Sozialität als Conditio Humana - Eine interdisziplinäre Untersuchung zur Sozialanthropologie in der experimentellen Ökonomik, Sozialphilosophie und Theologie

von: Rebekka A. Klein

Edition Ruprecht, 2010

ISBN: 9783767571372 , 326 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 54,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Sozialität als Conditio Humana - Eine interdisziplinäre Untersuchung zur Sozialanthropologie in der experimentellen Ökonomik, Sozialphilosophie und Theologie


 

III. Die Differenz im zwischenmenschlichen Verhältnis (S. 182-183)

§22 Drei Konstellationen des zwischenmenschlichen Verhältnisses


Im zweiten Kapitel dieser Untersuchung wurden exemplarisch für die Erforschung der menschlichen Sozialität in den Sozialwissenschaften die Studien der experimentellen Ökonomik und Neuroökonomik in den Blick genommen. Im Anschluss an eine eingehende Analyse der Methodologie einer experimentellen Modellierung wurde gezeigt, dass dieser Ansatz zur Beschreibung sozialer Interaktionen dort an seine Grenzen kommt, wo die Dynamik der zwischenmenschlichen Interaktionsbeziehung und die in ihr wirksamen selbst- und fremdbezüglichen Intentionen der sozialen Akteure darzustellen sind. Der Blick auf die Empirie des menschlichen Sozialverhaltens wurde deshalb durch phänomenologische Überlegungen ergänzt.

Im dritten Kapitel dieser Untersuchung wird das Gespräch mit sozialphilosophischen und ethischen Ansätzen gesucht, die sich explizit der Frage zuwenden, was die Struktur sozialer Interaktionen als eine Struktur zwischenmenschlicher Beziehung und Differenz auszeichnet. Der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit wird also von der Interaktion und ihren Konsequenzen auf den Phänomenbereich der zwischenmenschlichen Sozialität1 verlagert. Es werden dazu Theoriekonzeptionen der Sozialphilosophie diskutiert, die das Konfliktpotential menschlicher Sozialbeziehungen, das in den ökonomischen Studien auf der Ebene von Biologie und Verhalten untersucht wurde, zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen machen und es in seinen sozialen, politischen und ethischen Konsequenzen bedenken. Methodisch wird die Dynamik der sozialen Interaktion in den sozialphilosophischen Ansätzen allerdings nicht allein am Ort des Individuums rekonstruiert, wie in der Beschreibung sozialer Präferenzen durch die experimentelle Ökonomik, sondern es wird über den methodischen Individualismus hinausgehend zuerst die phänomenologische Grundstruktur der zwischenmenschlichen Beziehung in den Blick genommen. Aus der Beschreibung dieser Beziehungsstruktur heraus werden dann Modelle des menschlichen Miteinanders oder Gegeneinanders entwickelt, welche die innere Dynamik dieser Beziehungsstruktur in ihren Konsequenzen für das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen beschreiben.

Die drei in diesem Kapitel zu diskutierenden Konzeptionen gehen alle von einer Differenz oder Asymmetrie an der Wurzel der zwischenmenschlichen Begegnungaus und wollen von dorther die humane Möglichkeit einer politischen und ethischen Gestaltung dieser Begegnung ergründen. Dabei spannt sich der Bogen von der Beschreibung des zwischenmenschlichen Verhältnisses als einer antagonistischen Konfrontation bis zur Beschreibung dieses Verhältnisses als Ort der Verantwortung gegenüber einem anderen, dessen Gegenwart in der zwischenmenschlichen Begegnung transzendent und unverfügbar bleibt. Eine Zwischenstellung nehmen die Überlegungen zur Ethik und Politik der Anerkennung ein, in denen das Konfliktpotential der zwischenmenschlichen Beziehung durch das Ideal der Symmetrie und Reziprozität befriedet werden soll. In allen drei Konzeptionen lassen sich die konflikthaften Beziehungskonstellationen wiederfinden, die auch die Modellierungen der experimentellen Ökonomik zum Ausgangspunkt nahmen. Die Ökonomik nutzte sie, um soziale Konflikte zwischen altruistischen und egoistischen Akteuren abzubilden und die Ursachen und Bedingungen zu erforschen, die zu ihrer Lösung führen können. In den sozialphilosophischen Theorien werden nun anders als in der Ökonomik neue Formen eines sozialen Konflikts erörtert, die sich nicht von den Konsequenzen der menschlichen Interaktion, sondern von der Interaktionsbeziehung und der in ihr wirksamen zwischenmenschlichen Differenz her verstehen lassen. Außerdem wird die Lösung sozialer Konflikte nicht allein in der Evolution eines kooperativen, auf starke Reziprozität abzielenden Miteinanders der Menschen gesehen. Es ist in sozialphilosophischer Perspektive vielmehr fraglich, ob eine Befriedung sozialer Konflikte, die auf eine symmetrische Gleichschaltung der Interaktionspartner und ihrer Transaktionen abzielt, nicht das Wesen dieser Konflikte selbst missversteht.