Drei Mal Stunde Null? - 1949 - 1969 - 1989

von: Richard Weizsäcker

Siedler, 2002

ISBN: 9783894807566 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 15,99 EUR

  • Im Inselreich der Liebe
    Julia Extra Band 0321 - Mit dir unter dem Mistelzweig / Ein verführerisches Geschenk / Zuckerguss und Weihnachtskuss / Frohe Weihnachten, Louise! /
    Herzklopfen in der Karibik
    Bleibt dein Herz in Australien?
    Süsse Umarmung in Nizza
    Küss mich, Playboy!
  • Bleib bei mir, Gabriella
    Tiffany Exklusiv Band 06 - Heisser Draht / Von dir will ich alles / Ein verführerisches Angebot /
    Julia Extra Band 0323 - Sommernacht in Rom / Heissgeliebter Feind / Prinzessin Undercover / Ein Baby für den Playboy /
    Julia Extra Band 0322 - Die Hochzeit des Prinzen / Nur bei dir fühl ich mich geborgen / Verzaubert vom Fest der Liebe / Und immer wieder du! /

     

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Drei Mal Stunde Null? - 1949 - 1969 - 1989


 

Die Null wurde im fünften Jahrhundert durch Inder eingeführt. Sie wanderte weiter nach China, später nach Arabien. Von dort erreichte sie uns Europäer im Mittelalter. Wir verwenden sie auf vielfache Weise, in der Mathematik, als Normal-Null zur Höhenmessung, in der Thermometerskala als Nullpunkt, für Nullsummen-Spiele oder gar im übertragenen Sinn für ein Herzensthermometer, das auf Null stehen kann.
Religionen und traditionsempfindende Gesellschaften beschäftigen sich mit der Herkunft von Mensch und Welt. Ursprungserzählungen finden sich bei den indischen Upanischaden, im Gilgamesch-Epos, in Schöpfungs- und Paradiesschilderungen. Offenbarungsreligionen haben und hüten einen Beginn. Das gilt für die vedische und die Zarathustra-Religion, ist so im Judentum, auch im Christentum und im Islam. Die Null markiert den Anbruch eines neuen Zeitalters mit seinem Ursprung von Glaube und Lehre, vielleicht auch von Ordnung und Herrschaft.
Vom Umgang der Wissenschaften mit den Ursprüngen sei hier nicht die Rede, sondern von der politischen Geschichte. Dort stoßen wir mit höchst unterschiedlichen, ja entgegengesetzten Empfindungen auf die Null. Sie kann das Gefühl eines unwiderruflichen Zusammenbruchs ausdrücken, ein Verlangen nach vollkommenem Auslöschen erlebter Geschehnisse. Oder es ist die Gewissheit eines neuen Anfangs. Revolutionen markieren mit Vorliebe den Anbruch eines neuen Zeitalters durch eine eigene Zeitrechnung. Im Zuge der Französischen Revolution galt 1792 als das Jahr Eins. Am ersten Abend der Pariser Julirevolution 1830 wurde - Walter Benjamin hat daran erinnert - auf die Turmuhren geschossen: ein Stopp-Befehl an die alte Zeit, ein neuer Beginn bei Null. Schon zuvor hatte die amerikanische Revolution auf die Vergilsche Formel von der neuen Ordnung der Zeitalter, dem novus ordo saeculorum, zurückgegriffen, mit der die Regierung des Augustus gefeiert wurde.
Immer wieder ist von einer Stunde Null die Rede, weil sie von uns Menschen im Leben und Zusammenleben so empfunden wird. Es kann so tiefe Abstürze oder einen so radikal neuen Anfang geben, dass wir keine Orientierung vorfinden oder dass wir sie neu schaffen müssen und wollen.
Dennoch hat jede Geschichte ihre Vorgeschichte. Im historischen Sinne gibt es nichts dem religiös geglaubten oder dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Nullpunkt Vergleichbares. Alle Gegenwart folgt aus einer Vergangenheit. Darüber gibt es keinen Streit. Zur Debatte steht aber das Maß an Abbruch oder Kontinuität.
Generationenfolge ist zunächst Kontinuität. Leben wird gegeben, Erfahrung angeboten. Für eine zivilisatorische Entwicklung ist dies lebensnotwendig. Allen Rückschlägen zum Trotz ringen wir uns vorwärts von der Wolfsnatur zu Friedensregeln, von mauerbefestigten zu offenen Städten. Es gibt tragende, positive, entwicklungsoffene Kontinuitäten, aber auch niederziehende, stickige, reaktionäre oder restaurative.
Für eine neue Generation beginnt die Welt zunächst von vorn. Sie will kein Austauschmotor in einem vorfabrizierten Gehäuse sein. Es sind ihre eigenen Grundstimmungen, ihre Probleme, ihre Zeitgenossenschaft, die sie steuern werden. Gleichwohl wird sie der Kontinuitäten gewahr werden, die sie vielleicht als bewahrenswert zu empfinden lernt oder die sie verändern und abbrechen will. Sie kann selbst spüren, dass Erinnerung ausschlaggebend für sie ist: Ich war schon vor mir da, also bin ich. Dabei wird sie entdecken können, dass ihre heutigen Herausforderungen und Chancen auf wundersamen, einst unvorstellbaren Entwicklungen beruhen.
So ist es mir selbst in einem langen Leben ergangen. Was ich hier berichte, sind keine Ergebnisse wissenschaftlicher Quellenforschung. Ich bin kein Historiker, sondern Politiker. Vielmehr beschreibe ich die Entwicklungen so, wie ich sie als Zeitgenosse unmittelbar erlebt habe. Es waren für uns alle und auch für mich ganz unterschiedliche Lebensabschnitte. 1949 war ich beim Abschluss meiner Berufsausbildung als junger Strafverteidiger tätig. 1969 war ich frisch gewählter Bundestagsabgeordneter. 1989 begann meine zweite Amtszeit als Bundespräsident. Die Aufgaben veränderten sich und mit ihnen die Einsichten in die Gründe und Folgen der tiefen Zäsuren unserer Zeit.
Es waren zwei entscheidende historische Wendepunkte, die die Erfahrungen meiner Generation prägten. Der eine fiel mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen. Das Deutsche Reich hörte auf zu bestehen und wurde geteilt. Eine »Generation ohne Heimat und ohne Abschied«, so nannte uns der Dichter Wolfgang Borchert. Gedanken und Reflexionen über Wege umkreisten die Stunde Null.
Fast ein halbes Jahrhundert später fand ohne Gewalt der Kalte Krieg seinen Abschluss. Damit eröffnet sich zum ersten Mal in der europäischen Geschichte die Aussicht auf eine friedliche Vereinigung unseres Kontinents. Gewiss, die Geschichte hat uns gelehrt, behutsam zu bleiben. Aber es ist eine früher nie für möglich gehaltene Chance, die uns heute die Aufgaben für die Zukunft stellt.
Diesen tiefgreifenden Wendepunkten und dem Verlauf des Weges vom ersten über den zweiten bis zum dritten ist der nachfolgende Gedankengang gewidmet.

Je stärker die Wucht der Veränderungen wirkt, desto lebhafter wird über den historischen Nullpunkt debattiert. So erlebte man es in Deutschland schon am Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Doch erst am Ende des Zweiten Weltkriegs rückte der Nullpunkt in das Zentrum der Empfindungen. Alfred Weber nahm »Abschied von der bisherigen Geschichte«. Alexander Mitscherlich verstand die Ereignisse als die »größte materielle und moralische Katastrophe unserer Geschichte«. In der deutschen Literatur wurde die Stunde Null zur alles beherrschenden Mitte, und sie blieb es noch Jahrzehnte. Sie hat das Werk von Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll nicht weniger geprägt als Uwe Johnsons »Jahrestage« und Christa Wolfs »Kindheitsmuster«.
Selbstverständlich ist das Thema unseren Historikern wohl vertraut, und sie leisten dazu immer neue erhellende Beiträge. Denn wie einem Menschen für sein Leben und Zusammenleben ein verständiges Selbstbewusstsein und eine vernünftige Selbstsicherheit hilft, so braucht dies auch eine Staatsnation für ihre verantwortliche Existenz. Dazu bedarf es eines begründeten Urteils über die politische und geistige Bedeutung von Abbruch und Neubeginn, von Nullpunkt und Kontinuität.
Die Auseinandersetzung über diese Frage bleibt notwendig und fruchtbar, da wir immer wieder die Erfahrung machen, wie sehr sich die Urteile unter dem Einfluss neuer politischer Entwicklungen verändern können. So hat beispielsweise kaum ein Autor die Ereignisse des Jahres 1989 wirklich vorhergesehen und in ihren Folgen zutreffend einzuschätzen vermocht. Nun sprossen kühne Analysen aus dem Boden. Auf seine Weise schoss der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama den Vogel ab. Er verkündete, als der Kalte Krieg verebbte, das »Ende der Geschichte«. Er meinte den Zusammenbruch kommunistischer Diktaturen und die erfolgreiche Ankunft der Welt bei den liberalen, zumal den amerikanischen Zielen für die Geschichte der Menschheit.
Der große Umbruch des Jahres 1989 führte nicht nur neue Zukunftsperspektiven herbei. Er brachte auch im Rückblick Revisionen von allerlei herkömmlichen Meinungen und von alten Bewertungen früherer Wenden hervor. Es sind weniger die Historiker als die Politiker, die sich darin hervortun. Immer wieder wird die Deutung der Vergangenheit zum Politikum. Einerseits können Politiker nur selten der Versuchung widerstehen, im Lichte ihrer gegenwärtigen Ziele die Geschichte neu zu interpretieren und somit als Instrumente im Kampf um die heutige politische Meinungshoheit zu nutzen. Nicht viel besser ist es, wenn sie lieb gewordene, bewährte Argumente aus der Geschichte auch dann noch am Leben erhalten, wenn sich inzwischen die Zeit tatsächlich verändert hat. Wie dem auch sei, mit oder ohne besondere Absichten lohnt es, angesichts frischer Herausforderungen sich an der Vergangenheit zu messen. Gerade dabei bleiben die Fragen nach Nullpunkten, Kontinuitäten und Neubeginn aktuell.

Zum Charakteristikum Deutschlands gehört seine im europäischen Vergleich noch immer junge Lebensdauer als politischer Staat. Es sind erst einhundertdreißig Jahre. In dieser historisch knappen Zeitspanne zeigt sich ein zweites hervorstechendes deutsches Merkmal: In kurzen geschichtlichen Abständen kam es zu grundstürzenden Brüchen, zu Wenden und neuem Beginn. Blieb es jeweils überhaupt dasselbe Deutschland, gemessen an seiner durch einschneidende Gebietsverschiebungen geprägten geographischen Lage, an einer schwankenden Orientierung in der Mitte des Kontinents, nach Osten oder nach Westen oder eben auf einem deutschen Sonderweg, seinen wechselnden Staatsformen, seinen neuen Institutionen, seinen sich wandelnden Herrschaftsschichten, seiner Entwicklung zu einer Bürgergesellschaft? In seiner binnenkontinentalen Lage, umgeben von mehr Nachbarn als alle anderen Länder, hatte es stets einen prägenden Anteil an der europäischen Geschichte, die ihm nie allein gehört hat. Sie ist eine Kette der Konflikte, die von innen nach außen reichen oder umgekehrt.
Heute leben wir mit unseren Nachbarn über verbindende Grenzen hinweg ohne gegenseitige Forderungen und Ansprüche. Mit jedem von ihnen arbeiten wir freundschaftlich zusammen, als Bundesgenossen, als europäische Partner, aber auch mit der gemeinsamen gewaltigen Aufgabe einer Vereinigung. Dabei wird es entscheidend auf den Beitrag von uns Deutschen ankommen. Dem Verständnis dieser Herkunft und Zukunft soll zunächst ein Rückblick auf den Werdegang unserer Nation als Staat dienen. Ihm soll eine Bewertung unserer heutigen inneren Verfassung und unseres politischen Standorts an der Schwelle zu einem neuen europäischen Zeitalter folgen.

Deutsches Reich bis neunzehnhundertachtzehn

Das 1871 neu gegründete Reich erlebte zu seinem Beginn seine längste Friedensperiode, bevor es zu einschneidenden Veränderungen kam. Am Übergang von der Bismarckzeit zum Wilhelminismus gab es 1890 eine schwerwiegende Wende, deren Folgen bis heute zu spüren sind.
Die politische Nation zu schaffen, war überfällig geworden. Allen verfehlten bisherigen Anläufen und Kämpfen zum Trotz wurde sie im Innern fast einhellig begrüßt. Den neu gegründeten Staat aber als Deutsches Reich zu bezeichnen, erwies sich nicht als gute Tradition, sondern als eine aufreizende Scheinkontinuität. Es war eine unselige Entscheidung. Sie verlockte zum Missverständnis, man könne den alten universalen Reichsgedanken aus ferner Vergangenheit wiederbeleben. Sie hatte schon als Begriff dem beim Wiener Kongress 1815 angestrebten kontinentalen Machtgleichgewicht widersprochen. Bismarck selbst hat später die Weisheit der Namensgebung bezweifelt und sich während seiner Amtszeit darum bemüht, daraus kein Unheil entstehen zu lassen. Er wollte kein von den anderen europäischen Ländern abgehobenes und unvergleichbares altes Modell revitalisieren, sondern eine Nation unter Nationen schaffen.
Auf der Suche nach den prägenden Merkmalen des Reichs bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gilt es, wie auch in den späteren Zeitabschnitten, zwischen der Lage im Innern und der Außenpolitik zu unterscheiden. Das Reich war eine Gründung der Fürsten. Es war die kleindeutsche Lösung, ohne Habsburgermonarchie und noch weitgehend ohne die konstitutionellen Freiheiten, um die doch 1848 in der Paulskirche gerungen worden war. Mit der Harmonie in der Gesellschaft stand es nicht zum Besten. Einerseits ging es auf dem Weg vom Agrarland zu einem Industriestaat zügig voran. Andererseits war Bismarcks Innenpolitik durch seinen hartnäckigen Kampf mit der politischen Repräsentanz der Arbeiterschaft und des katholischen Bevölkerungsteils belastet.
Im Lichte ihrer frühen Gründungsmotive stand die Sozialdemokratische Partei bei Bismarck unter dem Verdacht von Internationalismus und revolutionären Zielen. Aber dass er sie deshalb als »Reichsfeinde« verstand und bezeichnete, war unbedacht und in den meisten Fällen unrecht. Von bösen Attacken des rechten politischen Lagers gegen das linke wegen unzulänglicher vaterländischer Gesinnung hat sich vergiftete Munition bis in die Gegenwart erhalten. Man durfte und musste ja über vieles streiten, nach dem Zweiten Weltkrieg über eine Wiederbewaffnung im Westen, über die Zwangsvereinigung der linken Parteien im Osten, über die moralischen und historischen Bedingungen der Wiedervereinigung, man muss über den heutigen Umgang mit der PDS streiten, in Gottes Namen auch über einen Stolz der Deutschen. Davon wird später die Rede sein. Aber mit uralten, abgelebten Argumenten immer wieder einmal die Streitaxt gegen »vaterlandslose Gesellen« aus dem Geschichtsmuseum zu entleihen, ist ein prekäres Erbe aus jener frühen Zeit.
Das katholische »Zentrum« war im Gegensatz zu den anderen Parteien des Kaiserreichs nicht an Klassen und Schichten der Bevölkerung gebunden. Bismarck aber witterte unheilvolle Einflüsse der Weltkirche Rom auf die nationale Politik. Dies führte ihn zu seinem verfehlten, das Zentrum letzten Endes freilich eher stärkenden Kulturkampf.
Andererseits und durchaus als Bestandteil seiner Abwehrversuche gegen die Sozialdemokratie leitete er eine umfassende Sozialversicherungspolitik ein, zu der es damals außerhalb Deutschlands nirgends eine Parallele gab. Damit machte er den entscheidenden ersten Schritt für sein Land als ein Vorbild des modernen Sozialstaats.
Seine großen Leistungen lagen jedoch in der Außenpolitik. Ständig blieb er besorgt um eine französische Revanche wegen der provozierenden Annexion von Elsass-Lothringen, die er am Ende des Krieges 1870/71 nicht hatte verhindern können. Aufs Ganze gesehen fügte Bismarck äußerst konsequent das Reich in das Gesamtsystem einer europäischen Balance ein und erwarb für sein Land damit Anerkennung für seine Friedenspolitik.
Nach seiner Entlassung, in der Zeit des Wilhelminismus, verwandelte sich die innenpolitische Atmosphäre, wenn auch in widersprüchlicher Weise. Politische Parteien waren aktiv, aber es gab kein parlamentarisches Regierungssystem. Disziplin herrschte vor. Die Uniform stand hoch im Kurs. Carl Zuckmayers »Hauptmann von Köpenick« wurde später zur Symbolfigur, vermutlich weit realistischer als Heinrich Manns »Untertan«. Doch die Gesellschaft löste sich mehr und mehr aus der Statik, wandelte sich zunehmend rascher und vielfältiger.
Wirtschaft, Wissenschaft und Technik blühten auf wie nie zuvor. Im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung und im Sozialwesen kam es zu wirksamen weiteren Reformen. Damit entstand noch keine politische Bürgergesellschaft im Sinne der citoyens. Das Bürgertum war aber von geistiger und kultureller Liberalität geprägt. Die Kritik spielte eine wachsende Rolle, von Maximilian Harden bis zu Lily Braun, der Tochter eines preußischen Generals, mit ihren aufsehenerregenden »Memoiren einer Sozialistin«. Allmählich entwickelte sich eine moderne Architektur. Das Theater gewann prägende Einflüsse mit den Stücken von Ibsen und Hauptmann. Der Expressionismus in der Malerei, der Jugendstil mit seinem umfassenden Einfluss auf die Künste und das Kunsthandwerk - auf vielfachen Wegen drängte man in die Moderne.
Ganz anders als zur Bismarckzeit und umso abenteuerlicher verlief dagegen die Außenpolitik von Kaiser Wilhelm II. Die friedliche Balance wurde in einen Wettbewerb mit den europäischen Mächten verwandelt. Erreicht werden sollte ein Vorsprung auf dem Kontinent vor Russland und Frankreich, und Deutschland sollte mit Großbritannien um die koloniale und flottenpolitische Vormacht in der Welt konkurrieren. Hinzu trat ein quasi ideologischer Gegensatz zu den Westmächten, fast ein »Religionskrieg« (Sebastian Haffner) von deutscher »Kultur« gegen westliche politische »Zivilisation«.
Dem Wilhelminismus war es nicht um einen neuen europäischen Krieg zu tun. Aber die »verspätete Nation« rang um einen verspäteten Imperialismus. Mit unkritischer Beurteilung der Mächteinteressen, mit unkontrollierten Sprüchen, mit schimmernder Wehr und mit einer oft leichtfertigen Kabinettspolitik fast aller Regierungen kam es zur »Urkatastrophe des Jahrhunderts« (George Kennan), dem Ersten Weltkrieg.