Hansetochter - Historischer Roman

von: Sabine Weiß

Bastei Lübbe AG, 2014

ISBN: 9783838745794 , 591 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Hansetochter - Historischer Roman


 

1


Lübeck, Oktober 1375

Ihr Haus befand sich in der Alfstraße, einer der ältesten Straßen der Stadt. Als ihr Vater vor einigen Jahren den Auftrag erteilt hatte, das Giebelhaus aus Backstein umzubauen, hatte der Baumeister im Kellergewölbe Pfosten entdeckt, die wohl, wie er meinte, noch aus der Zeit Heinrichs des Löwen stammten, also bald zwei Jahrhunderte alt waren. Jetzt war davon nichts mehr zu sehen, denn Konrad Vresdorp hatte das Haus von den Dachtraufen bis zum Fundament erneuern lassen. Mit seinen aufwendigen Wechselschichten aus glasierten und unglasierten Ziegeln, den Treppengiebeln, den kunstvollen Beischlagwangen mit einklappbaren Bänken am Eingang und dem Tor, das die Größe einer Kirchenpforte hatte, zeigte es schon von Weitem, dass hier ein wohlhabender Kaufmann wohnte. Mancher befreundete Händler ließ sich erst einmal das Gebäude mit seinen Luken und Zwischenböden, den geräumigen Speichern und dem praktischen Lastenaufzug zeigen, bevor er in der reich geschmückten Diele oder im Kaufkeller seine Geschäfte mit dem Vater machte.

Konrad Vresdorps Schreibkammer war das Herzstück des Hauses. Die Dornse, wie man sie nannte, wurde von der benachbarten Küche mitbeheizt. Doch die anderen Bewohner hatten es ebenfalls behaglich. An das Haupthaus grenzte ein wohleingerichteter Flügelanbau, in dem die Familie und das Gesinde lebte. Im Hinterhof befanden sich Backofen, Ziehbrunnen, Schuppen, der Stall für das Vieh und das heimliche Gemach. Hohe Glintmauern grenzten den Garten zum Nachbargrundstück ab.

Die Alfstraße war wegen ihrer guten Lage beliebt. Wenn man aus der Haustür trat, sah man die auf einem Hügel aufragende Marienkirche, daneben befanden sich Rathaus und Marktplatz. Wandte man sich Richtung Fluss, stand man bereits nach wenigen Schritten vor der Stadtmauer, an die der Hafen grenzte. Die sehr hohe und etliche Fuß breite Verteidigungsanlage mit ihrem Wehrgang und den zahlreichen Türmen war ein steinerner Beweis für die Bedeutung und den Reichtum der Stadt.

Lübeck stand in dem Ruf, beinahe uneinnehmbar zu sein. Wie eine Halbinsel war die Stadt von den Flüssen Trave und Wakenitz eingefasst. Dennoch waren die Bewohner alles andere als abgeschnitten. Lübeck lag, einem Kleeblatt gleich, zwischen den Landschaften Holsteins, Mecklenburgs und Sachsens. An den vier Haupttoren und den zahlreichen kleinen Pforten herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. An diesem Ort kreuzten sich die Handelsstraßen zwischen London und Nowgorod, zwischen Italien und Norwegen. Nach wenigen Windungen mündete die Trave in die Weite der Ostsee.

Henrike lehnte ihren Oberkörper aus der geöffneten Dachluke. Sie ließ ihren Blick noch einmal über die wippenden Mastspitzen hinweg in die sanfte Landschaft vor der Stadt schweifen, die der Herbst in vielerlei Rot- und Gelbtönen getupft hatte, und kehrte dann in die Mitte des Speichers zurück.

»Verehrter Herr Kaufmann, welche Waren habt Ihr anzubieten?«, fragte sie, strich über das grobe Webmuster der prall gefüllten Jutesäcke und versuchte zu ertasten, was darin war. Konnten es köstliche Mandeln sein? Nein, die waren größer. Safran? Wurde in kleineren Säcken geliefert. Reis? Sie schnupperte daran – derb-süßlicher Geruch zog in ihre Nase. Kümmel also. Sie öffnete einen Sack und fuhr mit den Fingern durch die spitzen Körner. Zufrieden sah sie auf. Das Bild, das sich ihr bot, brachte sie zum Lachen: Ihrem Gegenüber war die Samtmütze über die Augen gerutscht. »Kaufmann, seid Ihr etwa eingeschlafen?«

Der Angesprochene schob die edle Mütze zurück. Zum Vorschein kam das Antlitz eines zwölfjährigen Jungen, dessen kindliche Pausbacken einen starken Kontrast zu seiner Kleidung bildeten, die jedem Erwachsenen gut zu Gesicht gestanden hätte.

Ihr Bruder Simon kaute konzentriert auf einer Haarsträhne. Seine Haare waren es vor allem, die erahnen ließen, dass die Geschwister von unterschiedlichen Müttern stammten. Simon hatte einen dunklen Schopf, ihre langen Locken glänzten hingegen in einem warmen Dunkelblond. Henrike fiel auf, dass ihr Bruder in letzter Zeit ein gutes Stück in die Höhe geschossen sein musste. Er war nie rundlich gewesen, aber jetzt sahen seine eng umstrumpften Beine dünn und staksig wie die eines Storches aus. Wie gut, dass er trotz seiner schwache Konstitution einen starken Willen besaß. Sein zarter Körper war schon von manchem Fieber auf das Lager geworfen worden, doch jedes Mal hatte er die Krankheit besiegt. Jetzt lächelte ihr Bruder aufgekratzt, und auf seinen Wangen zeigten sich die Andeutungen der Grübchen, die Henrike so sehr mochte. Sie nahm sich vor, Simon noch heute so zum Lachen zu bringen, dass die Grübchen tief wurden und die Wangen zu Apfelbäckchen aufwarfen. Er schritt, um ein würdevolles Aussehen bemüht, zu den Fässern, deren Stapel beinahe bis an die hohe Decke des Speichers reichten.

»Wir haben diese ... hübschen Felle ... dieses Pelzwerk ... bekommen«, sagte er um Worte ringend und zog ein Eichhörnchenfell hervor. »Ich kann Euch einen guten Preis machen ... verehrte Dame.«

Henrike prustete. Es war zu komisch – ihr kleiner Bruder als ehrenwerter Kaufmann, sie als feine Dame. Sie liebte dieses Spiel, wie sie es überhaupt liebte, im Warenhaus des Vaters herumzustöbern. Die duftenden Gewürze aus dem Orient, kostbare Gold- und Silberwaren, Perlen und Bernstein und vor allem die Stoffe, manche fein gewebt, manche grob, in allen Farben des Regenbogens schimmernd! Grüne Atlasseide aus Venedig, goldene Tücher von luccanischem Gold, sarazenische Seiden – Namen, die ihre Sehnsucht weckten. Wie gern würde sie mit ihrem Vater einmal nach Venedig reisen, den Seidenwebern bei ihrer Kunst zusehen, Gewürze und Spezereien in der Lagunenstadt kaufen. Oder der Pfeffer! Den weiten Weg von Indien nahm er über das arabische Meer, er wurde in Alexandria weitergehandelt und gelangte schließlich über das Mittelmeer und Venedig zu ihnen. Wie der Faden einer Stickarbeit einen Punkt mit dem anderen verband, so zogen sich die Handelsnetze durch die Länder, verbanden entfernte Orte, brachten sie zum Träumen. Oft stellte Henrike sich vor, wie der Weg der Waren weiterging. War dieser Damast für das Gewand einer Gräfin? Würde man mit dem Safran ein Hochzeitsmahl würzen? Welcher Kaufmann würde in Schuhen aus diesem Leder Weg um Weg zurücklegen?

Simon brauste auf. »Du darfst mich nicht auslachen! Nicht mehr lange, und ich bin ein richtiger Kaufmann!«, schimpfte er. Jetzt schmollte sie, für die Dauer eines Wimpernschlags zumindest.

»Auch wenn du ein richtiger Kaufmann bist, bleibst du doch mein kleiner Bruder«, entgegnete sie, schlenderte hoheitsvoll und schwenkte ihr Kleid, als habe es eine Schleppe. »Ich brauche Hermelin für einen neuen Prunkmantel. Habt Ihr auch das, guter Mann?«

Simon überlegte. »Hermelin, sicher. Vater hat ihn auf den Listen vermerkt. Einunddreißig verschiedene Sorten Pelze haben wir im Moment am Lager. Die letzten kamen auf der Kogge aus Reval. Prächtiges Schiff. Aber wo ...«, er sah sich suchend um, nahm die Markierungen in Augenschein.

Henrike lächelte, diese Antwort war typisch für Simon. Er machte manchmal einen verträumten Eindruck, hatte aber ein gutes Gedächtnis. Vor allem für Zahlen hatte er einen ausgeprägten Sinn. Dafür tat er sich schwer damit, eine Sorte von der anderen zu unterscheiden, ob es nun Pelze oder Stoffe waren, er interessierte sich einfach nicht genügend dafür. Bei Schiffen hingegen, Schwertern und Rüstungen geriet er ins Schwärmen. Auch jetzt war er in Gedanken woanders. Sie schlich sich an dem großen Windenrad vorbei, das den Dachboden durchschnitt und kitzelte ihren Bruder in den Seiten, wo sie die Rippen fühlen konnte. Simon giekste und griff nach ihr. Henrike konnte sich ihm entziehen, lief lachend davon. Schon spielten sie Fangen über Pakete und Kisten hinweg, zwischen Fässern und Stützbalken. Da gebot ein Ruf ihnen Einhalt.

»Simon! Henrike! Der Vater braucht euch! Die Kogge ist eingelaufen!« Jost, des Vaters wichtigster Gehilfe, stand am Aufgang. Er war ein hochgewachsener, hagerer Mann Mitte zwanzig mit heller Haut und strubbeligem rötlichem Haar, dessen Gestalt gebogen wie ein Angelhaken wirkte, ganz so, als versuche er sich kleiner zu machen als er war. »Ihr sollt doch nicht im Speicher herumtoben!« Er zog die dichten Brauen zusammen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Henrike wusste jedoch, dass er nicht streng war. Sie kannte ihn gut, war mit ihm aufgewachsen. Ihr Vater hatte Jost nach dem Tod seiner Eltern als Lehrjungen aufgenommen. Seitdem lebte er bei ihnen, hatte oft mit ihnen am Herrentisch gegessen und manchen ruhigen Winterabend beim gemeinsamen Spiel verbracht. Außer Atem lehnten Simon und sie an einem verschnürten Paket. Gleichzeitig entdeckten sie die Markierung – hier war der Hermelin!

»Wusste ich’s doch«, schnaufte Simon. »Wir haben Hermelin.« Jost war schon am Hinuntergehen, hielt aber noch einmal inne.

»Hier? Die Felle haben auf dem Speicher nichts zu suchen. Müssen im Keller gelagert werden, im Kühlen. Wird Zeit, dass die Waren abgehen, damit hier wieder Ordnung hineinkommt«, murmelte er und hob dann die Stimme. »Und, Simon, was weißt du noch?«

Ihr Bruder sah nachdenklich nach oben, als könne er die Antwort zwischen den Deckenbalken und den Seilen des Lastenaufzugs finden.

»Nun los, wir haben nicht ewig Zeit!«, drängte Jost. Wenn ein Schiff mit Handelswaren angekommen war, musste es schnell gehen. Im Lübecker Hafen herrschte...