Torschlussmami - Eine Frau auf der Suche nach dem großen Babyglück

von: Kasey Edwards

Bastei Lübbe AG, 2012

ISBN: 9783838716107 , 286 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 6,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Torschlussmami - Eine Frau auf der Suche nach dem großen Babyglück


 

1
Ticktack, deine Eizellen laufen ab


Sie kommt mit etwas in der Hand auf mich zu, das aussieht wie ein Vibrator und dessen Spitze auf mich zeigt. Aber es ist kein Vibrator. Es hat nämlich keine Hasenohren, keinen Geschwindigkeitsregler und keinen Glitter unter der pinkfarbenen Silikonhülle. (Meiner Meinung nach sollte jeder Vibrator einen Glitzereffekt haben.) Dieses Gerät hier sähe allerdings auch mit Glitzern nach keinem besonderen Spaß aus.

Es handelt sich demnach um keine Episode von lesbischen Sex-Experimenten, sondern vielmehr um eine Untersuchung bei meiner Frauenärztin. Es gibt nur wenige Dinge in meinem Leben, die ich mehr hasse, als einen gynäkologischen Abstrich machen zu lassen. Es muss doch eine einfachere Methode geben, als einen mit Gleitmittel eingeschmierten kalten Entenschnabel aus Metall in den Unterleib gesteckt zu bekommen! Es ist die einzige Situation in meinem Leben, in der ich es hinnehme, mich in einem Raum mit greller Beleuchtung vollständig zu entblößen. Und jedes Jahr bin ich unter dem Neonlicht aufs Neue über die Dellen an meinen Oberschenkel entsetzt und nehme mir vor, nie wieder Schokolade anzurühren.

Ich will mich gerade von der Liege schwingen und nach meiner Unterwäsche greifen, als meine Gynäkologin Dr. Lucy ihr böses zweites Ich, den Vibrator, präsentiert und die verhängnisvollen Worte ausspricht, die mein Leben verändern werden.

»Wenn Sie schon mal hier sind«, bemerkt sie in beiläufigem Ton, »kann ich mir auch gleich mal Ihre Eierstöcke ansehen.«

Ich bin kurz davor abzulehnen. Warum will sie meine Eierstöcke untersuchen? Ich habe welche – zwei, um genau zu sein, so wie es in der Bedienungsanleitung steht. Und ich bin mir sicher, dass sie in Ordnung sind, denn jeden Monat spüre ich einen ziehenden Schmerz im Unterleib, wenn ich meinen Eisprung habe. Ich zögere also zuzustimmen, auch weil ich ahne, dass bei der Untersuchung meiner Eierstöcke wieder etwas in mich hineingesteckt wird. Dr. Lucy spürt meinen Widerwillen und versperrt mir den Weg zu meinem Slip.

»Es wird nicht wehtun«, lügt sie.

Lucy ist schon seit vielen Jahren meine Gynäkologin, außerdem eine der wenigen Frauen ihres Fachs, die sich auf die Behandlung von Unfruchtbarkeit spezialisiert haben. Als die alten, verknöcherten, männlichen Gralshüter ihrer Disziplin sich weigerten, Lucy auszubilden, ließ sie sich davon nicht entmutigen. Sie ging mit ihrer Familie ein paar Jahre in die Staaten und machte dort ihre Ausbildung. Ich mag Lucy, weil sie sich getraut hat, mit der Tradition ihres Berufsstands zu brechen. Sie ist witzig, cool, feminin und lässt sich von niemandem etwas gefallen. Außerdem besitzt sie eine umwerfende Garderobe.

Widerwillig lege ich mich wieder hin und versuche, mich auf Lucys High Heels statt auf die Vibratorimitation, die sie für die Ultraschalluntersuchung meiner Eierstöcke benutzt, zu konzentrieren. Bestimmt bringen Lucys Füße sie am Ende des Tages um. Sie beginnt zu zählen.

»Eins, zwei, drei, vier …« Sie hört auf, als sie bei zwanzig ist.

»Zwanzig was?«, frage ich.

»Sie haben zwanzig Follikel in Ihrem rechten Eierstock«, antwortet sie.

»Und wie viele sollte ich haben?«

»Ungefähr zehn.«

Einen Moment lang bin ich sehr zufrieden mit mir. Ich bin gerne eine Überfliegerin. Zwanzig muss besser sein als zehn, richtig? Doch dann erklärt Dr. Lucy mir das Prinzip von ›Qualität statt Quantität‹. Jeden Monat produzieren die Eierstöcke neue Eizellen. Jede Eizelle reift in einem Follikel heran, und dann, ein paar Tage vor dem Eisprung, wählt der Körper die beste Eizelle aus, die weiterwächst, während die anderen verkümmern. Statt ungefähr zehn anständige Eizellen zu produzieren, bringt mein rechter Eierstock zwanzig von minderer Qualität hervor. Mein Körper verteilt seine Ressourcen so dünn, dass bei der Wahl der besten Eizelle von insgesamt zwanzig nichts besonders Gutes herauskommt, und höchstwahrscheinlich ist die Qualität zu schlecht für eine Befruchtung.

»Ein Glück, dass ich noch einen anderen Eierstock habe«, sage ich hoffnungsvoll.

Doch mein Optimismus ist nur von kurzer Dauer. Dr. Lucy untersucht meinen linken Eierstock und stellt die korrekte Anzahl von Follikeln fest. Ein Hoch auf mein linkes Ovar! Dann allerdings erzählt Dr. Lucy mir von der Zyste.

»Der Tumor kann harmlos sein«, sagt sie. »Aber er könnte auch eine Operation erfordern. Darum möchte ich eine Bauchspiegelung machen. Ich kann Ihnen für nächste Woche einen Termin geben.«

»Ist es Krebs?«, frage ich.

»Unwahrscheinlich.«

»Tja, dann brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen«, sage ich in seliger Ahnungslosigkeit.

Kaum habe ich einen Termin für die Bauchspiegelung vereinbart und Dr. Lucys Praxis verlassen, rufe ich meine beste Freundin an. Emma und ich kennen uns seit der Highschool. Sie war eine Klasse über mir, aber wir lernten uns bei den Proben für unser Schulmusical Bad Boys näher kennen. Emma spielte die Hauptrolle, Tallulah, eine verführerische kleine Herumtreiberin mit einer Federboa, während ich einen dämlichen Gangster mimte, der zwei Sätze sagte, bevor er mit einer Cremetorte umgebracht wurde. Ich stelle mir gerne vor, dass die Garbo, genau wie ich, für meine zwei Sätze gestorben wäre und dass mein shakespearescher Tod, der länger dauerte als die beiden Sätze, einen Golden Globe wert war.

Wenn ich sage, dass ich Emma durch die Musicalproben näher kennenlernte, meine ich eigentlich, dass ich sie dort überhaupt kennenlernte. Sie gehörte in der Highschool zu den Coolen und Beliebten, während ich eine Streberin war. Das Gesetz und das Protokoll des Schulhofs diktierten, Abstand zu ihr zu halten. Erst später, als wir uns an der Universität wiedertrafen, wo wir uns für dasselbe Fach eingeschrieben hatten, erkannte ich, dass Emma gar nicht so einschüchternd war, wie ich immer gedacht hatte, und wir wurden Freundinnen. Seit dem Studium haben sich unsere Lebensläufe parallel entwickelt. Wir machten beide Karriere, im selben Tempo. Emma spezialisierte sich auf Marketing, ich entschied mich für Public Relations und wechselte später ins Management Consulting. In den ersten zehn Karrierejahren redeten wir uns ein, in unseren Jobs unersetzlich zu sein und eine unheimlich wichtige Arbeit zu leisten. Dann, vor ungefähr einem Jahr, wurde uns beiden klar, dass wir unsere Karrieren satt und jegliche Motivation verloren hatten. An dieser Stelle weichen unsere Wege voneinander ab. Ich wurde mit meiner Lebenskrise fertig, indem ich nur noch Teilzeit arbeitete, um ein Buch über meine Sinnsuche schreiben zu können, während Emma ihre innere Leere mit Wodka und gut gebauten jungen Männern ausfüllte. Aber irgendwann holte sie ihr Lebensstil als Partygirl ein. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Glücklicherweise war Emmas Tumor nicht bösartig. Sie hatte sich mit humanen Papillomaviren (HPV) infiziert, wodurch sich Krebsvorstufen an ihrem Gebärmutterhals entwickelten. Dr. Lucy entfernte operativ die befallenen Zellen, bevor sie entarten konnten.

Als ich Emma von meinen Eierstöcken und dem bevorstehenden Eingriff erzähle, sagt sie genau das, was ich hören will. Da sie bereits unter Dr. Lucys Messer gelegen hat, versichert sie mir fachkundig, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche.

»Irgendwann verrotten wir alle«, fügt sie dann noch hinzu. »Deprimierend, nicht? Ab dreißig geht es nur noch bergab.«

Eine Woche und eine ambulante Operation später (der Eingriff war erfolgreich, danke der Nachfrage) sitze ich wieder in Dr. Lucys Sprechzimmer, um die Ergebnisse zu erfahren.

»Sie haben eine schwere Endometriose«, sagt sie. »Der gesamte linke Eierstock und die Eileiter sind befallen. Sie haben bestimmt starke Regelschmerzen.«

Ich schüttle den Kopf. Ich habe kaum Beschwerden. Ich werde zwar launisch und fühle mich aufgebläht, aber Schmerzen habe ich keine.

Dr. Lucy zeigt mir ein Foto von weiblichen Fortpflanzungsorganen, die massiv von Wucherungen befallen sind. Es sieht ekelhaft aus, wie eine Blutegelplage.

»So sieht es in mir aus?«, frage ich entsetzt.

»Jetzt nicht mehr«, antwortet Dr. Lucy. »Ich habe alle Herde entfernt. Falls es Ihnen hilft, man nennt das auch das Schokoladenzystensyndrom.«

Super. Genau in dem Moment, in dem ich die tröstende Wirkung von Schokolade am meisten bräuchte, fällt Dr. Lucy nichts Besseres ein, als mir mit ihren schrecklichen Vergleichen den Appetit zu verderben.

Bei dem Eingriff musste Dr. Lucy fast die Hälfte meines linken Eierstocks entfernen. Zusammengefasst produziert mein rechter Eierstock nur minderwertige Eizellen, mein linker Eierstock ist amputiert, und meine Eileiter sind verklebt.

»Ist das alles relevant, wenn ich keine Schmerzen habe?«, frage ich.

»Bei einem Kinderwunsch schon«, antwortet Dr. Lucy. »Ihre Fruchtbarkeit ist gefährdet, und das wird nicht mehr besser werden. Haben Sie vor, eine Familie zu gründen?«

»Nein … ich meine, ja … ich meine, nein. Ich weiß nicht«, sage ich. »Ich möchte mir alle Optionen offenhalten, für den Fall, dass ich mir irgendwann ein Kind wünsche.«

»Sie haben keine Zeit mehr«, erwidert Dr. Lucy in einem Ton, der mich erschaudern lässt. »Es kann sein, dass Sie jetzt schon nicht mehr schwanger werden können, aber in einem Jahr ist es definitiv zu spät. Dann sind Sie zeugungsunfähig.«

Als Expertin für die Behandlung von Unfruchtbarkeit erklärt sie mir, dass sie täglich mit Frauen zu tun hat, die keine Kinder...