Das Nachleben der pharaonischen Musik in der Musik der koptisch-orthodoxen Kirche - Fakt oder Fiktion?

von: Veronika Hein

GRIN Verlag , 2008

ISBN: 9783638055512 , 72 Seiten

Format: PDF, ePUB

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Preis: 23,99 EUR

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Das Nachleben der pharaonischen Musik in der Musik der koptisch-orthodoxen Kirche - Fakt oder Fiktion?


 

II. Die Musik Altägyptens[1]


 

Villoteau stützt sich bei seinem Beitrag zur Description de l'Égypte über die ägyptische Musik auf antike Autoren. So gab Platon an, die Künste im alten Ägypten seien an die heilige Lehre gebunden (Villoteau 1821: 23). Da die Musik Teil dieser Künste war (ebd.: 34), waren alle Gesänge, auch die religiösen, durch Gesetze bestimmt (ebd.: 29).

 

 Musikerziehung war verpflichtend für jeden (ebd.: 34). Studium und Lehre der Musik sowie der anderen heiligen Wissenschaften waren aber allein den Priestern gewährt (ebd.: 113). Die mündliche und gesungene Weitergabe wurde gegenüber der schriftlichen favorisiert (ebd.: 53).

 

 Laut Diodor erfand Hermes (griech. für den ägypt. Gott Toth) den Götter- und Opferdienst, studierte den Lauf der Himmelskörper und die Harmonie der Töne und schuf die Lyra, die er mit drei Saiten zur Nachahmung der drei Jahreszeiten bespannte. Der hohe Ton symbolisierte den Sommer, der mittlere den Frühling, der tiefe den Winter (ebd.: 69f)[2] (die Ägypter hatten nur drei Jahreszeiten: Überschwemmung, Wachstumszeit und Ernte bzw. Trockenzeit).

 

 Die Musik war mit der Astronomie verbunden: sieben diatonische Töne repräsentierten die sieben Planeten, bezeichnet durch sieben Vokale (ebd.: 105) (siehe Kapitel II.5).

 

 Die vier Töne jedes Tetrachords entsprachen den vier Elementen und vier Temperamenten (ebd.: 106). Ferner bestand eine Entsprechung der zwölf Töne mit den zwölf Tierkreiszeichen, der sieben Töne mit den Tagesstunden sowie den Wochentagen. Zudem entsprachen laut Dio Cassius die sieben Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond) den Tag- und Nachtstunden (ebd.: 107f).

 

 Stand in früheren Zeiten der Schreiber für die ägyptische Kultur schlechthin, so war es in der Spätzeit der Priester (J. Assmann 2005: 190). Die Kultur wurde 'klerikalisiert' und 'sakralisiert'. In dieser Umbruchszeit wurde sich Ägypten seiner Tradition bewusst und beschäftigte sich intensiv mit seiner Vergangenheit. Im Bedürfnis nach kultureller Identität wurde vieles kodifiziert und 'hieratisch stillgestellt'[3] (ebd.: 193). Dies dürfte auch für die Musik gegolten haben.

 

 In der Ptolemäerzeit zeigte sich das Bemühen, die ägyptische mit der griechischen Musikkultur zu vereinen. "Scheinen auch die beiden Musikkulturen im Niltal einige Jahrhunderte nebeneinander oder vermischt existiert zu haben, so zeigt[e] sich doch deutlich der Traditionsverlust im Land einstiger Pharaonenherrschaft" (Hickmann / Manniche 1989: 69). Neben hellenistischen Elementen gab es auch asiatische und römische Einflüsse im Bereich der weltlichen Musik, die wohl vor allem in Alexandria ausgeübt wurde (ebd.: 71).

 

Altägyptische Musik wirkt weiter in der Musik der Kopten, erhielt sich sicherlich auch unter dem Einfluss von Byzanz vom 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. und blieb eigenständig, mit Elementen auch der pharaonischen Vergangenheit, seit der Eroberung durch die Araber, damit der Islamisierung im 7. Jahrhundert (ebd.).

 

II.1 Tonsystem


 

Aufgrund antiker Berichte und von erhaltenen Instrumenten lassen sich einige Theorien zum altägyptischen Tonsystem ableiten.

 

Durch die Verbindung der Tagesstunden mit den Planeten wird von Villoteau (mit Bezug auf Dio Cassius) eine Art 'Heptaechos' abgeleitet: Der erste Ton ist h. Vier Grade aufsteigend oder fünf absteigend erhält man die erste Note der ersten Stunde des nächsten Tages (Villoteau 1821: 108ff): Saturn – Samstag – E; Sonne – Sonntag – A; Mond – Montag – d;  Mars – Dienstag – g; Merkur – Mittwoch – c'; Jupiter – Donnerstag – f'; Venus – Freitag – b'[4] (Farmer 1966: 277).[5]

 

 Flavius Josephus[6] (ca. 37/38-100) beschreibt die Harfen der ägyptischen Tempelmusiker als 'organon trigonon enarmonion'. Demnach seien sie enharmonisch gestimmt gewesen. Sachs (1943: 71) leitet daraus die Beispielskala A F E C H ab. Von Darstellungen der Fingerpositionen auf Harfen ausgehend[7] kommt er zu dem Ergebnis, dass Einklang, Quarte, Quinte und Oktave gespielt wurden und die Instrumente pentatonisch gestimmt waren (ebd.: 99f).

 

 Laut Platon waren keine Abweichungen von den existierenden Modellen (wie Modi, Melodien etc.) in der Musik gestattet (Farmer 1966: 265). Jede Note besaß kosmischen Wert und magische Kraft. Es ist anzunehmen, dass ein Modus-System in Gebrauch war und feste melodische Formeln eine bestimmte (u.a. moralische) Wirkung entfalten sollten (ebd.: 276). Möglicherweise befand sich eine Modus-Theorie in den Büchern des Hermes (Thot), von denen Clemens von Alexandria (ca. 150-215) berichtet (ebd.: 277). Darunter befinden sich Hymnen-Bücher, Bücher über Gesetze, Götter, priesterliche Bildung, Erziehung sowie viele andere.[8]

 

 Man nimmt an, dass Pythagoras, der um 547-525 v. Chr. in Ägypten war, dort seine Musiktheorie entwickelte, so wie alle Bereiche des Quadriviums (Mathematik, Geometrie, Arithmetik, Musik) wohl dort entstanden sind. Das pythagoräische System konnte an überlieferten Instrumenten jedoch nicht bewiesen werden (Farmer 1966: 277f).

 

 Altägyptische Lauten der 18. Dynastie, die aus einem schalenförmigen Holzresonator oder einem Schildkrötenpanzer mit Ledermembran bestehen, durch die ein Holzstab gesteckt wurde, waren wahrscheinlich in Terzen, Quarten und Oktaven gestimmt. Spuren von Bünden lassen vermuten, dass außerdem Ganz- und Dreivierteltöne gespielt wurden (Eichmann 2000: 36). Lauten, die um 700 oder 800 v. Chr. datiert werden und aus einem bootförmigen Resonator mit Ledermembran und Holzstab bestehen, weisen Bundabstände von Halbton – Ganzton – Halbton – Halbton auf, die vielleicht die Erzeugung verschiedener Skalen- und Modusarten ermöglichen. Die Saitenlänge entspricht 40 altägyptischen "Fingern" (1 Finger  1,87 cm), was wiederum zwei Oktaven entspricht (ebd.: 37).

 

II.2 Gesang


 

Gesang nahm in der altägyptischen Musik einen wichtigen Platz ein. Die meisten Darstellungen von Musik-Ensembles zeigen immer mindestens einen Sänger. Besonders im Kult kam der Stimme eine wichtige Rolle zu. So wurde ein Verstorbener "gerechtfertigt (oder wahr) an Stimme", d.h. selig, genannt. Zudem wurde an der Mumie des Verstorbenen das Mundöffnungsritual durchgeführt.

 

 Unter den Priestern gebührte dem Sänger die erste Stelle, denn den Gott durch Gesang zu verehren war eine wichtige Aufgabe der Priester. Alles, was mit Sdj "lesen, rezitieren" bezeichnet ist, wurde gesungen (siehe die arabische Entsprechung shadÁ "singen") (Farmer 1966: 259). Ab dem Mittleren Reich wurden die Sänger häufig blind dargestellt (Hickmann / Manniche 1989: 45, 58f).

 

II.3 Instrumente


 

Bei vielen altägyptischen Instrumenten lässt sich nicht genau erschließen, ob sie originär ägyptisch oder ausländischer Herkunft sind, da die Ägypter fremde Musikinstrumente im Hinblick auf ihre eigenen Form- und Klangprinzipien assimilierten (Hickmann / Manniche 1989: 33). "[D]ie beträchtliche Kontinuität vor allem der Tempelmusik [mag] mit dieser Eigenart, sich Fremdes alsbald zu eigen zu machen, originär Eigenes auch über große Zeiträume nahezu unverändert zu bewahren, einen ursächlichen Zusammenhang haben" (ebd.).

 

 Zu den ältesten überlieferten Instrumenten (viertes bis drittes Jt. v. Chr.) zählen Idiophone wie Klappern, Rasseln, Schellen, Sistren, Schwirrhölzer und Aerophone wie Schneckenpfeifen und Gefäßflöten aus Ton.[9] Neben der apotropäischen Funktion wurden die Klappern, Rasseln und Schellen als Begleitung zu Gesang und Tanz verwendet (ebd.: 34). Zudem ist auf der berühmten Schminkpalette von Hierakonpolis (Oberägypten) eine randgeblasene Langflöte belegt (ebd.: 37).

 

 Im Alten Reich entwickelten sich Hof- und Kultmusik. Zahlreiche Reliefs zeigen Ensembles mit Flöten, Doppelklarinetten und Harfen. Erhaltene Flöten aus dieser Zeit weisen drei bis vier Grifflöcher auf. Durch variierte Techniken von Anblaswinkel und Grifflochabdeckung konnten jedoch zusätzliche Töne produziert werden. Die Klarinetten bestanden immer aus zwei gleichlangen parallelen Röhren mit je vier bis sechs Grifflöchern und wurden horizontal gehalten. Indem man die Löcher mit Stöpseln verschloss, konnte man die Stimmung verändern (ebd.: 38) oder einen Bordunton auf einer Röhre erzeugen, während der Klarinettist auf der anderen die Melodie spielte. Von der Beliebtheit der Harfe zeugen die vielen Formen und Varianten, die sich im Laufe der Zeit entwickelten. Im Alten Reich schaufelförmig mit fünf bis sieben Saiten, erscheint die Harfe in den frühesten Belegen voll ausgereift (ebd.: 39). Dies lässt vermuten, dass die Bogenharfe schon früher in Gebrauch war und bis zum Alten Reich bereits eine Entwicklung hinter sich hatte. Neben Hof- und privaten Musikszenen wurde auch bei der Arbeit mit Stimme, Flöte und Klappern musiziert (ebd.: 41). Bei Begräbnissen kamen Handklatschen, Rasseln, Sistren und möglicherweise (Gefäß-)Trommelspiel zum...