Ein Vampir zum Vernaschen

von: Lynsay Sands

LYX, 2011

ISBN: 9783802588136 , 384 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Ein Vampir zum Vernaschen


 

2

„Einkaufen!“

Kate lachte über Lucerns angewidertes Murmeln, als sie den rund um die Uhr geöffneten Supermarkt betraten. Er hatte das alle paar Minuten getan, seit sie das Haus verlassen hatten. Erst hatte er das Wort ausgesprochen, als könnte er nicht glauben, dass er wirklich zugestimmt hatte, so etwas zu tun. Dann, als er sie in seinem BWM zum Supermarkt fuhr, hatte sich diese Erschütterung in Abscheu verwandelt. Man sollte glauben, der Mann hätte niemals zuvor Lebensmittel eingekauft! Und seinen leeren Schränken nach zu schließen hätte sie ihm das auch beinahe abgenommen. Als sie eine Bemerkung über den Mangel an Vorräten in seinem Haus gemacht hatte, hatte er etwas darüber gemurmelt, noch keine neue Haushälterin gefunden zu haben. Kate nahm an, das bedeutete, dass er außer Haus aß, zumindest die meiste Zeit.

Sie hatte nicht weiter nachgefragt, was aus seiner Haushälterin geworden war. Seine Persönlichkeit war Antwort genug. Die arme Frau hatte wahrscheinlich gekündigt. Kate hätte das auf jeden Fall getan, da war sie sich sicher.

Sie führte ihn zu den Reihen leerer Einkaufswagen. Als sie gerade einen davon herausziehen wollte, knurrte Lucern etwas, das vielleicht „Gestatten Sie“ war, aber er hätte ebenso gut „Aus dem Weg, verdammt noch mal“ sagen können. Damit übernahm er den Wagen.

Nach Kates Erfahrung fuhren Männer immer am liebsten selbst – egal, ob es um ein Auto, einen Golfwagen oder einen Einkaufswagen ging. Wahrscheinlich hatte das etwas mit dem Bedürfnis nach Kontrolle zu tun, aber wie auch immer, es war praktisch; es bedeutete, dass es ihr überlassen blieb, den Wagen zu füllen.

Sie fing an, im Geist eine Liste der Dinge aufzustellen, die sie brauchte, als sie durch den Bereich mit den Molkereiprodukten voranging. Sie hatte sich vorgenommen, viel Obst und Gemüse für Lucern einzukaufen. Er war groß und muskulös, aber viel zu blass. Sie war sicher, dass er unbedingt grünes Blattgemüse brauchte.

Vielleicht würde das auch seine Laune verbessern.

Lucern brauchte Blut, das war der einzige Gedanke in seinem Kopf, als er Kate C. Leever zuerst durch die Abteilungen für Milchprodukte und tiefgekühlte Lebensmittel und nun den Kaffeegang hinunter folgte. Der Wagen füllte sich rasch. Kate hatte bereits diverse Joghurts, Käse, Eier und eine Tonne gefrorener Ein-Personen-Mahlzeiten hineingeworfen. Nun blieb sie vor dem Kaffee stehen und betrachtete die Päckchen, bevor sie sich ihm zuwandte und fragte: „Welche Marke mögen Sie denn?“

Er starrte sie verständnislos an. „Marke?“

„Kaffee? Was trinken Sie normalerweise?“

Lucern zuckte die Achseln. „Ich trinke keinen Kaffee.“

„Oh. Dann also Tee.“

„Ich trinke keinen Tee.“

„Aber Sie …“ Sie kniff die Augen zusammen. „Heiße Schokolade? Espresso? Cappuccino?“ Als er jedes Mal den Kopf schüttelte, fragte sie gereizt: „Was trinken Sie denn nun? Limonade?“

Ein amüsiertes Kichern lenkte Lucerns Aufmerksamkeit auf eine rundliche junge Frau, die ihren Wagen auf sie zuschob. Sie war die erste Einkäuferin, der sie begegneten, seit sie den Laden betreten hatten. Nach den Katastrophen mit den Blutbeuteln, dem Tee im Wohnzimmer und der kurzen Zeit, die Kate gebraucht hatte, um sich umzuziehen, war es jetzt beinahe Mitternacht. Der Supermarkt war um diese Zeit nicht sonderlich voll.

Nun, da ihr Kichern Lucerns Aufmerksamkeit erregt hatte, klimperte die Kundin mit den Wimpern, und Lucern lächelte unwillkürlich zurück, den Blick auf den Pulsschlag an ihrer Kehle gerichtet. Er stellte sich vor, wie er seine Zähne in ihren Hals senkte und das warme, süße Blut trank. Sie gehörte zu den Spendern, die er bevorzugte. Rundliche, rosige Frauen hatten immer das beste, gehaltvollste Blut. Dick und berauschend und …

„Mr. Argeneau? Erde an Lucern!“

Lucerns angenehme Tagträume wurden abrupt beendet. Widerstrebend wandte er sich wieder seiner Lektorin zu. „Ja?“

„Was trinken Sie denn nun?“, wiederholte sie.

Er schaute wieder die Kundin an. „Äh … Kaffee ist in Ordnung.“

„Sie sagten doch, dass Sie keinen Kaff… Also gut. Welche Marke?“

Lucern überflog die Möglichkeiten. Sein Blick blieb an einer dunkelroten Dose mit dem Namen Tim Hortons hängen. Er hatte immer angenommen, das wäre ein Donut-Laden. Dennoch, es war der einzige Name, den er kannte, also zeigte er darauf.

„Der teuerste, selbstverständlich“, murmelte Kate. Sie nahm eine Dose des fein gemahlenen Kaffees.

Lucern hatte nicht auf den Preis geachtet. „Hören Sie auf, sich zu beschweren. Ich werde den Einkauf bezahlen.“

„Nein, ich erwähnte bereits, dass ich zahlen werde, und dabei bleibt es auch.“

Hatte sie tatsächlich gesagt, sie würde zahlen, als sie vom Einkaufen gesprochen hatte?, fragte er sich. Er konnte sich nicht erinnern; er hatte zu diesem Zeitpunkt nicht besonders auf sie geachtet. Seine Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Wie mit dem Blut, das in die Spüle floss und nicht in seinen ausgetrockneten Mund.

Sein Blick glitt zurück zu der rundlichen Kundin mit der pulsierenden Ader, die weiter den Gang entlangging. Er stellte sich vor, dass er aussah wie ein Hungernder, an dem ein Buffet vorbeigefahren wurde. Er musste sich anstrengen, sich nicht auf die Frau zu stürzen. Warmes, frisches Blut … viel angenehmer als das kalte Zeug in Beuteln, auf das er und seine Familie umgestiegen waren. Ihm war nicht klar gewesen, wie sehr ihm die altmodische Ernährungsweise fehlte.

„Lucern?“ Eine Spur von Gereiztheit lag in Kate Leevers Stimme, und das ließ ihn verärgert dreinschauen, als er sich wieder umdrehte. Sie war nicht mehr da, wo sie zuvor gestanden hatte, sondern weitergegangen und wartete nun auf ihn. Sie sah missbilligend aus, was ihn ebenfalls aufbrachte. Welchen Grund hatte sie schon, gereizt zu sein? Sie war schließlich nicht diejenige, die Hunger hatte.

Dann kam ihm eine vage Erinnerung an ihre Bemerkung, seit dem Frühstück nichts mehr gegessen zu haben. Also musste er widerstrebend zugeben, dass sie wohl ebenfalls Hunger hatte und daher ebenso viel Recht zu schlechter Laune wie er.

„Ich zahle“, verkündete er entschlossen, als er den Wagen weiterschob. „Sie sind Gast in meinem Haus. Ich werde Sie ernähren.“ Aber ich werde mich nicht von ihr ernähren, dachte er, obwohl er das am liebsten getan hätte. Nein, nicht am liebsten. Er hätte sich lieber von der rundlichen, kleinen Brünetten hinter ihnen genährt. Er hatte das Blut von schlanken, blonden Geschöpfen wie Kate C. Leever immer dünn und fad gefunden. Dicke-Mädchen-Blut schmeckte besser, einfach würziger.

Selbstverständlich konnte er jetzt niemanden beißen. Es war heutzutage zu gefährlich, und selbst wenn er persönlich das Risiko eingegangen wäre, hätte er nie die Sicherheit seiner Familie für ein paar Momente kulinarischen Vergnügens aufs Spiel gesetzt.

Das bedeutete jedoch nicht, dass er nicht davon träumen durfte, also verbrachte Lucern die nächsten Augenblicke damit, Kate an den Regalen mit Dosengemüse und den Nudeln vorbei zu folgen. Er stimmte zerstreut allem zu, was sie sagte, und erinnerte sich sehnsuchtsvoll an Mahlzeiten, die er in der Vergangenheit gehabt hatte.

„Mögen Sie mexikanisches Essen?“, fragte Kate.

„Oh ja“, murmelte er, denn die Frage brachte sofort das Bild einer temperamentvollen jungen Mexikanerin vor sein geistiges Auge, an der er sich in Tampico gelabt hatte. Sie war wirklich ein Leckerbissen gewesen. Warm und süß in seinen Armen, und sie hatte kleine erfreuliche Geräusche von sich gegeben, als er sowohl seinen Körper als auch seine Zähne in sie stieß … Oh ja. Sich zu ernähren konnte ein Ganzkörper-Erlebnis sein.

„Oder Italienisch?“

„Das ist ebenfalls köstlich“, sagte er freundlich und musste sofort an eine erfreuliche kleine Landarbeiterin an der Amalfi-Küste denken. Das war das erste Mal gewesen, dass er sich ganz unabhängig ernährt hatte. Ein Mann erinnerte sich immer an sein erstes Mal. Und schon der Gedanke an seine süße kleine Maria ließ ihm wärmer zumute werden. Solch tiefdunkle Augen und langes, lockiges, mitternachtsschwarzes Haar! Er erinnerte sich, mit seinen Händen durch ihr Haar gefahren zu sein, und wie ihr tiefes, ekstatisches Stöhnen, das sie ihm ins Ohr gehaucht hatte, als er ihr seine Jungfräulichkeit gegeben und gleichzeitig ihr Blut genommen hatte, ihn erregt hatte. Ja, das war wirklich ein wunderschönes und erinnerungswürdiges Erlebnis.

„Mögen Sie Steak?“

Wieder wurde Lucern aus seinen Erinnerungen gerissen, diesmal von einem Päckchen mit rohem Fleisch, das Kate ihm plötzlich vor die Nase hielt. Es war Steak, schön und blutig, und obwohl er normalerweise Menschenblut dem von Rindern vorzog selbst kaltes Blut in Beuteln –, roch...