Von meinem Blut - Myron-Bolitar-Reihe 9 - Thriller

von: Harlan Coben

Goldmann, 2010

ISBN: 9783641049454 , 384 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Von meinem Blut - Myron-Bolitar-Reihe 9 - Thriller


 

2


»Ah«, sagte Win, »die liebreizende Terese Collins. Ein Weltklassehintern allererster Güte.«

Wir saßen auf der wackeligen mobilen Tribüne in der Sporthalle der Kasselton High School. Die vertraute Mischung aus Schweiß, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln lag in der Luft. Wie in allen ähnlichen Sporthallen auf diesem riesigen Kontinent klangen alle Geräusche verzerrt, und die seltsamen Echos bildeten so etwas wie einen akustischen Duschvorhang.

Ich liebe solche Sporthallen. Ich bin gewissermaßen darin aufgewachsen. Viele der schönsten Momente meines Lebens habe ich in solchen stickigen Räumlichkeiten verbracht, wobei ich meistens einen Basketball in der Hand hatte. Ich mag das Geräusch des Balls beim Dribbeln. Ich mag den glänzenden Schweißfilm, der sich beim Aufwärmen auf den Gesichtern bildet. Ich mag das Gefühl der Ledernoppen an den Fingerspitzen, und ich mag den Moment fast religiöser Andacht, wenn man den vorderen Rand des Korbs fixiert, den Ball mit Rückwärtsdrall loslässt und auf der ganzen Welt nichts anderes zählt.

»Schön, dass du dich noch an sie erinnerst«, sagte ich.

»Weltklassehintern. Allererste Güte.«

»Ja, das hatte ich schon beim ersten Mal verstanden.«

Win war mein Zimmergenosse in Duke gewesen. Jetzt war er mein wichtigster Geschäftspartner und, zusammen mit Esperanza Diaz, mein bester Freund. Eigentlich hieß er Windsor Horne Lockwood III., und so sah er auch aus – etwas schüttere, blonde Locken, die von einem wie von Gotteshand gezogenen Scheitel geteilt wurden, rötliche Gesichtshaut, attraktive, aristokratische Züge, Golfer-V-Ausschnitt-Bräune und eisblaue Augen. Er trug überteuerte Khakis, deren Bügelfalten dem Scheitel Konkurrenz machten, einen blauen Lilly-Pulitzer-Blazer mit rosa-grünem Futter und dazu passendem Taschentuch, das wie eine Spritzblume aus der Brusttasche hing.

Klamotten für Weichlinge.

»Wenn Terese im Fernsehen war«, sagte Win mit seinem hochnäsigen Privatschul-Akzent, der immer so klang, als würde er einem begriffsstutzigen Kind etwas vollkommen Einleuchtendes erklären, »konnte man gar nicht sehen, was für ein Klassehintern das war. Weil sie ja hinter dem Moderatorentisch saß.«

»Mhm.«

»Aber dann habe ich sie in diesem Bikini gesehen …«, für alle, die mitzählen, es handelt sich um den schon erwähnten gemeingefährlichen Bikini, »… also das ist ein echter Aktivposten. Vollkommene Verschwendung bei einer Nachrichtenmoderatorin. Eine Tragödie, wenn man mal richtig darüber nachdenkt.«

»Wie die Hindenburg«, sagte ich.

»Irrwitzig komische Bemerkung«, sagte Win. »Und so zeitgemäß.«

Wins Gesichtsausdruck war immer überheblich. Wenn man ihn sah, meinte man, einen elitären, snobistischen Mann aus einer alteingesessenen, reichen Familie vor sich zu haben. Im Großen und Ganzen hatte man damit recht. Aber gerade die Punkte, in denen man sich vertat, konnten schwerwiegende und bleibende Verletzungen nach sich ziehen.

»Also«, sagte Win. »Beende deine Geschichte.«

»Das ist alles.«

Win runzelte die Stirn. »Und wann fliegst du nun nach Paris?«

»Überhaupt nicht.«

Auf dem Platz fing das zweite Viertel an. Schulbasketball von Fünftklässlern. Meine Freundin – die Bezeichnung kommt mir immer etwas schwer über die Lippen, ich weiß aber nicht, ob »Geliebte«, »Lebensabschnittspartnerin« oder »Betthase« es besser träfen – Ali Wilder hatte zwei Kinder, und ihr Sohn, das jüngere dieser beiden Kinder, spielte in der Schulmannschaft. Er hieß Jack und war nicht besonders gut. Ich sage das nicht, weil ich ihn verurteilen oder irgendwelche Vorhersagen über zukünftigen Erfolg machen will – selbst Michael Jordan hatte es erst in seinem vorletzten Schuljahr bis in die Schulmannschaft geschafft –, es ist einfach nur eine Beobachtung. Jack ist für sein Alter ziemlich groß und kräftig gebaut, und wie so oft geht das mit einem gewissen Mangel an Spritzigkeit und Geschicklichkeit einher. Er wirkte beim Sport immer etwas schwerfällig.

Aber er spielte gern Basketball, und das bedeutete mir viel. Jack war ein guter Junge, im besten Sinne ein ziemlicher Nerd – und liebesbedürftig, wie es bei einem Jungen, der seinen Vater viel zu früh auf so tragische Art verloren hatte, nicht anders zu erwarten war.

Ali konnte erst zur Halbzeit hier sein, und ich war – wenn auch sonst vielleicht nicht für viel zu gebrauchen – immer gerne bereit einzuspringen.

Win sah mich immer noch mit gerunzelter Stirn an. »Habe ich das richtig verstanden? Du hast es abgelehnt, ein Wochenende mit der liebreizenden Ms. Collins und ihrem Weltklassehintern in einem Design-Hotel in Paris zu verbringen?«

Es war immer ein Fehler, mit Win über Beziehungen oder auch nur über Frauen zu reden.

»So ist es«, sagte ich.

»Warum?« Win sah mich an. Er schien wirklich entsetzt zu sein. Doch dann entspannte sich seine Miene. »Ach, Moment, schon klar.«

»Was ist?«

»Sie hat zugelegt, stimmt’s?«

Win.

»Das weiß ich nicht.«

»Warum dann?«

»Du weißt ganz genau warum. Ich habe eine Freundin. Erinnerst du dich?«

Win starrte mich an, als würde ich gerade mitten auf dem Spielfeld meinen Darm entleeren.

»Was ist?«, fragte ich.

Er lehnte sich zurück. »Du bist ja ’ne Sissi.«

Die Spielsirene ertönte, Jack setzte seine Brille auf und trottete mit diesem wunderbaren, etwas schiefen Ansatz eines Lächelns im Gesicht zum Tisch des Zeitnehmers. Die Fünftklässler der Livingston High School spielten gegen ihre Erzrivalen aus Kasselton. Ich musste mir ein offensichtliches Grinsen über die Intensität des Geschehens verkneifen – wobei ich damit weniger die Jungs als vielmehr die Eltern auf der Tribüne meinte. Obwohl ich nicht allzu stark verallgemeinern möchte, ließen sich die Mütter doch im Prinzip in zwei Gruppen aufteilen: die Netzwerker, die die Gelegenheit nutzten, um Kontakte zu knüpfen oder zu vertiefen, und die Gehetzten, die bei jedem Ballkontakt ihres Sprösslings Blut und Wasser schwitzten.

Die Väter waren oft unangenehmer. Manchen gelang es, ihre Gefühle im Zaum zu halten, sie murmelten nur leise vor sich hin und kauten an den Fingernägeln. Andere schrien ihre Emotionen durch die Halle, lästerten über Schiedsrichter, Trainer und die Jugendlichen.

Zwei Reihen vor uns saß ein Vater, der unter etwas litt, das Win und ich einst »Zuschauer-Tourette« getauft hatten, weil er offensichtlich nicht anders konnte, als alle Leute um sich herum während des gesamten Spiels laut zu beschimpfen.

Ich habe in dieser Beziehung einen klareren Blick als die meisten anderen Menschen. Ich war nämlich früher eines dieser extrem seltenen Exemplare: ein wirklich talentierter Sportler. Das war ein Schock für die ganze Familie gewesen, da der letzte große sportliche Erfolg der Bolitars vor meiner Zeit der Sieg meines Onkels Saul in einem Shuffleboard-Turnier auf einer Kreuzfahrt im Jahr 1974 gewesen war. Ich war schon auf der Livingston High School ein Vorzeige-Nationalspieler der Jugend-Basketballmannschaft. Und danach war ich Captain und Star-Aufbauspieler des Basketballteams der Duke University, mit dem ich zwei Mal die Universitäts-Meisterschaft gewann. Nach meinem Abschluss war ich in der ersten Runde des Draft von den Boston Celtics ausgewählt worden.

Und dann, Kawumm, war alles mit einem Schlag vorbei.

Jemand schrie: »Wechsel!«

Jack rückte seine Brille zurecht und trabte auf den Platz.

Der Trainer der gegnerischen Mannschaft deutete auf Jack und rief: »Yo, Connor! Du nimmst den Neuen. Der ist groß und unbeweglich. Also zieh an ihm vorbei.«

Der Tourette-Dad stöhnte. »Das Spiel ist so knapp. Warum muss er den jetzt bringen?«

Groß und unbeweglich? Hatte ich richtig gehört?

Ich starrte den Kasselton-Trainer an. Er hatte einen blond gesträhnten, schaumgefestigten Bürstenhaarschnitt und einen dunklen, ordentlich gestutzten Unterlippenbart, wodurch er wie der alternde Bassist einer Boygroup aussah. Er war groß – ich bin eins zweiundneunzig, und der Kerl war vielleicht fünf Zentimeter größer und schätzungsweise zehn bis fünfzehn Kilo schwerer.

»›Der ist groß und lahm‹«, wiederholte ich und wandte mich Win zu. »Ist das nicht einfach unglaublich, dass der Coach das gerade laut herausposaunt hat?«

Win zuckte die Achseln.

Ich versuchte dann, nicht mehr daran zu denken. Die Hitze des Gefechts. Lass gut sein, Myron.

Beim Stand von vierundzwanzig beide kam es dann zum Desaster. Direkt nach einer Auszeit brachte Jacks Mannschaft mit einem Einwurf den Ball ins Spiel. Kasselton überraschte Livingston durch eine plötzliche Manndeckung übers ganze Feld. Jack stand frei. Der Einwurf kam zu ihm. Jack erschrak aber einen Moment lang über die Pressdeckung. Kommt schon mal vor.

Jack wusste nicht,...