Die Sehnsucht nach einer verlogenen Welt - Unsere Angst vor Freiheit, Markt und Eigenverantwortung - Über Gutmenschen und andere Scheinheilige

von: Günter Ederer

C. Bertelsmann, 2001

ISBN: 9783894806842 , 479 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,49 EUR

  • Ein Happy End für unsere Liebe
    Viel mehr, als du denkst!
    Flieh nicht vor der Liebe, Gracie!
    Funkelnd wie ein Diamant
    Melanie, die Liebesbotin
    Liebesskandal in der High Society?
  • Tage der Rache, Nächte der Zärtlichkeit
    Heiraten? Nur aus Liebe!
    Küsse, Baby und das Familienglück
    Auf Umwegen ins große Glück
    Ein Millionär zum Verlieben
    Neuer Mann - neues Glück?
 

Mehr zum Inhalt

Die Sehnsucht nach einer verlogenen Welt - Unsere Angst vor Freiheit, Markt und Eigenverantwortung - Über Gutmenschen und andere Scheinheilige


 

1. Ein Südseetraum

Kennen Sie Capsalay? Wahrscheinlich nicht. Dieses traumhafte Eiland im Südchinesischen Meer ist selbst auf detaillierten Touristenkarten nicht verzeichnet. Zusammen mit meiner Frau verbrachte ich dort vier Wochen, und wir erzählen gern von diesem Urlaub im Paradies. In Manila lernten wir den Besitzer kennen: einen erfolgreichen deutschen Geschäftsmann, der mit einer Filipina verheiratet ist. Von ihm mieteten wir uns für 50 Dollar pro Tag in eine Ferienhausanlage ein, die lediglich aus drei Bungalows besteht, die mit Materialien aus dem Urwald gebaut wurden. Schon die Reise nach Capsalay war ein Abenteuer.
Die erste Etappe legten wir mit der Privatmaschine des japanischen Ferienclubs El Nino von Manila aus zum Nordzipfel der lang gestreckten Insel Palawan zurück. Dort wartete eine viersitzige Cessna, die uns in das Zentrum von Palawan nach Roxas brachte. Erst verjagte der Pilot im Tiefflug Kühe von der Piste, dann ließ er nach der Landung die Motoren weiterlaufen, während wir ausstiegen und unser Gepäck entluden. Andernfalls wären die Räder der Maschine in den morastigen Boden eingesunken.
Von der Piste in Roxas ging es in einem Jeepney weiter, einem jener bunten, offenen Vehikel, die das Haupttransportmittel der Philippinen darstellen. Nach 40 Kilometer Fahrt über das gebirgige Rückgrat von Palawan hielten wir in der weitgeschwungenen Bucht von Barton. Noch einmal mussten wir umsteigen, in eine Banka, eines der in der Südsee üblichen Auslegerboote. Nach einer weiteren Stunde hatten wir endlich Capsalay erreicht. Kein Plakat, keine noch so kitschige Beschreibung kann wiedergeben, wie herrlich uns dieses Südseeparadies vorkam. Weißrosa der Korallensand, der in ein ruhiges lauwarmes Meer übergeht, das in allen Farben von Türkisgrün bis Azurblau reflektiert. Die Kokospalmen neigen sich schräg über den Sand zum Meer, spenden zusammen mit Kasuarinen Schatten.
Wir waren die einzigen Feriengäste, umsorgt von Rosita, einer resoluten, aber herzlichen Enddreißigerin, die das Dutzend Personal befehligte, das für unser Wohlergehen zuständig war. Die Wünsche wurden uns von den Lippen abgelesen: Zum Frühstück stand der Tisch direkt am Meer, abends in der Nähe des Haupthauses. Gekocht wurde, was wir uns wünschten oder was das Meer gerade hergab. Nach Sonnenuntergang brannten noch eine Weile die Petroleumlampen, bevor uns der Sternenhimmel des Südens und die Geräusche einer unendlich weiten Natur umgaben.
So erzählen wir sie gern, die Geschichte von unserem Urlaub, den wir allein im Paradies verbrachten. Die Geschichte ist sogar wahr - jedenfalls glauben wir auch schon selbst daran, so oft haben wir sie wiederholt und andere damit neidisch gemacht. Und wenn wir sie vor unseren Zuhörern ausbreiten, dann besteht eine stillschweigende Übereinkunft zwischen meiner Frau und mir, uns diese Erinnerung so zu erhalten, wie wir sie gern hätten, und ohne dass wir je darüber gesprochen hätten, wissen wir, dass wir nicht die ganze Wahrheit erzählen. Aber unsere Wunschvorstellung nach diesem Stück Paradies ist so groß, dass wir die Realität ausblenden, und unsere Erinnerung an Capsalay ist immer noch so positiv, dass wir regelrecht Sehnsucht haben nach Capsalay, nach jener verlogenen Welt.
Die Realität: Nachdem wir ausgeschlafen hatten, machten wir entlang der etwa zwei Kilometer langen Bucht einen ersten Spaziergang. Wir waren noch nicht weit gekommen, als ein halb umgestürzter Stacheldrahtzaun unseren Weg behinderte. Davor stand sogar ein Wachmann mit einer Flinte. Er gehörte zum Personal unserer Ferienanlage. Auf unsere Frage, was hier los sei, antwortete er, wir könnten ruhig weitergehen, er müsse nur aufpassen, dass niemand das Grundstück betrete. Die Menschen hinter dem Stacheldrahtzaun seien Landdiebe und würden bald verjagt. Ungefähr 200 Meter weiter lichtete sich die Bepflanzung, und eine zweite Ferienanlage mit fünf einfachen, reisstrohgedeckten Hütten und einem offenen, geschmackvoll eingerichteten Restaurant kam zum Vorschein. Eine Italienerin, Mitte vierzig begrüßte uns, froh, Europäer zu treffen. Sie erzählte uns ihre Version vom Paradies.
Sie hatte zusammen mit ihren beiden Schwestern einen gut gehenden Textilbetrieb in Norditalien geerbt. Da die drei aber weder etwas vom Geschäft verstanden, ihnen auch sonst der Sinn für ein bürgerliches Leben abging, entschlossen sie sich, in der Südsee eine Insel zu kaufen. Ihr Globetrotterleben endete auf Capsalay, wo sie sich spontan in die Insel und die Vorstellung verliebten, hier eine kleine Ferienanlage zu bauen und so die nächsten Jahre das Leben zu genießen. Zudem hatte die jüngste Schwester mittlerweile auch ein Kind geboren, das sie alle gemeinsam großziehen wollten. Als Eigentümer von Capsalay wurde ihnen vom Distriktgouverneur ein Großgrundbesitzer genannt, der viele Millionen damit verdient, dass er systematisch den Urwald von Palawan illegal abholzt und nach Japan verkauft. Schnell wurden sie sich handelseinig. Für 100000 US-Dollar wurden sie ins Grundbuch als Eigentümer der Westseite von Capsalay eingetragen.
Das Problem: Derselbe Großgrundbesitzer hatte die Westküste auch schon dem deutschen Geschäftsmann verkauft. Die Grundbucheintragungen wiederum waren so schlampig erfolgt, dass die Eigentümerfrage offen blieb. Der Deutsche war jedoch im Vorteil: Er hatte eine Filipina zur Frau, und die darf Land in den Philippinen besitzen, während Ausländern wie den Italienerinnen höchstens Pachtrechte zugestanden werden.
Im Grunde genommen war für beide Platz. Die Feriensiedlungen lagen so weit auseinander, dass selbst musikalische Klänge beider Parteien von den Palmen dazwischen geschluckt wurden. Doch anstatt sich zu arrangieren, begann ein erbitterter Kleinkrieg, in dem der Deutsche der Angreifer, die Italienerinnen die Verteidiger waren. Da wurde schon mal eine Hütte abgebrannt, mit Stöcken aufeinander losgeschlagen, der Stacheldrahtzaun gebaut und Wachen aufgestellt. Unser Vermieter hatte sogar an jedem Baum ein Warnschild angebracht, auf dem er androhte, auf jeden zu schießen, der sich seiner Anlage unberechtigt nähert.
Natürlich wollten wir auch wissen, wie es auf der anderen Seite der Insel aussah. Also sind wir den ungefähr 50 Meter hohen Hügel hinaufgeklettert und stießen oben auf dem Kamm ebenfalls auf Stacheldraht und einen Zaun mit einer Tür. Während »unsere« Seite dicht bewachsen und grün war, blickten wir auf der anderen Seite auf ein Dorf und eine Bucht hinunter, in der es keinen Baum und keinen Strauch mehr gab. Schätzungsweise 200 Filipinos lebten da zusammen mit ihren Schweinen und Ziegen. Diese etwa zwei Kilometer lange und höchstens 300 Meter breite Insel war also dreigeteilt: in je eine deutsche und italienische grüne Westhälfte und in eine braune, mit Exkrementen besudelte Bucht im Osten.
Die Verwalterin unserer Anlage verteidigte die strenge Abgrenzung von den Einheimischen. Früher war Capsalay unbesiedelt. Vor etwa zehn Jahren siedelten sich dann die heutigen Bewohner aus den Zentralphilippinen an. Der Großgrundbesitzer beschäftigte sie als Holzfäller, bezahlte so gut wie nichts. Dafür durften sie auf der Insel wohnen, wo sie gleich mit der Produktion von Kindern anfingen. In nur zehn Jahren haben sich die Einwohner des Dorfes von 20 auf 200 vermehrt - eine alltägliche Geschichte auf den Philippinen. Je ärmer die Leute sind, desto mehr Kinder haben sie, und desto tiefer dringen sie mittlerweile auch in jeden noch so abgelegenen Landstrich vor.
Kaum hatten die Siedler auf Capsalay die ersten Hütten errichtet, so begannen sie damit, die Bäume zu fällen und daraus Holzkohle zu machen. Nach den Bäumen hackten sie die Sträucher und Mangroven ab. Danach versiegte das Grundwasser. Die Siedler kamen über den Hügel und holten auf der grünen Seite Wasser. Doch als sie auch noch anfingen, heimlich Büsche und Bäume zu fällen, ließ der deutsche Besitzer den Stacheldrahtzaun errichten, und der Hügelkamm wird nun wie eine Grenze streng bewacht. Die Dorfbewohner müssen jetzt ihr Frischwasser mit dem Boot von der Hauptinsel Palawan holen. Da die Zahl der Kinder immer weiter steigt, das Einkommen aber eher sinkt, weil der Urwald in der Region bald abgeholzt ist, fingen die Siedler an, mit Dynamit das Meer leer zu fischen.
Unser kleines Paradies, die Insel Capsalay - ein Spiegelbild fast aller Konflikte, die heute unsere Welt beherrschen: Da sind die finanziell gut versorgten Europäer, die trotzdem aufeinander losgehen, weil einer dem anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnt; da sind der Bevölkerungsdruck und die Dummheit in der Dritten Welt, die die natürlichen Ressourcen unseres Globus überstrapazieren; und da sind die korrupten Verwaltungen und Großkapitalisten, die sich einen Dreck um Gesetze und die Zukunft der Menschheit kümmern, sondern Konflikte noch schüren, weil sie sich dann umso ungenierter bereichern können.
Wann immer wir von Capsalay und unserem Urlaub in der tropischen Südseeidylle erzählen, blenden wir die Wirklichkeit einfach aus. Es ist, als ob wir uns irgendwo ein Stück Paradies malen wollen, das jenseits der Realität dieser Welt existiert. Die unberührte, intakte Wildnis mit den edlen, von der Zivilisation noch nicht verdorbenen Wilden - sie ist ein Zerrbild, und sie ist es schon immer gewesen. Jean-Jacques Rousseau hat sie uns vorfantasiert, und vielleicht war er damit deshalb so erfolgreich, weil wir alle irgendwie so ein Stück heile Welt brauchen, um nicht an der Realität zu verzweifeln.

2. Alltagslügen

An nasskalten Novembertagen, wenn die Recherchen zu den nächsten Filmen wieder einmal die Lügengebäude der Tagespolitik aufdecken, wenn Ehrenworte und Ehrenerklärungen entlarvend zeigen, wie unehrenhaft unsere Elite ist, wenn die Gutmenschen auf ihrem verlogenen Moralschleim ausrutschen, dann sehne ich mich nach meiner verlogenen Welt, jenem Trugbild in der Südsee namens Capsalay. Allein die Vorstellung, es gebe so eine heile Welt, macht dann die Realität erträglicher.
Wenn sich aber eine ganze Nation auf die Flucht begibt, sich eine Welt vorgaukelt, die es so nicht gibt, sich vor Realitäten und Wahrheiten drückt, weil sie zum Umdenken zu bequem ist, wenn eine ganze Nation sich in einer Wunschwelt verliert, sich nach einer verlogenen Welt sehnt, dann steuert sie auf einen Crash zu. Kapitalvernichtung und Kriege sind die Folge unvernünftigen Handelns, das Ergebnis von Wunschdenken und Wahnvorstellungen. Der Zusammenbruch eines Staates erfolgt, wenn die Sehnsüchte nach der verlogenen Welt an der Realität zerschellen.
Wunschvorstellungen und Wirklichkeit klaffen in unserem Land gefährlich auseinander. Unser Volk der Dichter und Denker - ein Volk der Schlächter und Henker. Die Deutschen, sauber, fleißig und ehrlich - Deutschland: graffitiverschmiert, voller Schwarzarbeiter und Politikskandale. Die Bundesrepublik Deutschland - ein weltweit gelobtes Modell der sozialen Marktwirtschaft. Die Bundesrepublik Deutschland - hoch verschuldet, vom Fiskalsozialismus und von einer übermächtigen Bürokratie erdrückt. Deutschland - noch immer ein Staat, der eher auf die Obrigkeit setzt als auf die Eigenverantwortung.
Doch stimmt es nicht, dass Deutschland immer noch zu den führenden Wirtschaftsnationen der Welt gehört - und wir vor allem Weltmeister im Nestbeschmutzen und Jammern sind? Ja, auch das stimmt. Doch Deutschlands Anteil an der Weltwirtschaft sinkt drastisch. Der Trost, dass es Albanien schlechter geht, hilft uns nicht: Die Albaner erwarten auch nicht von ihrem Staat unsere Sozialleistungen.
Zugegeben: Es ist für den Einzelnen nicht leicht herauszufinden, ob er gerade von einer Stimmungsmache missbraucht wird oder ob er nicht doch das Richtige tut. Die große Bereitschaft der Deutschen, Gutes zu tun, wird bei jeder Katastrophe auf der Welt deutlich, für die in den Fernsehsendern zu Spenden aufgerufen wird. Jedes Mal kommen da enorme Summen zusammen, und kaum jemand will wissen, wie effizient sie eingesetzt werden. Von Berichten über Schlampereien, Veruntreuung und Inkompetenz der Hilfsorganisationen wollen die Spender gar nichts wissen. Die Menschen wollen helfen - basta.
So fließen die Gelder dorthin, wo die Fernsehkameras stationiert sind, das Unglück zu Hause im Wohnzimmer erlebbar wird. Wir alle haben tagelang mitgelitten, als die Fluten in Mosambik stiegen, und mitgezittert, wenn die Hubschrauberpiloten die verängstigten Menschen von den Bäumen retteten. Bundesgrenzschutz und Bundeswehr wurden mobilisiert, öffentliche und private Gelder zur Verfügung gestellt. Nur tausend Kilometer entfernt litten die Menschen in Madagaskar unter den gleichen tropischen Stürmen, hatten ähnliche Verwüstungen zu beklagen, und nur die Franzosen halfen ihnen, der Rest der Welt hat das überhaupt nicht mitbekommen.
Wir alle haben auch schon von der Aids-Katastrophe gehört, die in Afrika wütet. Sie beunruhigt auch die Menschen in Europa. Aids-Benefiz-Veranstaltungen finden ein großes Echo, die Prominenz kommt zusammen, wird gesehen und spendet Milliardensummen vor allem für die Forschung. Die kleine rote Schleife am Revers drückt die eigene Verbundenheit mit den Opfern aus. Aids wird als eine die Welt bedrohende Seuche wahrgenommen.
Aids, das ist die Krankheit, die auch vor den Reichen und Schönen nicht Halt macht. Aber sie fordert längst nicht so viele Opfer und richtet längst nicht so verheerende wirtschaftliche Schäden an wie Malaria - die Krankheit der Armen in der Dritten Welt.
Die Weltgesundheits-Organisation schätzt, dass 500 Millionen Menschen von Malaria befallen sind, also etwa zwanzigmal so viele wie von Aids. 90 Prozent davon leben südlich der Sahara in Afrika. In einer Studie wird der wirtschaftliche Schaden, den die Malaria in 15 Jahren in den 31 am meisten betroffenen afrikanischen Staaten angerichtet hat, auf 74 Milliarden Dollar geschätzt. Gabun allein hat 17 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verloren. Aber in die Malaria-Forschung werden knapp fünf Prozent der Mittel gesteckt, die der Aids-Forschung zur Verfügung stehen. So orientiert sich auch der medizinische Fortschritt nicht an der Zahl der Opfer, denen geholfen werden könnte, sondern an dem Berühmtheitsgrad der potenziellen Opfer. Wie wäre es einmal mit einer Malaria-Gala, an der alle Hollywood-Größen umsonst teilnehmen? Ich fürchte, das würde genauso ein Reinfall wie eine solche Veranstaltung in Berlin mit deutscher Prominenz. Aids ist nah, Malaria weit weg.

Wir sehnen uns regelrecht nach Nachrichten, die beruhigend wirken - und seien sie noch so verlogen. Jeden Monat zum Beispiel wird in Nürnberg die neueste Arbeitslosenstatistik verkündet. Eine Zeremonie, zelebriert durch die Herren der Zahlen. Je mehr Arbeitslose es gab, desto bedeutender wurde das Nürnberger Hochamt: zuerst dargeboten durch Josef Stingl, dann durch Heinrich Franke und jetzt durch Bernhard Jagoda. Und alle drei machen den Eindruck, als beglückten sie ihre Arbeitslosen, damit ihnen nur keiner verloren gehe. Und was teilen sie uns da mit? Alles, nur nicht die Zahl der Menschen, die in Deutschland einen Arbeitsplatz suchen. Trotzdem überschlägt sich Monat für Monat das politische Deutschland, wenn es darum geht, diese Zahlen zu kommentieren. Die jeweilige Regierung des Bundes und der Länder redet die Zahlen dann schön, und die jeweilige Opposition wirft der Regierung schlimmes Versagen vor. So geht das jetzt schon Jahrzehnte.
Die Industrie- und Handelskammer Hamburg hat für ihr Gebiet die Situation der rund 75000 gemeldeten Arbeitslosen genauer untersucht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Registrierten überhaupt nicht mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, weil sie hier nur im Vorruhestand geparkt sind, oder es handelt sich um Personen, die gerade ihren Job verloren haben und kurzfristig bis zum Antritt der neuen Stelle eine Auszeit nehmen. Dieses Drittel kann und will also nicht vermittelt werden. Ein weiteres Drittel denkt gar nicht daran, eine der angebotenen Stellen anzunehmen, weil die Betreffenden schon einen festen Arbeitsplatz in der Schwarzarbeit AG haben und es sich für diese Personengruppe nun wirklich nicht lohnt, eine reguläre Beschäftigung mit Sozialabgaben anzutreten, bei der im Endeffekt weniger Geld auf der Hand bleibt, als sie jetzt verdienen.
Diese Beobachtung ist ziemlich genau auf das ganze Bundesgebiet hoch zu rechnen. Der Wert der Schwarzarbeit in Höhe von zirka 650 Milliarden Mark ergibt, auf Beschäftigungsverhältnisse umgerechnet, rund 800000 Vollzeit-Arbeitsplätze. Die werden aber bei der Nürnberger Trauerveranstaltung immer noch als arme Arbeitslose mit vermeldet.