In deinem Namen - Thriller

von: Harlan Coben

Goldmann, 2018

ISBN: 9783641220709 , 384 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Mehr zum Inhalt

In deinem Namen - Thriller


 

Daisy trug ein eng anliegendes schwarzes Kleid, mit einem Dekolleté, das solch tief greifende Einsichten vermittelte, dass es Philosophie hätte lehren können.

Sie entdeckte ihre Zielperson auf einem Hocker am hinteren Ende des Tresens. Er trug einen grauen Nadelstreifenanzug. Hmm. Er war alt genug, um ihr Vater sein zu können. Möglicherweise würde das ihr Vorgehen erschweren – musste es aber nicht. Bei alten Knackern wusste man nie. Manche, besonders die frisch geschiedenen, waren ganz wild darauf zu beweisen, dass sie es noch draufhatten. Das galt auch für diejenigen, die »es‹« schon früher nicht draufgehabt hatten. Besonders für diejenigen, die es schon früher nicht draufgehabt hatten.

Als Daisy durch die Bar schlenderte, spürte sie, wie die Blicke der männlichen Gäste ihre nackten Beine hinaufkrochen. Am Ende des Tresens erklomm sie etwas theatralisch den Hocker neben ihm.

Die Zielperson starrte in das vor ihm stehende Whiskeyglas wie eine Zigeunerin in ihre Glaskugel. Daisy wartete darauf, dass er sich ihr zuwandte. Das tat er nicht. Sie musterte sein Profil einen Moment lang. Der dichte, graue Bart. Die Knollennase mit der wachsartigen Haut, die ein wenig wie eine Hollywood-Spezialanfertigung aus Silikon wirkte. Die langen, strähnigen Wischmopp-Haare.

Vermutlich seine zweite Ehe, dachte Daisy. Und somit auch die zweite Scheidung.

Dale Miller – so hieß ihre Zielperson – griff behutsam nach seinem Whiskeyglas und umfasste es mit beiden Händen, als wäre es ein verletzter Vogel.

»Hi«, sagte Daisy und warf routiniert die Haare nach hinten.

Miller wandte ihr den Kopf zu. Er sah ihr direkt in die Augen. Sie wartete darauf, dass sein Blick den Ausschnitt hinabwanderte – verdammt, selbst Frauen konnten sich das nicht verkneifen, wenn sie dieses Kleid trug –, doch er sah ihr weiter in die Augen.

»Hallo«, antwortete er. Dann drehte er sich um und starrte wieder in seinen Whiskey.

Normalerweise ließ Daisy sich von der Zielperson anbaggern. Das war ihre Lieblingstechnik. Sie lächelte und sagte auf diese gewisse Art »Hi«, worauf der Mann fragte, ob er ihr einen Drink ausgeben dürfe. Sie kennen das. Aber Miller war offenbar nicht in Flirtlaune. Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. Dann noch einen.

Das war gut. Das Saufen. Das machte es einfacher.

»Kann ich irgendetwas für Sie tun?«, fragte er.

Vierschrötig, dachte Daisy. Das Wort beschrieb ihn am besten. Selbst im Nadelstreifenanzug hatte er diese vierschrötige Vietnam-Veteran-Motorradfahrer-Ausstrahlung. Seine Stimme war tief und rau. Daisy fand diesen Typ älterer Männer sexy, vermutlich machte sich da ihr legendärer Vaterkomplex bemerkbar. Sie mochte Männer, in deren Gegenwart sie sich geborgen fühlte.

Und es war sehr lange her, dass sie mit einem solchen Mann zusammen gewesen war.

Zeit für einen zweiten Anlauf, dachte Daisy.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich einfach zu Ihnen setze?« Daisy beugte sich zu ihm hinüber, gewährte ihm einen noch etwas tieferen Einblick in ihren Ausschnitt und flüsterte: »Dieser Mann da …«

»Belästigt er Sie?«

Nett. Er sagte es nicht auf diese machohafte Tour wie so viele andere Flachpfeifen, die sie im Lauf der Jahre kennengelernt hatte. Dale Miller fragte ruhig und sachlich, fast schon galant – wie ein Mann, der sie beschützen wollte.

»Nein, nein … nicht direkt.«

Er drehte sich um, ließ den Blick durch die Bar schweifen. »Wer ist es?«

Daisy legte eine Hand auf seinen Arm.

»Es ist kein Problem. Wirklich nicht. Ich meine bloß … hier bei Ihnen fühle ich mich sicher, okay?«

Wieder sah Miller ihr in die Augen. Die Knollennase passte nicht zum Gesicht, was aufgrund der durchdringenden, blauen Augen jedoch kaum ins Gewicht fiel. »Natürlich«, sagte er, allerdings recht zurückhaltend. »Darf ich Ihnen einen Drink ausgeben?«

Viel mehr brauchte Daisy nicht. Sie war eine gute Zuhörerin, und Männer – ob verheiratet, alleinstehend, getrennt lebend – schütteten ihr gerne das Herz aus. Dale Miller brauchte etwas länger als üblich – bis zum vierten Drink, wenn sie richtig mitgezählt hatte –, doch schließlich erzählte er von seiner bevorstehenden Scheidung, von Clara, seiner – Volltreffer – zweiten Frau, die achtzehn Jahre jünger war als er. (»Hätte ich doch wissen müssen, oder? Ich bin so ein Idiot.«) Beim nächsten Drink erzählte er von seinen beiden Kindern, Ryan und Simone, dem Sorgerechtsstreit, seinem Job im Finanzwesen.

Auch sie musste etwas von sich erzählen. So lief das nun mal. Den Gesprächspartner ein bisschen anfüttern. Für solche Situationen hatte sie eine Story parat, natürlich frei erfunden. Millers Auftreten verleitete sie jedoch dazu, ein paar Brocken Ehrlichkeit einzuflechten. Natürlich würde sie ihm niemals die Wahrheit erzählen. Die kannte keiner, außer Rex vielleicht. Doch selbst Rex wusste nicht alles.

Er trank Whiskey, sie Wodka. Sie versuchte, langsamer zu trinken als er. Zweimal nahm sie ihr volles Glas mit zur Toilette, goss es ins Waschbecken und füllte es mit Wasser auf. Trotzdem war Daisy leicht angeschickert, als Rex die SMS schickte.

B?

B für »Bereit«.

»Alles in Ordnung?«, fragte Miller.

»Klar. Nur eine Freundin.«

Sie antwortete J für »Ja« und drehte sich wieder zu ihm um. Normalerweise schlug sie zu diesem Zeitpunkt vor, dass sie sich ein ruhigeres Fleckchen suchen könnten. Die meisten Männer ergriffen die Gelegenheit beim Schopf – in diesem Punkt waren Männer sehr berechenbar. Sie war aber nicht überzeugt, dass dieser direkte Weg bei Dale Miller zum Erfolg führen würde. Nicht, dass er nicht interessiert wirkte. Er schien aber irgendwie – wie sollte sie es ausdrücken – darüberzustehen.

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«, begann sie.

Miller lächelte. »Sie stellen mir schon den ganzen Abend Fragen.«

Er lallte leicht. Gut.

»Haben Sie ein Auto?«, fragte sie.

»Hab ich, ja. Wieso?«

Sie ließ den Blick durch die Bar streifen. »Dürfte ich Sie bitten, äh, mich nach Hause zu fahren? Es ist nicht weit.«

»Klar, kein Problem.«

Dann: »Ich brauche vielleicht noch einen Moment, um den Kopf wieder klarzukriegen.«

Daisy hüpfte vom Hocker. »Ach, schon gut. Dann geh ich einfach zu Fuß.«

Miller richtete sich auf. »Augenblick, was?«

»Ich muss langsam zusehen, dass ich nach Hause komme, aber wenn Sie nicht fahren können …«

»Nein, nein«, sagte er und streckte die Beine aus. »Ich bring Sie gleich hin.«

»Falls es irgendwie ein Problem ist, kann ich …«

Er sprang vom Hocker. »Nein, absolut nicht. Kein Problem, Daisy.«

Bingo. Als sie sich auf den Weg zur Tür machten, simste Daisy schnell an Rex:

ADW

Kurzform für: »Auf dem Weg«.

Man konnte es als Betrug oder Gaunerei ansehen, Rex beharrte jedoch darauf, dass es »redlich verdientes« Geld sei. Von der Redlichkeit war Daisy nicht vollkommen überzeugt, größere Schuldgefühle hatte sie allerdings auch nicht. Der Plan und seine Umsetzung waren simpel, das zugrunde liegende Motiv war hingegen etwas komplexer. Ein Mann und eine Frau ließen sich scheiden. Der Sorgerechtsstreit wurde hässlich. Beide Seiten waren verzweifelt. Die Ehefrau – im Prinzip könnte auch der Ehemann ihre Dienste in Anspruch nehmen, bisher war es jedoch immer die Frau gewesen – erteilte Rex den Auftrag, um sich bei dieser blutigsten aller Schlachten einen Vorteil zu verschaffen. Wie machte er das?

Er erwischte den Ehemann mit Alkohol am Steuer.

Wie könnte man besser nachweisen, dass er unverantwortlich handelte und damit als Erziehungsberechtigter ungeeignet war?

So lief das. Daisys Job umfasste zwei Aufgaben: Zuerst verleitete sie den Ehemann dazu, zu viel zu trinken, sodass er nicht mehr Auto fahren durfte, dann lotste sie ihn hinters Steuer. Rex war Polizist. So konnte er ihn anhalten, einen Alkoholtest durchführen und schwupps, hatte ihre Klientin im Sorgerechtsprozess einen riesigen Vorteil. Rex wartete zwei Blocks weiter in seinem Streifenwagen. Er suchte sich immer ein ruhiges Plätzchen in der Nähe der Bar, in der die Zielperson am fraglichen Abend etwas trank. Je weniger Zeugen, desto besser. Dann stellte auch niemand unangenehme Fragen.

Halt den Kerl an, nimm ihn fest, und fertig.

Daisy und Dale Miller wankten durch die Tür und weiter Richtung Parkplatz. »Hier entlang«, sagte Miller. »Da steht mein Wagen.«

Der Parkplatz war mit groben Kieseln bedeckt. Auf dem Weg zum grauen Toyota Corolla trat Miller ein paarmal hinein, sodass sie durch die Luft flogen. Er drückte auf den Schlüssel. Das Auto hupte zweimal leise. Als Miller zur Beifahrertür ging, war Daisy verwirrt. Sollte sie fahren? Herrje, bloß nicht. War er betrunkener, als sie gedacht hatte? Das war durchaus möglich. Dann begriff sie jedoch, dass es weder um das eine noch um das andere ging.

Dale Miller öffnete die Tür und hielt sie ihr auf. Wie ein echter Gentleman. Daisy hatte schon so lange nichts mehr mit echten Gentlemen zu tun gehabt, dass sie gar nicht begriffen hatte, was er da tat.

Er hielt ihr die Tür auf und wartete. Daisy stieg ein. Dale Miller ließ ihr Zeit, sich richtig hinzusetzen, dann schloss er die Tür vorsichtig.

Sie bekam leichte Gewissensbisse.

Rex hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass sie nichts Illegales...