Göttlich verliebt

von: Josephine Angelini

Dressler Verlag GmbH, 2013

ISBN: 9783862720033 , 464 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Göttlich verliebt


 

1


Zu ihrer Linken sah Helen etwas, das vermutlich der Styx war, denn in dem reißenden Strom trieben Unmengen von scharfkantigen Eisstücken. Niemand würde versuchen, den Fluss zu durchqueren. Frustriert humpelte Helen weiter. Dabei sah sie sich hoffnungsvoll um, doch sie war ganz allein in dieser kargen Landschaft.

»So ein Mist«, fluchte sie mit rauer Stimme. Ihre Stimmbänder waren noch nicht vollständig geheilt. Vor knapp einer Stunde hatte Ares ihr die Kehle durchgeschnitten, und obwohl das Sprechen immer noch schmerzte, war es eine Wohltat, ihrem Ärger Luft zu machen. »Das ist wieder typisch.«

Sie hatte ihrem Freund Zach ein Versprechen gegeben. Er war in ihren Armen gestorben, und sie hatte geschworen, dass er in seinem Leben nach dem Tod aus dem Fluss der Freude trinken würde. Zach hatte sich geopfert, um ihr zu helfen, und ohne den entscheidenden Hinweis, den er ihr in den letzten Momenten seines Lebens gegeben hatte, hätte sie Automedon niemals töten und auch Lucas und Orion nicht retten können.

Helen war fest entschlossen, ihr Versprechen zu halten, auch wenn sie Zach eigenhändig auf die Elysischen Felder und an den Fluss der Freude tragen musste – obwohl sie sich selbst kaum auf den Beinen halten konnte. Doch aus irgendeinem Grund funktionierte ihre übliche Art, sich in der Unterwelt fortzubewegen, plötzlich nicht mehr. Bisher hatte sie immer nur laut aussprechen müssen, wohin sie wollte, und schon war sie wie durch Zauberhand an den gewünschten Ort befördert worden.

Sie war die Deszenderin und damit eine der ganz wenigen Scions, die auch körperlich in die Unterwelt hinabsteigen konnten – und nicht nur im Geiste wie alle anderen. Sie konnte sogar ihre Umgebung ein wenig kontrollieren, aber jetzt, wo sie diese Begabung am Dringendsten brauchte, war sie verschwunden. Typisch griechisch. Das war es, was Helen an ihrem Leben als Scion am meisten hasste: diese ständige, nervtötende Ironie des Schicksals.

Helen kniff frustriert die aufgeschlagenen Lippen zusammen und richtete ihre heisere Stimme in Richtung Himmel. »Ich sagte, ich will zu Zachs Geist!«

»Ich habe seine Seele, Nichte.«

Helen fuhr herum und musste feststellen, dass Hades, der Herrscher über die Unterwelt, nur wenige Schritte hinter ihr stand. Er war in Schatten gehüllt, die sich um ihn herum auflösten wie Nebelschwaden. Der Helm der Dunkelheit und die weiten Stoffbahnen seiner schwarzen Toga verdeckten einen Großteil seines Gesichts, aber Helen konnte zumindest seinen sinnlichen Mund und das markante Kinn sehen. Der Rest der Toga war stilvoll um seinen Körper drapiert. Dabei blieben die Hälfte seines Oberkörpers und seine muskulösen Arme und Beine nackt. Helen schluckte und konzentrierte sich darauf, ihn mit ihren zugeschwollenen Augen anzusehen.

»Bitte setz dich, bevor du umkippst«, sagte er sanft. Zwei einfache gepolsterte Klappstühle tauchten aus dem Nichts auf, und Helen ließ ihren geschundenen Körper auf den einen sinken, während Hades den anderen nahm. »Du bist immer noch verwundet. Warum bist du hergekommen, obwohl du eigentlich heilen solltest?«

»Ich muss meinen Freund ins Paradies führen. Wo er hingehört.« Helens Stimme zitterte vor Angst, obwohl Hades ihr nie etwas getan hatte. Anders als Ares, der Gott, der sie gerade gefoltert hatte, war Hades eigentlich bei jeder ihrer Begegnungen bisher recht freundlich gewesen. Aber er war immerhin der Herr über das Totenreich, und die Schatten, die ihn umgaben, waren erfüllt vom Gewisper der Geister.

»Wie kommst du darauf, dass du entscheidest, wohin seine Seele gehört?«, fragte er.

»Er war ein Held … Vielleicht nicht von Anfang an, als er noch ein richtiger Idiot war, aber am Ende schon, und das ist es doch, was zählt, oder? Und Helden dürfen auf die Elysischen Felder.«

»Ich hatte Zachs Heldenmut nicht infrage gestellt«, bemerkte Hades sanft. »Was ich gefragt habe, war: Was bringt dich auf die Idee, dass du über seine Seele urteilst?«

»Ich … was?«, stieß Helen verwirrt hervor. In ihrem Kopf hämmerte es immer noch so stark, dass ihr der Sinn nicht nach Wortklaubereien stand. »Ich bin nicht gekommen, um über irgendwen zu urteilen. Ich habe nur ein Versprechen gegeben und beabsichtige, es einzuhalten.«

»Und dennoch bin ich es, der hier die Entscheidungen trifft. Nicht du.«

Dem konnte Helen nicht widersprechen. Dies hier war sein Reich. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihn flehentlich anzusehen.

Hades’ sanfter Mund verzog sich zu einem leichten Lächeln. Er schien über das nachzudenken, was Helen gesagt hatte. »Wie du die Furien befreit hast, zeigt mir, dass du Mitgefühl besitzt. Das ist ein guter Anfang, aber ich fürchte, Mitgefühl allein reicht nicht, Helen. Dir mangelt es an Verständnis.«

»War etwa alles nur eine Prüfung? Das mit den Furien?« Helen konnte nicht vermeiden, dass sich ein anklagender Tonfall in ihre Stimme schlich, als sie daran dachte, was sie und Orion auf ihrer letzten Mission in der Unterwelt alles ertragen hatten. Noch wütender machte sie die Erinnerung an die Qualen, denen die Furien ausgesetzt gewesen waren. Wenn diese drei Mädchen viele tausend Jahre lang gelitten hatten, nur um zu beweisen, dass Helen ein mitfühlender Mensch war, dann stimmte etwas mit dem Universum nicht – ganz und gar nicht.

»Eine Prüfung.« Hades’ Lippen verzogen sich angewidert, als könnte er Helens Gedanken lesen und fände die Vorstellung genauso abstoßend. »Wenn das Leben eine Prüfung ist, was glaubst du, wer sie benotet?«

»Du?«, riet sie.

»Du verstehst es immer noch nicht«, seufzte er. »Du verstehst nicht einmal, was das hier ist.« Er deutete um sich herum auf die Unterwelt. »Oder was du bist. Man nennt dich die Deszenderin, weil du herkommen kannst, wann immer du willst, aber die Fähigkeit, die Unterwelt zu betreten, ist nur der kleinste Teil deiner Kraft. Du weißt noch nicht annähernd genug über dich selbst, um über andere zu urteilen.«

»Dann hilf mir.« Plötzlich wollte sie unbedingt seine Augen sehen. Sie beugte sich zu ihm und versuchte, unter den Stoff zu spähen, der sein Gesicht verdeckte. »Ich will es verstehen.«

Sofort umwirbelten ihn wieder die Schatten und verbargen ihn mit dem bedauernden Gemurmel der Toten. Helen fuhr zurück.

»Die Schattenmeister«, hauchte sie. »Bekommen sie ihre Dunkelheit von dir?«

»Vor langer Zeit hatte eine Frau namens Morgan La Fay aus dem Haus von Theben dieselbe Begabung wie du – auch sie konnte in die Unterwelt gehen. Sie schenkte mir einen Sohn mit Namen Mordred und seitdem verfolgen meine dunklen Schatten das Haus von Theben.« Er verstummte voller Bedauern, stand dann auf und hielt ihr die Hand hin. Helen ließ sich von ihm aufhelfen. »Du musst jetzt heimgehen. Komm zu mir, sooft du willst, Nichte, und ich werde mein Bestes tun, dir alles zu erklären.« Hades legte den Kopf ein wenig schief und lachte leise auf. Durch die leicht geöffneten Lippen konnte Helen seine Schneidezähne sehen, die geformt waren wie Diamanten. »Deswegen habe ich dir und deinen Vorgängern erlaubt, mein Reich zu betreten – damit ihr alles über euch selbst lernt. Aber im Moment bist du zu schwer verletzt, um hier zu sein.«

Die Welt schwankte, und Helen spürte, wie seine Riesenhand sie aus der Unterwelt hob und sanft in ein Bett legte.

»Warte! Was ist mit Zach?«, fragte sie. Als Hades sie losließ, hörte Helen sein Wispern in ihrem Ohr.

»Zach wird aus dem Fluss der Freude trinken, das schwöre ich. Und jetzt ruh dich aus, Nichte.«

Helen streckte die Hand aus, um die Schatten aus seinem Gesicht zu vertreiben, aber Hades war schon fort. Sie fiel in Morpheus’ Arme, und ihr zerschlagener Körper sog den Schlaf gierig ein, denn er war eine der Grundlagen für die Selbstheilung.

 

Nachdem Ares im Tartaros eingesperrt und die Kluft im Boden geschlossen war, hob Daphne ihre Tochter Helen auf. Castor trug den verletzten Lucas heim und Hector brachte Orion zum Anwesen.

Daphne war erst ein kurzes Stück neben ihnen hergerannt, als Helen in ihren Armen einschlief. Einen Moment lang hatte Daphne Angst um sie. Helens Verletzungen waren so schlimm, wie Daphne es bisher nur selten gesehen hatte. Aber dann überprüfte sie Helens Puls und stellte erleichtert fest, dass ihr Herz zwar langsam, aber stetig schlug.

Der Morgen brach gerade an, als sie von den Höhlen auf dem Festland von Massachusetts nach Nantucket zurückkehrten. Daphne trug Helen die Treppe im Delos-Haus hinauf und suchte im Obergeschoss nach dem ersten Raum, der nach einem Mädchenzimmer aussah. Bedauernd betrachtete sie den hübschen Bettbezug aus Seide, den ihre blutverschmierte Tochter schmutzig machen würde. Nicht, dass das eine Rolle spielte. Das Haus von Theben verfügte über nahezu unbegrenzte finanzielle Mittel und konnte alles ersetzen. Finanzielle Mittel, von denen ein Teil einst dem Haus von Daphne und Helen gehört hatte, dem Haus von Atreus.

Auch wenn Tantalus unentwegt »heiliger Krieg« geschrien und verkündet hatte, dass von jetzt an »die Scions herrschen« sollten, konnte er die Anführer der anderen Häuser damit nicht täuschen. Der Vernichtungsfeldzug vor rund zwanzig Jahren, der ein weiterer Schritt auf dem Weg in die Unsterblichkeit sein sollte, hatte zugleich als Vorwand zum Ausplündern der anderen Häuser gedient.

Die Prophezeiung, die dieser Aktion vorausgegangen war, besagte, dass Atlantis wieder auftauchen würde, sobald ein blutiger Kampf die vier Häuser zu einem einzigen vereinte. Dem genauen Wortlaut zufolge, den Daphne sich eingeprägt hatte, würden...