Das Schwein war's - Kriminalroman

von: Joseph Caldwell

Aufbau Verlag, 2011

ISBN: 9783841203007 , 234 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: frei

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Preis: 7,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Das Schwein war's - Kriminalroman


 

Kapitel 1


Aaron McCloud war nach Irland an die Gestade der Westküste in die Grafschaft Kerry gereist, um sich in der Einsamkeit der Natur in aller Ruhe zu bemitleiden. Die sanften Hügel sollten ihm Trost, das unbezähmbare Meer sein Zeuge sein. Nicht lange, und er würde das Haus seiner Tante betreten, das hoch oben auf einer Landspitze gen Westen blickte. Dort wollte er sich aus tiefster Seele seinem Schmerz hingeben.

Er saß im Bus und schaute aus dem Fenster. Das schon vor langer Zeit in Parzellen aufgeteilte Weideland Irlands glitt an ihm vorüber; die aus dem Erdreich geborgenen Steine waren zu Trennmauern aufgeschichtet, so dass man den Eindruck einer dreidimensionalen Landkarte gewann. Die Grenzlinien waren tiefschwarz, die einzelnen Weideflächen hatten die Form eines Rechtecks oder Rhombus, und wie um Abwechslung ins Bild zu bringen, ab und an auch die eines Quadrats oder Dreiecks.

Am oberen Hang eines sonnenbeschienenen Hügels graste eine Schafherde und bewegte sich langsam westwärts. Fast konnte man meinen, die Schafe schufen systematisch einen Trampelpfad zum Meer. Eng zusammengedrängt wirkten sie wie eine eigentümliche Wolke, zogen, unentwegt Grünzeug rupfend, vorwärts; für wen sie eine breite Spur hinterließen, kümmerte sie wenig, Hauptsache, sie konnten den Magen befriedigen. Etwas weiter höher, an die drei Meter vom Rand der Herde entfernt, stand ein Schäfer, ein Mann. Vielleicht war es sogar ein Junge; er trug einen Pullover mit breiten Querstreifen – verschiedene Rottöne, grün, blau, goldfarben und mehr zum Bund hin schwarz. In der Hand hielt er einen Krummstab, einen richtigen Hirtenstab wie aus alten Zeiten. Überlieferter Brauch. Die ganze Geschichte eines Landes offenbarte sich ihm. Doch das schwärmerische Träumen währte nur wenige Augenblicke. Der Hirtenstab entpuppte sich als zusammengeklappter Regenschirm, den der Mann jetzt an einen Felsen lehnte, um aus einer Gürteltasche einen Fotoapparat zu ziehen und eins der Schafe zu fotografieren. Er war genauso wenig ein Schäfer wie Aaron. Bestenfalls handelte es sich um einen Touristen, schlimmstenfalls um einen Regierungsbürokraten.

Der Bus – bequemer und moderner als die Greyhounds und Trailways bei ihm zu Hause – brauste nach Aarons Schätzung mit achtzig Sachen über die schmale und kurvenreiche Landstraße, die sich durch Kerry schlängelte. Am späten Nachmittag würde er das Dorf erreichen mit ein paar Häusern und Dockerys Pub. Von dort wollte ihn seine Tante abholen und ihn den Rest der Wegstrecke zu sich und dem alten, aus Feldsteinen gebauten Haus fahren, wo er als Kind so manchen Sommer verbracht hatte, denn sowohl Mutter wie Vater, die gerade geschieden waren, empfanden ihn als lästig und schoben ihn gerne ab.

Er hing an dem Haus. Es stand mitten im Feld unweit der Steilküste, die zum Meer abfiel. Der Uferstreifen unten endete abrupt an einem Felsen, der aus dem Wasser aufragte und den Zugang zur dahinterliegenden Bai versperrte. Immer, wenn er bei seiner Tante und deren Familie weilte, hatte ihn die Felswand geärgert, verwehrte sie ihm doch den Zugang zu dem Sandstrand in der Bucht. Sie trennte ihn von den anderen Kindern, die dort schwammen, im flachen Wasser tollten und sich gegenseitig im Sand einbuddelten. Die Burgen und Schutzwälle, die sie bauten, hätten, wenn sie nicht nur ihrer Phantasie entsprungen wären, mit Sicherheit dem plündernden Feind getrotzt, der seinerzeit von Norden eingefallen war und seine Vorfahren um ein Haar ins Meer getrieben hatte.

Jetzt aber sehnte er sich nach der Felswand. Sein Uferstück würde menschenleer sein. Niemand würde seine Einsamkeit stören, von seiner Zurückgezogenheit Notiz nehmen – einzig und allein die See würde ihn bemerken. Natürlich würde es Möwen geben, auch Brachvögel. Er würde ihr Geschrei hören und bewundern, wie sie mit ausgebreiteten Schwingen selbst den geringsten Lufthauch nutzten, um ihre Kreise zu ziehen. Vielleicht waren auch Kormorane da, und wenn er Glück hatte, tauchte sogar ein einsames Schiff am Horizont auf. Böen und Stürme würde es geben, tosende Wogen, Gewitterwolken und Donner. Blitze würden am Himmel zucken. Winde würden um die Klippen heulen und – wieder mit ein wenig Glück – Gestein würde bersten und in großen Felsbrocken ins Meer stürzen. Nichts würde ihn erschüttern; inmitten der Naturgewalten würde er, Aaron McCloud, am Ufer dahinschreiten, allein in seiner Zurückgezogenheit und Einsamkeit. Nichts, was ihn in seinen neuerlichen Kümmernissen zu stören gedachte, würde er an sich heranlassen.

Aaron hatte kein Glück mit der Liebe gehabt. Gefangen in Wut und Enttäuschung, wollte er – allein mit sich und dem Meer – seinem Weltschmerz freien Lauf lassen. Natürlich würden die sich hebenden Wellen, wenn sie ihn so sahen, erschrocken zurückweichen, sich kurz aufbäumen, dann fallen und angesichts seiner Pein in sich zusammensinken. Mit schmerzerfülltem Gesicht wollte er sich eines gemessenen Schrittes befleißigen. Als würdiger Betrachter seiner Seelenqualen kam nur der unendliche, unergründliche Ozean in Frage. Der Schlussakt von Aaron McClouds Liebe zu Phila Rambeaux sollte sich an diesen Ufern, hier am Rande der Alten Welt, abspielen.

Mit zweiunddreißig hatte es Aaron gefallen, sich zu verlieben – zumindest hielt er es für Liebe. Es handelte sich um eine ganz normale junge Frau, nämlich eine seiner Studentinnen aus einem Workshop Literarische Ausdrucksformen an der New School in New York. Ihr Haar war nicht sonderlich auffällig, überwiegend glatt und an den Enden mehr kraus als gelockt, ein Mittelding zwischen braun und blond; die eigentliche Farbe der schwer zu bändigenden Mähne kam je nach Lichteinwirkung zur Geltung. Unter den grellen Neonröhren im Klassenraum war es mehr ein Blond, im gedämpften Licht der Vorhalle ein Brünett. Die haselnussbraunen Augen waren grün gesprenkelt, die Wangen wie kantige Flächen zwischen Augenhöhlen und Kinnladen gesetzt. Der Mund erinnerte an ein flaches gleichschenkliges Dreieck, die Nase war gerade und unauffällig, das Kinn ohne Rundungen und Grübchen, nicht mehr als der zweckmäßige Endpunkt, an dem die Kieferknochen aufeinandertrafen.

Dafür hatte sie bemerkenswert schöne Hände, die Hände einer Harfenistin. Aaron stellte sich vor, wenn er eine ihrer Hände nehmen und an sein Gesicht drücken würde, würde sie nicht nach Seife oder kostspieliger Creme duften, eher würde der Haut selbst ein zarter Hauch entströmen, geheimnisvoll und betörend. Und trotzdem waren es nicht die Hände, die es ihm angetan hatten, sondern aus was für Gründen auch immer das Gesicht, die hageren Wangen, die gesprenkelten Augen, das unscheinbare Kinn. Obendrein erhöhte ihre Angewohnheit, immer wenn sie sprach, mit dem rechten Ohr zu spielen, sein amouröses Verlangen.

Was sie zu Papier brachte, war verworren. Sie hatte eine deutliche Abneigung gegen alles Konkrete, verteidigte das Schwerverständliche als Doppeldeutigkeit. Ihr fehlte das literarische Gespür für das pralle Leben und damit die wesentliche Gabe, vorhandene Intelligenz für das Entstehen eines Kunstwerks zu nutzen. Ihre auffallend schönen Hände zauberten nichts künstlerisch ähnlich Schönes hervor.

Wie dem auch sei, zwei Jahre, nachdem ihm seine Frau mit einem Bariton aus dem Chor der St.-Joseph-Kirche nach Akron, Ohio, durchgebrannt war, gefiel es Aaron, sich um Phila Rambeaux zu bemühen. Sie würde sich geschmeichelt fühlen, umwarb sie doch ein Mann nicht ohne Vermögen, ein Mann, der für seinen natürlichen Charme, seinen Witz und Verstand, seine Ausstrahlungskraft bekannt war. Er hatte mehrere Romane geschrieben und veröffentlicht und war mit etlichen zweitrangigen Auszeichnungen geehrt worden, die seinem Prestige jedoch durchaus förderlich waren. Für seine Seminare schrieben sich mehr Studenten ein, als er annehmen konnte. Für seinen gesellschaftlichen Umgang hatte er mehr Freunde, als er bei sich empfangen konnte. In einem Haus aus braunem Sandstein in der Perry Street in Greenwich Village besaß er eine Wohnung, die über die ganze Etage ging, und was entscheidender war, er sah gut und gepflegt aus, was nichts mit schweißtreibendem Ehrgeiz und einem persönlichen Fitnesstrainer zu tun hatte, sondern auf eine ihm innewohnende Rastlosigkeit zurückzuführen war, die – wie manche meinten – schon an Krankhaftigkeit grenzte. Obendrein verstand er sich aufs Kochen.

Mit Phila würde er leichtes Spiel haben. Seine Liebesbezeugungen würden sie um den Verstand bringen, wovor er sie wiederum bewahren musste. Als zuverlässiges Heilmittel würden sich aufmunternde Liebkosungen, beruhigende, nicht zu stürmische Umarmungen erweisen, wiederbelebende Zuwendung also, die in geflüsterten Aufforderungen zu einem weiteren...