Die Geschichte des Wassers - Roman

von: Maja Lunde

btb, 2018

ISBN: 9783641225063 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 15,99 EUR

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Die Geschichte des Wassers - Roman


 

DAVID

Timbaut, Bordeaux, Frankreich, 2041

Die Hitze flimmerte vor uns über der Straße. Sie wogte auf den Hügelkämmen wie Wasser, doch sobald wir näher kamen, verschwand sie.

Noch immer sahen wir das Lager nicht.

Der Himmel über uns war blau. Nicht eine einzige Wolke. Blau, immer nur blau. Allmählich fing ich an, diese Farbe zu hassen.

Lou lehnte an meinem Arm und wurde leicht hin- und hergeschaukelt, wenn der Lastwagen über Schlaglöcher rumpelte. Hier hatte schon lange niemand mehr die Straßen ausgebessert. Die Häuser am Straßenrand waren verlassen, der Boden sonnenverbrannt.

Ich drehte mich zu Lou um und roch an ihrem Kopf. Ihr zartes Kinderhaar stank nach Rauch. Der strenge Brandgeruch hatte sich auch in unseren Kleidern festgesetzt, obwohl es schon viele Tage her war, seit wir Argelès verlassen hatten. Seit wir eine halbe Familie geworden waren.

Zweiundzwanzig Tage, nein, vierundzwanzig, es waren schon vierundzwanzig Tage vergangen. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Vielleicht wollte ich einfach nicht mehr zählen. Vierundzwanzig Tage, seit wir aus Argelès weggerannt waren. Ich mit Lou in den Armen. Sie weinte. Ich rannte, bis wir den Brand nicht mehr hörten. Bis der Rauch nur noch ein ferner Nebel war. Erst da hielten wir an, drehten uns zur Stadt um und …

Halt, David, halt. Wir werden sie gleich treffen. Sie sind hier. Anna und August werden im Lager sein. Denn hier wollte Anna hin, sie hatte schon lange von diesem Ort gesprochen. Er sollte akzeptabel sein. Hier gab es Essen und Strom aus Solarzellen. Und nicht zuletzt gab es Wasser. Sauberes, kaltes Wasser aus dem Hahn.

Und von diesem Lager aus sollte es möglich sein, weiter nach Norden zu gelangen.

Der Fahrer bremste ab, fuhr an den Straßenrand und hielt an. Lou wurde wach.

»Da!« Er deutete auf etwas.

Vor uns lag ein Zaun mit einer tarnfarbenen Plane darüber.

Anna. August.

Der Fahrer ließ uns hinaus, murmelte »Viel Glück« und verschwand in einer Staubwolke.

Die Luft schlug uns entgegen wie eine heiße Wand. Lou blinzelte in die Sonne und griff nach meiner Hand.

Die Feuerkugel am Himmel saugte jeden Wassertropfen aus mir heraus. Der Asphalt glühte, war so heiß, dass er sicher bald schmelzen würde.

Mein Handy war kaputtgegangen, und meine Armbanduhr hatte ich unterwegs eingetauscht. Ich wusste nicht, wie viel Uhr es war. Aber der Zaun vor uns warf noch immer einen Schatten, es konnte also nicht viel später als drei sein.

Ich ging schnell. Jetzt würden wir sie wiederfinden. Sicher waren sie vor uns angekommen.

Wir kamen zum Eingang, wo zwei Wachleute in Militäruniform an einem Tisch saßen.

Sie sahen uns an, ohne uns zu sehen.

»Ausweispapiere?«, fragte der eine.

»Ich suche jemanden«, sagte ich.

»Erst die Papiere«, sagte der Wachmann.

»Aber …«

»Oder wollen Sie nicht rein?«

Ich legte ihm unsere Pässe vor, behielt Annas und Augusts Pass aber im Rucksack. Der Wachmann brauchte nicht zu sehen, dass wir sie hatten. Dann würde er sicher nur anfangen, Fragen zu stellen.

Er blätterte hastig durch die Seiten in meinem Pass und hielt bei meinem Foto inne. Ich selbst zuckte jedes Mal zusammen, wenn ich es sah. Der Typ auf dem Bild, war ich das? So runde Wangen, beinahe dick. Hatte die Kamera mein Gesicht verzerrt?

Nein, so hatte ich damals ausgesehen, rundlich, nicht dick, aber gut genährt.

Oder vielleicht im Grunde normal. Vielleicht hatten wir früher alle so ausgesehen.

Er nahm Lous Pass in die Hand, der neueren Datums war, aber Lou wuchs so schnell. Das Kind auf dem Foto hätte jedes Kind sein können. Drei Jahre alt, als die Aufnahme gemacht worden war. Lächelnd. Nicht ernst, so wie jetzt.

Heute früh hatte ich ihr das Haar geflochten, das konnte ich gut. Ich bürstete es und teilte es in zwei Hälften, mit einem strengen Scheitel in der Mitte. Dann flocht ich zwei stramme Zöpfe, die auf den Rücken baumelten. Vielleicht hatten wir es ihnen zu verdanken, dass uns endlich ein Lastwagen mitgenommen hatte. Auch jetzt hoffte ich, sie würden davon ablenken, wie schmutzig Lou war, und wie dünn. Und wie ernst, denn sie lächelte nur noch selten, meine Tochter. Früher war sie ein Kind gewesen, das immer hüpfte und rannte, durch die Gegend sprang. Jetzt hingen ihre Zöpfe gerade den Rücken hinunter, ganz still.

Der Wachmann sah mich weiter an. Offenbar verglich er mich mit dem Bild im Pass.

»Es ist fünf Jahre alt«, sagte ich. »Damals war ich erst zwanzig.«

»Haben Sie noch etwas anderes? Andere Dokumente, die belegen, dass Sie es sind?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Konnte nur den mitnehmen.«

Noch einmal musterte er das Bild, als würde es ihm eine Antwort geben. Dann nahm er einen Tacker und zwei hellgrüne Zettel und heftete sie routiniert in die Pässe.

»Füllen Sie die aus.«

Er streckte mir die Pässe entgegen.

»Wo denn?«

»Hier. Die Formulare.«

»Nein, ich meinte … wo? Haben Sie einen Tisch?«

»Nein.«

Ich nahm die Pässe. Bei meinem hatte er die Seite mit dem Formular schon aufgeschlagen.

»Aber hätten Sie vielleicht einen Stift?«

Ich versuchte zu lächeln, aber der Wachmann schüttelte nur resigniert den Kopf, ohne mich anzusehen.

»Ich habe meinen verloren«, sagte ich.

Das stimmte nicht ganz. Ich hatte ihn nicht verloren, sondern aufgebraucht. An unserem zweiten Abend unterwegs hatte Lou so sehr geweint, sie hatte leise geschluchzt und ihr Gesicht zwischen den Händen verborgen. Und ich hatte sie malen lassen. Sie hatte dünne blaue Tintenstriche auf die Rückseite eines alten Umschlags gezeichnet, den wir am Wegrand gefunden hatten. Sie zeichnete Mädchen in Kleidern und malte sie aus. Dabei drückte sie so fest auf, dass sie Löcher ins Papier riss.

Der Wachmann wühlte auf dem Boden in einer Kiste und zog einen abgenutzten blauen Kugelschreiber mit gesprungenem Plastik hervor. »Den möchte ich aber wiederhaben.«

Ich musste die Formulare im Stehen ausfüllen, ich hatte nichts, worauf ich die Pässe ablegen konnte. Meine Handschrift wurde unleserlich und schief.

Ich versuchte mich zu beeilen. Meine Hand zitterte. Beruf. Letzter Arbeitsplatz. Letzter fester Wohnsitz. Wo wir herkamen. Wo wir hinwollten. Wo wollten wir hin?

»In die Wasserländer, David«, hatte Anna immer zu mir gesagt. »Da müssen wir hin.«

Je trockener unser eigenes Land wurde, desto häufiger redete sie von den Ländern im Norden, wo es nicht nur ein seltenes Mal im Laufe der kalten Monate regnete, sondern auch im Frühjahr und Sommer. Wo es keine langanhaltende Dürre gab, sondern das Gegenteil, weil der Regen mit schweren Stürmen einherging und zur Plage wurde. Wo Flüsse über die Ufer traten und Dämme brachen, jäh und brutal.

»Worüber jammern die bloß?«, fragte Anna. »Sie, die alles Wasser der Welt haben!«

Wir hatten nur das salzige Meer. Und die Dürre. Sie war unsere Flut, sie war unaufhaltbar. Erst hieß sie Zweijahresdürre, dann Dreijahresdürre, dann Vierjahresdürre. Dies war das fünfte Jahr. Der Sommer schien endlos.

Schon letzten Herbst hatten die Leute angefangen, Argelès zu verlassen, aber wir waren standhaft geblieben. Ich musste meiner Arbeit nachgehen, konnte nicht einfach weglaufen von der maroden, alten Entsalzungsanlage, die das Meerwasser in Süßwasser verwandelte.

Doch immer wieder fiel der Strom aus, in den Läden fehlten die Nahrungsmittel, und die Stadt wurde immer leerer, stiller. Und wärmer. Denn je trockener die Erde, desto heißer die Luft. Früher hatte die Sonne ihre Kraft darauf gerichtet, das Wasser zu verdampfen. Als es keine Feuchtigkeit mehr in der Erde gab, richtete sie ihre Kraft auf uns.

Jeden Tag redete Anna davon, dass wir weggehen sollten. Erst wollte sie auf direktem Wege nach Norden, als es noch möglich war, bevor alle Länder ihre Grenzen schlossen. Dann sprachen wir über die verschiedenen Lager. Pamiers, Gimont, Castres. Und zum Schluss über dieses hier, in der Nähe von Timbaut.

Und während Anna redete, stiegen die Temperaturen. Flüchtlinge, die weiter aus dem Süden stammten, kamen durch unsere Stadt, machten ein paar Tage Halt und zogen weiter. Wir aber blieben.

Ich zögerte mit dem Stift in der Hand. Wo wollten wir hin?

Das konnte ich nicht allein beantworten. Erst musste ich Anna und August finden.

Der Mann hinter uns in der Schlange stieß uns an, schien es aber gar nicht zu merken. Er war klein und verschrumpelt, als würde er seine Haut nicht mehr ausfüllen. Um die eine Hand trug er einen schmutzigen Verband.

Rasch heftete der Wachmann auch in seinen Pass das grüne Formular. Der verschrumpelte Mann nahm ihn stumm entgegen, hatte schon den Stift gezückt und zog sich zurück, um zu schreiben.

Dann war ich wieder an der Reihe. Ich gab dem Wachmann die Pässe und Formulare mit den zehn Punkten, die ihm alles sagen sollten, was er über Lou und mich wissen musste.

Er deutete auf den letzten Punkt.

»Und hier?«

»Wir haben uns noch nicht entschieden. Ich muss das erst mit meiner Frau besprechen.«

»Und wo ist sie?«

»Wir wollten uns hier treffen.«

»Wollten?«

»Werden. Wir hatten verabredet, uns hier zu treffen.«

»Wir sind angehalten, dafür zu sorgen, dass alle Felder ausgefüllt werden.«

»Ich muss erst mit meiner Frau sprechen. Ich bin auf der...