Ich schenk dir die Hölle auf Erden - (K)ein Trennungs-Roman

von: Ellen Berg

Aufbau Verlag, 2017

ISBN: 9783841213068 , 336 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Ich schenk dir die Hölle auf Erden - (K)ein Trennungs-Roman


 

Kapitel 2


Als Carina eine Viertelstunde später das Wohnzimmer betrat, in einem alten abgeliebten Jeanskleid, eine Steingutplatte mit Minipizzen in den Händen, hatte sie sich einigermaßen gefangen. Der gemütliche Raum strahlte etwas Beruhigendes aus. Es duftete nach dem würzigen Aroma von brennendem Kaminholz, nach Tannenzweigen und Parfums. Allerdings täuschte die heimelige Atmosphäre, denn natürlich hatten die Neuigkeiten für helle Empörung gesorgt. Auf die mit cognacfarbenem Leder bezogenen Couchen und Sessel verteilt, palaverten ihre Freundinnen lautstark über Beziehungen im Allgemeinen und Jonas im Besonderen. »Dumpfgummi«, »Heckenseppel« und »Vorstadtmacho« zählten noch zu den netteren Bezeichnungen, die ihm zugedacht wurden.

»Da ist sie ja endlich, unsere arme Carina!«, rief Wanda. »Denk bloß nicht, wir lassen dich jetzt im Stich!«

Von den Kindern war glücklicherweise nichts zu sehen. Nur Bingo hatte es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht. Sein Fell schimmerte golden im Widerschein des flackernden Feuers, seine Augen hatte er halb geschlossen. Doch er blieb wachsam, das signalisierte seine Rute, die rhythmisch auf den Boden klopfte. Witternd hob er den Kopf, als sein Frauchen in Sicht kam. Carina strich ihm sacht über den Rücken. Wenn sie sich auf einen Kerl verlassen konnte, dann auf Bingo. Ansonsten sah sie dem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen. Was, wenn Jonas in diese aufgeheizte Runde platzte?

»Danke, dass ihr gekommen seid«, sagte sie mit belegter Stimme.

»Entspann dich, sei ganz du selbst, du musst uns nicht die perfekte Gastgeberin vorspielen«, erwiderte Leni weich. »Wie gesagt: Wir sind für dich da. In guten und in schlechten Zeiten.«

Kaum war Carina in einen freien Sessel geplumpst, als auch schon alle auf sie einredeten. Wanda führte die Diskussion an, unterstützt von Leni, die Carina ein Glas Prosecco reichte und als frisch geschiedener Single erst einmal den Gang zu ihrem Scheidungsanwalt empfahl. Der habe es drauf, aber richtig. Mit deutlich weniger Verve beteiligten sich Betty und Sibylle an der Debatte. Beide waren glücklich verheiratet, so jedenfalls ihre Beteuerung.

Betty, im eleganten perlgrauen Kostüm nebst adrettem braunem Pagenkopf, hielt einen Vortrag über die Geheimnisse des Konfliktmanagements. Da sie in der Personalabteilung eines Pharmaunternehmens arbeitete, kannte sie sich damit bestens aus.

»Lass dich keinesfalls auf Psychospiele ein«, beschwor sie Carina. »Sonst wirst du von falschen Argumenten manipuliert. Jonas ist der Täter, wird sich aber sehr wahrscheinlich als Opfer darstellen, als überarbeiteter, emotional vernachlässigter Familienvater, der Versäumtes nachholen will. Ohne dich, versteht sich.«

Sibylle, in Jeans und grauem Rollkragenpulli, beschränkte sich passend zu ihrem Lehrerinnenjob auf wissenschaftliche Erkenntnisse über das Verfallsdatum von Ehen.

»Man muss aber auch bedenken: Spätestens nach sieben Jahren Beziehung stellt sich das Panda-Syndrom ein. Kennt ihr nicht? Doch, kennt ihr. Fürsorglichkeit statt Erotik, Kampfkuscheln auf der Couch statt heißem Sex. Alles ganz normal. Leider auch ein Nährboden für Affären.«

»Die Frage ist ja wohl eher, wie es jetzt weitergeht«, warf Leni ein. »Meiner Erfahrung nach sollte man nicht lange fackeln. Auch mein Andreas ist durch fremde Betten gestiegen. Wir haben darüber geredet. Und geredet. Und wieder geredet. Hätte ich mir alles schenken können, am Ende sind wir dann doch vor dem Familiengericht gelandet. Besser, Carina zieht den Schlussstrich sofort. Alles andere wäre verletzungsaffin. Der reine Wahnsinn.«

»Lass dich bloß nicht von diesem schlecht bestrahlten Typen austanzen!«, rief Wanda kauend. Sie hatte sich bereits bei den Minipizzen bedient und angelte sich gerade eine zweite. »Wer loslässt, hat beide Hände frei!«

Carina spürte einen dicken Kloß im Hals. Die Solidaritätsbezeugungen ihrer Freundinnen waren zweifellos gutgemeint, brachten jedoch den Nebeneffekt mit sich, dass ihre mühsam wiedererlangte Contenance kläglich in sich zusammensank. Sie fühlte sich wie ein Wollpullover, aus dem seit langem unbemerkt ein Faden heraushing – jetzt wurde kräftig daran gezogen, Masche für Masche löste sich der Pullover auf. Bald würde nichts mehr von ihr übrig sein außer einem unansehnlichen aufgeribbelten Durcheinander.

Es ging alles zu schnell, viel zu schnell. Für ihre Freundinnen war der Drops gelutscht. Für sie hingegen stand das endgültige Ehe-Aus keineswegs fest. Immerhin hatte sie noch nicht einmal mit Jonas gesprochen. Sie holte tief Luft.

»Ich finde, ich sollte Jonas erst die Chance geben, sein Verhalten zu erklären. Heißt es denn nicht: im Zweifel für den Angeklagten?«

»Klar, Männer sind Unschuldslämmer, und Joghurt ist gesund, weil er keine Gräten hat«, knurrte Wanda.

Sibylle rückte ihre Brille aus dunklem Horn gerade.

»Vierundsiebzig Prozent der Deutschen würden sich sofort trennen, wenn ihr Partner fremdgeht – soweit die Zahlen. Dennoch, Carinas Einwand ist nachvollziehbar. Sie sollte erst einmal herausfinden, was Jonas zu einer Affäre bewogen hat. Auch Männer haben Gefühle.«

»Ja, Hunger und Durst«, fauchte Wanda.

Carina wurde es immer unbehaglicher zumute. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, als erfordere das Muster der rotbraunen Terracottafliesen eine eingehende Analyse.

»Du hast ihm die besten Jahre geschenkt, wie es so unschön heißt«, merkte Leni an. »Jetzt musst du dir einiges zurückholen. Wenn du mit ihm durch bist, solltest du ein reicher Engel sein und er ein armer Teufel. Es gibt nämlich nur eins, was teurer ist als eine Geliebte – die Exfrau.«

Völlig falsche Richtung. Abgesehen davon, dass Carina jegliche Berechnung fernlag, hatte sie immer umgekehrt Jonas und die Kinder als Geschenk betrachtet. Wie im Schnelldurchlauf spulte ihre Erinnerung zehn Jahre zurück. Ein Strom von Bildern flackerte vor ihrem inneren Auge auf.

Jonas, der ihr tropfnass und übermütig lachend einen Heiratsantrag machte, unter der Dusche, nach einer durchtanzten Nacht. Jonas, der sie im selbstgenähten Hochzeitskleid über die Schwelle seines kleinen Appartements trug, das sie zwei Tage nicht verließen. Jonas, der tränenüberströmt die neugeborene Melli im Arm hielt, der überglücklich mit Benny in einem Haufen Legosteine herumkroch. Jonas, ihr Jonas, der sie beim Spaziergang im Regen umarmte und herrlich alberne Zärtlichkeiten in ihr Ohr flüsterte. Gut, das alles war lange her. Doch sie hatte es nicht vergessen.

»Und wenn ich ihm verzeihe?«, hauchte sie.

Totenstille. Es war, als hätte ihre Frage jeglichen Sauerstoff aus dem Raum gesaugt. Alle hielten den Atem an. Nahezu körperlich spürte Carina nun, was man von ihr erwartete: kurzen Prozess mit Jonas zu machen.

»Wer versucht, sich alle Türen offenzuhalten, wird seine Zukunft auf dem Flur verbringen«, befand Betty nach einer Weile.

Klirrend stellte Leni ihr Glas auf den gläsernen Couchtisch.

»Du willst ihn zurück, Carina? Ernsthaft?«

»Die langweilige Grütze kannst du dir sonst wohin kleben«, knurrte Wanda. »Da kommt was Besseres, du wirst schon sehen, ein richtig toller Typ wartet irgendwo auf dich. Wer will denn ein gebrauchtes Auto mit Delle zurück, wenn er einen Neuwagen haben kann?«

»Der Vergleich ist zwar geschmacklos, aber zutreffend«, pflichtete Leni ihr bei. »Für mich ist ein abgelegter Ehemann in etwa so faszinierend wie eine Wiedervorlagemappe.«

Betty schnippte ein paar Pizzakrümel von ihrem Rock. Mit allen zehn Fingern prüfte sie den Sitz ihrer Pagenkopffrisur, bevor sie das Wort an Carina richtete.

»Krisen sind Transferräume. Sie eröffnen neue Optionen. Was ich damit sagen will: Nach einer Trennung kannst du dich ungeachtet der Bedürfnisse deines Mannes fragen, was du noch vom Leben erwartest.«

»Statistisch gesehen, hält eine Scheidung vor vierzig mehr Chancen als Risiken bereit«, dozierte Sibylle. »Die mentale Flexibilität eines Erwachsenen erlahmt erst ab fünfzig. Also bleibt genügend Zeit, dir etwas Neues aufzubauen – sei es Beruf, Beziehung oder Hobby. Außerdem hast du mit Bingo einen entscheidenden Vorteil: Siebzig Prozent der deutschen Hundebesitzer lernen ihren Partner über ihr Tier kennen. Da geht noch was.«

»Gutes Argument.« Betty knöpfte ihre Kostümjacke auf. »Momentan fragst du dich noch, ob es ein Leben ohne Jonas geben kann. Verlass dich drauf: Sobald du die Antwort hast, ändert das Leben die Frage. Betrachte den Seitensprung deines Gatten als einmalige Gelegenheit, mehr aus dir zu machen.«

Ich will aber nicht »mehr«, dachte Carina in einer Aufwallung von Trotz. Sie gehörte nicht zu jenen Frauen, die ständig jammerten, etwas verpasst zu haben, weil sie keine Karriere vorweisen konnten. Ihr gefiel das Dasein als Hausfrau und Mutter. Sie hatte weder hochfliegende berufliche Ambitionen noch Lust auf Selbstverwirklichungstrips. So unspektakulär ihr Leben auch war, sie liebte es. Und sie liebte Jonas.

»Übrigens, Carina …«, gedankenverloren betrachtete Leni die Girlande aus Tannengrün und roten Schleifen, die über dem Kaminsims hing, »wir haben deine Tochter befragt. Du weißt schon, wegen der Sekretärin. Melli meint, die sei ein ziemlicher Aufreger gewesen. Nix graue Haare und so – Minirock und tolle Stiefel. Jawohl. Overknees in Lila, so was merkt sich ein Mädchen wie Melli natürlich.«

»Wie bitte?« Es überstieg Carinas...