CROSSMATCH. Das Todesmerkmal - Thriller

von: Stefanie Koch

dotbooks GmbH, 2012

ISBN: 9783955200480 , 365 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 5,99 EUR

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CROSSMATCH. Das Todesmerkmal - Thriller


 

Dienstag, 13. Dezember


Pet war bereits seit fünf Uhr früh im Polizeipräsidium, um vor der Besprechung mit seiner Telefonliste durch zu sein. Und das war er auch, als Lia um kurz vor sieben Uhr mit zwei Bechern Kaffee kam. Sie hatte von unten das Licht gesehen, ihren Ärger heruntergeschluckt und beschlossen, ein bisschen freundlich zu ihm zu sein.

„Ich habe die halbe Nacht gelesen, konnte einfach nicht schlafen wegen dieser zu Tränen rührenden Carsten-Schlüter-Gala, und dann habe ich voll verpennt. Ich werde mich übrigens typisieren lassen.“

„Was ist das?“

„Man lässt seine Blutgruppe und seine Gewebemerkmale bestimmen.“

„Warum soll man das tun?“ Pet schaute argwöhnisch zu ihr hinüber.

„Um Menschen, die an Leukämie erkrankt sind, eventuell mit einer Knochenmarkspende zu helfen. Die Daten werden gespeichert und abgeglichen, sobald jemand eine Knochenmarkspende benötigt.“

Pet blickte sie an, traute sich aber nicht, ihr zu widersprechen. Außerdem fühlte er sich ein bisschen geschmeichelt, dass sie ihn einbezog.

„Was Neues?“

Pet schüttelte den Kopf und hielt ihr die Liste hin. „Kein einziges deutsches Krankenhaus weiß etwas von einem Mann von Anfang, Mitte 20, der in den letzten zwei Wochen explantiert worden wäre.“

Sie nahm das Stück Papier und rieb sich die Augen. Da klingelte ihr Telefon. Das fragliche Kennzeichen gehörte zu einem holländischen Bestattungsunternehmen in Alphen aan den Rijn. Lia notierte sich alles, was der holländische Kollege in nahezu perfektem Deutsch erzählte. Obwohl sie wusste, dass einige Formulare notwendig sein würden, um aus dem Nachbarland Unterstützung bei den Ermittlungen zu bekommen, fragte sie ihren Kollegen, ob das Bestattungsunternehmen schon mit irgendwas bei ihnen aktenkundig sei.

„Nein, warum?“, fragte der Holländer zurück, doch Lia hielt sich bedeckt, murmelte etwas von Fahrerflucht und versprach, die notwendigen Anträge noch heute zu schicken.

Im Besprechungsraum fehlte nur Karla, die genau fünf Minuten zu spät kam. Fred nickte ihr zu. Karla war genauso groß und schlank wie Lia, trug aber edle Kostüme, teuren Schmuck und ihre hüftlangen blonden Haare offen – außer am Sektionstisch. Ihre kühle Erotik blieb nur von den Leichen unbemerkt, und Bauer war über die Jahre immun geworden.

Ohne Einleitung erschien der explantierte Mann auf der Leinwand, und Karla gab Kopien in die Runde.

„Darauf findet ihr die wichtigsten Infos versammelt. In aller Kürze: Die Leiche ist vor längstens einer Woche explantiert worden. Der Mann hatte Blutgruppe 0, die Gewebemerkmale könnt ihr selbst nachlesen.“ Karla machte eine wirkungsvolle Pause und zwinkerte Lia kurz zu: „Ich habe heute Morgen zur Sicherheit die europäischen Verteilungszentren für Organe abtelefoniert und angefragt, ob ihnen in den letzten sechs Tagen Organe mit diesen Gewebemerkmalen angezeigt wurden. Es wurde in keinem Zentrum ein hirntoter Mann Anfang 20 mit diesen Merkmalen gemeldet. Und in keinem Labor wurde die fragliche Typisierung durchgeführt.“

Schüttler zog die Schultern hoch, schob seine Prothese auf den Tisch und kaute auf seiner Unterlippe. „Kann es ein Unfall gewesen sein? Krankenwagen oder Leichenwagen mit Fahrerflucht?“

Lia horchte auf, der fast bittende Ton in der Stimme

ihres Chefs war ihr vollkommen neu.

Karla wickelte eine Haarsträhne um ihren linken Zeigefinger und sah Schüttler an. „Dann müsste er ja gemeldet sein. Keine Explantation ohne Transplantationszentrum. Zumindest legal.“

„Wir haben kein Krankenhaus und kein Bestattungsunternehmen in Deutschland gefunden. Es gab nur einen Unfall mit einem Leichenwagen aus Holland. Fred hat Lackspuren und Reifenabrieb nachgewiesen“, erklärte Lia.

„Dann gehört der Tote nach Holland?“ Schüttler richtete sich auf.

„Vielleicht“, sagte Karla, „aber er müsste trotzdem gemeldet sein. Ich habe darüber schon mit dem deutschen Transplantationsexperten Dr. Marc Stein gesprochen und mit seinem Kollegen Dr. Andrea Spinoza. International Transplant in Brüssel hat zwar eingeräumt, dass es dort von Samstag auf Sonntag einen totalen Datencrash gab, und sie wollen sich bei mir melden, sobald der Schaden behoben ist. Es würde mich aber wundern, wenn unsere Leiche in deren Datenbank auftauchen würde. Und das Ganze bleibt, was es ist: eine nicht gemeldete Explantation eines lebensfähigen Menschen. In Fachkreisen nennt man das Mord.“

Schüttler starrte sie an, Karla wich keinen Zentimeter zurück, nicht einmal ihre Haarsträhne ließ sie los, während sie seinem Blick standhielt.

Schüttler stand auf und fixierte Lia: „Bring sofort alle notwendigen Anträge auf den Weg. Wir brauchen den Leichenwagen für die Kriminaltechnik“, setzte er nach. Sein Blick war unmissverständlich und vermittelte: In dieser Abteilung bestimme ich, wie die Musik spielt. „Die Ratten kommen nach oben, wenn die Population in der Kanalisation zu groß wird“, sagte er und schob die Prothese in seine linke Jacketttasche. „Mach eine internationale Anfrage, vielleicht ist es leichter, als wir befürchten, und der Typ ist Holländer. Ich wünschte, wir könnten die Ratten dorthin schieben.“

Schüttler blieb vor Lia stehen und fuhr fort: „Mach erst die Anträge fertig, und dann ab nach Holland, heute noch. Fred, du fährst mit. Denkt euch was aus, damit die euch an die Karre ranlassen!“

Lia stürmte in ihr Büro und schlug die Tür zu. Sie trat gegen ihren eisernen Rollcontainer, dem man ansah, dass es nicht der erste Tritt war. Dann riss sie das Fenster auf und starrte auf den verschneiten Parkplatz. Als sie fror, schloss sie es wieder und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie hasste es, wenn Schüttler sie wie eine Angestellte behandelte und nicht selbst entscheiden ließ, was zu tun war. Sie gab in die Suchmaschine „illegaler Organhandel“ ein. Zahllose Artikel erschienen, Indien, Polen, Ägypten, Philippinen.

Lia begriff schnell, dass der illegale Organhandel insbesondere in ärmeren Ländern verbreitet war. Gekidnappte Männer, Frauen, Kinder, die nach einer Operation mit einer schwärenden Wunde wieder aufwachten. Ein anatolischer Arbeiter, der sich vom Erlös seiner Niere Haus und Fernseher gekauft hatte. Lia überflog die Artikel und fragte sich, warum ausgerechnet einer deutschen oder niederländischen Leiche die Organe geraubt wurden, wenn es doch weltweit so viele andere Möglichkeiten gab. Es musste dafür einen außerordentlichen Grund geben, aber welchen?

Sie druckte die Artikel aus, um sie auf der Fahrt nach Holland zu lesen. Pet kam herein und verzog sich hinter den Bildschirm. Lia bat ihn, sich von Schüttler erklären zu lassen, wie eine internationale Vermisstenanfrage funktionierte, und diese dann zu veranlassen.

In diesem Moment erschien Fred in der Tür, an seiner Hand baumelte ein Autoschlüssel. „Opel Corsa, aber wenigstens mit Winterreifen. Kommst du?“

Ihr Handy summte, eine SMS von Karla: „Er ist klein und hat zum Onanieren nur eine Hand, sieh es ihm also nach!“ Lia lachte schallend und löschte die SMS sofort. Denn eigentlich mochten sie ihren Chef und hatten Respekt vor seinen Fähigkeiten. Nur manchmal, wie heute, war er einfach unausstehlich. Sie nahm die Ausdrucke, sicherte ihren Computer und sagte zu Pet: „Warte, bis wir wieder da sind. Kein Wort zu Schüttler, dass ich die Anträge noch nicht gestellt habe, ich mach das von unterwegs.“

Der dunkelblaue Corsa stand vor dem Eingang. Den frisch gefallenen Pulverschnee, über den sich niemand mehr freute, trieb ein leichter Wind vor sich her. Lia hatte sich auch nach Wochen nicht an die sibirische Kälte gewöhnt. Fred warf den Schlüssel in die Luft: „Du oder ich?“

„Du“, sagte Lia und zeigte auf die Papiere. „Währenddessen lese ich dir vor. Schätze, mehr als zwei Stunden brauchen wir nicht.“

„Wenn es nicht weiter schneit und schneit und schneit!“

Lia überflog auf der Beifahrerseite Artikel um Artikel und las Fred immer wieder einzelne Sätze vor: „Indien legalisiert den aktiven Verkauf der eigenen Organe und ermöglicht damit, dass die Ärmsten wenigstens einen Teil des Geldes bekommen, das reiche Organempfänger bezahlen.“

Fred nickte. „Ist ja interessant. Erzähl mir mehr.“

„Organdealer ist in Israel anscheinend ein geduldeter Beruf. Die Dealer führen Empfänger und Spender zusammen, steht hier, und erhalten 70.000 Dollar und mehr als Prämie dafür. Das zahlt der Empfänger. Die israelischen Krankenkassen erstatten einen Teil der Kosten, weil ein transplantierter Patient weniger kostenintensiv ist.“

„Vielleicht sollten wir mit einem Organdealer Kontakt aufnehmen?“, schlug Fred vor.

Lia schüttelte den Kopf: „Anscheinend rückt niemand die Daten der Dealer heraus, denn man will es sich für den Fall der Fälle nicht mit ihnen verscherzen.“ Sie senkte ihren Blick und las weiter.

„In arabischen Ländern ist die Transplantation von Leichenorganen verboten“, berichtete sie. „Und in deutschen Krankenhäusern landen immer wieder Patienten, die sich in Ungarn oder Rumänien eine neue Niere haben implantieren lassen. In Ägypten fürchten Eltern um ihre verschwundenen Kinder, denn die Organjäger bedienen sich vor allem in den Armenvierteln.“

Sie las sich den...