Der ewige Krieg - Roman

von: Joe Haldeman

Heyne, 2010

ISBN: 9783641042899 , 336 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Der ewige Krieg - Roman


 

3
Ungefähr einen Monat später verließen wir die Erde, um als Krönung unserer Ausbildung ein paar Manöver auf dem Planeten Charon durchzuführen. Obgleich er sich seinem Perihel näherte, war er von der Sonne noch immer doppelt so weit entfernt wie Pluto selbst.
Der Transporter war ein umgebauter ›Viehwaggon‹, wie sie zur Beförderung von zweihundert Kolonisten samt einem Sortiment von Tieren und Pflanzen verwendet wurden. Das hieß noch lange nicht, daß wir es bequem hatten, weil wir nur halb so viele waren. Der größte Teil des Platzes wurde für zusätzliche Reaktionsmasse und Geschütze benötigt.
Die ganze Reise dauerte drei Wochen. Während der ersten Hälfte dieser Zeit beschleunigte das Schiff mit zwei Ge, während der zweiten verlangsamte es. Als wir am Pluto-Orbit vorbeidüsten, hatten wir mit etwa einem Zwanzigstel der Lichtgeschwindigkeit unser Spitzentempo erreicht – etwas zu wenig, als daß die Relativität ihre Kapriolen schlagen konnte.
Drei Wochen lang das Doppelte des normalen Gewichts mit sich herumzuschleppen – das ist kein Honiglecken. Dreimal täglich machten wir vorsichtige Leibesübungen nach Programm, den Rest der Zeit verbrachten wir vorwiegend in der Horizontalen. Dennoch gab es mehrere Knochenbrüche und schmerzhafte Verrenkungen. Die Männer mußten Suspensorien tragen, damit diverse Teile nicht am Boden schleiften. An Schlaf war kaum zu denken. Alle litten unter Alpträumen, in denen sie zu ersticken glaubten oder plattgewalzt wurden. Und man mußte sich in regelmäßigen Abständen umdrehen, um Wundliegen und Blutansammlungen zu verhindern. Ein Mädchen war schließlich so erschöpft, daß sie es verschlief und nicht mitbekam, wie sich eine Rippe durch die Haut bohrte.
Ich war zuvor schon mehrmals im Raum gewesen, und so empfand ich pure Erleichterung, als der Bremsvorgang endlich stoppte und wir in den freien Fall übergingen. Aber manche der Leute befanden sich zum ersten Mal draußen – wenn man das Mondtraining nicht mitzählte – und litten unter Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Wir anderen schwebten mit Schwämmen und Flüssigkeitssaugern durch die Quartiere, um die teilverdauten Brocken ›Konzentrat, proteinreich, Rindfleischgeschmack auf Sojabasis‹ einzufangen.
Wir hatten einen guten Blick auf Charon, als wir den Orbit verließen und tiefergingen, doch gab es nicht allzuviel zu sehen, nur eine düstere, trübweiße Scheibe mit ein paar dunklen Streifen und Flecken. Wir landeten etwa zweihundert Meter neben der Basis. Ein Raupenfahrzeug mit Druckkabine kam auf die Fähre zugekrochen und koppelte an die Schleuse, so daß wir keine Schutzanzüge brauchten. Scheppernd und quietschend rollte es zum Hauptgebäude, einem phantasielosen Kasten aus grauem Kunststoff.
Die Wände im Innern hatten die gleiche triste Farbe. Der Rest der Kompanie lungerte an Schreibtischen herum und unterhielt sich. Ich sah, daß neben Freeland ein Platz frei war.
»Na, Jeff – geht’s wieder?« Er wirkte immer noch ein wenig käsig.
»Wäre den Göttern dran gelegen gewesen, daß der Mensch den freien Fall überlebt, dann hätten sie ihm einen Schlund aus Gußeisen verpaßt.« Er seufzte schwer. »Das Schlimmste ist vorbei. Aber ich sehne mich nach einer Zigarette.«
»Kann ich verstehen.«
»Dir scheint es wenig ausgemacht zu haben. Warst wohl schon mal draußen, wie?«
»Ja. Für meine Examensarbeit über das Vakuumschweißen. Drei Wochen in der Erdumlaufbahn.« Ich lehnte mich zurück und griff zum tausendsten Mal nach meiner Schachtel mit den Joints. Sie war immer noch nicht da. Das Lebenserhaltungssystem sollte nicht mit Nikotin, Haschisch und dergleichen belastet werden.
»Die Ausbildung war schlimm genug«, nörgelte Jeff, »aber der Scheiß hier …«
»Haaabt acht!« Wir standen ziemlich lahm auf, in Zweier- oder Dreiergruppen. Die Tür ging auf, und ein echter Major kam herein. Meine Haltung straffte sich unwillkürlich. Er war der höchste Offizier, den ich bisher zu Gesicht bekommen hatte. In seinen Coverall waren eine Reihe von Ordensbändern eingestickt, darunter ein purpurrotes Verwundeten-Abzeichen. Das hieß, daß er noch in der alten amerikanischen Armee gekämpft hatte, wahrscheinlich in einer dieser Kriege, die schon vor meiner Geburt schiefgelaufen waren. So alt sah er eigentlich nicht aus.
»Rühren, rühren.« Er gab uns mit einer lässigen Geste zu verstehen, daß wir uns setzen sollten. Dann stemmte er die Hände in die Hüften und musterte die Kompanie mit einem schwachen Lächeln. »Willkommen auf Charon. Ihr habt euch einen schönen Tag zur Landung ausgesucht. Die Außentemperatur liegt bei sommerlichen 8,15 Grad über dem absoluten Nullpunkt. Für die nächsten zweihundert Jahre oder so erwarten wir wenig Veränderung.« Einige von uns lachten halbherzig.
»Genießt das tropische Klima auf dem Stützpunkt Miami, so lange ihr Gelegenheit dazu habt. Wir befinden uns hier im Zentrum der Sonnenseite, und der größte Teil eures Trainings wird auf der Nachtseite stattfinden. Dort beträgt die Temperatur schattige 2,08 Grad.
Gewöhnt euch am besten gleich an den Gedanken, daß euer gesamtes Training auf der Erde und auf Luna eine Art Elementarstufe war, die den einzigen Zweck hatte, euch auf Charon eine faire Überlebenschance zu geben. Ihr werdet hier euer gesamtes Repertoire brauchen – Werkzeuge, Waffen, Manöver. Und ihr werdet die Entdeckung machen, daß Werkzeuge bei diesen Temperaturen nicht so funktionieren, wie sie es sollten. Das gleiche gilt für die Waffen. Und daß sich die Leute hier s-e-h-r vorsichtig bewegen.«
Er warf einen Blick auf die Notizen, die an seiner Schreibunterlage festgeklemmt waren. »Eure Kompanie besteht gegenwärtig aus neunundvierzig Frauen und achtundvierzig Männern. Zwei Tote auf der Erde, eine Entlassung wegen psychischer Probleme, zwölf Ausfälle durch Krankheit. Nach einem Blick auf euer Ausbildungsprogramm bin ich ehrlich gestanden überrascht, daß es so viele von euch geschafft haben.
Aber ihr solltet wissen, daß ich durchaus zufrieden bin, wenn nicht mehr als die Hälfte von euch, also etwa fünfzig, diese letzte Phase der Ausbildung erfolgreich beenden. Leider ist die einzige Alternative zu einem erfolgreichen Abschluß der Tod. Hier. Von Charon kehrt niemand – und das gilt auch für mich – zur Erde zurück, es sei denn nach erfülltem Kampfauftrag.
Ihr werdet euer Training in einem Monat abschließen. Danach verlegen wir euch zum Sterntor-Kollapsar, ein halbes Lichtjahr von hier entfernt. Ihr bleibt in der Siedlung von Sterntor 1, dem größten Durchgangsplaneten des Systems, bis Ersatz eintrifft. Das wird nicht länger als einen Monat dauern. Sobald ihr aufbrecht, soll die nächste Gruppe hier eintreffen.
Von Sterntor aus begebt ihr euch zu einem strategisch wichtigen Kollapsar, errichtet dort einen Militärstützpunkt und verteidigt ihn, falls der Feind angreifen sollte. Falls nicht, haltet ihr die Basis, bis weitere Befehle eintreffen.
In den letzten beiden Wochen eurer Ausbildung hier werdet ihr lernen, genau so einen Stützpunkt anzulegen. Auf der Nachtseite. Ihr werdet dort völlig isoliert sein: keine Kommunikation mit Miami, keine Evakuierung von Kranken, kein Nachschub. Irgendwann im Lauf dieser zwei Wochen werden wir die Verteidigungsfähigkeit des neuen Stützpunkts durch einen Drohnen-Angriff testen. Die Dinger werden wie im Ernstfall bestückt sein.«
Die hatten doch nicht all das Geld in unsere Ausbildung gesteckt, um uns schon im Manöver umzubringen?
»Das gesamte Stammpersonal hier auf Charon besteht aus Leuten mit Kampferfahrung. Alle so zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Aber ich denke, wir können es mit euch aufnehmen. Zwei von uns werden ständig bei euch bleiben und euch zumindest bis Sterntor begleiten. Hauptmann Sherman Stott, euer Kompaniechef, und Feldwebel Octavio Cortez. Meine Herren?«
Zwei Männer in der ersten Reihe waren lässig aufgestanden und wandten sich zu uns um. Hauptmann Stott war etwas kleiner als der Major, aber aus dem gleichen Holz geschnitzt: das Gesicht hart und glatt wie Porzellan, die Andeutung eines zynischen Lächelns um die Mundwinkel, ein exakt auf einen Zentimeter Breite gestutzter Bart, der das massige Kinn umrahmte, der äußeren Erscheinung nach höchstens dreißig. Eine schwere, altmodische Pistole baumelte an seiner Hüfte.
Feldwebel Cortez dagegen sah aus, als sei er einem Horrorfilm entsprungen. Sein Kopf war kahl rasiert und irgendwie deformiert. Offenbar hatte man ein größeres Stück der Schädeldecke entfernt, so daß eine Seite abgeflacht wirkte. Sein Gesicht war sehr dunkel und von Runzeln und Narben durchzogen. Vom linken Ohr fehlte die Hälfte, und seine Augen waren so seelenvoll wie Knöpfe an einer Maschine. Er trug eine Kombination aus Schnurr- und Kinnbart, die so aussah, als habe sich eine dünne weiße Raupe um seinen Mund gewickelt. Bei einem anderen hätte sein jungenhaftes Lächeln vielleicht nett gewirkt, aber er war häßlicher und guckte fieser drein als jedes Lebewesen, das mir je untergekommen war. Wenn man allerdings den Schädel abzog und nur die unteren Einsachtzig oder so betrachtete, mußte man unwillkürlich an die ›Nachher‹-Werbung eines Bodybuilder-Centers denken. Weder Stott noch Cortez trugen irgendwelches Lametta. Cortez hatte eine kleine Laserpistole in einem Magnethalfter unter der linken Achsel befestigt. Die Waffe hatte einen Holzgriff, der vom häufigen Gebrauch dunkel glänzte.
»Bevor ich euch nun in die rauhen Hände dieser beiden Herren entlasse, möchte ich euch noch einmal eindringlich warnen:
Vor zwei...