Das letzte Theorem - Roman

von: Arthur C. Clarke, Frederik Pohl

Heyne, 2010

ISBN: 9783641037659 , 496 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Das letzte Theorem - Roman


 

Arthur C. Clarke erzählt:

Der Überfall auf Pearl Harbor lag noch in der Zukunft, und die Vereinigten Staaten von Amerika waren noch nicht in den Zweiten Weltkrieg verwickelt, als ein britisches Kriegsschiff in den Hafen von Nantucket einlief, an Bord ein Objekt, das man später »die wertvollste Fracht, die jemals die amerikanische Küste erreichte«, nannte. Der Gegenstand sah nicht einmal besonders beeindruckend aus, es handelte sich um einen ungefähr fünf Zoll hohen Metallzylinder, ausgestattet mit Verbindungselementen und Kühlrippen. Er ließ sich leicht in einer Hand tragen. Doch dieses kleine Ding trug wesentlich dazu bei, den Krieg in Europa und Asien zu gewinnen - obwohl erst die Atombombe die letzte der Achsenmächte in die Knie zwang.
Bei diesem kurz zuvor erfundenen Gerät handelte es sich um das Hohlraummagnetron.
Im Grunde war das Magnetron keine völlig neue Idee. Bereits seit geraumer Zeit wusste man, dass man durch ein starkes Magnetfeld Elektronen beschleunigen und somit Radiowellen erzeugen konnte. Doch dieser Umstand blieb so lange eine im Labor erzeugte Kuriosität, bis man feststellte, dass diese Radiowellen sich für militärische Zwecke nutzen ließen.
Und sowie man sie dann beim Militär einsetzte, bezeichnete man sie als Radar.
Als die amerikanischen Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology das erste Gerät erhielten, unterzogen sie es mannigfachen Tests. Zu ihrer Verblüffung stellten sie fest, dass der Energieausstoß des Magnetrons so groß war, dass keines ihrer Laborinstrumente ihn messen konnte. Wenig später sorgten die gigantischen Radarantennen, die man eilig längs des Ärmelkanals errichtete, dafür, dass die Briten frühzeitig die zahllosen Kampfflugzeuge der deutschen Luftwaffe entdeckten, wenn sie sich zu einem Angriff auf das Inselreich formierten. In der Tat verdankt die Royal Air Force es hauptsächlich dem Radar, dass sie die Luftschlacht um England gewinnen konnte.
Schon bald merkte man, dass man mithilfe von Radar nicht nur feindliche Flieger am Himmel aufspüren, sondern auch elektronische Karten des Bodens anfertigen konnte, den man mit dem Flugzeug überflog. Das bedeutete, dass sich die Oberflächenstruktur des Landes selbst bei totaler Dunkelheit oder von Wolken völlig bedecktem Himmel in erkennbarer Form auf einer Kathodenstrahlröhre darstellen ließ, was beim Navigieren half - und beim Abwurf von Bomben. Und kaum war das Magnetron beim MIT erhältlich, stellte sich ein Team, angeführt von dem künftigen Nobelpreisträger Luis Alvarez, die nächste Frage: »Könnte man das Radar nicht nur zum Abschuss von Flugzeugen nutzen, sondern auch, um sie sicher landen zu lassen?«
Das war der Anfang des GCA-Verfahrens oder GCA-Anflugs, eine Technik, die es erlaubt, ein Luftfahrzeug während seines Anflugs durch den Einsatz von Präzisionsradargeräten vom Boden aus so herunterzudirigieren, dass es bei schlechter Sicht und niedriger Wolkenuntergrenze in eine Position gelangte, von der aus die Landung erfolgen konnte.
Das experimentelle Mark-1-GCA-Anflugsystem bestand aus zwei separaten Radargeräten; eines funktionierte mit zehn Zentimetern, um die Entfernung, Richtung und Höhe des Flugzeugs zu erfassen, und das andere - das erste Drei-Zentimeter-Radargerät der Welt - maß die Höhe über Grund. Ein vor den beiden Bildschirmen sitzender Radarlotse konnte dann das Flugzeug herunterdirigieren, indem er dem Piloten sagte, wann er nach rechts oder links fliegen sollte - oder ihn manchmal mit der gebotenen Dringlichkeit anwies, Höhe zu gewinnen, aber schnell!
Das GCA-Verfahren fand begeisterten Zuspruch bei der Royal Air Force, die jeden Tag über Europa mehr Maschinen durch schlechte Wetterbedingungen als durch feindlichen Beschuss verlor. 1943 wurden die Mark 1 und ihre Bedienungsmannschaft auf einem Flugplatz in St. Eval, Cornwall, stationiert. Eine RAF-Crew unter Führung von Flight Lieutenant Lavington sollte zu ihnen stoßen. Lavingtons Assistent war der erst kürzlich bestallte Pilot Officer Arthur C. Clarke.
Eigentlich hätte Clarke überhaupt nicht in der Royal Air Force dienen sollen. Er war Zivilist und hatte als Beamter im Oberrechnungshof seiner Königlichen Majestät gearbeitet, ging also einer Beschäftigung nach, die ihn vom Militärdienst zurückstellte. Allerdings vermutete er - zu Recht, wie es sich herausstellen sollte -, dass man ihn in absehbarer Zeit einziehen würde, deshalb stahl er sich eines Tages aus seinem Büro und meldete sich bei der nächsten RAF-Rekrutierungsstelle als Freiwilliger. Er hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft. Ein paar Wochen später suchte die Armee nach ihm - einem Deserteur, der von der Sanitätstruppe angefordert wurde! Da er den Anblick von Blut nicht ertragen konnte - vor allen Dingen nicht, wenn es sich um sein eigenes handelte -, hatte er offensichtlich noch einmal schwer Glück gehabt.
Zu dieser Zeit war Arthur Clarke bereits von der Raumfahrt besessen; kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1933 wurde er Mitglied der British Interplanetary Society. Und nun, als er sich vergegenwärtigte, dass er das stärkste Radarsystem der Welt kontrollierte, das Strahlen erzeugte, die nur den Bruchteil eines Grades maßen, richtete er das Radar eines Nachts auf den aufgehenden Mond und wartete, ob vielleicht nach drei Sekunden ein Echo zurückkäme.
Leider passierte nichts. Erst Jahre später glückte erstmals der Empfang eines Radarechos vom Mond.
Nichtsdestoweniger hätte gut und gern etwas anderes geschehen sein können, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand etwas ahnte.

Frederik Pohl erzählt:

In meinem Leben gibt es zwei Dinge, die meiner Meinung nach in einer gewissen Beziehung zum Inhalt dieses Buches stehen, und ich denke, ich sollte sie an dieser Stelle anführen.
Erstens: Als ich Anfang dreißig war, hatte ich mich schon viel mit Mathematik beschäftigt - mit Algebra, Geometrie, Trigonometrie, ein bisschen elementarer Differenzial- und Integralrechnung -, entweder am Brooklyn Tech, wo ich in meiner Jugend eine kurze Zeit lang glaubte, aus mir könne einmal ein Chemieingenieur werden, oder während des Zweiten Weltkriegs, in der US-Air-Force-Wetterschule am Chanute Field in Illinois, wo die Lehrer versuchten, mir die mathematischen Grundlagen der Meteorologie einzupauken.
Nichts an dieser Art von Mathematik vermochte mich großartig zu beeindrucken. Das änderte sich jedoch radikal und dauerhaft durch einen Anfang der Fünfzigerjahre erschienenen Artikel im Scientific American, in dem ein Gebiet der Mathematik behandelt wurde, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte, die »Zahlentheorie«. Es ging um das Beschreiben und Katalogisieren jener Grundeinheit der gesamten Mathematik, der Zahl, und das beflügelte meine Phantasie.
Ich schickte meine Sekretärin in den nächsten Buchladen, um mir sämtliche Bücher zu kaufen, die in diesem Artikel zitiert waren, ich verschlang sie und wurde süchtig.