hatte mich nie mit einer einzigen Frau begnügt, und deshalb würden mein Cousin Frederick und seine Frau Victoria der nächste Duke und die nächste Duchess of Fairfax sein.

Nicht, dass ich das Geld gebraucht hätte. Ich hatte selbst bereits mehr verdient, als Großvaters gesamtes Vermögen wert war, und aus dem Titel machte ich mir absolut nichts. Der Duke of Fairfax hatte ich nie sein wollen. Ehrlich gesagt verstand ich auch nicht, warum meine Schwester allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau war, nicht die Nächste in der Erbfolge sein konnte. Darcy sollte den Titel bekommen, das Geld und den Grundbesitz – und all das Kopfzerbrechen, das damit einherging.

Frederick und ich hatten uns nie nahegestanden, obwohl ich mehr von ihm mitbekommen hatte, als mir lieb war, weil er Woolton, das Anwesen der Familie, erben würde und ein Enkel meines Großvaters war. Schon als Kind war er kleinlich und eifersüchtig gewesen, und daran hatte sich nie etwas geändert. Er schien mich um alles zu beneiden, was ich hatte – Spielzeug, Freunde und später Frauen. Obwohl meine Schwester und ich bei meinem Großvater wohnten, weil unsere Eltern uns nicht wollten, hasste Frederick es, dass wir auf Woolton lebten und er nicht. Bei jeder Gelegenheit kritisierte er, wie Darcy mit dem Vermögen umging. Und ständig gab er irgendwelche Kommentare dazu ab, dass ich nach Amerika abgehauen sei. Kränkungen, mit denen ich klargekommen wäre. Doch als ich ihn anrief, um ihn über den Schlaganfall unseres Großvaters zu informieren, fragte er nicht, in welchem Krankenhaus er lag oder wie die Prognose aussah, sondern sagte stattdessen nur, er würde mich zurückrufen, sobald er mit seinem Anwalt gesprochen habe.

Seitdem gab es für uns kein Zurück mehr.

»Okay, dann sag Victoria, sie soll in Zukunft mit mir reden. Ich habe kein Problem damit, ihr zu sagen, dass sie sich verpissen soll.« Tatsächlich war es so, dass Victoria das ganze Geld gehören würde, sobald mein Großvater starb. Und obwohl mir weniger an unserer Familiengeschichte lag als Darcy, fand auch ich das nicht fair.

»Wir müssen reden, wenn du hier bist. Ausführlich.«

Ich wusste, was mich erwartete. Wir würden darüber diskutieren, dass alles anders laufen würde, wenn ich heiratete. »Natürlich.«

»Über Aurora, meine ich.«

Darcy hatte mehrfach angedeutet, dass unsere Freundin aus Kindertagen gern bereit wäre, meine Frau zu werden. Diesmal klang meine Schwester ziemlich entschlossen. Und ich würde klarstellen müssen, dass Aurora nicht die Frau war, die ich heiraten wollte. »Wenn ich schon mal in London bin, werde ich auch mit den Anwälten über die Sache sprechen.« Ich hoffte immer noch, auf legale Weise verhindern zu können, dass Frederick sämtliche Besitztümer erbte.

Für einige Sekunden herrschte Schweigen. »Du kennst meine Meinung dazu«, meinte sie schließlich.

»Ich will mich nicht um Großvaters Vermögen streiten«, antwortete ich. Darcy hasste die Vorstellung, dass es zu einem Kampf um Großvaters Eigentum kommen würde, weil das für sie offenbar den Wert unserer Liebe zu ihm schmälerte. Da ich aber wusste, wie sehr er sich meine Schwester als Erbin wünschte, wusste ich auch, dass er sich über eine entsprechende Lösung freuen würde. »Und was wäre die Alternative?«

»Ich wünschte wirklich, du würdest ein Arrangement mit Aurora in Betracht ziehen – ihr liegt viel an unserer Familie, und sie wäre eine hervorragende Ehefrau für dich.«

»Ich will nicht heiraten.« Und ganz sicher niemanden, der mich nur wegen des Titels wollte, den ich erben würde. Und die Alternative – dass sie einen...