1000 Tage in Shanghai

von: Martin Posth

Carl Hanser Fachbuchverlag, 2006

ISBN: 9783446410381 , 278 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 15,99 EUR

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1000 Tage in Shanghai


 

"4 Knappe Kassen und gewagte Finanzmanöver (S.82)

Von Beginn an wurde unser Unternehmen von zahlreichen Finanzierungsschwierigkeiten begleitet, deren Ursachen vielfältiger Natur waren. Hauptproblem war der chronische Devisenmangel Chinas, der umso hinderlicher wirkte, je mehr harte Währung wir für den Aufbau von SVW benötigten. China war ein armes Land, Devisen waren ein ebenso knappes wie begehrtes Gut.

Aber woher sollte die chinesische Regierung die harte Währung nehmen? Industrielle Exporte waren noch unbedeutend und der Aufbau von Fabrikationen mit ausländischen Partnern kostete zunächst mehr „hartes Geld"", als er einbrachte.

Illegale Importe via Hainan bedrohten unsere Liquidität

Unser Anteilseigner, die Bank of China, hatte vertraglich eine so genannte Höchstquote von 800 Mio. D-Mark für Investitionen und für die laufenden Ausgaben, wie etwa den Kauf der CKD-Sätze, garantiert. Damit hatte die BoC zugesichert, den entsprechenden Gegenwert in Yuan bis zu diesem D-Mark-Betrag in harte Währung zu tauschen. Doch schon zu unserer Geschäftsaufnahme Anfang September 1985 ließ die Bank of China uns wissen, dass sie sich unter Umständen außer Stande sähe, unserem Unternehmen genügend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

Als Ursache führte sie den „Skandal von Hainan"" an, eine illegale Importaktion, bei der Japaner und Chinesen in großem Stil Hand in Hand die Volksrepublik China um Milliarden von Devisen brachten. Einige japanische Hersteller hatten es fertig gebracht, auf der Insel Hainan mit riesigen Containerschiffen jede Menge begehrte Waren anzulanden und, selbstverständlich gegen harte Währung, auf dem Festland zu verkaufen. Die Provinz Hainan ist die südlichste chinesische Insel und nur einen Steinwurf von Hongkong entfernt.

Die Rede war von rund 90000 Autos, mindestens 2,5 Millionen Fernsehern und allem möglichen weiteren modernen Gerät. Die Autos wurden mit chinesischen Militärkennzeichen versehen, an Land gebracht und – ausgezeichnet getarnt – quer durch ganz China gefahren und verkauft. Kein Mensch traute sich damals, ein Militärfahrzeug anzuhalten. So etwas hatten wir nicht einmal geahnt, jetzt sickerte es langsam durch. Daher der Devisenmangel.

Diese massenhaften illegalen Importe hatten Milliarden von Devisen abgezogen. Den schlauen Japanern war es damals noch zu kompliziert, in China zu produzieren. Mit einem entwickelten Gespür für ihren Nachbarn China wussten sie, wie man in Zusammenarbeit mit Zoll und Einfuhrbehörden gute Geschäfte machen konnte. Und die Hersteller machten davon eifrig Gebrauch. Mit diesen Methoden haben die Japaner damals gut verdient. Zwischenzeitlich sind alle bekannten japanischen Unternehmen als Investoren und Produzenten in China tätig.

Wir aber mussten nun von Beginn an mit einer schwierigen Währungslage zurechtkommen. Ob die BoC ihre Tauschgarantie bis zur vollen Höhe erfüllen könnte, war fraglich. Und umgekehrt: Wenn wir keine Yuan verdienten, weil die chinesische Regierung als Reaktion auf die illegalen Importe eine sehr restriktive Geld- und Kreditpolitik verfolgte, die unserem Absatz schadete, hätten wir auch gar nichts zum Tauschen.

Mitte Oktober 1985 erläuterte ich – wie es für die Auslandstöchter üblich war – dem Wolfsburger VW-Vorstand die aktuelle Situation bei Shanghai Volkswagen. Es herrschte keine besonders gute Stimmung, nicht zuletzt aufgrund des folgenden Umstands: Seit sich das China-Engagement von VW im Konzern herumgesprochen hatte, reisten viele Besuchergruppen aller Art nach China, sahen sich unsere Fabrik an und kehrten mit oft negativen Eindrücken zurück."