Spektrum - Roman

von: Sergej Lukianenko

Heyne, 2008

ISBN: 9783894804152 , 720 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Spektrum - Roman


 

Eins (S. 13-14)

Der Regen erreichte Martin auf der Spitze des Hügels. So tief, wie die Wolken hingen, vermeinte er, er bräuchte lediglich hochzuspringen und könnte sich sodann mit der Hand etwas von der feuchten grauen Watte klauben. Die ersten Regentropfen klatschten, kleine Staubfontänen aufwirbelnd, auf den Pfad. Einen Moment lang verstummte alles – dann zog der Regen wie eine undurchdringliche Mauer heran.

Unverzüglich verwandelte sich der Pfad in eine jener Rinnen, wie man sie aus Aquaparks kennt. Schmutzig schäumten die Pfützen auf. Kaltes Wasser plätscherte über seine Füße, die Wolken brauten sich immer tiefer zusammen – und Martin fand sich endgültig im Regen wieder, im grauen Dunst, im Herzen eines tosenden Gewitters. Stockfinster wurde es. Die ersten Minuten hielt das wasserfeste Material seiner Jacke noch stand, dann drang die Nässe bis auf die Haut durch. Die Hosen klebten ihm an den Beinen, über die Zunge seiner Schuhe flutete Wasser in die Schuhe.

Er marschierte weiter, den Regen verfluchend, der an dreihundert Tagen im Jahr fiel, und auch das Dickicht pikender Gebüsche, die den Pfad zwangen, sich entgegen dem gesunden Menschenverstand über den Hügel zu schlängeln, seine Arbeit sowie sich selbst. Der Pfad weichte unter seinen Schritten auf, was es ihm zunehmend erschwerte, das Gleichgewicht zu halten. Schon ging Martin nicht mehr, sondern schlitterte, balan cierte und drohte doch, jeden Moment hinzufallen. Der Karabiner verschmolz mit seinem Rücken, wurde merklich schwerer, bei jedem Schritt hafteten sich ein paar Pfund Dreck an seine Sohlen. Selbst in seinem Innern schien sich alles aufzulösen: Es schwabbelte in seiner Nase, gluckerte in seiner Kehle, die Muskeln erschlafften zu feuchter Watte, sogar seine Gedanken verwässerten, flossen ihm davon.

Über alles hätte sich Martin jetzt gefreut, über ein aus dem Gebüsch herausspringendes wildes Tier, über Blitzschlag und Donnergrollen, ja, selbst über ein unvermutetes Hindernis, das ihn zwang zu rennen, etwas zu erklimmen, zu springen oder zu kriechen. In dem grauen Regen gab es indes nichts außer blubberndem Morast, feuchten pikenden Zweigen und dichtem grauen Nebel. So blieb ihm nichts übrig als weiterzugehen, in monotonem Schritt und ohne innezuhalten, eins geworden mit dem anhaltenden Wolkenbruch.

Das zarte Licht über der Station sah er, kaum dass er die Kuppe des Hügels überwunden hatte. Vielleicht hatte sich ein Sonnenschimmer in den Regen gestohlen, vielleicht hingen die Wolken nicht mehr so tief, denn durch die schrägen grauen Regenstrahlen hindurch blinkte vor ihm nun der Leuchtturm. Ein roter Blitz, ein grüner Blitz, eine Pause, bei der es sich jedoch eigentlich um einen Lichtblitz im ultravioletten Bereich handelte. Hernach folgte grellweißes Licht, blendend und betörend wie ein Lichtbogen. Martin beschleunigte den Schritt. Trotz allem war er nicht vom Weg abgekommen.

Eine Stunde später erreichte er die Station. Das aus Steinblöcken errichtete zweigeschossige Haus nahm sich in dieser Gegend aus Hügeln und Sümpfen keinesfalls fremd aus. Die mit schweren purpurroten Gardinen verhangenen Fenster schienen lediglich bedachtsam gesetzte Farbflecken zu sein, die den grauen Hintergrund nur umso stärker hervortreten ließen. Das Leuchtfeuer an der Spitze des hohen Steinturms schickte sein Licht in großer Höhe aus.