Nicht heulen, Husky! - Der fesselnde Tatsachenbericht einer Auswanderung nach Kanada

von: Gila Delden

Heyne, 2010

ISBN: 9783641034733 , 384 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Nicht heulen, Husky! - Der fesselnde Tatsachenbericht einer Auswanderung nach Kanada


 

Einleitung
Vancouver - meine Blicke schweifen aus dem Fenster auf die teilweise noch in Nebel gehüllte Skyline. Weich verwischt der Regen die Konturen der Lions Gate Bridge, die unseren Teil der Stadt mit ihrem Zentrum verbindet.
Heute, am 20. Januar 1987, habe ich begonnen, die Ereignisse der vergangenen fünf Jahre aufzuschreiben. Es ist in dieser Zeit zu viel geschehen, als dass ich es einfach ignorieren könnte. Kaum hatte sich eine neue familiäre Situation eingespielt, geschah wieder etwas, das unser Leben veränderte. Hier sind wir nun zur Ruhe gekommen. Unser Leben hat die Stabilität bekommen, die wir alle so nötig brauchen.
Vor einem halben Jahr sah alles noch ganz anders aus. Ich habe erlebt, dass Wunder Ursachen haben, und über diese tiefen Erfahrungen möchte ich berichten, ohne etwas zu verbergen. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich den Schritt ins Licht der Öffentlichkeit wagen soll, in der vorliegenden Form über familiäre Dinge zu schreiben. Aber wenn ich dadurch anderen Menschen Anregungen geben kann, an die Kraft der Gedanken zu glauben, so scheint es mir richtig.
Jede neue Erfahrung im Leben hat ihren Wert und sollte vertrauensvoll, ohne jeden Widerstand, zugelassen werden, auch wenn das Positive daran nicht immer sofort ersichtlich ist.
Ich musste erkennen, dass alles im Leben seinen Preis hat, so auch meine Entscheidung, eine Beziehung zu Rainer einzugehen, für die ich bezahlte mit allem, was ich hatte.
Gestohlenes Glück - wie hoch ist dein Preis?
Eva, Rainers Frau, hatte mir einmal während unserer langjährigen Freundschaft gesagt, noch bevor sie von Rainers Beziehung zu mir wusste: »Man muss für alles im Leben bezahlen.«
Ihre Bemerkung hatte mich damals sehr nachdenklich gestimmt. Inzwischen weiß ich, wie recht sie hatte. Denn geblieben sind mir meine Tochter Dana, ein wunderbares kleines Menschenkind von fast fünf Jahren, und Rico, mein kleiner Sohn, der bald ein Jahr alt wird - sowie eine Menge kostbarer Erfahrungen.
Wenn Dana und Rico heranwachsen, werden sie nach ihrem Vater und ihrer Herkunft fragen. In diesem Buch finden sie die Antwort darauf.
Meine beiden großen Söhne, André, der jetzt neunzehn Jahre alt ist, und Marco mit seinen fast siebzehn Jahren, werden es etwas leichter haben, unsere Geschichte zu verstehen, denn die beiden haben sie mehr oder weniger bewusst miterlebt.
Wenn ich heute über die vergangenen Jahre nachdenke, so staune ich manchmal über die schillernden Ereignisse jener Zeit, die ein ganzes Leben ausfüllen könnten: Nach der Scheidung meiner Ehe mit Achim bin ich mit Rainer, dem Mann meiner Freundin Eva, heimlich in die kalten Yukon Territories in Kanada ausgewandert. Mit von der Partie waren unsere Tochter Dana, meine beiden halbwüchsigen Jungen sowie unsere Hauswirtschafterin, und nicht zuletzt hatten wir dreizehn Sibirische Schlittenhunde im Gefolge - und dann zwei riesige Container mit unserem gesamten Hab und Gut!
Doch nach verhältnismäßig kurzer Zeit musste ich einsehen, dass unsere Pläne zum Scheitern verurteilt waren, und bin nach Deutschland zurückgekehrt.
So turbulent ist mein Leben in den letzten Jahren wirklich verlaufen. Ich sollte aber besser der Reihe nach berichten. Dabei möchte ich vermeiden, die Gefühle anderer zu verletzen, zumal die Geschichte vor allem Eva berührt; Eva, meine Freundin, die seelisch und körperlich beinahe daran zugrunde gegangen wäre.
Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit. Ich habe sie erfahren. Doch das Leben musste mich erst beuteln, bevor ich wach wurde und mich neuen Perspektiven öffnen konnte.

Kapitel 1
Manchmal sind Gefühle wie das Meer -
ruhig, stürmisch
Ebbe und Flut
dunkel, hell
tief, weich
manchmal mit hohen Wellen ab und an schwappt es über ...
(G. Voigt-Weise)

Der Januar 1982 war kalt. Den ständigen Frost und die eisglatten Straßen der Eifel war ich nicht gewohnt. Hier sollte ich wochentags als Verkaufsleiterin eine neue Direktion aufbauen, mit Rainer und Eva als Mitarbeiter, und am Wochenende fuhr ich nach Hause zu meiner Familie, die dreihundert Kilometer entfernt in der Nähe von Bielefeld wohnte.
Erst vor kurzem hatte ich eine kleine Wohnung gemietet, hoch über dem Rursee gelegen, mit einer wunderschönen Aussicht auf die Rur, deren Windungen sich malerisch durch das Tal schlängelten.
Ich war gerade dabei, die letzten Kleinigkeiten einzuräumen, als ich Besuch von Rainer erhielt.
Nach der Begrüßung setzte er sich zu mir und brachte längere Zeit kein Wort heraus. Irgendetwas schien ihn zu bedrücken, denn er vermied es, mich anzusehen. Es dauerte eine Weile, ehe er die passenden Worte gefunden hatte.
»Gila, unsere Beziehung muss vorerst andere Formen annehmen«, sagte er zögernd.
Auch ich nahm täglich andere Formen an, denn ich erwartete ein Baby von ihm.
»Ich habe einfach Angst, dass Eva von der ganzen Sache erfährt. Das können wir uns momentan nicht erlauben.« Er zog mich sanft an sich und fragte vorsichtig: »Das verstehst du doch sicher, nicht?«
Ich konnte nichts erwidern. Da saß ich nun, an ihn gelehnt, während alles um mich herum in Tränen verschwamm. Die Verkaufsleitung in der Eifel hatte ich nur übernommen, um Rainer nahe zu sein - und jetzt das!
Seit September 1975 kannte ich Eva und Rainer, ein ungleiches, aber liebenswertes Paar: Sie, eine warmherzige, mütterliche Frau, die jedoch bei dem kleinsten unerwarteten Ereignis einem Nervenzusammenbruch nahe war. Rainer, ein gut aussehender dunkler Typ, ein Improvisationstalent ohnegleichen, ruhig und sachlich.
Ich erinnere mich noch genau an den Augenblick, als ich die beiden zum ersten Mal auf einer Tagung sah, die unsere Firma für die gesamte Außendienstorganisation abhielt.
In der Mittagspause steuerte unerwartet eine große, stattliche Frau mit blonden hoch gesteckten Haaren auf mich zu. Schwungvoll begrüßte sie mich.
»Hallo, guten Tag! Sie sind sicher die Dame aus Bielefeld, von der mein Mann und ich schon soviel gehört haben. Sie müssten uns eigentlich kennen. Wir sind schon früher zusammen für die gleiche Firma tätig gewesen.«
»Nein«, entgegnete ich überrascht und sah sie forschend an, »ich kann mich nicht an Sie erinnern. In welchem Gebiet haben Sie denn gearbeitet?«
»In der Eifel. Wir haben Ihren Namen immer ganz oben auf den Umsatzlisten gesehen, bis wir vor einiger Zeit plötzlich erfuhren, dass Sie die alte Firma verlassen hätten. Wie schön, dass wir uns jetzt hier endlich kennen lernen!«
Ihre dunklen Augen und ihr warmes Lachen machten sie äußerst anziehend. Überschwänglich schüttelte sie mir die Hand.
Und dann sah ich ihn. Mein Gott, was für ein Mann! Gehörte er wirklich zu dieser Frau? Da war er, der Mann, dessen Idealbild ich ein Leben lang in mir getragen hatte. Er stand vor mir, groß und breitschultrig. Seine schwarzen Haare und sein bräunlicher Teint ließen einen südländischen Einschlag ahnen.
»Guten Tag«, sagte er leicht amüsiert und sah mich eigentümlich interessiert mit seinen braunen Augen an.
»Meine Frau ließ keine Ruhe, bis wir Sie endlich gefunden hatten.«
Mein Herz schlug wild. Lass bloß die Finger von ihm!, warnte mich meine innere Stimme eindringlich. Mit leichtem Erschrecken spürte ich, welch starke Faszination dieser Mann auf mich ausübte.
Er war so ganz anders als mein eigener Mann. Wir hatten jung geheiratet und kurz nacheinander unsere beiden Söhne bekommen. Achim war eher konservativ und im Grunde genommen immer recht dankbar, wenn andere die Initiative übernahmen und er im Hintergrund bleiben konnte.
Rainer dagegen hatte eine starke Ausstrahlung, und nicht nur auf mich, wie ich bald feststellte. Sämtliche Mitarbeiterinnen bekamen weiche Knie, wenn er in der Nähe war, was seine Frau nicht zu beunruhigen, sondern eher zu belustigen schien. Meine Sensoren schlugen Alarm: Um Männer, die allen gefallen, machte ich normalerweise einen großen Bogen. Ich hielt sie für uninteressant. Doch bei Rainer war alles anders.
Wenn ich über die Beziehung zwischen Rainer und Eva nachdenke, so muss ich feststellen: Solch eine Verbindung zwischen zwei Menschen kann man als Außenstehender nur sehr subjektiv beurteilen. Manchmal frage ich mich, ob ich sie zu der Zeit anders gesehen habe, als zwischen Rainer und mir nur eine Freundschaft bestand. Ja, ich glaube schon, denn ich erfuhr immer nur über Eva von irgendwelchen Problemen oder Spannungen zwischen den beiden. Nie hörte ich etwas von Rainer, was mir Anlass hätte geben können, an dem Bestand dieser Ehe zu zweifeln. Nie machte er irgendeinem Menschen gegenüber auch nur die geringste Andeutung - bis zu jenem Junitag, als der Stein ins Rollen kam und wir den Level der Freundschaft für immer verließen.
Eva hatte Geburtstag. In alter Gewohnheit rief ich an, um ihr zu gratulieren.
»Gila?«, meldete sich Rainer, »wie schön, dass du anrufst! Gerade habe ich an dich gedacht! Eva ist momentan nicht zu Hause. Soll sie gleich zurückrufen?«
»Nein«, wehrte ich ab, »ich rufe nachher noch mal an. Bis dann!«
»Halt! Leg bitte noch nicht auf, ja?«, bat er mit weicher Stimme. Ich spürte, wie ernst er wurde, als er fortfuhr: »Gila, ich muss dich sprechen.«
»Okay«, erwiderte ich unbefangen, »schieß los!«
»Nein, nicht am Telefon, persönlich. Ich muss mit dir etwas besprechen.«
»Mach doch mal 'ne Andeutung, worum es geht!«, bat ich ihn.
»Ich muss mit dir persönlich reden«, wiederholte er ruhig.
Irgendetwas in seiner Stimme ließ mich aufhorchen.
»Ich habe schon überlegt, ob ich zu dir nach Hause kommen soll, doch es wäre mir schon lieber, wenn wir uns ungestört miteinander unterhalten könnten - ohne Achim.«
Beide wussten wir, Diskretion war nicht Achims Stärke.
In all den Jahren unserer Freundschaft geschah es zum ersten Mal, dass Rainer mich um ein vertrauliches Gespräch bat. Was mochte dahinterstecken? Ob es etwas mit uns zu tun hatte? Ach was, dachte ich, meine Gefühle für ihn liegen so tief vergraben, davon kann er nichts ahnen.
Für unser Treffen schlug ich ein Restaurant auf halber Strecke zwischen Aachen und Bielefeld vor, in dem ich ein paar Mal mit meinen Mitarbeitern gewesen war.
»Du, Gila«, sagte er leise, »ich freue mich auf dich!«
Ich schloss die Augen und saß lange versonnen an meinem Schreibtisch. Was mochte er auf dem Herzen haben? Warum war er nicht bereit, auch nur eine Andeutung zu machen? Weshalb wollte Rainer eine so weite Strecke fahren, nur um mit mir zu reden?
Die vergangenen fünf Tage seit dem Telefonat hatte ich in enormer Anspannung zugebracht. Dauernd drehten sich meine Gedanken um ihn. Woher kam bloß dieses Gefühl, dass sich an dem Abend etwas Besonderes ereignen könnte?
Ich saß in dem kleinen Restaurant und wartete auf ihn. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen. Verlegen gestand ich mir ein, wie sehr ich diesen Abend herbeigesehnt hatte und versuchte, meine Gedanken auf Rainer einzustellen. Unzählige Male hatte ich einen Blick in den Spiegel riskiert. Mit meiner flotten Kurzhaarfrisur fühlte ich mich wohl und trauerte meinen langen Haaren nicht mehr nach, von denen ich mich vor ein paar Monaten mit ziemlicher Überwindung getrennt hatte.
Von Minute zu Minute stieg die Spannung, bis er endlich etwas verspätet eintraf.
»Hallo, Gila«, sagte er liebevoll, nahm mich in alter Gewohnheit stürmisch in den Arm und setzte sich zu mir an den Tisch.
Das kleine Restaurant war nur spärlich besetzt. Rainer zündete die Kerze auf dem Tisch an. Wie immer, wenn ich in seiner Nähe war, nahm ich sein Bild in mich auf: Sein fein geschnittenes Gesicht und die schwarzen Haare bildeten einen angenehmen Kontrast zu seinen warmen grünbraunen Augen, die manchmal, wie ich wusste, auch recht finster blicken konnten.
Seit kurzem trug er einen Schnauzbart, der sein verwegenes Image noch unterstrich. Er war ein Naturmensch mit einem ausgeprägten Hang zum Abenteuer. Zu Tieren schien er ein besseres Verhältnis zu haben als zu Menschen. Noch heute habe ich Mühe, das auszudrücken, was das Besondere an ihm ausmachte. Ihm haftete etwas Wildes, ja Animalisches an.
»Weißt du eigentlich, wie gut du aussiehst, Gila?«
Er sah mich mit funkelnden Augen an.
»Na klar«, bemerkte ich munter, um meine Unsicherheit zu verbergen. Lächelnd erwiderte ich seinen Blick.
»Mir fällt auf, dass ich dich fast ein halbes Jahr nicht mehr gesehen habe. Die kurzen Haare stehen dir übrigens gut«, stellte er fest.
»Nun komm zur Sache!«, wehrte ich lachend ab, freute mich aber über seine Worte.
Lange Zeit schwieg er. Leise Musik klang zu uns herüber. Ich war froh, dass die Nachbartische nicht besetzt waren, und ließ ihm Zeit. Sein Gesicht, das mir so vertraut war und das ich so liebte, wurde plötzlich ernst.
»Noch nie in meinem Leben habe ich mit irgendeinem Menschen über dieses Problem gesprochen«, begann er zögernd. »Ich weiß, welch großer Fehler das ist. Nur, bisher habe ich auch noch nie einen Menschen gefunden, zu dem ich Vertrauen haben konnte - außer zu dir. Selbst das hat lange gedauert. Nicht einmal Manfred, mein Freund, mit dem ich letztes Jahr in Kanada sechs Wochen im Busch verbracht habe, ahnt etwas von meinen wirklichen Gedanken.«
Er machte eine längere Pause. Ich überlegte, was er wohl meinen konnte. Plötzlich zogen sich seine schwarzen Augenbrauen zusammen.
»Hör zu«, sagte er leise, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die Luft. »Es geht um Eva. Ich halte es nicht mehr aus. Gila, ich muss mich von ihr trennen, sonst werde ich verrückt neben ihr. Den ganzen Tag über höre ich sie immer nur reden. Wenn ihr Gerede wenigstens etwas Tiefgang hätte! Ich ertrage es einfach nicht mehr. Sie mag noch so lieb sein, aber ich schaffe es nicht mehr lange, so mit ihr weiterzuleben«, stieß er hervor und hielt unvermittelt inne, offenbar verwundert, dass er diese Worte wirklich gesagt hatte.
Fassungslos starrte ich ihn an. Dass es um Eva ging, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Trotz ihres nicht versiegenden Redeflusses und ihrer enormen Nervosität mochte ich Eva gern. Sie war ein feiner Kerl, lieb und gutgläubig in allen Dingen.
Eine Sache war bezeichnend für sie: Sie verfügte über keinerlei Zeitgefühl und wurde nie fertig, was Rainer oft den letzten Nerv raubte. Mir übrigens auch, aber mit dem Unterschied, dass ich nicht mit ihr zu leben brauchte, denn ich konnte nach einem Besuch wieder fahren. Eva wusste, wie sehr sie manche Menschen mit dieser Eigenschaft reizte, zumal ich daraus keinen Hehl machte ihr gegenüber. Meine Offenheit schien sie allenfalls zu belustigen, was sie manchmal gespielt beleidigt anbrachte.
Ähnlich wie ich hatte auch Eva ständig Figurprobleme. Doch es passte zu ihr, dass sie ein wenig mollig war. Rainer störte es übrigens auch nicht - im Gegenteil. Sie trug ihre hellblonden Haare etwas altmodisch hoch gesteckt, hatte jedoch sehr ausdrucksvolle große braune Augen, die durch das helle Haar noch betont wurden.
Ja, ihre Augen waren es, die ihr Gesicht sehr anziehend machten. Sie hatte ein großes Herz und Verständnis für alles. So überschwänglich sie das Gute empfand, konnte sie sich bis zum Exzess ins Leid hineinsteigern, was den meisten Menschen in ihrer Umgebung auf die Nerven ging.
»Seit langem schon geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf«, fuhr Rainer fort. »Kanada ist seit dem letzten Jahr mein großer Traum, und sobald sich mir die Möglichkeit bietet, werde ich dorthin auswandern. Das schwöre ich dir! Davon hält mich niemand ab. Nicht mal Eva!«, stieß er hervor. »Du kannst mir glauben, Gila, dass ich bis jetzt Rücksicht genommen habe, weil ich warten wollte, bis unsere beiden Jungen alt genug sind, um ihre eigenen Wege zu gehen.« Wieder schwieg er eine Weile und zog an seiner Zigarette.
Betroffen nippte ich an meinem Glas Wein. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ausgerechnet mir gegenüber ließ er seinen wahren Gefühlen freien Lauf. Doch ich spürte sein Vertrauen und wusste, noch nie hatte er sich jemandem gegenüber derart geöffnet.
Nach Kanada wollte er also. Mein Traumland! Bereits 1976 war ich das erste Mal mit meiner Freundin Edith, die ihre Verwandten besuchte, in Barrie/Ontario im Osten Kanadas gewesen. Total fasziniert von diesem wunderbaren Land wollte ich danach mit Achim und meinen beiden Söhnen André und Marco auswandern.
Zuerst aber half ich Edith ein Jahr später bei ihrer Auswanderung und verbrachte wieder ein paar Wochen in Barrie. Kurz danach lernte Edith Gary kennen. 1978 heirateten die beiden - ich war ihr Trauzeuge. Einige Zeit später hatte Edith schwere Schwangerschaftsdepressionen. Ich setzte mich ins nächste Flugzeug und blieb bis kurz vor der Geburt ihres Babys bei ihr. So kam es, dass mir Kanada von Jahr zu Jahr immer vertrauter wurde. Nein, besser gesagt: Ich liebte Kanada!
Jetzt wollte Rainer nach Kanada - und würde sich von Eva trennen! Meine Gefühle tanzten Walzer ...
Rainer unterbrach meine wirbelnden Gedanken, indem er eine Frage stellte, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte und die unser Gespräch in ganz andere Bahnen lenkte.
»Gila, wie ist eigentlich dein Verhältnis zu Achim? Bist du glücklich mit ihm?«
»Wie kommst du denn darauf?«, fuhr ich irritiert hoch, ließ mich aber durch die Offenheit unserer Unterhaltung dazu verleiten, ihm von den diversen Trennungsversuchen zu berichten, die ich in den Jahren unserer Ehe unternommen hatte.
»Siehst du, auch du hast nie darüber gesprochen, wie viel bei euch nicht stimmt. Seit ich euch beide kenne, habe ich mich immer nur gefragt, wie du es bloß bei deinem Mann aushalten kannst!«
Ich war völlig verwirrt. Noch nie hatte er mich nach meiner Ehe gefragt oder sich dazu geäußert. Schon deshalb hatte ich vorausgesetzt, dass er die Verschiedenheit der Charaktere von Achim und mir für unproblematisch hielt.
Bis weit nach Mitternacht zog sich unser vertrautes Gespräch hin. Eine enorme Spannung hatte sich zwischen uns aufgebaut. Es funkte und knisterte bei jedem Blick. War das Lächeln zwischen Freunden erloschen?
Ich dachte an Eva - dieser Gedanke holte mich sofort wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber er will sich doch von ihr trennen ... Ein verführerischer Gedanke!
Noch konnte ich zurück ...
Es war schon nach ein Uhr, als wir das Lokal verließen. Rainer legte mit einer liebevollen Geste seinen Arm um mich. Er schien zu spüren, dass ich zitterte, und zog mich fester an sich. In seinem Auto schloss er mich in seine Arme. Nein, das war keine Freundschaft mehr zwischen uns. Die Würfel waren gefallen. Lange hielten wir uns schweigend umschlungen und drängten uns aneinander.
Jahre hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Ein Gefühl unendlichen Glücks durchströmte mich. Mein Gott, dachte ich, warum kann die Uhr nicht einfach stehen bleiben?
Eine Zeit so großer Erlebnisfülle begann, wie ich sie nie zu empfinden geglaubt hätte, voller Zärtlichkeiten, gefühlvoller Anrufe und heimlicher Treffen. Wo immer sich uns die Möglichkeit für ein Zusammensein bot, nahmen wir sie glücklich wahr. Nie vorher waren für unsere geschäftliche Tätigkeit so viele Übernachtungen erforderlich gewesen. Wir übertrafen uns im Erfinden von Treffpunkten. Die raffiniertesten Ideen checkten wir durch, um nicht entdeckt zu werden. Nur der Gedanke an Eva und ihre unbekümmerte Ahnungslosigkeit lag wie ein dunkler Schatten auf unserer Beziehung.
Er will sich von ihr trennen - schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Noch vor unserer Beziehung wollte er das! Es hat also mit mir nichts zu tun, versuchte ich mich immer wieder zu rechtfertigen, wenn mein schlechtes Gewissen mich quälte ...
Wie konnte ich Rainer bloß öfter sehen? Immerhin lagen fast dreihundert Kilometer zwischen uns. Und dann kam mir die Idee. Von jeher waren Buchführung und das Sortieren der Steuerbelege für Rainer ein rotes Tuch. Ich wusste das und witterte jetzt die Chance, ihn ganz offiziell öfter bei mir zu haben, um ihm bei seiner Korrespondenz und seinen Belegen zu helfen.
So kam es, dass er einmal im Monat mit sämtlichen Unterlagen zu uns nach Hause kam, und irgendwie bot sich uns immer die Möglichkeit für ein paar Stunden zu zweit, ohne dass Achim uns erwischte.
An einem Samstagnachmittag saßen wir nebeneinander auf Tuchfühlung in meinem Büro und sortierten Belege. Trotz dieser langweiligen Tätigkeit lag eine enorme Spannung in der Luft, die sich immer wieder im Austausch versteckter Zärtlichkeiten entlud.
Plötzlich legte Rainer die Belege zur Seite und lehnte sich zurück.
»Gila«, sagte er in seiner ruhigen Art, nahm meine Hand und hielt sie fest, »ich habe vor einiger Zeit einen Film gesehen, der mich sehr beeindruckt hat. Er heißt >Die Möwe Jonathan< und erzählt die Geschichte einer Möwe, die aus dem Schwärm ausbricht, um ihrer inneren Stimme und ihrer Berufung zu folgen. Ein wunderbarer Film! Wenn sich dir die Möglichkeit bietet, schau ihn dir an!«
Ich schrieb seine verhaltene Begeisterung seiner großen Liebe zur Natur und den Tieren zu. Kurze Zeit später schenkte mir Rainer die Platte >Jonathan Livingston Seagull< mit der Musik jenes Films, gesungen von Neil Diamond. Damit hatten wir etwas, das uns verband und ganz allein uns gehörte. Wann immer ich diese Platte hörte, schwang für mich eine tiefe Zärtlichkeit in den Tönen mit.
Es war eine wunderbare Zeit, doch sie war immer überschattet von der Überzeugung, dass es keinen Weg gab, mit ihm zusammenleben zu können. Rainer wollte Eva verlassen, und irgendwann würde er es tun. Innerlich hatte er seine Entscheidung getroffen und die Trennung bereits vollzogen. Und trotzdem kam manchmal ein Anflug von Zweifel in mir auf, ob er stark genug sein würde, sein Vorhaben auszuführen.
So sehr ich auch über diese Frage nachdachte, ich fand keine Antwort. Ich wusste nur eines: Ich liebte Rainer mit allen Fasern meines Herzens, so wie ich noch keinen Mann zuvor geliebt hatte. Für mich verkörperte er die Leidenschaft, das Verbotene, das Unerreichbare, nicht das fröhliche, unkomplizierte Beisammensein. Selbst heute verspüre ich noch immer die über unserer Verbindung lastende Traurigkeit.
Schon bald nach Beginn unserer Beziehung spürte ich eine gewisse Resignation in mir, denn Rainer sprach nie wieder von seiner Einstellung zu Eva und der beabsichtigten Trennung. Dadurch nahm ein Gedanke mehr und mehr von mir Besitz: Wenn ich schon nicht mit ihm leben konnte, so sollte wenigstens ein Teil von ihm bei mir sein. So verrückt es auch war, ich wollte ein Kind von dem Mann meiner Freundin. Nie hatte ich mit ihm darüber gesprochen, dass ich ein Kind bekommen möchte. Ich wusste, wie er reagieren würde, und so traf ich diese Entscheidung ganz allein.
In den letzten Oktobertagen des Jahres 1981 flog Achim für eine Woche zu meiner Cousine nach Florida zur Feier ihres 40. Geburtstags. Zugegeben - ich hatte ihn dazu animiert, zu groß war die Sehnsucht nach Rainer.
Vier wunderbare Tage und Nächte blieb er bei mir. Er hatte in Hannover etwas zu erledigen, und so fand er Eva gegenüber für die Tage bei mir eine plausible Erklärung. Ich war sicher, sie hegte überhaupt keinen Argwohn, zwischen uns könne mehr als nur Freundschaft bestehen.
Wegen André und Marco bezog Rainer abends offiziell das Gästezimmer. Wir verlebten zauberhafte Stunden voller Zärtlichkeit und Leidenschaft. Wie schön war es, ihn abends beim Einschlafen neben mir zu wissen und morgens mit ihm zusammen aufzuwachen. Wie sehr liebte ich diesen Mann!
Ende November 1981 hatte ich Gewissheit, dass ich ein Baby erwartete. Ich war überglücklich, doch in meine überschäumende Freude mischte sich die Sorge, auf welche Weise ich Rainer die neue Situation beibringen sollte. Welche Reaktion hatte ich bei ihm zu erwarten? Freude? Überraschung? Ich hatte eigenartigerweise gar keine Vorstellung, wie er reagieren würde. Wegen des Babys würde er mit Sicherheit seine Beziehung zu Eva nicht ändern, und irgendwie wollte ich das auch gar nicht. Nur über eins war ich mir im klaren: Ich wollte dieses Baby.
Eines Nachmittags rief Rainer an und sagte: »Heute habe ich endlich meine Steuererklärung abgegeben. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass ich diese Sachen jetzt in Ordnung habe.«
Wie immer, wenn ich in dieser Zeit mit ihm sprach, dachte ich an das Baby. Hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn er so unbedarft mit mir redete? Nein, eigenartigerweise nicht. Noch heute kann ich mich gut an meine Gedanken und meine Gefühle von damals erinnern. Durch dieses Kind war etwas Gemeinsames zwischen Rainer und mir entstanden, das nicht mehr auszulöschen war.
»So schön, wie das ist«, riss er mich aus meinen Gedanken, »dass die Belege fertig sind, wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen, um uns zu sehen. Kannst du nicht nächstes Wochenende zu uns kommen?«
»Wir fallen auf, Rainer. Sieh mal, in den letzten sechs Wochen war ich zweimal bei euch. Achim hat auch schon gefragt, warum du ausgerechnet während seiner Abwesenheit kommen musstest. Stell dir vor, er hat mich sogar gefragt, wo du geschlafen hast!«
»Und? Was hast du gesagt?«
»Ich habe ihn ausgelacht. Aber wohl war mir nicht dabei, das kannst du mir glauben. Übrigens - ich muss mit dir sprechen, Rainer, unbedingt.«
Er hatte den letzten Satz wohl überhört und fuhr fort: »Momentan fällt mir kein Grund mehr ein zu kommen, wie ich es auch drehe. Wir müssen bis zum Jahresende warten. Ihr kommt doch und feiert mit uns Silvester?«, fragte er.
»Rainer, ich muss mit dir reden, möglichst noch vorher«, sagte ich eindringlich, und meine Stimme bebte. »Aber nicht am Telefon, ich muss dich sehen. Können wir uns nicht kurz treffen?« Überlaut vernahm ich das Klopfen meines Herzens.
Erst jetzt schien er zu begreifen, dass irgendetwas nicht stimmte.
»Gila, was ist los?«, fragte er rau. »Sag mir, was los ist, bitte!«
»Das kann ich dir am Telefon nicht sagen. Ich muss dich sehen.«
Plötzlich wurde ich unsicher. Er glaubte doch nicht etwa, ich wolle unsere Beziehung beenden? Nein, nur das nicht! Ob ich wollte oder nicht, ich musste ihm die Wahrheit sagen - jetzt, hier am Telefon.
»Rainer, du musst jetzt stark sein.«
»Ja«, sagte er tonlos, »was ist?«
»Ich bekomme ein Kind.«
Einen Augenblick lang war es still in der Leitung.
»Nein, Gila, nein! Das ist nicht wahr! Nein, das kann nicht wahr sein! Das glaube ich nicht!«, stieß er heiser hervor.
»Doch, Rainer, ich bin sicher.«
»Und nun?« Seine Stimme hatte einen eigenartigen Unterton.
»Ich will dieses Kind.«
Seine Reaktion war kurz und knapp. »Ich muss jetzt auflegen. Ich rufe dich wieder an.«
Ein paar Tage später trafen wir uns auf halber Strecke in Remscheid. In einem langen Gespräch versuchte Rainer, gegen meine Entschlossenheit anzugehen, das Baby zu bekommen. Er konnte ja nicht ahnen, wie sehr ich mir ein Kind gewünscht hatte. Als ich ihm meinen Standpunkt klarmachte, gab er schließlich resignierend auf.
Nur ganz allmählich fand er sich in den nächsten Wochen mit der neuen Situation ab. Wir kamen überein, vorerst niemanden über diese komplizierten Zusammenhänge aufzuklären. Rücksicht? Feigheit? Vielleicht beides.
Kurz vor Weihnachten übersandte Rainer mir kommentarlos ein Kalenderblatt mit bezeichnenden Worten, die ausgerechnet an seinem Geburtstag auf dem Kalender standen:
»Liebes Christkind! Bitte bewahre mich vor dem Irrglauben, dass Verkehrsunfälle nur anderen passieren können.«
Erleichtert stellte ich fest, dass er anfing, sich langsam mit dem Gedanken an das Baby vertraut zu machen.
Während Eva völlig aus dem Häuschen war über die Nachricht, geriet Achim beinahe in Panik. »Ich begreife das Ganze nicht. Wie konnte es bloß dazu kommen?«
»... ist nun mal passiert«, erwiderte ich ausweichend.
Er wollte nicht wieder von vorn anfangen und teilte mir rigoros mit, er sei nicht bereit, noch mehr Verantwortung zu tragen und sich dadurch in seiner Freizeit beschränken zu lassen. Mit Macht versuchte er, gegen meine Entscheidung anzugehen, das Baby zu bekommen. Und als gar nichts mehr half, entschloss er sich, von da an nur noch das Nötigste mit mir zu sprechen.
Eine unmögliche Situation, in die ich mich selbst hineinmanipuliert hatte, ohne auf Rainers und Achims Gefühle Rücksicht zu nehmen. War ich wirklich so stark, wie ich tat, um das alles zu tragen? Hatte ich nicht alles hoffnungslos überreizt? Wie hilflos fühlte ich mich manchmal in meiner vorgetäuschten Stärke. Wenn ich doch bloß öfter bei Rainer hätte sein können!
Silvester feierten wir zusammen mit Eva und Rainer in der Eifel.
»Sag mal, Gila«, meinte Eva am Neujahrsmorgen nachdenklich, als wir allein am Frühstückstisch saßen, »Achim machte so eine eigenartige Andeutung über das Baby. Ich hatte das Gefühl, er wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Denkt er etwa, er sei nicht der Vater? Du glaubst gar nicht, wie ich ihm den Kopf gewaschen habe! So etwas auch nur anzunehmen!«, grollte sie, während sie ein Stück ihres zusammengedrückten Brötchens in ein weich gekochtes Ei tunkte. »Das ist wieder typisch für ihn! So ein Kindskopf! Er hat gestern Abend mal wieder viel zu viel getrunken.«
Was sollte ich nur machen? Bloß diesem Thema ausweichen! Bitte, Eva, sprich über etwas anderes!, dachte ich. Als ob meine Gedanken sie erreicht hätten, wechselte sie plötzlich das Thema.
»Das Neueste weißt du ja noch gar nicht!«, gluckste sie, und ihre großen dunklen Augen blitzten voller Vorfreude auf. »Unser Verkaufsleiter hat das Handtuch geworfen. Er hat fristlos gekündigt!«
Ich war überrascht und betroffen zugleich. Nach zehnjähriger Tätigkeit fristlos zu kündigen, war mir wirklich unverständlich, vor allem, weil ich mich noch ein paar Tage zuvor auf einer Verkaufsleitertagung mit meinem
Kollegen unterhalten hatte, ohne irgendein Anzeichen zu spüren.
»Übrigens: Der Boss sucht händeringend einen neuen Verkaufsleiter für die Eifel. Wäre das nichts für dich?«, fragte Eva arglos »Wir könnten dir eine Wohnung oder ein Haus besorgen. Du verkaufst dein Haus, und ihr zieht hierher. Was meinst du, wie gut dem Baby die herrliche Eifelluft tut!« Lachend gab sie mir einen Stups in die Rippen. »Ehrlich, Gila, dann hätten wir dich endlich hier, und Rainer brauchte nicht ewig nach Bielefeld zu fahren!«
Mir war ganz elend zumute.
Kurze Zeit später übernahm ich tatsächlich die Verkaufsleitung in der Eifel und mietete die kleine Wohnung hoch über dem Rursee in der Hoffnung, in dieser Zeit öfter und näher bei Rainer zu sein.
Zum Wochenende fuhr ich nach Hause zu meiner Familie. Achim, zu der Zeit arbeitslos, versorgte die beiden Jungen wochentags. Durch den Bau unseres Hauses hatten wir hohe monatliche Belastungen, die ich durch die besser bezahlte Position ausgleichen konnte. So hatte ich auch familiär eine Begründung für die Notwendigkeit dieser neuen Situation.
Nur einen Haken hatte die Sache. An jenem kalten Regentag im Januar 1982, als ich die neue Wohnung in der Eifel bezogen hatte, eröffnete Rainer mir zögernd, dass er unsere Beziehung beenden wolle. Was ging bloß in ihm vor? Wovor hatte er Angst? Vor Eva? Vor sich selbst? Vor mir? Vor der Verantwortung? Vor einer Entscheidung? Ich erwartete doch gar keine!
Nach dem Gespräch war ich tagelang völlig verzweifelt. Rainer brach den Kontakt zu mir völlig ab. Nur die wichtigsten dienstlichen Dinge besprach er telefonisch mit mir. Ich befand mich in einem Niemandsland und wusste manchmal nicht, wie es weitergehen sollte.