Tödliches Spiel (eBook)

von: Toni Feller

ars vivendi, 2010

ISBN: 9783869132891 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,49 EUR

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Tödliches Spiel (eBook)


 

 

1

An jenem zweiten Weihnachtsfeiertag im Jahr 1990 war es klirrend kalt. Der Wetterdienst zählte den dritten Tag, an dem es richtigen Frost gab. In der Nacht sank die Quecksilbersäule auf minus fünfzehn Grad. Die Landschaft war mit einer dünnen Schneedecke überzogen. An den Stellen, an denen sie von der aufgehenden Sonne aus spitzem Winkel gestreift wurde, glitzerte sie wie ein riesiges Diamantenfeld. Die nur teilweise mit Schnee bedeckten Bäume warfen lange Schatten und unterbrachen so die märchenhafte Reflexion der Sonnenstrahlen. Gelegentlich war das zaghafte Piepsen einer Kohlmeise zu hören. Ansonsten absolute Stille in dem fast dreißig Ar großen Garten, der schon eher als kleiner und überaus schön angelegter Park an der nordöstlichen Peripherie von Stuttgart bezeichnet werden konnte.

Die beiden Jungs hinterließen an diesem Morgen in dem unberührten, pulvrigen Schnee die ersten Spuren. Ohne sich dessen bewusst zu sein, verspürten sie dabei ein Gefühl von Macht und Überlegenheit. Waren sie es doch, die der Unberührtheit der Natur zumindest an dieser Stelle ein Ende setzten. Deshalb waren sie zeitweise bemüht, besonders tiefe Spuren in den Schnee zu stampfen oder einen Fuß nachzuziehen, sodass man eine richtige Schleifspur sehen konnte, bei der das grüne Gras darunter zum Vorschein kam.

Der Größere der beiden bückte sich, griff mit seinen Händen in den Schnee, um einen Schneeball zu formen. Er trug keine Handschuhe, die eisige Kälte machte ihm aber nichts aus. Vielmehr wollte er den ersten Schnee mit bloßen Händen spüren. Doch der Schneeball gelang nicht so richtig, weil es zu kalt und der Schnee zu pulvrig war. Als er ihn in Richtung des kleineren Jungen warf, zerstieb er, noch bevor er sein Ziel traf.

»Ich verrate es Papa, dass du mich mit Schnee beworfen hast«, rief der Kleinere mit schriller Stimme, die noch gehässiger klang als sonst.

»Dann sage ich, dass du damit angefangen hast«, antwortete der andere.

»Papa glaubt mir mehr als dir«, kam es giftig zurück. »Vorgestern, als die Weihnachtskugel zu Bruch ging, hast du die Ohrfeige dafür bekommen, nicht ich.«

»Du warst aber schuld daran, dass sie herunterfiel.«

»Papa kann mich eben besser leiden. Deshalb habe ich zu Weihnachten vom Christkind auch ein Taschenmesser und eine Mütze des FC Bayern bekommen.«

»Na und? Dafür habe ich eine Flöte und ein Schulmäppchen bekommen. Das sind auch zwei Sachen.«

»Das Taschenmesser hat aber bestimmt viel mehr gekostet als deine Flöte.«

»Blödsinn! Das Christkind muss doch kein Geld für die Geschenke bezahlen.«

»Ich habe aber gehört, wie Mama geschimpft hat, weil das Taschenmesser so teuer war und weil nicht du, sondern ich es vom Christkind bekommen habe. Und Papa hat gesagt, mir steht so etwas eher zu als dir. Ätsch!«

»Du bist ja noch viel zu klein für ein Taschenmesser. Gehst nicht mal zur Schule und kannst es allein nicht mal aufklappen, oder? Ich kann es, und ich kann auch schon lesen. Ätsch, ätsch!«

»Papa hat gesagt, er hilft mir immer dabei. Er findet es wichtig, dass ich erst einmal eins habe. Ein richtiger Mann muss ein Taschenmesser haben, hat er gesagt. Er wird mir auch zeigen, wie man damit schöne Dinge schnitzt.«

»Pah, du und ein Mann!«

»Bist ja nur neidisch, weil du keins hast.«

»Zeig mal her, ich mache es auf!«

»Nein, Papa hat gesagt, ich soll es niemandem geben.«

»Ich bin doch dein Bruder, mir kannst du es zeigen.«

»Nein, du bekommst es nicht! Nie bekommst du es!«

»Das werden wir ja sehen. Komm, gib schon her!«

»Nein!«

»Dann hole ich es mir eben. Gib es mir lieber freiwillig. Ich bin stärker als du.«

»Dann verrate ich es Papa, und du bekommst dafür Prügel, so wie letztes Mal.«

»Gib es mir!«

»Nein!«

Der Größere stellte sich drohend vor den ein Jahr Jüngeren. Für einen kurzen Moment schien er zu überlegen, was zu tun sei. Dann sprang er seinen Bruder mit einem Satz an und nahm ihn sofort in den Schwitzkasten.

»Gib es mir!«, presste er drohend zwischen den Lippen hervor.

»Nein, ich verrate es Papa!«, keuchte der andere. Der Ältere verstärkte den Druck am Hals seines Bruders und schrie laut: »Gib es her, oder ich drücke noch fester zu, du kleine Kröte!«

Der Kleinere griff in die rechte Hosentasche und holte das Messer heraus. Mit der anderen Hand wollte er sich aus der Umklammerung befreien. Als das nicht gelang, versuchte er unter Aufbietung aller Kräfte, das Taschenmesser mit beiden Händen zu öffnen. Doch die Feder, die die Klinge in Ruhestellung hielt, war für die kleinen Finger noch zu stark, um sie zu überwinden.

Mit dem zusammengeklappten Taschenmesser in der Faust schlug er wild um sich, in der Hoffnung, seinen Bruder zu treffen, sodass dieser ihn endlich losließ. Als ihm tatsächlich ein harmloser Treffer gelang, reagierte der andere blitzschnell und brachte den Kleinen mit einem Hüftschwung zu Fall. Noch bevor der Unterlegene den eiskalten Schnee an der blanken Stelle seines Genicks spürte, hatte sich der andere auf seinen Brustkorb gesetzt und hielt mit beiden Knien seine Oberarme fest. Der Jüngere hatte keine Chance zur Gegenwehr. Krampfhaft hielt er sein Taschenmesser in der rechten Hand.

»So, jetzt hab ich dich. Ergib dich und rück das Messer raus!«

»Nein, das sage ich Papa! Der schlägt dich dafür tot!«

»Das wirst du nicht tun, du Kröte!«

In diesem Moment sah der Ältere das Taschenmesser in der Hand seines Bruders. Mit dem Knie den Druck auf den Oberarm des Unterlegenen verstärkend, war es ein Leichtes, seine Hand zu öffnen und das Messer an sich zu nehmen.

Seines offensichtlich wertvollsten Besitzes beraubt, fing der Kleinere nun an, laut zu schreien und zu weinen, worauf der Ältere ihm fest eine Hand auf den Mund presste.

»Hör auf zu schreien!«, zischte er. »Und wenn du es Papa verrätst, kannst du was erleben. Ist das klar?« Er drückte seine Hand noch fester auf den Mund des kleinen Bruders. Dabei bemerkte er nicht, dass er auch dessen Nasenlöcher abdeckte. Das Gesicht des Jüngeren lief sofort blaurot an. Er versuchte, sich weiter zu wehren, aber vergebens. Sein Bruder war zu stark. Schließlich erlahmte seine Gegenwehr, worauf der Ältere von ihm abließ und aufstand. Das Messer steckte er sofort in seine Hosentasche.

Schwer nach Atem ringend blieb der Besiegte noch eine Weile im kalten Schnee liegen. Als er sich schließlich aufrappelte, weinte er leise und voller Wut vor sich hin. Seinen älteren Bruder schaute er hasserfüllt an. Dieser konnte seinen Triumph nicht verbergen und sagte im überlegenen Ton des Siegers: »Hättest du es mir gleich gegeben, hätte ich dich nicht in den Schwitzkasten genommen.«

»Papa wird dich im Keller mit dem Stock schlagen, bis du tot bist!«, antwortete der andere voller Hass. »Gib mir sofort mein Messer zurück!«

»Später vielleicht. Jetzt gehe ich erst mal zum Teich und schaue, ob es da einen Stecken gibt, den man schnitzen kann. Wenn du mitkommst, schnitze ich dir auch einen.«

Immer noch leise vor sich hinweinend, bückte sich der Jüngere nach seiner im Schnee liegenden Wollmütze. Bevor er sie aufsetzte, strich er den Schnee aus seinem zerzausten, halblangen Blondschopf. Dann folgte er, trotzig und fest in den Schnee stampfend, seinem Bruder in Richtung Teich.

Der Teich war im Sommer ein wunderschönes Biotop. Außer Sichtweite des feudalen Wohnhauses waren mit viel Liebe zum Detail am Ufer des Teiches Schilfgräser und Blumen verschiedener Art angepflanzt worden. Äste einer halb hohen Trauerweide hingen ins Wasser. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein kleiner, künstlich geschaffener Wasserfall, in dessen Innern eine Pumpe mit Filter installiert war, damit das Wasser immer in Bewegung blieb und sich weniger Algen bildeten. Gleich daneben stand ein kleiner, im barocken Stil erbauter Pavillon mit einer Tischgruppe. Wilder Wein rankte sich bis zum Dach hoch, der im August und September einen süßlichen und etwas mediterranen Duft verströmte.

Im Wasser tummelten sich einige Frösche, aber insbesondere auch Kois, die nur deshalb überwintern konnten, weil der Teich eine Wassertiefe von bis zu 1,70 Meter hatte. Um die Fische im klaren Wasser besser beobachten zu können, zog sich ein Steg bis fast zur Mitte des im Durchmesser etwa fünfzehn Meter großen Gewässers.

Die Jungs hätten an heißen Sommertagen gern darin gebadet. Aber die Eltern erlaubten es nicht. Während sich die Mutter hauptsächlich um das Wohl ihrer beiden Buben sowie der achtjährigen Tochter sorgte und sie immer wieder vor der Tiefe des Teiches warnte, hatte der Vater weniger Angst, ihnen könnte etwas geschehen. Aber ihm war es wichtig, dass die wertvollen Kois nicht gestört wurden.

Am Teich angekommen, schaute sich der Ältere kurz um. Dann entschied er sich, von der Trauerweide einen dünnen, weit herabhängenden Ast abzuschneiden, mit dem er sich bis zur Mitte des Holzsteges begab. Dort fing er an, die Rinde des Steckens abzuschälen.

 

Von außerhalb des Gartens schaute aus einiger Entfernung ein anderer Junge zu. Er hielt sich hinter einer großen, immergrünen Hecke versteckt. Er wagte es nie, sich näher an das Grundstück heranzuschleichen, weil er instinktiv wusste, dass das große, wunderschöne Haus und der Garten Leuten gehörte, zu denen er nicht passte und die einen kleinen Hund besaßen, der ihn durch lautes Kläffen sofort verraten hätte.

Er kam aus dem Hallschlag, einem sozial schwachen...