Lebensweltorientierte Kunsttherapie in der Sozialen Arbeit

von: Birgit Nievelstein

GRIN Verlag , 2007

ISBN: 9783638859264 , 98 Seiten

Format: PDF, ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 34,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Lebensweltorientierte Kunsttherapie in der Sozialen Arbeit


 

II Handlungstheoretische / konzeptionelle Ebene


 

3 Strukturen ästhetischer lebensweltorientierter Sozialer Arbeit


 

Kapitel drei soll im Kontext dieser Arbeit zweierlei leisten. Das primäre Interesse besteht an einer Zusammenführung von strukturellen, handlungstheoretischen Aspekten der vorgestellten Theorien der Sozialen Arbeit von Thiersch und Staub-Bernasconi mit kunsttherapeutischen Strukturen. Dazu werden die handlungstheoretischen Konzepte und Handlungskompetenzen nach Staub-Bernasconi (Punkt 3.1) und Thiersch (Punkt 3.2) vorgestellt und Aspekte für kunsttherapeutische Interventionen zusammengefasst (Punkt 3.3).

 

Weil sich das Verständnis von Kunsttherapie aus verschiedenen Wissenschaften speist und sich nicht auf eine erkenntnistheoretische Begründung stützen kann, wurde vorhergehend (Kapitel zwei) die Ästhetik als Bezugspunkt der Kunsttherapie der Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit (Kapitel eins) wissenschaftstheoretisch gegenüber gestellt. Daher werden die Ansätze einer Kunsttherapie nach Menzen und Richter und deren strukturelle Bedingtheiten in diesem Kapitel (Punkt 3.4) beschrieben. Ebenso wird der Frage nachgegangen, was die Kunst als Medium für die Kunsttherapie und damit für Interventionen der Sozialen Arbeit nutzbar macht. In Punkt 3.5 wird ein Fazit gezogen, inwieweit sich die vorgestellten kunsttherapeutischen Konzeptionen in eine lebensweltliche Sichtweise integrieren lassen und damit zu dem Modell einer ‚lebensweltorientierten Kunsttherapie’ modifiziert werden können. Zudem wird die wissenschaftstheoretische Begründung einer ‚lebensweltorientierten Kunsttherapie’, zusammenfassend aus Kapitel eins, zwei und drei, schematisch aufgezeigt (Punkt 3.5.2, Abb.4).

 

3.1 Staub-Bernasconi: Handlungskonzept


 

Staub-Bernasconi legt für die handlungstheoretische Ausarbeitung ihrer Theorie der Sozialen Arbeit notwendige Handlungskompetenzen vor und beschreibt ein professionelles Handlungsmodell zur Bearbeitung sozialer Probleme. Die Auswahl der Arbeitsweisen ergibt sich aus der Eigenart der sozialen Problematik.

 

3.1.1 Handlungskompetenzen

 

Staub-Bernasconi (in: dies., 1983, 312) bezeichnet die Professionellen der Sozialen Arbeit als „‚soziale Erfinder’ von sozialen Problemlösungen unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen.“

 

Aus dem in Punkt 3.1.2 (s.u.) beschriebenen Handlungsmodell ergeben sich verschiedene Kompetenzansprüche an das berufliche ‚ganzheitliche’ Handeln (vgl. ebd., 307):

 

- Die Fähigkeit zur Identifizierung sozialer Problematiken auf der individuellen, zwischenmenschlichen wie gesellschaftlichen Ebene und deren Zusammenschau.

 

- Die Kompetenz, Prioritäten so zu setzen, dass darüber entschieden werden kann, mit welchen Mitteln an welchen sozialen Problemen auf welcher sozialen Ebene mit welchem Adressatensystem gehandelt werden soll.

 

- Die Fähigkeit, um Wissen und soziale Phantasie, Motivation und Können, Improvisation und Stabilität beim problemorientierten Arbeiten zu verbinden.

 

- Handlungskompetenzen zur Zusammenarbeit mit Laien, freiwilligen Helfern, Vertretern anderer sozialer Berufe und Politikern, damit eine ‚ganzheitliche’ Lösung des Problems gewährleistet ist [28].

 

- Kompetenzen zur sozialarbeitswissenschaftlichen Reflexion der eigenen Praxis.

 

Damit zeigt Staub-Bernasconi die für sie stets notwendige systemische und globale Sichtweise Sozialer Arbeit auf (vgl. Punkt 1.3.1 und 1.3.2).

 

3.1.2 Handlungsmodell

 

Staub-Bernasconi geht aufgrund ihres prozessual-systemischen Theorieverständnisses von problembezogenen Arbeitsweisen in der Praxis Sozialer Arbeit aus und legt dazu ein handlungstheoretisches Modell vor.

 

Weil soziale Probleme und die Antworten darauf gemeinsamer Gegenstand der wissenschaftlichen Reflexion und der Praxis Sozialer Arbeit sind (vgl. Staub-Bernasconi 1983b, 11ff.), gleicht der Aufbau ihres Handlungsmodells dem Aufbau ihrer Theorie Sozialer Arbeit mit den fünf Wissensformen[29] (Punkt 1.3). Die Fragen eröffnen jeweils einen Reflexions- und/ oder Handlungsschritt auf das jeweils vorliegende soziale Problem hin (vgl. Engelke 2002, 375). Die einzelnen Schritte und daraus folgende Arbeitsweisen sind nach folgenden Fragestellungen zu gliedern (vgl. Staub-Bernasconi 1983a, 281ff.):

 

Was ? (Gegenstandswissen)

 

Mit dieser Frage soll die Beschreibung des sozialen Problems durch Daten oder Bilder erfasst werden, „sei es im ‚Hier und Jetzt’ oder [...] im Rahmen einer zeitlichen Abfolge (WANN) oder (sozial-) räumlichen Anordnung (WO)“ (ebd. 282).

 

Auf handlungstheoretischer Ebene wird so ein „aktuelles, historisches wie sozialräumliches Bild des unerwünschten, zu problematisierenden Sachverhaltes mittels Daten“ aufgezeigt und damit als erklärungs- und veränderungswürdig definiert (vgl. ebd.).

 

Warum / Weshalb? (Erklärungswissen)

 

In diesem Schritt wird das beschriebene Problem durch wissenschaftliche Theorien, z.B. aus den Bezugswissenschaften Medizin, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Kulturtheorie (oder Medienpädagogik; d. Verf.) erklärt bzw. hypothetisch gedeutet (vgl. ebd., 282f.).

 

Diese Ebene der Sozialen Arbeit zeigt anhand verschiedener Theorien, die „mehr oder weniger stabile Zusammenhänge unter bestimmten Bedingungen aufzeigen“‚ sog. ‚Konstruktionsmuster’ des Problems auf, wohingegen auf sozialpraktischer Ebene ‚Beziehungsmuster’ interessieren, da sie die Praxis „flüssiger, prozesshafter und [...] gestaltbarer“ machen (vgl. ebd., 283f.).

 

Wohin / Woraufhin? (Wertwissen)

 

Hierbei geht es um eine Bewertung des sozialen Problems und um eine wertende Zielsetzung für die Lösung, wobei auch Bezug zur Philosophie/Sozialphilosophie, Ethik, Theologie (oder Ästhetik; d. Verf.) genommen werden muss. Wieso ist das so? Diese Fragestellung ist im Kontext dieser Arbeit bedeutend, weil Staub-Bernasconi (ebd., 284) darauf verweist, dass Bedürfnisse und Wünsche von Menschen (wie z.B. das in Artikel 27 der Menschenrechte herausgestellte Recht „sich der Künste zu erfreuen“) als allgemein geltendes Recht nicht ausreichend durch „sich als wertfreie Wissenschaft verstehende Disziplinen“ verankert werden können, sondern einer philosophischen Reflexion bedürfen. Die Bedeutung ästhetischer Erfahrungen für ein ‚schönes’ Leben wurde dahingehend in Kapitel zwei ausführlich dargestellt.

 

Wer? (Verfahrenswissen)

 

Mit dieser Fragestellung werden die an der Problemlösung zu beteiligenden Personen im Hilfeprozesse bestimmt und dazu notwendige Aufgaben formuliert (vgl. ebd., 285). Auf einer zweiten Ebene bezieht sich die Frage auf den Sozialarbeiter als Handelnden, der auf handlungstheoretischer Ebene auf Beschreibungen über die ‚Funktion’ der Sozialen Arbeit und ‚Rolle’ des Sozialarbeiters zurückgreifen kann. Nach Staub-Bernasconi (ebd., 286) hat Soziale Arbeit immer eine „entwickelnde, neuorganisierende und damit verändernde Funktion“.

 

Womit? (Verfahrenswissen)

 

Der Handlungsschritt dient der Bestimmung von „Arbeitshypothesen“ und Methoden bezogen auf die vorhandenen „materiellen“. „ideellen“ und „kompetenzmäßigen“ Ressourcen (ebd., 287). Staub-Bernasconi verlangt „theoretisch angeleitete Phantasie“ und „Erfindungsgabe“ (ebd.). Sie plädiert damit für eine erweiterte Sicht der Sozialen Arbeit, womit auch unkonventionelle Methoden wie die der Kunsttherapie in den Mittelpunkt des Interesses rücken.

 

Wie? (Verfahrenswissen)

 

Diese Frage eröffnet die Bestimmung von konkreten Handlungsanweisungen in Form von Plänen und Techniken.

 

Ob? (Evaluationswissen)

 

Die letzte Fragestellung dient der Auswertung und Erfolgskontrolle.

 

Staub-Bernasconi (ebd., 290f.) betont abschließend eine notwendige „Gesamtheit der Aussagesysteme“. Damit grenzt sie ihr Modell als ‚ganzheitliches’ wissenschaftliches Handlungsmodell von rein phänomenologischen Analysen, „akteurorientierten“, „zeitlich-biographischen wie sozialräumlichen Beschreibungen“ ab.

 

3.2 Thiersch: Handlungstheoretisches Konzept


 

Alltags- und Lebensweltorientierung als Handlungskonzept der Sozialen Arbeit konkretisiert sich nach Thiersch in Zielbestimmungen, Handlungsmustern und Strukturmaximen.

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