Das Wolkenzimmer

von: Irma Krauß

cbj Kinder- & Jugendbücher, 2009

ISBN: 9783641017101 , 320 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 6,99 EUR

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Das Wolkenzimmer


 

8 (S. 38-39)

In dieser Nacht, es ist die dritte, schläft der Türmer überhaupt nicht. Es brodelt unter der Oberfläche. Aus dem dunklen Spiegel des Teichs blubbern kleine Eruptionen. Gedanken, Empfindungen. Der Türmer liegt auf dem Rücken, genau wie Veronika im Vorraum, als er sie zuletzt sah. Nur dass er seinen Schlaf dringend bräuchte. Sie wird wieder den ganzen Tag lang nichts tun. Sie wird sich in einer Ecke zusammenrollen, sich um gar nichts kümmern und so viele Stunden schlafen, dass sie jetzt nachts wach liegen muss, einfach deswegen, weil sie ausgeschlafen hat.

Dem Türmer gelingt die stumme Zwiesprache mit seinen Steinmetzgesellen nicht mehr, seit sie hier ist, die flinken Füße des Jungen, seine kleine Figur vor einem der Fenster, sein Davonhuschen stören ihn auf. Jeder Viertelstundenschlag ist wie ein schmerzender kleiner Biss und das liegt nicht an der lauten, vertrauten Uhr. Der Türmer steht auf, sowie es hell ist. Er muss sich nicht anziehen, denn seit das Mädchen hier ist, trägt er nachts einen Trainingsanzug.

Er schiebt den Schlüsselbund in die Tasche und öffnet die Tür. Er überquert den Vorplatz, ohne extra leise aufzutreten. Veronika rührt sich nicht. Sie schläft jetzt so tief, dass nicht einmal das Glöckchengebimmel sie stören kann. Der Türmer geht hinunter, ohne konkretes Ziel, ohne eine bestimmte Absicht. Dann aber hält er plötzlich vor den Glocken an. Er sperrt das Sicherheitsschloss an der gro ben Holztür auf und geht hinein. Er berührt die kühlen Rundungen. Wie ein Bauer, der Trost bei seinen Tieren sucht. Der Junge ist auch gern hierhergekommen. Nur war da noch kein Boden unter dem Glockenstuhl.

Der Türmer will lächeln, als er an den Jungen denkt. Doch das Lächeln misslingt. Denn der Junge strauchelt. Er klammert sich an den Glockenrand, er stürzt nicht ab, aber die Glocke kippt, sie schlägt an, tief und schwer. Und ist über Stadt und Land zu hören. Der Türmer lehnt an der Wand und spürt sein Herz klopfen. Es dauert eine Weile, bis er sich erholt. Endlich sperrt er die Tür wieder zu, mit Händen, die zittern, und steigt langsam nach oben. Das Mädchen schläft. Der Türmer öffnet alle acht Fenster, die vier im Vorraum, die drei in der Türmerstube und das eine in der Küche.

Der Turm hat acht Ecken und damit auch acht Wandflächen, in jeder Wand ist ein Fenster. Ein vollkommen harmonisches Maß. Ebenso vollkommen wie das wuchtige Viereck, auf dem der Turm errichtet ist und das nach oben wächst und auf halber Höhe im steinernen Kranz seinen Abschluss findet, im unteren Umgang, der nur zu besonderen Anlässen zugänglich gemacht wird. Darüber sitzt die Glockenetage, achteckig, mit vier hohen Schallfenstern, eines nach jeder Himmelsrichtung. In vollkommenem Ebenmaß an den vier Wänden dazwischen die Stützpfeiler, die die vier Ecken des unteren Turms nach oben tragen, bevor sie in gotischen Ziertürmchen auslaufen. Über den Glocken weitere Etagen, eine davon mit acht großen Fenstern, die niemand öffnen kann, es sei denn, er verstünde es, auf Balken zu gehen. Über diesen Fenstern, die blind vom Staub sind, liegen die kleineren Fenster der Türmeretage, blank geputzt, und lassen weit geöffnet den Sommermorgen herein.