Kalter Hund - Nettelbecks zweiter Fall

von: Rainer Wittkamp

Grafit Verlag, 2014

ISBN: 9783894251543 , 251 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Kalter Hund - Nettelbecks zweiter Fall


 

I

Es stank. Es stank bestialisch. War das ein Wunder?

Diegos Leiche lag seit sieben Tagen im Kofferraum und verweste. Unaufhaltsam. Verbreitete einen Fäulnisgeruch, der langsam durch jede Ritze des BMW drang. Schleichend. Gnadenlos. Im Wageninnern roch es süßlich, nach verfaultem Fleisch, nach stofflicher Auflösung im Endstadium. Normalerweise hätte er den Kadavergeruch abstoßend gefunden, extrem widerlich. Normalerweise. Wenn er Diego nicht so sehr geliebt hätte.

Diego, my friend. Diego, you love of my life.

Es war Diegos Blick, dem Bilal vom ersten Moment an verfallen war, dem er nicht widerstehen konnte. Die Art, wie Diego ihn ansah. Vertrauensvoll und zärtlich. Mit seinen dunklen, unergründlichen Augen. Liebe … ja, es war Liebe. Bilal dachte an ihre letzten gemeinsamen Stunden und lächelte. Sie hatten zusammen auf der Couch gelegen, matt und schläfrig, während sich die schwülheiße Luft über Gropiusstadt wälzte. Berlin lag seit Tagen unter einer Hitzeglocke, ein Ende war nicht abzusehen. Im Gegenteil. Hoch Josephine und Tief Ansgar schaufelten unermüdlich heiße Wüstenwinde aus der Sahara heran. Keine Chance auf Abkühlung.

Gähnend hatte Bilal sich vorgebeugt, zärtlich Diegos Bauch gekitzelt und dann an seinen Schwanz gefasst. Diego war zurückgewichen, hatte sich auf die Seite gedreht und kurz darauf leise geschnarcht. Bilal hatte überlegt, es noch einmal zu versuchen, dann fielen ihm auch die Augen zu. Eigentlich ist das Leben schön, dachte er im Halbschlaf. Unendlich schön.

Eine Stunde später war Diego tot.

Von da an war nichts mehr wie zuvor. In Bilal war etwas zerbrochen und er fühlte eine Leere, die ihm fast das Herz zerriss. Eine Kälte, die nur Diego hätte erwärmen können. Bilal fühlte sich unfähig, sich von seiner großen Liebe zu trennen, schob den Moment des Abschiedes so lange wie möglich hinaus. Versuchte, die Notwendigkeit der endgültigen Trennung zu leugnen, stattdessen an all das Schöne zu denken, das sie gemeinsam erlebt hatten, an die Augenblicke puren Glücks. Bilal schaute sich auf dem Smartphone die Videoclips an, die zahllosen Fotos, die ihn und seinen Freund zeigten. Unendliche Freude überwältigte ihn.

Diego and Bilal – Bilal and Diego – big love forever!

Doch die Zeit ist gnadenlos, so viel hatte er gelernt in den letzten zehn Tagen. Schmerzhaft lernen müssen.

Das liebste Wesen in seinem Leben konnte nicht ewig in der Anderthalbzimmerwohnung in Gropiusstadt bleiben.

Am dritten Tag nach Diegos Tod sah das auch Bilal ein. Er schleppte den Leichnam seines Freundes über die Nottreppe zum Parkplatz, erst weit nach Mitternacht, als er sicher sein konnte, dass niemand der anderen Mieter etwas bemerkte. Versteckte Diego im Kofferraum des BMW, seinem ockerfarbenen Unglücksschiff.

Die nächsten Tage lang fühlte Bilal sich gelähmt, betäubt, wie unter Narkose. Zwar belieferte er weiterhin die Spielhallen mit Verbrauchsartikeln, Bergen von Toilettenpapier, 25-Liter-Behältern voll Cremeseife und Wischreiniger, schenkel-dicken Handtuchrollen aus Recyclingpapier, mit Süßwaren, Zigaretten, Softdrinks. Doch er agierte wie in Trance, dachte die ganze Zeit an den Leichnam im Kofferraum. Es musste etwas geschehen. Dringend. Aber was? Ihm wollte einfach nichts einfallen. Er verschob die Entscheidung von einem Tag auf den anderen.

Bis es nicht mehr ging. Diegos Todesgeruch verpestete das Wageninnere, vom Heck bis zum Fond. Und mit jeder Minute wurde es schlimmer. Siebenunddreißig Komma acht Grad im Schatten wirken sich verheerend auf Kadaver in verschlossenen Räumen aus. In Berlin und auch sonst wo. Obwohl er sämtliche Fensterscheiben des BMWs heruntergefahren hatte, blieb der Gestank Sieger auf der ganzen Linie. Bilal Gösemann kapitulierte. Er musste endlich handeln.

*

Kriminalrätin Jutta Koschke, Leiterin des Dezernats Delikte am Menschen, starrte ihren Kollegen über den Schreibtisch hinweg fassungslos an: »Du willst die ganze Aktion abblasen, Martin? Vier Stunden bevor es losgeht?«

Nettelbeck nickte und schaute auf die präparierte Trophäe, die ihn einäugig-fischig von der Wand hinter Koschkes Arbeitsplatz anstarrte. Ihn mit ihrem bösen Blick zu durchdringen versuchte, um ihr mieses Karma bei ihm abzulaichen. Dem Ersten Kriminalhauptkommissar schossen wirre Gedanken durch den Kopf: Töten Fliegenfischer eigentlich Fische? Dürfen sie das nach ihrem Fliegenfischer-Kodex überhaupt? Müssen sie sie nicht sofort wieder ins Wasser zurückwerfen? Und wenn doch eines dieser kiemenatmenden, schillernden Wesen dabei draufgeht – hängen diese Fliegenfischer sich ihre Opfer dann auch noch an die Wände respektive an ihre Bürowände und protzen damit? Und falls nicht – war Jutta Koschke dann wegen ihrer unzweideutigen Mordlust überhaupt noch für den höheren Polizeivollzugsdienst geeignet? Nettelbeck rutschte auf dem Besucherstuhl hin und her. Fragte sich, ob das Wesen an der Wand ein Wels war, ein Barsch oder bloß irgendein mutiertes Fischlein, eine durch Chemikalien aufgeschwemmte Forelle beispielsweise.

Egal, seine Aufmerksamkeit galt inzwischen mehr dem unbequemen Stuhl, als der Fischleiche seiner Vorgesetzten. Nicht ergonomisch geformte Sitzflächen können wahre Schmerzattacken verursachen, dachte er gequält. Als Nettelbeck noch im Dezernat Dienstleistung, Referat Versorgung, zwangsversetzt war, hatte er sich vergeblich für den Ankauf eines Stuhltyps ausgesprochen, der gesäßgerechter geformt war. Aber aus Kostengründen hatte man sich für dieses Monsterstuhlmodell entschieden. Nettelbeck versuchte, sein Gesäß durch erneute Gewichtsverlagerung zu entlasten.

»Und warum, Martin? Mit welchem Argument? Wir haben doch alles bis ins Kleinste durchgesprochen«, sagte Jutta Koschke mit kaum unterdrückter Aggression.

»Mag sein, aber die letzte sogenannte Festnahme durch die Kollegen vom Dezernat 134 war nicht nur ein Fehlschlag, es war die totale Pleite. Da lacht jetzt noch das ganze LKA drüber. Außerdem sind inzwischen fast sechs Monate vergangen.«

»Ach ja? Und was willst du damit andeuten? Soll das etwa ein persönlicher Angriff werden? Bezweifelst du die Kompetenz meiner Untersuchung?«

»Das würde ich niemals, Jutta. Das solltest du wissen.«

»Und woher kommt dann dein plötzlicher Sinneswandel?«

»Ich habe nachgedacht. Gründlich nachgedacht. Heute Morgen, in aller Ruhe. Und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass Ploog Berlin verlassen hat.«

»Martin, es reicht!«

Die Kriminalrätin sprang auf, konnte sich kaum noch beherrschen, wäre am liebsten über den Schreibtisch gehechtet und hätte ihren Kollegen eigenhändig gelyncht. Gelyncht oder erdrosselt. Hauptsache tot. Genau: Kollege tot. Doch ihr war klar, dass sie Nettelbecks direkte Vorgesetzte war und dass sie deshalb Führungsstärke zeigen musste. Sie wandte ihm den Rücken zu, schaute auf den rückwärtigen Parkplatz, versuchte, sich zu beherrschen, Sarkasmus in ihre Erscheinung zu legen. Was ihr vom Naturell her – als Arbeiterkind mit einem unbändigen Aufstiegswillen, der von ihren Eltern allerdings nur mäßig gefördert wurde – schon von jeher schwergefallen war. Also begann sie, sich anders negativ aufzuladen, dachte an widerlich süße Süßigkeiten, an Bittermandelekel, an brechreizfördernde Fruktose-Exzesse. Dachte an die quietschsüßen Sacharintütchen, die ihr Mann Günther ständig mit sich herumtrug, im verzweifelten Versuch abzunehmen, und die er überall liegen ließ, ihr lieber dicker Pummelbär.

Ekelsüße! Ekelsüße! Ekelsüße!

Die Kriminalrätin starrte auf den Parkplatz, ließ die Augenlider auf- und zuklappen, bekam sich nach und nach in den Griff, erlangte Kontrolle über ihre Mimik. Bis ihr Gesicht die nötige Portion Sarkasmus ausstrahlte.

Sie drehte sich zu Nettelbeck herum.

»Schau einer an, zu dieser Meinung bist du also gekommen. Auf einmal, von heute auf morgen? Wie die Jungfrau zum Kinde?«

»So würde ich das nicht ausdrücken. Es sind die Tatsachen, die mich überzeugt haben.«

»Tatsachen! Klingt ja echt spannend.«

»Ploog ist mehrmals zur Fahndung ausgeschrieben worden, Jutta. Und trotzdem haben wir nicht den kleinsten Hinweis erhalten, dass er sich noch in der Stadt aufhält.«

Nettelbecks Blick ging hoch zur Fischleiche, die ihn unheilschwanger von der Wand herab anstarrte, und er seufzte. »Vermutlich hat er sich längst ins Ausland abgesetzt. Nach Uruguay oder sonst wo hin.«

»Uruguay? Hallo, geht’s noch?«

»Vielleicht sogar nach Ozeanien.«

»Unsinn, Martin, Kindergarten! Ploog gehören hier zig Baufirmen. Solche Geschäfte kann man nicht aus dem Ausland führen. Man muss vor Ort sein, sonst ist man schnell weg von den Futtertrögen. Verdrängt von der Konkurrenz. Ich bin absolut sicher, dass Ploog sich noch immer in Berlin aufhält.«

»Selbst wenn du recht hättest – ich habe dabei ein komisches Gefühl. Vertrau mir, Jutta. Wenigstens dieses Mal. Lass uns die Razzia absagen.«

»Kommt gar nicht infrage, Martin. Ich habe die Aktion ewig vorbereitet. Ich will, dass wir sie zum Abschluss bringen und Ploog endlich verhaften. Punkt. Ende. Aus. Nur weil du plötzlich unter Entschlussschwierigkeiten leidest, werde ich nichts abblasen.«

»Entschlussschwierigkeiten?« Nettelbeck war verblüfft über die ungewöhnliche eloquente Wortwahl seiner Kollegin. »Wie kommst du überhaupt darauf, dass Ploog an dem Restaurant beteiligt ist?«

»Leitner und Ploog sind seit Urzeiten geschäftlich verbandelt. Schon seit Beginn der Achtzigerjahre. Die haben in Berlin eine Schneise der kriminellen Verwüstung geschlagen....