Die ganze Wahrheit über alles. - Wie wir unsere Zukunft doch noch retten können

von: Sven Böttcher, Mathias Bröckers

Westend Verlag, 2016

ISBN: 9783864896231 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 12,99 EUR

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Die ganze Wahrheit über alles. - Wie wir unsere Zukunft doch noch retten können


 

Vorwort

Das Schicksal jedes Volkes und jeder Zeit
hängt von den Menschen unter 25 Jahren ab.

Johann Wolfgang von Goethe

Die ganze Wahrheit über alles ist, dass wir die Welt problemlos paradiesisch verbessern könnten; dass kein Mensch mehr verhungern müsste; dass es nicht einmal in der kurzen Übergangsphase von unserem derzeitigen zum kommenden System zu Blutvergießen, Not oder Elend kommen müsste. Die ganze Wahrheit ist, dass wir alles zum Guten wenden könnten, im Handumdrehen. Und dass neun von zehn Menschen das auch gern täten, selbst wenn sie dafür ein paar Opfer bringen müssten.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass wir das nicht mehr schaffen – wir, die über 25-Jährigen, die Alten. Weil wir verwirrt sind und abgelenkt, gehetzt und desillusioniert; weil wir nicht mehr daran glauben, dass wir die Zukunft positiv gestalten können; weil wir meinen, neun von zehn Menschen seien unsere Konkurrenten und wollten uns ans Leder; weil wir Angst haben, vor allem.

Deshalb ist im Folgenden ständig die Rede von »wir« und von »ihr« – wenn wir euch meinen, unsere Kinder und Enkel. Dabei ist uns bewusst, dass ihr jedes »ihr werdet« als Zumutung empfindet, denn wieso solltet ihr euch ausgerechnet von Gescheiterten wie uns erzählen lassen, was ihr tun werdet. Oder solltet.

Wir können nur hoffen, dass ihr diesen Impuls nachsichtig ignoriert, indem ihr doppelt mildernde Umstände walten lasst. Erstens nämlich ist uns nichts Besseres eingefallen als »Was ihr daraus machen werdet«, um in den nachfolgenden, durchgehend konsequent formatierten Kapiteln die →Zukunft als tatsächlich machbar zu beschreiben, zweitens habt ihr zwar recht, wenn ihr uns als gescheitert betrachtet, aber das bedeutet ja nun noch lange nicht, dass wir bloß alte Besserwisser sind. Wir sind allerdings alt, tatsächlich, und wir sind ein bisschen müde. Sowie umzingelt von alten Leuten, mit denen einfach kein Staat mehr zu machen ist und erst recht kein Paradies.

Aber ihr könnt das. Oder könntet. Mal sehen.

Nun ist Besserwissen oder sogar besser wissen allein noch lange kein Grund, ein ganzes Buch vollzuschreiben und anderen Leuten auf den Keks zu gehen. Dazu gehört zwingend auch noch ein gerüttelt Maß Sorge, die sich hoffentlich nachvollziehbar vermitteln lässt. Denn es ist beileibe nicht so, dass »wir« alle schon immer desinteressiert oder Deppen gewesen wären, die sich einen Dreck um den Planeten oder unsere Mitbewohner desselben geschert hätten. Sogar heute ist es noch so (ob ihr’s glaubt oder nicht), dass viele von uns Alten sich nicht nur diffus unwohl fühlen oder diffus depressiv. Viele von uns bekommen trotz unserer allgegenwärtigen Hektik und Sorge noch immer gelegentlich klare Gedanken zu fassen, die sich regelrecht trotzig anfühlen. Gedanken wie: »Es kann doch nicht sein, dass wir Nahrungsmittel für 14 Milliarden Menschen herstellen – und dass trotzdem Menschen verhungern!«, »Es kann doch nicht sein, dass wir die ganze Welt mit Waffen ausrüsten, obwohl keiner Krieg führen will!«, »Es kann doch nicht sein, dass hierzulande Altersarmut für viele droht, obwohl wir alles haben!«, »Es kann doch nicht sein, dass wir unseren Planeten bis zur Unbewohnbarkeit aufheizen!«, »Es kann doch keine Steueroasen geben!«

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Tatsächlich ist es so, dass viele von uns Alten in solchen Momenten immer noch aufbrechen, zumindest gedanklich, und diesen klaren und einfachen Gedanken nachgehen. Also von dieser schlichten Eingangsfeststellung »Das geht so nicht, das kann nicht sein« förmlich hinabsteigen in die tieferen Gründe, weshalb es eben doch so ist. Und hierbei erleben wir, mutig und klar gestartet, unweigerlich immer dasselbe. Direkt unter der Oberfläche, direkt hinter der Eingangsfeststellung, erwarten uns Experten, bewaffnet mit Unmengen dicker Bücher und großkalibrigen Faktenarsenalen, die uns wortreich erklären, weshalb die Dinge zwingend so sind, wie sie nun mal sind: weshalb Menschen verhungern, der Planet immer wärmer wird, wir Unmengen Waffen herstellen, wir gegen Ende unseres Lebens von Almosen werden leben müssen etc. pp. Und schaffen wir es tatsächlich, mit sturem Blick und Ohren zu, an diesen Fachkräften vorbeizukommen und noch etwas tiefer einzudringen in die Materie, erwartet uns spätestens drei Meter weiter unten eine wahrhaft beeindruckende Konstruktion – eine Konstruktion aus Drähten, Kabeln, Leuchtdioden und reichlich Sprengstoff sowie dem Warnschild: »Keinen Schritt weiter, Explosionsgefahr!« Denn hier, auf dieser gedachten Ebene kurz nach Passieren der Expertenschar für dies (Wirtschaft), das (Rüstung) oder jenes (Energie), erweist sich unsere Suche nach einer einfachen Antwort auf unsere einfache Frage plötzlich als lebensgefährlich. Weil nichts einfach ist. Sondern alles zusammenhängt.

So stehen wir also vor dieser beeindruckenden Sperre und studieren, noch immer nicht geschlagen, die bunten Kabelverbindungen: Wohlstand folgt aus Wachstum, Wachstum aus Kapitalismus, Kapitalismus braucht Wettbewerb, Wettbewerb braucht Verlierer, Verlierer hungern, Hungernde rebellieren, wenn man sie nicht mit Waffen zurückhält, Globalisierung bedeutet mehr Wohlstand für alle, ausreichend Nahrung lässt sich nur mit Hilfe des Kapitalismus erzeugen, ohne Kapitalismus kein Wachstum, ohne Wachstum keine Zukunft und keine Renten.

Es ist völlig egal, über welche klare Eingangsfrage wir an diesen Punkt hinabsteigen: Wir stehen immer wieder vor der gleichen Bombe, die uns beim Lösen auch nur eines einziges Drahtes sofort zu pulverisieren droht. Und Pulverisieren bedeutet in diesem Fall ganz konkret (sicherheitshalber steht’s auch noch kleingedruckt auf dem Warnschild): »Wenn Sie das hier anrühren, gehen bei Ihnen zu Hause die Lichter aus und die Heizung gleich mit, und es kommen auch keine Frachtschiffe mehr, Sie werden also verhungern. Sofern Sie nicht vorher im Bürgerkrieg zwischen Einheimischen, Ausländern und Asylanten erschossen werden.«

Und so korrigieren wir unsere eingangs klare Feststellung, dass »das« doch eigentlich gar nicht sein kann, wenden uns ab, überzeugt, dass es eben nicht geht. Jedenfalls nicht anders. Dass zwar zutrifft: »So geht es nicht weiter«, aber erst recht: »Es geht nicht anders«. Dass zutrifft: »Ohne Wachstum geht es nicht« und ebenso zutrifft: »Mit Wachstum geht es nicht«. Dass zwar nichts richtig gut ist, aber alles doch immer noch besser als die Alternative. Die Pulverisierung. Licht aus, Heizung aus, Bürgerkrieg. Wer würde bei einer solchen Ausgangslage irgendein Kabel aus einer Konstruktion ziehen, bei einer Chance von höchstens 1 zu 1000, nicht das falsche zu erwischen? Da gehen wir doch lieber auf Nummer Sicher. Unter.

So also machen wir weiter wie gehabt, sogar wir vielen, die unzufrieden und unglücklich sind. Immer weiter. Wir haben es doch versucht. Sind hinabgestiegen und tief in die Materie eingedrungen. Und haben gefunden: Es geht nicht anders.

Das allerdings ist nicht wahr. Und diese Unwahrheit ist gefährlich, und nur deshalb gibt es dieses Buch. Denn die Bombe da unten ist eben nicht »unentschärfbar«, obendrein würde sie, selbst wenn wir die Drähte schlicht durchschlügen, eben nicht explodieren, weil sämtliche Plastiksprengstoffpakete in dieser Konstruktion bloß Knetgummi-Attrappen sind. Auch kennen wir die Ratten, die diese Attrappe da hingebastelt haben, und können euch nicht nur versichern, sondern, besser, beweisen, dass die nur mit Wasser kochen (dabei aber durchaus Blut und Wasser schwitzen, wenn sie an euch denken).

Ein zweiter Aspekt ist aber ebenso wichtig. Und der betrifft die Eingänge. Denn diese Eingänge hinter unserer unweigerlich klaren Feststellung »Das kann nicht sein, das muss man doch besser machen können!« tragen ja fast immer Namen, und diese Namen sind Ideen, meist schon vor langer Zeit in Stein gemeißelt – von →Demokratie bis →Entwicklungshilfe, →Familie bis →Freiheit, von →Arbeit bis →Rentenversicherung. Dummerweise haben aber andere so lange an eben diesen Ideen herumgebastelt und gemeißelt, dass heute niemand mehr erkennt, was ursprünglich gemeint war.

Deshalb dieses Buch – und deshalb die strenge Form, der scheinbar redundante, tatsächlich aber nur Klarheit schaffende Dreisatz aus »Was gemeint war/Was wir daraus gemacht haben/Was ihr daraus machen werdet«. Es geht eben nicht nur darum aufzuzeigen, was zu tun ist, es geht auch und vor allem um die zwei Schritte davor. Zunächst darum, die Originalideen zu restaurieren und wieder in ihrer ganzen Klarheit erstrahlen zu lassen, also Staub und Fälschungen zu entfernen, um im zweiten Schritt (»Was wir daraus gemacht haben«) aufzuzeigen, wo wir uns weshalb verirrt und in welche Richtung wir uns...