Ein Clown für Christus - Die ganz andere Geschichte über Paulus und seine Zeit

von: David Trobisch

Gütersloher Verlagshaus, 2010

ISBN: 9783641044237 , 303 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 15,99 EUR

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Ein Clown für Christus - Die ganz andere Geschichte über Paulus und seine Zeit


 

Titus kämpfte sich über den überfüllten Marktplatz und erreichte die Straße, die die Römer Die Gerade nannten. Er folgte der gewaltigen Stadtmauer ein Stück und bog dann nach rechts in eine enge Gasse ab. Vor den Tavernen, die sich hier aneinanderreihten, standen Sklaven und riefen in die Menge, was die Köche an diesem Abend anzubieten hatten: »Frische Schafsaugen, gekocht in Milch!« »Gegrillte Nachtigallzungen!« »Käsegebäck in Honig!« Doch die vielen Männer in der Gasse kamen nicht, um zu essen, sie kamen wegen der Frauen.
Vor der Taverne Zu den drei Schwestern blieb Titus kurz stehen und sah sich um. Dann huschte er, seinen Anweisungen folgend, um die Ecke zum Nebeneingang, der Kunden vorbehalten war, die Diskretion zu schätzen wussten und gerne dafür bezahlten. Wie befohlen, klopfte er dreimal, wartete einen Augenblick, und klopfte noch zweimal. Die Tür öffnete sich, und ein schwarzer Mann, dessen Wangen und gewaltigen Oberarme mit Narben verziert waren, ließ ihn ein.
Titus stürmte die Treppe hinauf. Wie die meisten exklusiven Bordelle von Damaskus, war auch dieses ein Teil der Stadtmauer. Das Obergeschoß bestand aus einer einzigen Kammer, dessen rundes Fenster nach Westen ausgerichtet war. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner, magerer Mann, barfuß und nur mit einem Lendentuch bekleidet. Neben ihm zündete Herodias, die Frau, von der Titus wenige Stunden zuvor gekauft worden war, gerade eine Fackel an. Herodias war es auch gewesen, die ihm befohlen hatte, kurz vor Sonnenuntergang hierher zu kommen. Titus schätzte sie auf ungefähr sechzig Jahre. Ihre leicht gelockten Haare waren dunkel, zeigten hier und da aber auch das Silbergrau des Alters, sie trug ein weißes, aufwendig besticktes Wollkleid, und über ihrem wohlgenährten Bauch wölbte sich ein ausladender Busen.
»Das ist dein neuer Diener«, sagte Herodias zu dem halbnackten Mann. Dann wandte sie sich an Titus: »Das ist mein kleiner Bruder, dein neuer Herr.«
Titus kniete nieder und beugte sich vor, bis sein Kopf den Boden berührte.
»Sag was«, befahl Herodias. »Paulus kann nicht sehen.« Titus blieb auf den Knien, hob aber langsam den Kopf. Sein neuer Herr starrte ihn mit rot geränderten Augen an. Er hatte eine Glatze, die von wenigen grauen Haaren umrahmt war, und trug einen dichten, weißen Bart, der sein schmales Gesicht etwas runder wirken ließ. »Dein getreuer Sklave meldet sich zu Diensten«, brachte Titus schließlich hervor.
»Friede sei mit dir. Schalom.« Paulus Stimme war ungewöhnlich hoch, mehr die Stimme eines Jungen als die eines alten Mannes. Herodias steckte die brennende Fackel in eine eiserne Halterung an der Wand, faltete sorgfältig und bedächtig ein Obergewand und ein Lendentuch und drückte beides Titus in die Hand, nachdem sie ihm ungeduldig bedeutet hatte aufzustehen. »Leg das in den Korb«, bestimmte sie und zeigte auf das runde Fenster. Titus steckte den Kopf durch die Öffnung. Etwa zwölf Fuß unterhalb des Fensters stand ein aus Weidenzweigen geflochtener, großer Korb, an dem ein Seil befestigt war, das über einen Balken oberhalb des Fensters führte. Offensichtlich war die Vorrichtung dazu gedacht, Lasten zu befördern. Titus zog den Korb hoch und sicherte das Seil mit einem Seemannsknoten an einem offenbar dafür vorgesehenen Haken. Dann verstaute er die Kleider seines neuen Herrn in dem Behältnis, das einen recht stabilen Eindruck machte und ausreichend Platz für eine kleine Person wie Paulus bot.
»Gewöhnlich verlassen wir die Stadt nicht auf diese Weise«, sagte Herodias zu Titus. Sie legte ihre Hand auf den Rücken ihres Bruders und schob Paulus sanft, bis er mit ausgestrecktem Arm die Öffnung in der Wand ertastete. »Da musst du raus«, sagte sie. »Mit dem Kopf zuerst. Wenn die Schultern draußen sind, rutscht der Rest schon nach.«
»Willst du mich umbringen?« Der alte Mann wirkte nicht sehr überzeugt.
»Sei nicht so zimperlich! Dein ganzes Leben lang bist du mit dem Kopf durch die Wand. Deshalb steckst du jetzt auch bis zum Hals in Schwierigkeiten.«
Paulus streckte die Arme aus. Als er sich in das Fensterloch zwängte, wurde es dunkel im Raum, nur die Fackel an der Wand flackerte. »Der schafft das nie«, dachte Titus laut.
»Keine Sorge«, beruhigte Herodias. »Ich war dabei, als er auf die Welt kam.«
Paulus arbeitete sich langsam vorwärts. Doch als er versuchte, in den Korb zu gleiten, blieben seine Hüften stecken. Kopf und Arme waren im Freien, die Beine aber strampelten hilflos in der Luft. »Das habe ich befürchtet.« Herodias griff in die vielen Falten ihres Kleides und holte einen kleinen Dolch hervor, dessen silbern glänzender Griff mit Edelsteinen besetzt war. »Ein altes Erbstück«, sagte sie. »Es hat Glück und Unglück über unsere Familie gebracht.« Sie hielt den Dolch in der rechten Hand, hob beide Arme in die Höhe und betete laut: »Herr Israels, Beschützer der listigen Verführerin Ta- mar, der verräterischen Hure Rahab, der gierigen Ausländerin Ruth und der königlichen Ehebrecherin Bathseba! Segne diesen Dolch!« Mit einer ungeduldigen Armbewegung gab Herodias Titus einen Wink, beide packten Paulus an den Beinen und zogen ihn mit einem kräftigen Ruck zurück. Die Hüften lockerten sich, nun aber steckten die Schultern fest.
Herodias zog den Dolch aus der Scheide und durchtrennte entschlossen das Tuch, das Paulus um seine Hüfte gebunden hatte. Seine weiße Haut glänzte im gelbroten Licht der Fackel. »Drücken! Drücken! Drücken!«, befahl Herodias. Titus stellte sich neben sie, beide legten ihre Handflächen auf Paulus' nackten Hintern und schoben. Langsam lösten sich die Schultern und der Körper glitt durch das Fenster in den Korb. Das rote Licht der untergehenden Sonne durchflutete die Kammer.
Talitha folgte dem kleinen Pfad, der vom Fluss an der Außenseite der Stadtmauer von Damaskus entlang zu dem Lagerplatz führte, auf dem ihr Herr, Justus von Palmyra, seine Zelte aufgeschlagen hatte. Sie ging aufrecht und auf ihrem Kopf balancierte sie einen Tonkrug, der mit frischem Wasser gefüllt war. Ihre langen, dunklen Haare fielen offen auf die Schultern und streichelten bei jedem Schritt sanft ihren Hals. Mit dreizehn Jahren fühlte sich Talitha nicht mehr als Mädchen, doch ohne Mann war sie auch noch keine Frau. Als sie die Zelte erreichte, rief sie ihr Herr zu sich. »Ich habe Nachricht von deiner Mutter«, sagte Justus. Talitha senkte den Kopf. Sie war in Jerusalem geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter war dort eine Sklavin in Justus' Haushalt. Vor sieben Jahren hatte sie ihr Herr, dessen Geschäfte ihn regelmäßig zwischen Palmyra und Jerusalem reisen ließen, mit in die Oasenstadt Palmyra genommen. Seither hatte sie ihre Mutter nicht mehr gesehen.
»Deine Mutter ist sehr krank. Todkrank. Sie wird nicht mehr lange leben.«
Talithas Knie gaben nach. Der Tonkrug auf ihrem Kopf rutschte, fiel zu Boden und zerbrach. Alles Wasser ergoss sich über die seidenen Teppiche, die den Boden des Zeltes bedeckten. Talitha sah ihre Mutter erschöpft auf einem Bett liegen, einen Arm nach ihrer Tochter ausgestreckt. Doch bevor sich ihre Fingerspitzen berührten, löste sich die Vision auf.
Justus packte Talitha bei den Schultern, rief ihren Namen und schüttelte sie. Doch sie fühlte es kaum. Alles was Talitha wollte war, ein letztes Mal die Mutter sehen.
Titus langte durch das Fenster und zog ein Stück des Seils in die Kammer, schlang es um seinen rechten Arm, legte es über die Schultern und hielt es mit der linken Hand fest. Jetzt stellte er sich schräg zum Fenster breitbeinig hin, zog einmal kräftig mit der Rechten - der Knoten, den er so kunstvoll an den Haken geknüpft hatte, löste sich, und das Seil spannte. Das Leben seines neuen Herrn lag nun in seinen Händen. Als traue sie ihm nicht, stellte sich Herodias vor ihn und packte ebenfalls das Seil mit beiden Händen. Während Titus die volle Last sicherte, bestimmte Herodias die Geschwindigkeit, mit der der Korb nach unten schwebte.
»Mir tut mein Bruder leid.« Herodias schien ein wenig außer Atem. »Er ist körperlich so klein geblieben und auch sonst wohl nie ganz erwachsen geworden. Trotz seiner jungenhaften Züge hatte er aber schon eine Glatze, bevor er zwanzig war. Doch er war ein guter Bruder.«
»War?«, presste Titus hervor und ließ das Seil weiter hinabgleiten. »Ich denke nicht, dass ich ihn noch einmal lebend sehen werde.« »Das wäre aber schade, dann wäre euer letzter Eindruck von ihm sein blanker Arsch.« Erschrocken biss sich Titus auf die Zunge. Sklaven bekamen schon für weniger den Unmut ihrer Herren schmerzhaft zu spüren.
»Mein letzter Eindruck - sein blanker Arsch!« Herodias hatte sich auf den Boden fallen lassen und lachte so sehr, dass ihr runder Körper bebte.
Wieder und wieder schüttelte sie sich und erst jetzt bemerkte Titus, dass er in Händen und Rücken kein Gewicht mehr spürte. Paulus war unten angekommen.
»Schade, dass du nicht bleiben kannst. Du hast Humor, « lächelte Herodias, als sie sich wieder beruhigt hatte. »Ich hatte nicht vor, Damaskus zu verlassen«, entgegnete Titus. »Du vielleicht nicht, aber dein Herr.« Herodias streckte die Hand aus und ließ sich von Titus auf die Beine helfen. »Paulus wartet außerhalb der Stadt, unten an der Stadtmauer auf dich. Er will nach Jerusalem.«
Titus hatte in den Jahren zuvor einem Schiffskapitän gedient. Der alte Mann hatte sieben Sprachen gesprochen und Tag und Nacht von nichts anderem erzählt als von Schiffen, fernen Häfen, wunderschönen Frauen, seltsamen Sitten, und unglaublichen Abenteuern. Diese Geschichten hatten in Titus eine Sehnsucht geweckt. Andererseits fühlte er sich mit seinen 28 Jahren schon viel zu alt, um noch auf Reisen zu gehen. Er war in Damaskus geboren und hatte die Stadt
nur selten verlassen. Obendrein konnte er weder lesen noch schreiben und sprach außer Griechisch keine andere Sprache - keine sehr guten Voraussetzungen, um in der Fremde zu recht zu kommen. »Hier - Paulus schenkt dir diese Decke. Er will, dass du sie mitnimmst auf die Reise.« Herodias deutete auf eine Decke in einem Winkel des Raumes. Sie war kunstvoll aus hunderten verschiedenfarbiger Fäden gewoben und sah wertvoll aus. »Qualität aus Kilikien«, fügte sie hinzu. »Ein Meisterstück.« Titus hob die Decke auf, rollte sie zusammen und klemmte sie unter den Arm.
Herodias griff in die Falten ihres Kleides. »Hier, nimm auch dies!« Sie reichte Titus den mit Edelsteinen verzierten Dolch. »Unser Familiendolch. Man kann nie wissen, wann man ihn braucht.«
Es war schon fast dunkel, als Titus wieder auf die Gasse trat und sich langsam auf den Weg machte. Welchen Eindruck hatte sein neuer Herr, den er nun immerhin schon ohne jede Bekleidung zu Gesicht bekommen hatte, auf ihn gemacht? Sein Körper wirkte jünger als es sein hageres Gesicht, die grauen Haare und der weiße Bart hatten vermuten lassen. Sein Knochenbau wirkte kräftig und gut gewachsen. Vor allem die Beine machten den Eindruck, als seien sie stark genug auch für mehrtägige Fußmärsche, sollten diese nötig sein. Anders als bei vielen Menschen, die in Damaskus geboren und aufgewachsen waren. Diese hatten oft krumme Beine, und das Gehen viel ihnen schwer. Paulus' Arme waren zwar dünn, doch schienen sie kräftig genug, um sich an einem Sattelknauf festzuhalten oder einen Wanderstab zu führen. Im Großen und Ganzen schien Paulus gesund und in guter körperlicher Verfassung. Bis auf die Augen. Die syrischen Wächter am Stadttor winkten Titus durch. Die drei nabatäischen Soldaten dagegen, die ihren Kontrollpunkt draußen vor dem Tor hatten, nahmen sich jeden Passanten sorgfältig vor. Ein älterer Mann vor Titus wurde lange verhört. Er trug einen kräftigen weißen Bart, und die Soldaten ließen ihn erst weiterziehen, als er einem von ihnen eine Münze in die Hand gedrückt hatte. Titus vermutete, dass sie Paulus suchten, und einen Augenblick lang zögerte er. Sollte er seinen neuen Herrn an die Nabatäer verraten?
Doch die Soldaten warfen nur einen schnellen Blick auf Titus' schlichtes Oberkleid und seine Sandalen und ließen ihn durch. Von einem Sklaven erwarteten sie keine Bestechungsgelder und für das kostbare Tuch unter seinem Arm schienen sie keinen Blick zu haben.
Titus fand Paulus ohne Schwierigkeiten. Sein Herr saß angezogen hinter einigen Büschen versteckt ganz in der Nähe der Fensteröffnung, durch die sie ihn hinuntergelassen hatten. »Du hättest mich an die Wachen verraten können«, krähte Paulus in seiner seltsam hohen Stimme zur Begrüßung. »Man hätte dir sicher eine Belohnung angeboten.«
Titus bückte sich, nahm die Hände seines Herrn und half ihm auf die Beine. »Ich war mir der Möglichkeit bewusst.« »Gut. Ich wollte sicher sein, dass mein Diener kein Dummkopf ist.« Paulus trat hinter Titus und legte die linke Hand auf dessen rechte Schulter. »Gehen wir!«
Mit dem ersten Licht des Mondes erreichten Paulus und Titus das Lager, in dem sich die Händler sammelten, die am nächsten Tag gemeinsam nach Jerusalem aufbrechen wollten. Vor den Zelten brannten kleine Feuer, Diener breiteten Strohmatten auf dem Boden aus, legten darüber Teppiche und Decken und verteilten die weichen Kissen, auf denen sich ihre Herren zum Abendessen niederlassen würden.
»Ich bin so aufgeregt«, sagte Titus viel zu laut. Sein alter Herr, der Kapitän, war allmählich taub geworden. Titus hatte angefangen, lauter zu sprechen und zudem die Angewohnheit entwickelt, mit sich selbst zu reden, eine Eigenheit, die er nun nur schwer wieder loswurde. Er blickte zur Seite, sein neuer Herr hatte ihn anscheinend nicht gehört.
Plötzlich blieb Paulus stehen und schloss die Augen. Dann drehte er sich abrupt um und zeigte auf ein bestimmtes Zelt. »Barnabas!«, verkündete er laut.
Der Vorhang am Eingang zum Zelt flog auf, und ein Mann mit vollen, dunklen Haaren und wallendem, pechschwarzen Bart erschien im Eingang.
»Alter Knabe, ich habe mir schon Sorgen gemacht«, rief Barnabas mit tiefer Stimme und kam auf Paulus zu.
»Ich weiß mir schon zu helfen«, erwiderte Paulus, bevor ihm Barnabas mit einer mächtigen Umarmung die Luft abdrückte. »Und wer ist das?« Ohne eine Antwort abzuwarten, packte Barnabas Titus bei der Nase und öffnete mit der anderen Hand seinen Mund, um die Zähne zu begutachten. Dann hob er Titus' Gewand hoch, betrachtete dessen Beine, tastete schließlich mit beiden Händen den Bauch ab: »Ist nicht mehr der Jüngste. Hat er wenigstens was im Kopf?«
»Genug um mich nicht an die Wachen zu verraten«, erwiderte Paulus.
»Hat er einen Namen?« »Titus.«
»Hör mal zu, mein lieber Freund.« Barnabas packte Titus' Schultern so, dass dieser fürchtete im nächsten Augenblick das Knacken seiner Knochen zu hören. »Dein Herr und ich - wir sind unzertrennlich. Wenn er niest, putze ich mir die Nase.« Barnabas hielt inne, als wartete er auf eine Antwort.
Titus aber schaute ihn fragend an. Was erwartete der Herr von ihm?
Jetzt ergriff Barnabas sein Gewand und zog ihn zu sich heran. »Du findest das nicht komisch?«
Titus stand nun auf den Zehenspitzen und fühlte Barnabas' warmen Atem im Gesicht. Er roch nach Knoblauch. »Wenn ich einen Witz mache, dann wird gelacht. Verstanden?« »Verstanden«, flüsterte Titus, und Barnabas ließ ihn sofort los. Sobald er wieder fest auf den Beinen stand, begann Titus schallend zu lachen. Zwischen Lachsalven rief er: »Wenn mein Herr niest, putzt sich Barnabas die Nase! Wenn Barnabas müde ist, geht mein Herr ins Bett! Wenn mein Herr Knoblauch isst, stinkt Barnabas aus dem Mund!«
»Genug!«, befahl Barnabas, und Titus war auf der Stelle ruhig. »Weiß er, womit du dir deinen Unterhalt verdienst?« »Ich denke nicht«, antwortete Paulus.
»Wir handeln mit Textilien«, erklärte Barnabas. « Wir kaufen die
Ware im Osten und verkaufen sie an reiche Leute im Westen. Das ist unser Geschäft. Es ist, was Damaszener immer schon gemacht haben. Import, Export.« Barnabas drehte nun Titus' Kopf langsam nach links, bis Titus fast das Gleichgewicht verlor, und dann wieder nach rechts, während er wiederholte: »Import, Export. Import, Export. Geht das in deinen Sklavenschädel?« Titus nickte so gut er konnte.
Barnabas schaute ihm eindringlich in die Augen. »Wenn deinem Herrn irgendwas passiert, und es ist deine Schuld, dann verfolge ich dich, wenn es sein muss, bis ans Ende der Welt. Und wenn ich dich habe - und glaube mir, ich krieg dich - dann Gnade dir Gott!« »Du brauchst ihm nicht zu drohen«, mischte sich Paulus ein. »Er ist zuverlässig. Meine Schwester hat ihn ausgesucht. Und du weißt ja, sie kennt sich mit Männern aus.« Paulus hielt einen Moment inne. »Deshalb hat sie ja auch nie geheiratet.«
Barnabas schmunzelte. Er ließ Titus los, nicht, ohne ihm einen drohenden Blick zuzuwerfen. An Paulus gewandt fragte er dann: »Redet Herodias immer noch so viel von Spanien?«
»Ununterbrochen. Ein Markt, der noch erschlossen werden muss.« »Und du bist verrückt genug, um auf sie zu hören. Stimmt's?« »Wir könnten viel Geld verdienen«, erwiderte Paulus. »Wer will schon reich werden, jetzt, wo das Himmelreich nahe herbeigekommen ist?«
»Herodias«, sagte Paulus, und wieder schmunzelte Barnabas.
Herodias hatte für alles gesorgt. Sie hatte Barnabas ein Pferd mitgegeben, auf dem Paulus reiten würde, und für Titus einen Maulesel. Außerdem fanden sich im Lager ein Zelt, Decken, Lebensmittel und Kleider für die Neuankömmlinge. Die Karawane bestand aus ungefähr fünfzehn Händlern mit ihren Tieren und Gefolge. Am nächsten Morgen wollte man aufbrechen. Barnabas' Diener halfen Paulus' Zelt aufzustellen und legten es aus mit einem Teppich, sowie Polstern und Decken für die Nacht. Titus selbst würde im Freien auf der kilikischen Decke schlafen.
Vor dem Essen wollte Paulus noch ein Bad nehmen. Titus führte ihn ans Ufer des seichten Flusses. Sein Herr stieg ins Wasser und tauchte kurz unter. Als er sich wieder aufrichtete, ließ er sich mit einem großen Tuch trocken reiben und meinte: »Wie neu geboren und getauft.«
»Getauft?«, fragte Titus. Er hatte den Ausdruck noch nie gehört. Doch sein Herr gab keine Erklärung. Paulus streckte seine Arme aus, und Titus half ihm in die Kleider. Schweigend kehrten sie zum Zeltlager zurück.
Wie die meisten nabatäischen Mädchen trug Talitha ein rotbraunes, ärmelloses Kleid, das ihr knapp bis zu den Knien reichte. Sie hockte im Lager an einem der kleinen Feuer und legte getrockneten Kameldung auf die Glut. Die Nachricht über die Krankheit ihrer Mutter hatte sie ganz aus der Fassung gebracht. Doch Justus hatte versprochen, am nächsten Morgen aufzubrechen, und so hoffte sie noch rechtzeitig in Jerusalem einzutreffen und die Mutter noch einmal sehen zu können. Talitha blies in die Glut und nährte die auflodernde Flamme mit kleinen Zweigen. Als das Feuer stark genug war, stand sie auf und streckte sich. Zwei Männer kamen gerade am Zelt vorbei, ein alter, offenbar blinder Herr mit seinem Diener, der ganz ohne Hemmungen ihre halbnackten Beine anstarrte. Verlegen wandte Talitha sich ab und legte noch ein Stück Holz nach. »Schalom!«, grüßte nun Justus von Palmyra den blinden Mann. »Du handelst ebenfalls mit Textilien? Dein bärtiger Freund hat eine laute Stimme - es war kaum zu überhören.«
Auch Talitha hatte gehört, wie Barnabas Paulus begrüßt hatte. Sie erinnerte sich, dass der Name des Sklaven gefallen war: Titus - doch wie sein Herr hieß, hatte sie sich nicht gemerkt. Die beiden Männer blieben stehen.
Justus strich sich mit seinen manikürten Fingern den kurz geschnittenen Bart. »Mein Name ist Justus von Palmyra. Bitte erweist mir die Ehre und gebt mir euer geschätztes Urteil. Ich habe hier einen ungewöhnlichen Teppich.«
Justus machte Talitha ein Zeichen. Sie huschte in das Zelt und kam mit einem kleinen, hellblauen Teppich, ohne den Justus niemals reiste, wieder hervor. Justus nahm das Stück und hielt es Paulus hin.
Der alte, blinde Mann ließ seine Finger langsam über die feinen Knoten gleiten. »Hervorragende Verarbeitung«, murmelte er. »Reine Seide. Höchste Qualität. Vermutlich aus Indien.« Er roch daran. »Hellblau.«
»Es ist mir eine Freude, endlich deine Bekanntschaft zu machen, Paulus von Damaskus!«, freute sich Justus. »Ich habe schon viel von dir gehört. Niemand sonst kann die Farbe eines Teppichs am Geruch erkennen. Ich bitte dich - gib mir die Ehre, komm, iss und trink mit mir. Es ist alles bereit.«
Paulus wirkte keineswegs überrascht über diese unerwartete Einladung. Er verbeugte sich höflich und Titus führte ihn zu den Polstern und Decken, die eilig rechts von Justus' Platz ausgebreitet wurden. Als Paulus sich zu Tisch gelegt hatte, stellte sich Titus hinter seinen Herrn. Talitha brachte nun einen Teller mit eingelegten Oliven und frisch gebackenen Brotfladen, und bot dem Gast diese Vorspeisen an. Paulus ließ sich von Titus die Hand zum Teller führen. »Du reist nach Jerusalem«, eröffnete Justus die Unterhaltung. »Bist du Judäer?«
»Nein«, antwortete Paulus. »Meine Vorfahren stammen von Benjamin ab und nicht von Juda.«
Justus zuckte mit den Achseln. »Macht das einen Unterschied?« »Judäer glauben an Jerusalem und den Tempel. Wir glauben, dass Gott in unseren Herzen wohnt, nicht in einem Gebäude.« Als Hauptspeise brachte Talitha Holzspieße, auf denen zarte, mit Schafskäse überbackene Stücke Schweinelende aufgereiht waren, eine Mahlzeit, die auch für einen blinden Mann leicht zu essen war. Talitha wusste, dass Justus die Speisen nicht anrühren würde. Seit Wochen fastete er.
»Ein Kompliment an den Koch.« Paulus machte es sich nach der Mahlzeit auf den Kissen bequemer. »So etwas habe ich noch nie gegessen.«
Nun brachte Talitha den Wein, und Paulus schickte seinen Diener Titus, eine Decke zu holen.