Advocatus Diaboli

von: Romain Sardou

Blessing, 2010

ISBN: 9783641038458 , 464 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Advocatus Diaboli


 

Artemidore de Broca

Seit bald neun Monaten schon war der Stuhl des Papstes an diesem 12. Dezember 1287 vakant; die im Konklave versammelten wahlberechtigten Kardinäle konnten sich nicht auf einen Nachfolger von Honorius IV. verständigen, der im April verstorben war.
Dass Rom für längere Zeit keinen Pontifex hatte, war schon häufiger vorgekommen. In der Vergangenheit hatten Interregnien dieser Art bisweilen drei Jahre und länger gedauert. Die Geschicke der Kirche lagen dann in den Händen eines kleinen Kollegiums von Kurienkardinälen, die bis zur Wahl die laufenden Geschäfte führten.
Dieses Kollegium stand jetzt unter der Leitung des Kanzlers und Herrschers über den Papstpalast, Artemidore de Broca.
Der alte Kardinal, der in seiner Jugend den Namen Aures de Brayac getragen hatte, ein verdienter Soldat des siebten Kreuzzugs und inzwischen über achtzig Jahre alt, gehörte seit 1249 der Kanzlei des Laterans an. In diesem Zeitraum hatte er es zum engsten Vertrauten von elf Päpsten gebracht, ohne dass seine Herrschaft über die Kurie je in Frage gestellt worden wäre.
Der Metzgerssohn, der voller Hochmut war und über grenzenlose Gerissenheit und Geduld verfügte, verließ sich einzig und allein auf seine eigene Genialität und galt als der »starke Mann« der Interregnien. Er hatte es inzwischen auf sechs ganze Jahre gebracht, in denen Rom, offiziell führerlos, unter seiner alleinigen Herrschaft gestanden hatte.
Nach übereinstimmenden Aussagen hatte er es unzählige Male abgelehnt, sich selbst zum Papst zu krönen; das verriet mehr als genug über das Gewicht, das er seinem Kanzlertitel beimaß, und über seine vielfach erprobte Überzeugung, dass er die wahre Macht in Rom besaß.
Seine Rivalen hatten es aufgegeben, ihn zu stürzen oder zu ermorden, denn er hatte all ihre Versuche vereitelt. Selbst seinen erbittertsten Feinden blieb nichts anderes übrig, als auf seinen Tod zu warten, ein Hinscheiden, das ihnen trotz der tausend Unbilden, die das Alter ihm auferlegte, verwehrt blieb.
Das Volk von Rom wusste nichts über die Schandtaten dieses ehemaligen Soldaten, der sich zum Kardinal gewandelt hatte; in seinen Augen blieb Artemidore der hochgeachtete Aures de Brayac, der Held der Schlacht von Mansoura.
Was empörte die Römer in diesen Tagen wirklich? Die Kälte und der Schnee, die Steuern, die den Preis für den Scheffel Weizen drückten, ein aufgeflogener Weinschmuggel mit Zypern, durch den ihre Malvasierquelle versiegt war, der Zustrom von Pilgern, die sich die besten Waren schnappten, Wasserträger, die sich weigerten, bei Frost zu arbeiten, schlussendlich die Kälte und der Schnee ...
Das Fehlen eines Pontifex maximus?
Kein Wort davon.
Die Beratungen des Konklaves, die sich endlos in die Länge zogen?
Kaum mehr.
Die Römer waren solche Interregnien gewohnt und überzeugt, dass die Kirche - so wie früher das Römische Reich - ein Riese war, der immer, selbst mit enthauptetem Kopf, wieder auf die Beine zu kommen vermochte.
Dafür sorgte schon Artemidore de Broca.

Seine Kanzlei lag im Lateran, der seit dem Jahr 313 die Residenz der Päpste beherbergte. Der ehemalige römische Palast, den Kaiser Konstantin der Kirche vermacht hatte, grenzte an die Basilika San Giovanni in Laterano und dominierte einen Platz, auf dem ein unaufhörliches Menschengewimmel herrschte. Der Lateran war der Sitz der apostolischen Christenheit.
Artemidores Kabinett nahm darin einen weitläufigen Raum ein, dessen Mauern Waffen und Wappen, Emailfiguren und auf dem Schlachtfeld eroberte Standarten schmückten. Von den äußeren Insignien eines hohen kirchlichen Würdenträgers war keine Spur darin zu finden.
Der alte Mann saß an seinem Arbeitstisch, auf dem sich die geheimen Schreiben vieler Staaten und die päpstlichen Bullen stapelten.
Artemidore war dickleibig und trug einen hermelingefütterten Mantel, sein Hals war mit Goldketten behangen, seine lederne Haut war durch Gallensäfte grünlich verfärbt, und das Kinn versank in den Fleischwülsten des Halses. Er hatte tiefe Falten um die Augen, und sein Schädel war kahl. Es war schwer vorstellbar, dass dieser kraftlose Alte noch über die geringste Macht innerhalb der Kirche verfügen sollte.
Vor ihm stand ein junger Mann.
Fauvel de Bazan, sein gerissener, verführerischer und gnadenloser Privatsekretär, der herausgeputzt war wie ein junger Prinz. Er war Artemidores Auge dort, wohin er nicht sehen konnte, sein Ohr hinter den Mauern und oft genug die Stimme seines Gewissens.
Zu seiner Linken wartete eine Frau. Sie war groß und wunderschön, eine Haube aus weißem Satin verhüllte ihre Haare und ihre Ohren und umrahmte das fein geschnittene Gesicht, während der Körper von einem langen schwarzen Kleid anmutig umschmeichelt wurde.
Es war Até de Brayac, Artemidores eigene Tochter.
Bazan legte eine Handvoll zusammengefalteter Bulletins auf den Schreibtisch: die geheimen Stimmzettel der letzten Wahl der Kardinäle.
Artemidore studierte sie mit Hilfe einer dicken Glaslinse. Er legte die vier Wahlzettel der Prälaten Portal von Borgo, Philonenko, Othon von Biel und Benoit Fillastre beiseite.
Mit einem Blick darauf sagte er schließlich zu Fauvel de Bazan: »Schaltet sie aus. Sie sind kurz davor, sich zu verbünden, und ich will auf keinen Fall einen Papst vor dem Frühjahr. Was gibt es sonst noch?«
»Ihr wurdet zweimal in dieser Woche für tot erklärt.«
Bazan reichte ihm eine Namensliste auf einem Pergament und fügte hinzu: »Diese Personen hier haben ihrer Freude darüber Ausdruck verliehen, Euer Gnaden.«
Artemidore las und zuckte die Schultern.
»Diese Männer sind bedeutungslos. Wir brauchen sie nicht zu beachten.«
Er wandte sich an Até.
»Du brichst wieder auf«, verkündete er. »Es fehlen noch zwei Elemente, um die laufende Unternehmung zu Ende zu führen.«
Die junge Frau verhehlte nur schlecht ihre Enttäuschung über diesen unerwarteten Befehl, der sie aus Rom entfernte. Sie hatte gerade lange Monate jenseits der Alpen verbracht und sehnte sich nach ein wenig Ruhe.
»Wohin soll ich mich begeben?«
»Nach Okzitanien.«
Er überreichte ihr einen Brief, in dem seine Anweisungen niedergelegt waren. Ohne weitere Erklärungen verabschiedete der Kanzler sie mit einer Kopfbewegung und versenkte sich wieder in seine Korrespondenz.
Bazan und Até fügten sich seinem Wunsch.
Doch bevor sie das Kabinett ihres Vaters verließ, wandte sich die junge Frau ein letztes Mal an ihn.
»Es fällt mir schwer, Euch zu gehorchen, ohne etwas von Euren Anweisungen zu begreifen, Euer Gnaden. Werdet Ihr mir eines Tages sagen, welche Pläne wir verfolgen?«