Bei näherer Betrachtung - Zeitgenössische Kunst verstehen und deuten

von: Jean-Christophe Ammann

Westend Verlag, 2012

ISBN: 9783864895012 , 368 Seiten

3. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Bei näherer Betrachtung - Zeitgenössische Kunst verstehen und deuten


 

Kapitel 2

Kunst und Publikum

Das Lesen von Bildern und das Denken in Bildern

Im Winter und Frühjahr 2003 war im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main eine Rembrandt-Ausstellung zu sehen. Ein instruktiver Katalog begleitete sie. Jedes der Werke wurde im Hinblick auf Entstehung, Motiv, Forschungsstand und Geschichte beschrieben. Da es neben den vielen Porträts auch einige mehrfigurige Gemälde gab, wäre es ein Leichtes gewesen, das Kompositionsschema festzuhalten. Das Prunkstück der Ausstellung bildete die dem Städel gehörende »Blendung Simsons« (1636), eine höchst komplexe Figurenkonstellation.

Als ich 1965/66 begann, mein mündliches Examen in Kunstgeschichte vorzubereiten – tausend Jahre Kunstgeschichte –, reiste ich in den Semesterferien quer durch Europa und schaute mir die Museen an. In meinem leichten Gepäck hatte ich transparentes Papier, Tesafilm, Bleistift, Lineal, Schere und Radiergummi. Am Ausgang der Museen kaufte ich jeweils Postkarten. Abends legte ich Transparentpapier über die Karten, befestigte es mit Tesafilm und begann, mit Lineal und Bleistift das Kompositionsschema zu ermitteln.

So geschehen in Frankfurt mit der Postkarte »Die Blendung Simsons«. Schlagartig wurde mir damals klar, wie der geniale Kompositeur Rembrandt, dreißig Jahre alt, Handlung und Ereignis verband. Dies umso mehr, als es da einen Soldaten gibt, der mit seiner Stechlanze den ohnehin schon schwerstlädierten Simson bedroht, wobei die eigentliche Waffe, markant in die Bildmitte gerückt, den Körper gar nicht berührt, während die anderen Soldaten Simson umklammern, mit Ketten fesseln, ihm die Augen ausstechen. Später las ich Beschreibungen und kunsthistorische Analysen und stellte zu meinem Erstaunen fest, wie immer wieder über den Gesichtsausdruck der Dalila sinniert wurde.

Hätte man das Kompositionsschema zur Hand gehabt, hätte sich dieses Sinnieren erübrigt. Die Klinge der Lanze als das nicht geometrische Zentrum des 205 mal 272 Zentimeter großen Bildes steht inmitten einer sich überkreuzenden Diagonale von Blickrichtung der Dalila, der zusammengekrallten Fußzehen Simsons und der Waffe einerseits; von Simsons Haarschopf in der ausgestreckten Hand Dalilas, den Fußzehen und dem brutalen Blendungsakt andererseits. Somit kann die hier nutzlose, jedoch so überdeutlich hervorgehobene Klinge, optisch genau zwischen die Beine Simsons führend, nur dessen Kastration symbolisieren. Während der Verlust der Haare mit dem Verlust von Simsons gewaltiger physischer Kraft einhergeht, bedeutet die Kastration das Ende eines unersättlichen Weiberhelden, der Simson war. Der Gesichtsausdruck der Dalila musste relativ neutral bleiben, um nicht ein zusätzliches konkurrierendes Zentrum an Expressivität zu schaffen.

Rembrandt Harmensz van Rijn (1606–1669), »Die Blendung Simsons«, 1636, 205 × 272 cm

Durch die Erstellung des Kompositionsschemas gelang es mir, Hunderte von Werken im Gedächtnis zu behalten. Mehr aber noch lernte ich das bildnerische Denken der Künstler kennen. Ich dachte weniger über die Bilder nach, sondern bewegte mich in den Bildern selbst. Bei weitem nicht jedes Kompositionsschema ist aufschlussreich. Jedoch ist es dort, wo es signifikante Erschließungsfunktionen besitzt, ungemein erhellend.

Nochmals: Das Denken in Bildern ist etwas anderes als das Denken über Bilder. Das Denken über Bilder ist ein Diskurs, der Wissen transportiert, vom Bibeltext bis über die Zeit, in der das Bild mitsamt den Einflüssen entstanden ist. Das Denken in Bildern gleicht einer Verflüssigung des Wissens, gleicht dem Versuch, dem Künstler über die Schulter zu schauen, ohne dem Psychologisieren anheimzufallen. Das Denken in Bildern ist deshalb so wichtig, weil Bilder Inhalte transportieren, die anderweitig nicht transportierbar sind. Wenn ich lerne, Bilder zu lesen, erfahre ich Inhalte, die mir in anderen Medien verborgen bleiben. Und ich lerne überhaupt das Lesen.

1967 hat der italienische Künstler Giulio Paolini (*1940) das kleine, frontale Bildnis eines Jugendlichen von Giovanni Bellini (venezianischer Maler um 14301516) in den genauen Ausmaßen auf Fotoleinwand kopiert und auf einen Keilrahmen aufgezogen. Die traditionelle Bildbezeichnung »Bildnis eines Jugendlichen« veränderte er, indem er seinem Bild den Titel gab: »Junge, der den Maler anschaut«. Mit diesem Kunstgriffist Paolini etwas Ungewöhnliches gelungen, denn fortan wird man als Betrachter frontaler Bildnisse stets in die Position des Künstlers gerückt: Die porträtierte Person schaut dich, den Betrachter, an, wie sie dies vor Jahrhunderten dem Maler gegenüber getan hat. Und je nachdem kann ein solcher Blick unter die Haut gehen, zärtlich oder eisig, so wie in in dem Film Down by Law (1986) von Jim Jarmusch, wo ein Häftling in eine bereits belegte Zelle kommt, freundlich grüßt, und die Blicke, die ihn treffen, ihn sagen lassen: »If looks could kill, I would be a dead man.«

Was ich sagen will: Ein Kunstgriffverändert die Rezeption von Kunst: nicht das Wissen über die Bilder, sondern das Wahrnehmen von Bildern. Wahrnehmen heißt hier, dass eine immanente, intuitive Dimension in meine Bildvorstellung eindringt, sie verändert, neue Bilder schafft, mich zu neuen Bildern führt, mich in anderen Bildern denken lässt, mich lehrt, mit Bildern umzugehen. Was kann wichtiger sein in einer heutigen Welt, in der jeder tagtäglich mit Tausenden Bildern konfrontiert ist? Wieso glaubt man, dass das Nichtlesenkönnen von Bildern unschädlicher ist als Analphabetismus?

Die Stiftung Lesen bekämpft in Deutschland den Sekundäranalphabetismus. Doch wie Bilder zu lesen sind, darüber scheint man sich außer an Hochschulen für Gestaltung keine Sorgen zu machen. Ein krasses Schulbeispiel über die Unfähigkeit, Bilder zu lesen und in Bildern zu denken, hat der Bundesgerichtshof 1995 geliefert, als er die Benetton-Werbung des italienischen Fotografen Oliviero Toscani untersagte. Im Jahr 2000 hob das Bundesverfassungsgericht dieses Urteil wieder auf. Aber die Erleichterung währte nur kurz, denn nur wenige Monate später bekräftigte der Bundesgerichtshof erneut sein Urteil. Dann, im März 2003, hob das Bundesverfassungsgericht das Urteil des Bundesgerichtshofes erneut auf, diesmal definitiv.

Nehmen wir als Beispiel die Plakatserie »H. I. V. POSITIVE« (1993). Alle drei Plakate – auf die das Bundesverfassungsgericht explizit einging –, monumental in den Ausmaßen, zeigen einen jugendlichen, männlichen Körper: den muskulösen Oberarm, die Schamhaare mit Gliedansatz und das Gesäß. Die »Tätowierungen« H. I. V. POSITIVE verweisen auf die Gefährdungen: Drogen und ungeschützter sexueller Verkehr. Von »gestempelten Fleischteilen« schrieb eine empörte Leserbriefschreiberin in Reaktion auf die Plakate. Richtig, aber sie vergisst, dass sich viele junge Menschen heute tätowieren lassen. Noch mehr tun dies mit abwaschbaren Zeichen und Bildern, die einer Tätowierung täuschend ähnlich sind.

Darauf bezieht sich H. I. V. POSITIVE und dreht die Absicht von Tätowierung um. Tätowierung ist eine subjektiv identifizierbare Melodie für den emotionalen Resonanzraum des Körpers. Der Stempel H. I. V POSITIVE ist die sichtbare, lesbare Brandmarkung einer inneren Verletzung. Eine Tätowierung trägt man sein Leben lang und AIDS auch. Der Stempel H. I. V. POSITIVE ist deutlich als solcher zu erkennen. Er ist Zeichen für Tätowierung. Wäre er von einer Tätowierung nicht zu unterscheiden gewesen, würde das Bild unglaubwürdig, denn jemand, der HIV positiv ist, wird sich selbst nicht brandmarken.

Man stelle sich vor, Benetton hätte die Plakate mit dem Vermerk »Sponsored by Benetton« versehen. Sogleich würde sich die Diskussion auf die sogenannte künstlerische Ebene verlagern. Etwa in dem Sinne: Künstler schaffen Plakate und wollen damit ihrem Engagement einen Ausdruck verleihen. In dem Moment, wo das Benetton-Logo in Erscheinung tritt, stets in unmittelbarer Nachbarschaft von H. I. V. POSITIVE, handelt es sich um Werbung. Das Künstlerische wird Nebensache und tritt zugunsten der Werbung zurück. Die Distanz zwischen Benettons Produktpalette – sprich: Kleidung – und Motiv ist derart groß, dass das trainierte Kurzschließen auf Anhieb erschwert wird. Der Betrachter muss völlig neue Wahrnehmungs- und Bewusstseinskriterien in Gang setzen.

Toscani wurde häufig als Megazyniker verurteilt. Wer ihn kennt, weiß, dass er ein Moralist ist. Das Urteil des Bundesgerichtshofs gründete sich auf unlautere Werbung. Abgesehen davon, dass eine Werbung kaum unlauter sein kann, wenn sie ein...