Der Fälscher - Kriminalroman

von: Cay Rademacher

DUMONT Buchverlag, 2013

ISBN: 9783832187583 , 368 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Der Fälscher - Kriminalroman


 

Verwundung

Mittwoch, 31. März 1948

Die Pistolenkugel ist schneller als der Schall. Sie trifft Oberinspektor Frank Stave in die Brust, noch bevor er den Knall hört. Ein Schlag unterhalb des Herzens, der ihn rückwärts in die Trümmer einer eingestürzten Ziegelwand schleudert. Kein Schmerz, denkt er, ich spüre keinen Schmerz. Das erschreckt ihn mehr als das Blut, das aus der Wunde über den Bauch strömt, heiß und klebrig. Flach atmen. Der Geschmack von Eisen im Mund. Rauschen in den Ohren. Stave presst die Rechte auf die Einschussstelle. Er liegt auf dem Rücken, starrt nach oben durch einen zerfetzten Dachstuhl in den niedrigen, grauen Himmel. Staubfahnen tanzen in der Luft. Es stinkt nach altem Mörtel und Schimmel. Er wünscht sich, dass der Schmerz ihn endlich überflutet. Doch statt der Qual kommt die Dunkelheit, sein Geist taucht immer tiefer ein in schwarzes Wasser. Bitte, Schmerz, komm endlich. Wenn ich keinen Schmerz spüre, werde ich sterben, denkt Stave, bevor er gar nichts mehr denkt.

Als er wieder aufwacht, ist der Schmerz endlich da: ein Band aus Feuer, das um seine Brust lodert, und eine Messerklinge, die bei jedem Atemzug in seinen Leib fährt. Der Oberinspektor lächelt erleichtert. Weiße Wände, grelles Licht, das sich bis in seinen Hinterkopf frisst, der Geruch nach Lysol. Krankenhaus. Diesmal wehrt er sich nicht, lässt sich fallen. Schlaf.

Mühselige Atemzüge wecken ihn, als schnappe jemand nach Luft, der bis zum Hals in feinem Sand eingegraben ist. Stave öffnet die Augen. Er lauscht dem Röcheln, irgendwo links von ihm. Seine Brust brennt. Vorsichtig betastet er sie: Bandagen, dick wie eine Bettdecke. Er richtet seinen Oberkörper auf. Tausend Nadeln spicken seinen Leib, ihn schwindelt, mühsam unterdrückt er einen Schmerzensschrei, bloß ein schwerer Seufzer quillt ihm aus dem Mund. Die Atemzüge nebenan stocken für einen Moment, setzen wieder ein, mühevoll. Ein Strahl Helligkeit von rechts: Licht, das durch einen Türspalt dringt. Der Flur, vermutet Stave, hinter einer Tür. Ein Krankenhauszimmer. Er macht links die Umrisse eines Paravents aus, der den Schlaf seines gequälten Nachbarn beschirmt.

Stave weiß nicht, in welchem Krankenhaus er liegt. Er weiß nicht, wie viel Zeit verstrichen ist seit jenem Schuss. Die Beamten der Mordkommission hatten einen Mann gesucht, der vor ihrer Wohnung in St. Pauli seine Ehefrau erstochen hatte. Ein Maat auf dem Schlachtschiff »Tirpitz«, das 1944 in einem norwegischen Fjord versenkt worden war. Der Unteroffizier überlebte das Unglück, geriet 1945 in Skandinavien in Gefangenschaft, wurde bald wieder freigelassen, kehrte zurück zur Familie in eines der wenigen noch unzerstörten Häuser in St. Pauli – alles in allem jemand, der glimpflich durch den Krieg gekommen war.

Kein offensichtliches Motiv für seine Tat, doch genügend Zeugen, die gesehen hatten, wie er vor der Haustür auf seine Frau eingestochen hatte. Flucht, Fahndung. Ein Anruf am Abend. Jemand hatte den Gesuchten an der Haltestelle Baumwall aus der Straßenbahn der Linie 31 steigen sehen, nur ein paar hundert Meter vom Tatort entfernt.

Stave war mit allen erreichbaren Schupos dahin geeilt. Der ehemalige Maat stand tatsächlich noch an der Haltestelle, ziel- und ratlos vielleicht, was er nun tun solle. Er sah jünger aus, als der Oberinspektor gedacht hatte. Erst als er die Peterwagen bemerkte, lief er los und versteckte sich in einem von Bomben zerschmetterten Geschäft für Schiffsausrüstung. Der Oberinspektor ließ die Ruine umstellen und schlich sich vorsichtig in die brandgeschwärzten Räume. Nicht vorsichtig genug. Er hatte einen mit einem Messer bewaffneten Täter erwartet – nicht einen mit einer Schusswaffe.

Er fragt sich, ob der Mörder noch mehr Kollegen getroffen hat. Ob er entkommen ist? Oder von den Polizisten überwältigt wurde? Vielleicht mussten sie ihn niederschießen? Er hofft, dass sie ihn ohne weiteres Blutvergießen verhaftet haben – obwohl das Resultat letztlich dasselbe sein wird: Ein englischer Richter wird den Mörder unters Fallbeil schicken. Möglich sogar, dass sein Freund Staatsanwalt Ehrlich das Plädoyer für die Todesstrafe hält. Stave würde als Zeuge vor Gericht auftreten müssen, seine Aussage würde einen Stein für das Fundament liefern, auf dem Staatsanwalt und Richter ihr Todesurteil errichten würden. Er schließt die Augen und hofft, wieder einzuschlafen.

Doch er ist nun unbezwingbar wach, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als stundenlang in die Dunkelheit zu starren, gelegentlich seine bandagierte Wunde zu betasten und auf die Atemzüge hinter dem Paravent zu lauschen, die schwächer zu werden scheinen, je länger die Nacht voranschreitet.

Im grauen Morgenlicht wird die Tür geöffnet. Eine junge Krankenschwester tritt ein, ihr hübsches Gesicht schmal unter der hohen, gestärkten Haube. »Stukas« nannten die Wehrmachtssoldaten die Krankenschwestern, weil die Flügel der Haube geknickt sind wie die Tragflächen des Kampfbombers, das hat Stave von seinem Sohn Karl erfahren. Auf einem Schild an der Brust steht ihr Vorname: Franziska. Einen Moment lang wünscht er sich, die junge Frau mit einem Scherz begrüßen zu können, doch ihm will nichts einfallen. »Wo bin ich?«, fragt er stattdessen. Er erschrickt über den matten Klang seiner Stimme.

Sie schenkt ihm bloß ein flüchtiges Lächeln. »Einen Augenblick, bitte«, dann verschwindet sie hinter dem Paravent. Erst jetzt fällt dem Oberinspektor auf, dass er schon lange keine Atemzüge mehr gehört hat. Die Schwester eilt wieder aus dem Zimmer, kommt mit einer zweiten zurück, dann fliegt ein Arzt an Staves Krankenbett vorbei, ohne ihm einen Blick zuzuwerfen. Geflüsterte Worte hinter dem Stoff, surreal wie in einem jener modernen Theaterstücke, die man in der braunen Zeit nicht spielen durfte.

Irgendwann wird ein Bett aus dem Raum gerollt. Der Kripo-Beamte erspart sich den Schmerz, den es ihn kosten würde, sich aufzurichten. Jemand faltet den Paravent zusammen, plötzlich flutet Licht vom hohen Fenster bis auf sein Kissen. Der Platz nebenan ist leer.

»Sie haben sich ja mal lange vom Dienst absentiert, Herr Oberinspektor.« Ein älterer Arzt, eisengrauer Bürstenhaarschnitt, Schmiss auf der linken Wange. Ehemaliger Armeearzt, vermutet Stave.

»Wo bin ich?«

»Im Universitätskrankenhaus Eppendorf. Für Staatsdiener nur das Beste vom Besten. Anderswo hätten Sie mit dieser Verletzung auch nicht überlebt. Steckschuss in der Lunge. Vor ein paar Jahren wäre da nicht viel zu machen gewesen. Aber seither haben wir ja mit Schussverletzungen enorme Erfahrungen gesammelt.«

»Ich bin ein Kriegsgewinnler.«

Der Mediziner lacht. »Sind wir das nicht alle?«

»Wie lange war ich bewusstlos?«

»Sie schwebten zwei Wochen zwischen dieser und der anderen Welt. Es war knapp, aber ich habe schon knappere Fälle gesehen. Falls Sie auf eine Frühpensionierung gehofft haben, muss ich Sie enttäuschen: Sie werden wieder.«

»Ist der Kerl geschnappt worden?«

Der Arzt hebt die Schultern. »Nicht meine Fakultät.«

»Hat er noch Kollegen verletzt oder gar …« Stave vollendet den Satz nicht.

»Zumindest ist kein Polizist mit Ihnen hier eingeliefert worden. Erholen Sie sich jetzt. Schlafen Sie.«

»Ich habe einen halben Monat verschlafen.«

»Das ist ein Befehl.«

Stave blickt dem wehenden weißen Kittel nach, der Richtung Flur davonflattert. Zunächst glaubt er, dass der letzte Satz als Scherz formuliert war, doch dann kommt der Oberinspektor zu dem Schluss, dass der Arzt das ernst gemeint hat.

Am Nachmittag legen sie einen jungen Mann ins Zimmer, fast noch ein Kind, die Stirn dick bandagiert, kaum bei Bewusstsein. Während Schwestern das Bett hineinschieben und den Paravent aufspannen, tritt noch jemand in den Raum: Staves Sohn. Sehr groß, sehr hager, die hellblonden Haare eine Spur zu lang für den Geschmack des Oberinspektors, tiefblaue Augen, Wasserflecken auf dem verblichenen Mantel und Schuhe, die vor Feuchtigkeit auf dem Linoleumboden quietschen.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, murmelt Stave und hebt matt die Hand. »Habe es leider verschlafen.«

Karl blickt ihn einen Augenblick überrascht an, lächelt kurz, wird wieder ernst. Am 2. April ist er zwanzig Jahre alt geworden. »Den Geburtstagskuchen essen wir, wenn du wieder draußen bist. Hätte ich gewusst, dass du heute zu dir kommen würdest, hätte ich dir Blumen mitgebracht.«

»Aus deinem Schrebergarten?«

Wieder der Hauch eines Lächelns. »Da gedeihen nur Tabakblätter. Ich hätte Tulpen bei einem Nachbarn mitgehen lassen.«

»Diebesbeute. Das passende Geschenk für einen Krimsche.«

»Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht.«

»Morgen bin ich wieder im Einsatz.«

»Lass dir Zeit bis übermorgen.«

Schweigen. Stave blickt seinen Sohn an, der den Schwestern mit linkischen Gesten beim Aufstellen des Paravents helfen will, aber eher im Weg steht, als nützlich zu sein. Was Karl wohl macht? Soweit Stave weiß, verdient sein Sohn, seit er aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden ist, den Lebensunterhalt mit dem Tabak, den er im Schrebergarten zieht. Kaum bin ich wach, mache ich mir Sorgen um ihn, denkt er. Das wird nie aufhören. Er würde seinen Sohn gerne öfter in dessen Schrebergarten sehen, doch irgendwie hat Karl ihn spüren lassen, dass es ihm unangenehm ist, seinen Vater dort zu haben.

Er deutet auf Karls Mantel. »Es regnet?« Überflüssige Frage, doch er will, dass das Schweigen nicht zu lange andauert.

»In diesem Jahr wird niemand in Hamburg verdursten, das ist mal sicher.«

»Ist das gut für den Tabak oder...