Der Highlander und die Wildkatze

Der Highlander und die Wildkatze

von: Terri Brisbin

CORA Verlag, 2015

ISBN: 9783733763992 , 256 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 3,49 EUR

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Der Highlander und die Wildkatze


 

1. Kapitel

Lilidh schaute aus dem Fenster und versuchte zu überlegen, welche Möglichkeiten ihr offenstanden. Die Stille zwischen dem Ende des Tages und dem Beginn der Nacht war immer dann ihre liebste Zeit des Tages, wenn sie Entscheidungen treffen musste. Die Tochter des Earl of Douran, Laird der MacLeries, hielt in ihren Gedanken inne. Womöglich war es besser, wenn sie bis zum Morgen wartete …

Sie wandte sich vom Fenster ab und ließ den Blick durch die große und behaglich eingerichtete Kammer schweifen. Ihr war klar, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb und sie kaum eine andere Wahl hatte … wieder einmal. Das Pergament lag noch immer fast unbeschrieben da, wo sie es platziert hatte. Sie nahm es hoch und hielt es so, bis sie im Kerzenschein die Buchstaben darauf erkennen konnte. Zum zigsten Mal las sie sie und konnte sich noch immer nicht entscheiden, wie sie weitermachen sollte, wie sie das, was sie mitzuteilen hatte, in Worte fassen sollte.

An den Earl und die Countess of Douran, begann der Brief mit den förmlichen Titeln der beiden, dann folgte: Vater und Mutter.

Und dann … nichts mehr.

Wie sollte sie ihr Elend erklären, in das sie der Tod ihres Ehemanns gestürzt hatte, mit dem sie nur zwei Monate lang verheiratet gewesen war? Das Ableben des Lairds der MacGregors wurde nach außen hin verschwiegen, bis sein Erbe – sein jüngerer Bruder – von den Ältesten des Clans als neuer Anführer bestätigt wurde. In ihrer Rolle in dieser Ehe war Lilidh kläglich gescheitert, hätte sie doch beide Clans aneinander binden und dem MacGregor einen Erben gebären sollen. Denn obwohl sie als unerfahrene junge Frau mit Iain MacGregor den Bund der Ehe geschlossen hatte, war ihr nicht entgangen, dass es zwischen ihnen nicht so gewesen war, wie es hätte sein sollen.

Das Pergament in ihrer Hand bewegte sich leicht im warmen Luftstrom, den die Hitze der brennenden Kerze hervorrief. Lilidh setzte sich an den Tisch, nahm den Federkiel und tauchte ihn gerade so weit in die Tinte, dass er nicht klecksen würde. Dann zwang sie sich dazu, die Worte aufzuschreiben, mit denen sie sich in den Augen ihrer Eltern und ihres Clans selbst demütigen würde.

Ich habe festgestellt, dass ich Euren Ratschlag benötige, was die Situation meiner Stellung hier in Iain MacGregors Haushalt und bei seiner Familie angeht. Als seine Witwe ohne jede Hoffnung, einen Erben zur Welt zu bringen, weiß ich …

Aber was wusste sie? Sie hatte ihn geheiratet, nachdem von ihrem Onkel ein Vertrag ausgehandelt worden war, den ihr Vater unterzeichnet hatte. Über ihren Anteil an der Mitgift konnte sie nach eigenem Ermessen verfügen, und man ließ ihr die Wahl, im Clan ihres Ehemannes zu bleiben oder zu ihrem eigenen Clan zurückzukehren. Ihr Onkel hatte dafür gesorgt, dass die Bedingungen des Vertrags sie schützten. Doch ihr die Entscheidung zu überlassen, machte alles nur viel schwieriger für sie. Lieber wäre es ihr gewesen, hätte ihr jemand gesagt, was sie als Nächstes zu tun habe.

Wenn sie blieb, würde man für sie eine weitere Ehe arrangieren, sobald ein geeigneter Mann gefunden war, damit die Verbindung zwischen den Clans gestärkt wurde. Kehrte sie heim, würde man sie anderweitig verheiraten, aber zu Hause würde sie auch mit der Enttäuschung ihrer Familie angesichts ihres Versagens konfrontiert werden. Da sie nichts erklären und mit niemandem offen reden konnte, wusste sie nicht, was sie schreiben sollte.

Wie albern sie sich doch benahm! Ihre Eltern liebten sie und würden sie wieder bei sich aufnehmen, auch ohne jegliche Erklärung. Ihre Mutter war die Einzige, mit der sie über Persönliches reden konnte, so wie es bereits vor ihrer Ehe der Fall gewesen war. Ihre Mutter würde ihr zuhören, selbst wenn sie ihr nicht erklärte, was sich zwischen ihr und ihrem Ehemann abgespielt hatte … oder besser gesagt: was sich eben nicht abgespielt hatte. Sie wandte den Blick von der Kerzenflamme ab und atmete einmal tief durch, dann machte sie das einzig Vernünftige. Sie bat ihre Eltern, heimkehren zu dürfen.

Es gibt für mich kaum einen Grund, noch länger hier zu verweilen, daher möchte ich Euch um die Erlaubnis bitten, nach Lairig Dubh zurückkehren zu dürfen, sobald eine Eskorte bereitgestellt werden kann. Ich möchte Euch in anderen wichtigen Angelegenheiten persönlicher Natur um Euren Ratschlag bitten, doch ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, derlei Dinge in diesem Brief niederzuschreiben.

Vater, bitte lass mich wissen, ob Dir meine Heimkehr genehm ist.

Mutter, schließ mich bitte in Deine Gebete ein, damit der Allmächtige in dieser schwierigen Zeit über mich wacht.

Es waren nur wenige Zeilen, die aber alles Wesentliche aussagten. Mehr als das gab es eigentlich nicht mitzuteilen. Sie ließ die Tinte trocknen, faltete den Brief zusammen, gab das Siegelwachs darauf und drückte den Ring hinein, den ihr Vater ihr ein Jahr zuvor zum Geburtstag geschenkt hatte. Den Brief würde sie am Morgen einem der MacLerie-Diener mitgeben, die sie hierher begleitet hatten. In zwei Wochen erhielt sie hoffentlich eine Antwort von ihren Eltern und wüsste dann endlich, was die Zukunft ihr bringen würde.

Aber wie sollte sie nur erklären, dass sie Witwe, aber immer noch Jungfrau war?

Jocelyn, Connor MacLeries Ehefrau, hielt das Pergament hoch und las die Zeilen noch einmal. Aus den Worten konnte sie deutlich herauslesen, wie traurig ihre älteste Tochter war. Lilidh war stets selbstsicher und entschieden aufgetreten, doch der ganze Tonfall in ihrem Brief verriet ihr, wie verloren und unsicher das Mädchen war.

„Wirst du es ihr erlauben?“, fragte sie ihren Ehemann, der eben aus dem Bett aufgestanden war und zu ihr an den Tisch kam, an dem sie saß. Als sie zu ihm hochsah, wurde ihr schwer ums Herz. Lilidh war so weit weg, und Jocelyn wollte sie in ihre Arme schließen und sie den Schmerz vergessen lassen, der so deutlich in ihren Worten zum Ausdruck kam.

„Ich bespreche das mit Duncan und den anderen Ältesten“, antwortete Connor leise, zog ihr das Pergament aus den Fingern und legte es zurück auf den Tisch. „Die MacGregors wollen Iains Tod nicht öffentlich machen, bis sein Erbe seinen Platz einnehmen kann. Da die Lage zwischen ihnen und den MacKenzies so angespannt ist, dass Krieg in der Luft zu liegen scheint, tun sie alles, um einen Angriff zu vermeiden. Heute Nacht können wir überhaupt nichts unternehmen, also komm zurück ins Bett, Jocelyn.“ Er nahm sie bei der Hand und zog sie vom Stuhl hoch.

Sie ließ sich von ihm so in den Arm nehmen, wie sie es am liebsten mit Lilidh getan hätte, aber ihr wurde schnell klar, dass er sie nicht an sich zog, um ihr Trost zu spenden. Ihm ging es um seine Lust und um den Versuch sie abzulenken, aber er wollte sie auch davon abbringen, sich zu sehr für die Entscheidungen des Clans zu interessieren. Sie würde ihn gewähren lassen, doch jetzt wollte sie erst eine Antwort haben, da sie die Männer eine so schwerwiegende Entscheidung nicht treffen lassen würde, ohne ihre Meinung dazu kundzutun.

„Wirst du sie nach Hause holen?“ Sie beobachtete die unterschiedlichen Gefühlsregungen, die die Miene ihres Gatten widerspiegelte. Schließlich konnte sie ihm wie erwartet seine Einwilligung ansehen.

„Aye. Ich hatte nur auf ein Wort von ihr gewartet.“

Sie beugte sich vor und küsste ihn auf den Mund. „Hast du ihr schon eine Nachricht zukommen lassen?“

„Die Nachricht an die MacGregors geht morgen früh auf den Weg. In einer Woche sollte Lilidh wieder hier sein.“

„Und die Konsequenzen?“ Sie wusste, diese Ehe war nicht bloß zwischen einem Mann und einer Frau, sondern zwischen zwei Clans arrangiert worden. Außerdem hatten die Väter gemeinsam überlegt, wen ihre Kinder am besten heiraten sollten. Da es dabei um ihre Tochter gegangen war, hatte Jocelyn an den meisten Beratschlagungen nicht teilnehmen und nur Gespräche mit Connor führen dürfen. Gespräche, in deren Verlauf sie beide sich jedes Mal früher oder später im Bett wiedergefunden hatten.

„Du kennst die Konsequenzen. Niemand hat mir Fragen gestellt, inwieweit sie etwas mit Iains Tod zu tun hatte, also müssen die MacGregors die Art und Weise seines Ablebens akzeptiert haben. Lilidhs Mitgift wird uns zurückgegeben, und es bleibt mir überlassen, wen sie als Nächstes heiraten wird.“

Das hatte sie hören wollen. Lilidh würde nach Hause zu ihrer Familie zurückkehren, und ihr künftiges Glück lag wieder allein in den Händen ihres Vaters, begleitet natürlich von den Ratschlägen seiner engsten Verwandten und Beratern … und von ihr, seiner Ehefrau.

Aber da Jocelyn die Ehe mit dem Laird der MacGregors für gut gehalten hatte, konnte sie sich kaum über Connors Entscheidung beklagen. Was immer es sein mochte, das sich zwischen Lilidh und Iain abgespielt und was seinen Tod ausgelöst hatte, dadurch war es unmöglich geworden zu beweisen, dass es die richtige Entscheidung gewesen war.

Nachdem Connor ihr die gewünschte Antwort gegeben hatte, hob er den Kopf und küsste sie auf den Mund. Im gleichen Augenblick wurde ihre Leidenschaft entfacht, und Jocelyn genoss jeden Moment. Wie sehr sie doch gehofft hatte, Lilidh würde so etwas in ihrer eigenen Ehe ebenfalls erfahren! Auch wenn Iain älter als sie und schon einmal verheiratet gewesen war, hatte sie das Gefühl gehabt, dass er ein guter Mann war, der Lilidh auf Händen tragen würde. Die Verlobung und die Vermählung waren vielversprechend verlaufen, und Jocelyn hatte nicht daran gezweifelt, dass sie schon bald Enkelkinder haben würde.

Aber nun war...