Das Erbe des Dämonenkönigs - Das Amulett

von: Cinda Williams Chima

cbj Kinder- & Jugendbücher, 2009

ISBN: 9783641036768 , 576 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Das Erbe des Dämonenkönigs - Das Amulett


 

Han Alister hockte neben der dampfenden Schlammquelle und betete, dass die dünne, verkrustete Schicht der Therme ihn tragen würde. Er hatte sich ein Tuch vor Mund und Nase gebunden, aber seine Augen brannten nach wie vor und tränten von den Schwefeldämpfen, die aus dem köchelnden Schlick aufstiegen. Er streckte seinen Stock nach ein paar Pflanzen mit seltsamen grünen Blüten aus, die am Rand der Quelle wuchsen, schob die Spitze unter die Erde und befreite ihre Wurzeln aus dem Schlamm. Dann zog er die Pflanzen heraus und ließ sie in die Hirschledertasche fallen, die über seiner Schulter hing. Vorsichtig, einen Fuß neben den anderen setzend, erhob er sich wieder und machte sich daran, sich auf festeren Boden zurückzuziehen.
Er hatte es beinahe geschafft, als er mit einem Fuß durch die brüchige Oberfläche stieß und bis zur Wade in dem grauen, klebrigen und heißen Schlamm versank.
»Bei Hanaleas blutigen Gebeinen!«, rief er aus, warf sich nach hinten und hoffte, nicht rücklings in einem anderen Schlammloch zu landen. Oder schlimmer noch in einer der Blauwasserquellen, in der das Fleisch auf seinen Knochen in kürzester Zeit verkochen würde.
Glücklicherweise landete er auf festem Boden, inmitten von Küstenkiefern. Der harte Aufprall ließ die Luft aus seiner Lunge geradezu explodieren. Hinter sich hörte Han, wie Fire Dancer den Hang herunterkletterte und dabei versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. Dancer packte Han an den Handgelenken, zog ihn auf festen Boden und lehnte sich dabei nach hinten, um das Gleichgewicht zu halten.
»Wir sollten deinen Namen ändern, Hunts Alone«, sagte Dancer und hockte sich neben Han. Dancers lohfarbenes Gesicht war ernst, die verblüffend blauen Augen blickten durch und durch unschuldig drein, aber seine Mundwinkel zuckten. »Wie wäre es mit >Wades in the Mudpot<, wo Du doch gerade so schön durch das Schlammloch gewatet bist? Oder nur >MudpotHan fand das gar nicht witzig. Schwitzend packte er eine Handvoll Blätter und bearbeitete damit seinen Stiefel. Er hätte seine alten, abgetragenen Mokassins anziehen sollen. Die kniehohen Stiefel hatten ihn zwar vor ernsthaften Verbrennungen bewahrt, aber der rechte war jetzt voll von stinkendem Matsch. Und er wusste, dass er dafür einiges zu hören bekommen würde, wenn er nach Hause kam.
»Diese Stiefel sind clangefertigt«, würde seine Mutter sagen. »Hast du eine Ahnung, was sie kosten?«
Es spielte keine Rolle, dass sie für die Stiefel gar nichts bezahlt hatte. Dancers Mutter Willo hatte sie Han im letzten Frühling gegeben, als er den seltenen Todherrenpilz gefunden hatte. Seine Mutter war nicht gerade glücklich gewesen, als er sie mit nach Hause gebracht hatte.
»Stiefel?« Sie hatte ihn ungläubig angestarrt. »Extravagante Stiefel? Wie lange wird es wohl dauern, bis du aus ihnen rausgewachsen bist? Hättest du nicht um etwas Geld bitten können? Oder um Korn, damit wir was zu Essen haben? Feuerholz oder warme Decken zum Schlafen?« Sie war mit der Gerte auf ihn losgegangen, die sie stets schnell bei der Hand hatte. Han war zurückgewichen, denn er wusste aus Erfahrung, dass ein hartes, arbeitsreiches Leben seiner Mutter einen kräftigen Arm beschert hatte.
Sie hatte ihm Striemen auf dem Rücken und den Armen verpasst. Aber er hatte die Stiefel behalten.
Ihr Wert überstieg bei Weitem das, was er im Tausch dafür Willo gegeben hatte, das wusste er. Willo hatte sich gegenüber Han, seiner Mutter und seiner Schwester Mari immer großzügig gezeigt, denn ihnen fehlte ein Mann im Haus. Sofern man Han nicht als Mann zählte, was die meisten Leute nicht taten. Obwohl er fast schon sechzehn war und beinahe erwachsen.
Dancer kam mit Wasser von der Feuerlochquelle und goss es über Han's dreckigen Stiefel. »Wie kommt es, dass nur widerliche Pflanzen, die an widerlichen Orten wachsen, wertvoll sind?«, fragte er.
»Wenn sie in einem Garten wachsen würden, wer würde dann noch gutes Geld für sie ausgeben?«, knurrte Han, der sich die Hände an seinen Clan-Leggins abwischte. Auch seine silbernen Armreifen waren schlammverkrustet. Der Schmutz hatte sich tief in ihre filigrane Gravur gegraben. Er tat gut daran, sie ordentlich auszubürsten, bevor er nach Hause kam, sonst würde er auch dazu was zu hören kriegen.
Es war das passende Ende für einen rundum enttäuschenden Tag. Seit dem Morgengrauen waren sie unterwegs, und alles, was er vorweisen konnte, waren drei Schwefellilien, ein großer Beutel mit Zimtrinde, etwas Scharfkraut und eine Handvoll gewöhnliches Schnappkraut, das er auf dem Flatland-Markt als Frauengras ausgeben konnte. Die leere Geldbörse seiner Mutter hatte ihn zu früh für diese Jahreszeit in die Berge getrieben.
»Das ist Zeitverschwendung«, sagte Han, obwohl es ursprünglich seine Idee gewesen war. Er griff nach einem Stein und warf ihn in das Schlammloch, in dem er mit einem hässlichen Platschen verschwand. »Versuchen wir was anderes.«
Dancer legte den Kopf schief, und seine mit Perlen verzierten Zöpfe schwangen hin und her. »Was hast du vor?«
»Gehen wir jagen«, sagte Han und berührte dabei den Bogen auf seinem Rücken.
Dancer runzelte nachdenklich die Stirn. »Wir könnten es auf der Wiese der Verbrannten Bäume probieren. Das Felswild zieht gerade vom Flachland hoch. Bird hat es vorgestern gesehen.«
»Dann gehen wir.« Han musste nicht lange überlegen. Es war die Zeit des Hungermondes. Die Töpfe mit den Bohnen, dem Kohl und dem getrockneten Fisch, die seine Mutter für den Winter vorbereitet hatte, waren leer. Auch wenn er noch so gerne eine weitere Mahlzeit aus Bohnen und Kohl gehabt hätte, es gab letztlich nichts anderes mehr als Haferbrei. Und noch mehr Haferbrei, manchmal mit einem salzigen Stück Fleisch, das dem Ganzen wenigstens etwas Geschmack verlieh. Fleisch auf dem Tisch würde die magere Ausbeute dieses Tages mehr als ausgleichen.
Sie machten sich nach Osten auf und ließen die rauchenden Quellen hinter sich zurück. Dancer legte ein unerbittliches Tempo vor, als er das Flusstal der Drynne entlangmarschierte, und angesichts der körperlichen Anstrengung besserte sich Han's schlechte Laune etwas.
Es war gar nicht so leicht, an einem solchen Tag wütend zu bleiben. Überall um sie herum machten sich die ersten Vorboten des Frühling bemerkbar. Stinkkohl und Frauenkuss und Maiäpfel bedeckten den Boden, und Han genoss den Geruch der warmen, von der Winterdecke befreiten Erde.