Diagnostik und Förderung des Leseverständnisses. (Tests und Trends, Band 7)

von: Wolfgang Lenhard, Wolfgang Schneider (Hrsg.)

Hogrefe Verlag Göttingen, 2009

ISBN: 9783840920899 , 259 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 35,99 EUR

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Diagnostik und Förderung des Leseverständnisses. (Tests und Trends, Band 7)


 

Kapitel 6 (S. 97-98)
Diagnose und Förderung des Leseverständnisses mit ELFE 1-6 und ELFE-Training

Wolfgang Lenhard, Alexandra Lenhard und Wolfgang Schneider

Zusammenfassung

Leseverständnis ist eine Fähigkeit, die sehr viele Teilkomponenten und Bedingungsfaktoren umfasst. Der Lesetest ELFE 1-6 (Lenhard &, Schneider, 2006) wurde mit dem Ziel entwickelt, möglichst viele dieser Einflussfaktoren zu erheben, um eine umfassende Bewertung des Leseverständnisses zu ermöglichen. Der Test berücksichtigt Leistungen auf Wort-, Satz- und Textniveau und beinhaltet eine Stärken-Schwächen-Analyse. Der Test liegt sowohl als Computerfassung, als auch als Papier- und Bleistift-Version vor. Der Test wird durch das Trainingsprogramm ELFE-Training (Lenhard &, Lenhard, 2006) ergänzt. Das Programm verfügt über 14 Lernspiele in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Es ist möglich, Ergebnisse des Tests einzulesen. Das Trainingsprogramm stellt sich dann auf das Leistungsvermögen des Kindes ein.

6.1 Einleitung

Die Fähigkeit zum sinnentnehmenden Lesen stellt in unserer industrialisierten Welt eine praktisch unerlässliche Voraussetzung für das Bestehen jedes Einzelnen innerhalb der Gesellschaft dar. Etwa 21/2 Stunden verbringt jeder Erwachsene in unserem Kulturkreis – hauptsächlich berufsbedingt – mit Lesen (Klicpera &, Gasteiger-Klicpera, 1995, S. 5). Grundlagen für die Lesekompetenz werden schon im Vorschulalter entwickelt (vgl. etwa Schneider, 2008). Umso wichtiger erscheint es, dass Defizite im Bereich des Lesens rechtzeitig – also möglichst in frühen Phasen des Schriftspracherwerbs – erkannt und bekämpft werden. Ersteres erfordert adäquate Diagnoseinstrumente, zweites adäquate Interventionsmaßnahmen. Spätestens durch die PISA-Studie (siehe z. B. Artelt et al., 2001) wurde einer breiten Öffentlichkeit deutlich, dass im deutschen Bildungssystem erheblicher Handlungsbedarf besteht. Die Suche nach geeigneten und anwendbaren Verfahren gestaltet sich jedoch häufig schwierig. Damit ein Verfahren als geeignet und anwendbar bezeichnet werden kann, muss es ganz verschiedenen und teilweise von der Wissenschaft wenig beachteten Kriterien genügen. Als geeignet gilt beispielsweise ein Diagnoseinstrument im Allgemeinen dann, wenn es den gängigen Testgütekriterien entspricht. Für eine Interventionsmaßnahme ist die Eignung nachgewiesen, wenn die Durchführung der Intervention zu einer signifikanten Verbesserung der zu fördernden Fertigkeit führt.

Abgesehen davon, dass zum Zeitpunkt der Entwicklung des Leseverständnistests ELFE 1-6 und des Leseverständnistrainings ELFE-T kaum Verfahren zur Verfügung standen, die in dieser Hinsicht als „geeignet“ bezeichnet werden konnten (vgl. Lenhard &, Schneider, 2006, S. 12), genügt die Erfüllung psychometrischer Forderungen alleine allerdings nicht, damit solche Verfahren mit der dringend notwendigen Flächendeckung zum Einsatz kommen. Ein Grund dafür ist der, dass der Einsatz psychometrischer Verfahren i. d. R. eingehende methodische Kenntnisse und/oder langwierige Einarbeitung erfordert. In den Schulen – also den Orten, an denen Defizite im Bereich des Schriftspracherwerbs primär erkannt und behoben werden sollten – steht dabei einem Schulpsychologen eine immense Anzahl an Schülern gegenüber. In Bayern liegt beispielsweise das Verhältnis von Schulpsychologen zu Schülern bei 1 zu 16.500. (Zum Vergleich: In den USA oder Skandinavien liegt die Betreuungsrelation zwischen 1:1.000 und 1:2.000, BR-online, 2007). Bei einer geschätzten Prävalenz der Lese-Rechtschreibstörung (LRS) von ca. 5 % (vgl. Schulte-Körne, Deimel &, Remschmidt, 2001) stünden einem einzigen Psychologen also über 800 Kinder mit LRS gegenüber. Hinzu kommen mindestens noch einmal so viele Kinder, die zwar unter Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten leiden, aber die Kriterien für die Diagnose der LRS nicht erfüllen. Diagnostische Verfahren sollten deshalb eine hohe Ökonomie besitzen und wenig Zeit zur Einarbeitung erfordern. Mit dem Leseverständnistest ELFE 1-6 (W. Lenhard &, Schneider, 2006, das Akronym ELFE geht dabei auf den ursprünglich anvisierten Altersbereich der Grundschüler zurück: „Ein Leseverständnistest für Elementarschüler“) und dem zugehörigen Trainingsprogramm ELFE-T (W. Lenhard &, A. Lenhard, 2006) sind Verfahren verfügbar, die aufgrund der computergestützten Anwendung einfach und ohne tiefe testdiagnostische Kenntnisse einsetzbar sind. Zusätzlich zum computerbasierten Verfahren steht beim Lesetest außerdem auch eine Papierversion zum ökonomischen Testen ganzer Klassen zur Verfügung, deren Auswertung mit Hilfe des Computerprogramms zusätzlich beschleunigt werden kann.

Über die Ökonomie und die Einfachheit der Handhabung hinaus war uns bei der Entwicklung der beiden ELFE-Programme allerdings noch ein weiteres Kriterium wichtig, das vor allem bei der Konstruktion von Testverfahren häufig außen vor bleibt: Die Programme sollten durch ihre kindgerechte grafische Gestaltung eine hohe Motivation bei der Teilnahme gewährleisten. Wir wollten deshalb eine Leitfigur schaffen, die Kinder beiderlei Geschlechts und aller einbezogenen Altersstufen anspricht.