Sommer der Sehnsucht

Sommer der Sehnsucht

von: MAUREEN CHILD

CORA Verlag, 2010

ISBN: 9783942031684 , 144 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 2,49 EUR

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Sommer der Sehnsucht


 

1. KAPITEL

Jesse King liebte die Frauen. Und die Frauen liebten ihn.

Bis auf eine.

Jesse trat durch die Tür von Bella’s Beachwear und blieb mitten in der kleinen Boutique stehen. Kopfschüttelnd ließ er den Blick über die mühevoll renovierten Wände des Ladens schweifen, die krumm und schief wirkten. Ein Jammer, was weiblicher Starrsinn alles anrichten konnte, dachte er. Ihm war unbegreiflich, dass Bella Cruz sein großzügiges Angebot ablehnte, dieses baufällige Haus zu sanieren.

Seit neun Monaten lebte Jesse nun schon in Morgan Beach, einem netten Städtchen an der südkalifornischen Küste. In dieser Zeit hatte er einige der kleinen Geschäfte entlang der Main Street, der zentralen Einkaufsstraße des Ortes, aufgekauft und wiederhergerichtet. Mit neuen Büros und attraktiveren Geschäften wollte Jesse die Gegend aufwerten und mehr Leute von außerhalb anlocken.

Die meisten Ladenbesitzer waren froh über sein Übernahmeangebot gewesen und hatten die Verträge bereitwillig unterschrieben. Einige hatten ihm sogar neue Gewerbeflächen abgekauft. Im Prinzip waren alle glücklich. Alle – außer Bella Cruz. Diese Frau machte ihm seit Monaten die Hölle heiß und stellte sich quer.

Es war unfassbar, was sie alles tat, um ihn von seinen Vorhaben abzuhalten. Einmal hatte sie einen Sitzstreik organisiert und mit einer Handvoll Freunden einen ganzen Nachmittag lang vor den Baggern gesessen. Gemeinsam mit vier Frauen, zwei Kindern und einem dreibeinigen Hund war sie in einem Protestmarsch die Main Street hoch- und runtergelaufen. Ein anderes Mal hatte sie sogar zugunsten der sogenannten historischen Gebäude von Morgan Beach Kerzen aufgestellt und eine Mahnwache abgehalten.

Zu guter Letzt hatten fünf Menschen mit Kerzen nachts vor seinem Büro gestanden. Als es angefangen hatte zu regnen und der Wind die Kerzen ausgelöscht hatte, waren vier sofort wieder geflüchtet. Die fünfte, Bella, war die Einzige gewesen, die ausgeharrt hatte, um ihn von draußen durch das Bürofenster hindurch böse anzusehen.

Wieso nimmt sie das alles so persönlich, fragte Jesse sich. Er war schließlich nicht hierher gekommen, um ihr Leben zu zerstören.

Genau genommen war er wegen der Wellen in Morgan Beach.

Wie alle ehemals professionellen Surfer hatte auch er sich einen Platz gesucht, wo er es nach dem Karriereende aushalten konnte. Die meisten von ihnen verschlug es nach Hawaii. Doch als gebürtiger Kalifornier hatte Jesse sich für Morgan Beach entschieden, denn seine ganze Familie lebte seit jeher in Kalifornien. Seine drei Brüder wohnten in der Nähe, aber immer noch weit genug entfernt. Denn auch wenn er seine Familienmitglieder sehr liebte, hieß das noch lange nicht, dass er ständig mit ihnen zusammen sein musste.

Deshalb hatte Jesse begonnen, sich hier sein kleines Reich aufzubauen. Im Prinzip war alles bestens – wäre Bella Cruz nicht gewesen.

„Der böse Hausherr hält Einzug, um sich an der Not der Untertanen zu ergötzen“, hörte er plötzlich eine weibliche Stimme hinter sich murmeln.

Jesse drehte sich um. Da war sie – sein Untergang! Sie stand hinter dem Verkaufstresen, wo sie gerade ein paar Sonnenbrillen, Flipflops und Strandtaschen in der Vitrine geordnet hatte. Und Bella starrte ihn an, als hätte sie gerade eine Kakerlake entdeckt.

„Sind Sie bewaffnet?“, fragte er, während er langsam auf sie zuging. „Ehrlich gesagt wirken Sie auf mich, als wollten Sie mich mit Gewalt von meinem Elend erlösen.“

„Sie meinen wohl eher von meinem Elend“, antwortete sie, ohne die Miene zu verziehen.

Als sie sich schließlich aufrichtete, betrachtete er sie eingehend. Bella war ungefähr einen Meter siebzig groß, was theoretisch gar nicht so schlecht war. Jesse mochte Frauen, bei denen er sich nicht den Hals verrenkten musste, um sie zu küssen. Natürlich hatte er nicht vor, Bella zu küssen. Es war ganz einfach nur eine Feststellung.

Das schwarze wellige Haar fiel ihr locker auf den Rücken. Sie hatte große dunkle Augen und volle Lippen, die sie in diesem Moment zu einem hämischen Lächeln verzog. Eigentlich ist sie ganz hübsch, wenn man von ihrer Kleidung absieht, dachte Jesse.

Sie sah aus, als hätte sie sich für ein Fotoshooting für den Wachturm der Zeugen Jehovas zurechtgemacht. Sie trug ein weites T-Shirt und dazu einen bodenlangen Rock. Jesse mochte kurvige Frauen. Aber in ihrem merkwürdigen Outfit brachte Bella ihn jedes Mal auf die Frage, ob ihre Kurven möglicherweise quadratisch waren. Ihm war schleierhaft, warum eine Frau sich so scheußlich kleidete, die ihren Lebensunterhalt mit dem Design und Verkauf von Bademoden bestritt.

„Was führt Sie her, Mr. King?“

Jesse versuchte, sein charmantestes Lächeln aufzusetzen, dessen gewinnbringende Wirkung er gut kannte. In den letzten Jahren hatten ihm unzählige Frauen gestanden, beim Anblick seiner Grübchen weiche Knie zu bekommen.

Tja, die Knie von Bella schienen aus Granit zu sein. Dann eben nicht. Er hatte sowieso keine Lust, sie um den Finger zu wickeln. Warum auch! „Ich bin hier, um Ihnen mitzuteilen, dass wir nächsten Monat mit den Sanierungsarbeiten für dieses Gebäude beginnen werden.“

„Sanierungsarbeiten“, wiederholte sie und verzog dabei angewidert das Gesicht. „Sie meinen, Sie werden die Wände einreißen? Den Holzfußboden aufstemmen? Die bleiverglasten Fenster ausbauen? Sie meinen diese Art von Sanierungsarbeiten?“

Er schüttelte den Kopf. „Was haben Sie eigentlich gegen gut isolierte Wände und abgedichtete Dächer?“

Als sie die Arme vor der Brust verschränkte, war Jesse einen Moment lang abgelenkt. Wenigstens eine Stelle an ihrem Körper schien durchaus kurvig zu sein.

„Mein Dach ist nicht undicht“, entgegnete sie. „Robert Towner war ein erstklassiger Hausverwalter.“

„Wenn Sie es sagen“, antwortete er seufzend.

„Sie hätten sich ein Beispiel an ihm nehmen sollen.“

„Er hat der Außenfassade Ihres Ladens nicht einmal einen neuen Anstrich verpasst“, sagte Jesse.

„Das wäre auch unnötig gewesen“, protestierte Bella. „Ich habe sie vor drei Jahren eigenhändig gestrichen.“

„Das war Absicht, dass Ihr Geschäft von außen lila ist?“

„Die Außenwand ist lavendelfarben.“

„Lila.“

Sie atmete scharf ein und warf ihm einen drohenden Blick zu. Doch Jesse war nicht so leicht zu verunsichern. In diesem Revier war er der König. Und Könige ließen sich nicht provozieren.

„Sie geben doch erst dann Ruhe, wenn ein Haus wie das andere aussieht, oder? Mit beigefarbener Fassade und rostrotem Rand.“ Sie schüttelte den Kopf und sah ihn bedauernd an. „Langsam machen Sie aus uns eine Armee willenloser Dienstleistungsseelen. Müssen wir bald wir im Akkord arbeiten und Dienstuniformen tragen?“

„Ich bitte Sie“, sagte er und musterte sie von oben bis unten.

Bella wurde rot. „Mir geht es darum, diesen Ort davor zu schützen, dass er nicht wird wie jeder andere. Ich will nicht, dass alles gleich aussieht. Morgan Beach war immer einzigartig.“

„Und bis auf die Grundmauern morsch.“

„Es war immer bunt und gemischt.“

„Sie meinen schäbig.“

„Sie sind doch nichts weiter als ein skrupelloser Geschäftemacher!“, entgegnete sie.

Es traf Jesse, dass sie ihn so bezeichnete. Denn wenn er eines niemals hatte sein wollen, dann von einer Firma abhängig. Deswegen hatte er versucht, sich aus dem Familienunternehmen so weit es ging herauszuhalten. Er hatte nie dort enden wollen, wohin es alle Kings früher oder später verschlug: in der Geschäftswelt. Sein ganzes Leben lang lastete der Name King schon fast wie ein Fluch auf ihm.

Sein Vater, seine Brüder, seine Cousins – die Kings saßen überall, scheinbar für immer eingeschlossen in ihren Büros. Und selbst wenn es sich dabei um luxuriöse Penthousesuiten handelte, diese Welt war Jesse schon immer unheimlich gewesen.

Er hatte seinen drei älteren Brüdern dabei zugesehen, wie sie immer tiefer ins Familiengeschäft abgetaucht waren. Dabei schien es, als wäre diese Aufgabe ihre einzige Daseinsberechtigung. Sogar Justice, der auf einer Ranch lebte, sah sich in erster Linie als Geschäftsmann.

Nur Jesse war völlig aus der Art geschlagen. Er hatte es vorgezogen, professioneller Surfer zu werden. Gott, wie sehr hatte er dieses Leben geliebt! Während seine Brüder und Cousins in grauen Anzügen von einem Meeting zum anderen gehetzt waren, hatte er sich an den Stränden dieser Welt aufgehalten. Immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Er hatte immer getan, was er wollte, und niemandem Rechenschaft abgelegt.

Bis der Mann seines Vertrauens, der Hersteller seiner Surfbretter, sich vor einigen Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. Jesse wollte nicht auf seine Lieblingsboards verzichten und hatte deshalb kurzerhand den Laden übernommen. Genau wie die Firma, die seine Lieblingsurfersanzüge hergestellt hatte, und später die, die seine Lieblingsschwimmshorts verkauft hatte. Es hatte nicht lange gedauert, und plötzlich war er das, was er niemals hatte werden wollte: ein Geschäftsmann. Immerhin war er kein Befehlsempfänger – sondern der Kopf von King Beach, einem großen Unternehmen mit einem breiten Angebot für Herrenbademode und Surfbedarf. Es schien die pure Ironie des Schicksals gewesen zu sein, dass die Dinge, die er liebte, ihn dazu gebracht hatten, das zu tun, was er niemals...