Ethnizität, Geschlecht, Familie und Schule - Heterogenität als erziehungswissenschaftliche Herausforderung

von: Jörg Hagedorn, Verena Schurt, Corinna Steber, Wiebke Waburg

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2009

ISBN: 9783531921082 , 428 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 35,96 EUR

Mehr zum Inhalt

Ethnizität, Geschlecht, Familie und Schule - Heterogenität als erziehungswissenschaftliche Herausforderung


 

Zur Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit für die Arbeit im Elementarbereich (S. 141-142)

Sowohl im Elementar- als auch im Grundschulbereich sind in Deutschland überwiegend Frauen beschäftigt. Auch mit der privaten Erziehungs- und Alltagsarbeit sind deutlich mehr Frauen als Männer befasst. In den letzten Jahren wird dieser Tatbestand sowohl in Fachdiskursen als auch von einer breiteren Öffentlichkeit zunehmend problematisiert.

Dabei stehen meist die Jungen im Mittelpunkt des öffentlichen und fachlichen Interesses. Ihre sozialen und schulischen Schwierigkeiten werden mit der weitgehenden Abwesenheit von Männern und der mehrheitlichen Anwesenheit von Frauen in der männlichen Kindheit in Verbindung gebracht. Umgekehrt scheint dann die Lösung der aktuellen Probleme (wie immer sie definiert werden), zunächst in der vermehrten Anwesenheit von Männern in den Kinderzimmern, Kindergärten und Grundschulen zu bestehen.

Die pädagogische Erfahrung und Forschung zeigt jedoch, wie es sich beispielsweise in der Koedukationsforschung eindrücklich dokumentiert, dass Organisationsformen oder pädagogische Settings zwar einen bedeutsamen Faktor in pädagogischen und professionellen Prozessen darstellen, dass aber Veränderungen auf der organisatorischen Ebene allein nicht automatisch zu Verbesserungen auf den pädagogischen und institutionellen Ebenen führen (vgl. z.B. Breitenbach 2002; Herwartz-Emden 2007). Auf einer politischen Ebene (auch auf der Ebene der Europäischen Union) erhält die Forderung nach einer Erhöhung des Männeranteils in den Kindertageseinrichtungen und in der Grundschule breite Zustimmung (vgl. Rohrmann 2008).

Die politische Argumentation des Gender Mainstreaming (vgl. Rabe-Kleberg 2003) erfordert den ungehinderten und selbstverständlichen Zugang von Männern zu Frauenberufen (und Frauen zu Männerberufen) mit dem Ziel, den engen Zusammenhang von Geschlechtszugehörigkeit und beruflicher Tätigkeit mit allen seinen negativen Implikationen auszuhebeln. Unklar bzw. widersprüchlich bleibt in der Diskussion oft, welches eigentlich die pädagogischen Ziele der angestrebten oder durchgeführten Maßnahmen sein sollen: Geht es um eine Erweiterung der Spiel- und Handlungsräume für beide Geschlechter?

Geht es um eine Dramatisierung oder Entdramatisierung der Geschlechterdifferenzen oder irgendwie um beides? Geht es um Jungenförderung durch Männer? Geht es um eine Etablierung traditioneller Geschlechterverhältnisse? Geht es um eine Veränderung der Angebote in den Kindergärten? Ich setze den Schwerpunkt in diesem Aufsatz nicht auf den politischen, sondern auf den pädagogischen Dimensionen des Themas. Ich frage nach den Ausgestaltungen und Bedeutungen der Geschlechtszugehörigkeit – der Erzieher/ innen, aber auch der Kinder – in der pädagogischen Arbeit im Elementarbereich1. Ich greife dabei auf sozialkonstruktivistische Ansätze der Geschlechterforschung zurück, die für den Elementarbereich noch nicht wirklich fruchtbar gemacht wurden.