Justifiers - Hard to Kill - Justifiers-Roman 8

von: Maike Hallmann

Heyne, 2012

ISBN: 9783641076177 , 592 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Justifiers - Hard to Kill - Justifiers-Roman 8


 

1

»Argon? Ja, natürlich habe ich von ihm gehört. Persönlich bin ich ihm leider nie begegnet, übrigens auch die allermeisten anderen nicht, die das behaupten, zahlen Sie denen bloß nichts für ihre Geschichten. Tja, Argon – er hatte es geschafft, richtig? Einer der größten Schmuggler aller Zeiten, einer von denen, die alles besorgen können, wirklich alles. Einer von diesen Typen, bei denen zu Gold wird, was immer sie anfassen. Ein privater Schubantrieb, das muss man sich mal vorstellen! Und ein Frauenheld soll er gewesen sein. Bei ihm auf der Virago, da ging es zu wie in einem Bordell. Für seine Passagiere, wenn er mal welche mitgenommen hat, stand extra eine kleine Gruppe Sirens zur Verfügung. Drei Stier-Betas hatte er in der Crew, seine persönliche Leibwache. Und einige Exsöldner. Einer von ihnen, Sergeant Wolf – quasi mein Namensvetter –, soll ein Chemic gewesen sein. Man munkelt, er habe im Bataillon of Blood gedient, bevor er auf der Virago anheuerte. Das muss ein Leben gewesen sein! Und dann waren sie hinter ihm her, allesamt, Konzerntypen, andere Schmuggler, Kopfgeldjäger, gab Riesenärger. Und was tut er? Schlägt ihnen allen ein Schnippchen. Verschwindet über Nacht mit Mann und Maus und der ganzen Virago, als hätte es sie nie gegeben. Das muss man erst mal fertigbringen!«

Jhon Wolfe, Ex-Schmuggler, gehört auf TravellersPointII, 3051 (Erdzeit)

17. Juli 3042

System: Fenris

Planet: Quintus (im Besitz von Twilight Industries)

Ort: Orbit, Raumfrachter Virago (Cockpit)

»Er hat es übrigens immer noch nicht getan«, sagte Nova und seufzte tief. »Sind ein paar kleine Worte denn so schwierig für euch Männer? So ein klitzekleines Bekenntnis?« Beiläufig strich sie über das Kontrollpult, und die drei gewaltigen Triebwerke der Virago reagierten so fügsam wie gut erzogene Hunde, obwohl sie weder Schalter noch Knöpfe noch Regler anrührte. Sie spürte die Kraft der Triebwerke bis in die Knochen, und der in die Jahre gekommene Reaktor war wie ein hell loderndes Feuer in ihren Eingeweiden.

Argon, der sich neben ihr im Navigatorsitz flegelte und einen Fuß gegen seine Seite des Kontrollpults gestemmt hatte, wandte den Kopf und betrachtete sie argwöhnisch. »Ihr habt gewettet, richtig? Du und Puke. Ihr habt schon wieder gewettet.«

Sie schlug die Augen nieder. »Es ging nicht anders. Wir haben es versucht, wirklich. Wir haben einen ganzen Nachmittag lang und einen halben Abend alles gegeben. Aber dann ist es wieder passiert.«

»Dein Captain hat Wetten an Bord verboten«, erinnerte er sie. »Jedenfalls dann, wenn sie auf die amouröse Demütigung des zweiten Offiziers rauslaufen.«

»Mein Captain ist ein humorloses Aas«, beschied sie ihm und warf ihm einen raschen Blick zu, um abzuschätzen, ob sie zu weit gegangen war.

Er grinste. »Das tut nichts zur Sache. Befehl ist Befehl.« Seufzend schüttelte er den Kopf. »Worum habt ihr gewettet?«

»Na, auf dasselbe wie immer! Dass Toro endlich Tina seine Liebe gesteht! Aber ich habe fast eine Stunde lang heimlich zugehört, wie er mit ihr …«

»Du hast ihn wieder belauscht?«

Sie hörte den plötzlichen Ärger in seiner Stimme, und ihr wurde kalt. Die militärischen Ränge an Bord waren eher Spielerei, und Argon duldete viel Blödsinn, aber wenn er fand, dass eine Grenze überschritten wurde, griff er hart durch. Sie konnte nicht gut einschätzen, wo diese Grenzen verliefen, bei ihm nicht und auch bei keinem anderen, und wenn einer aus der Crew sie so anschaute wie jetzt Argon, dann wurde sie wieder zurückgeworfen, war wieder ganz die alte Nova, die sich von Menschen lieber fernhielt, weil es sowieso nie gutging.

Sie wusste, dass er es nicht leiden konnte, wenn man seinem Blick auswich, also zwang sie sich, ihm in die Augen zu schauen. Sie waren dunkel und zornig, und sie hielt die Missbilligung, mit der er sie musterte, schwer aus. »Tut mir leid«, sagte sie und versuchte, es locker klingen zu lassen und nicht kläglich.

Die Sonderausfuhrgenehmigung für die Ware, die in diesem Augenblick das Hauptlager verstopfte, hatte sie selbst verfasst und gemeinsam mit Wolf ins System geschleust. Es war eine fast sichere Operation gewesen, und normalerweise brachte Argon so schnell nichts aus der Ruhe … aber seit einigen Monaten hatte sich etwas verändert. Etwas in seinen Gesten, seiner Stimme, seiner Art zu lachen. Als hätte er es eiliger als sonst, als wäre ihm etwas Unsichtbares auf den Fersen. Er sprach nicht darüber, weil er so verschlossen war wie drei ineinandergesteckte Safes, wenn es um seine Probleme ging, aber sie war weder blöd noch blind – sie wusste, dass er sich für den Kauf der Virago hoch verschuldet hatte, und nachdem zwei Jobs nicht ganz so sauber gelaufen waren wie erhofft, wurde es mit den fälligen Raten vermutlich knapp. Ihre lebende Fracht dort unten im Bauch des Schiffs war eine Menge wert, wenn sie sie heil nach Javee bekamen … aber dafür mussten sie erst einmal weg von Quintus, ohne dass sie aufflogen. Er war nervös. Sie hatte ihn nur ablenken wollen, bis sie aus dem Orbit raus waren, aber das war wohl zu viel des Guten gewesen.

Nachdenklich betrachtete er sie, dann wurde seine Miene freundlicher. »Er hat auch Gefühle, weißt du.«

»Ich weiß«, murmelte sie.

»Mindestens vier, und drei davon gelten Tina. Also reißt euch gefälligst ein bisschen zusammen.« Ein winziges Zucken um seinen linken Mundwinkel. »Worum habt ihr denn nun gewettet?«

Vor Erleichterung schoss ihr das Blut ins Gesicht. »Du bist nicht sauer?«

Er hob die Brauen. »Ich hab dich was gefragt.«

Verwirrt starrte sie ihn an. »Aber ich hab doch schon gesagt, wir …«

»Du hast mir gesagt, auf was ihr gewettet habt, nicht, worum. Was …«

Es klopfte. Puke steckte den Kopf herein, die graue Mähne klebte ihm schweißnass im Gesicht. »Die verdammte Fracht, ich meine natürlich, die ehrenwerte Dame, ist so weit, ich habe eben noch mal nach ihr geschaut. Schläft, sabbert und stinkt. Wir können.«

»Bestens.« Argon hob die Brauen, ohne den Blick von Nova zu wenden. »Du wirst noch ein richtiger Tierarzt.«

»Das verbitte ich mir. Ich kümmere mich um deine Rindviecher, ja, aber ich lasse mich nicht beleidigen.« Puke salutierte nachlässig und schickte sich an zu verschwinden.

»Doc?«

»Hm?« Puke hielt inne.

»Was immer sie dir wegen der verlorenen Wette schuldet, es ist vom Tisch.« Argon drehte sich um und maß seinen Bordarzt mit einem Blick, bei dem sich ein anderer womöglich unwillkürlich geduckt hätte.

Puke blähte nur entrüstet die Nasenlöcher. »Das kannst du nicht machen. Sie muss meine gesamten Instrumente schrubben, ich …«

»Und noch was, Doc.« Argon grinste boshaft. »Sag Gwenni und Wolf, ihr Schleimdienst fällt aus. Es hat sich freiwilliger Ersatz angeboten.«

Puke grunzte angewidert. »Aber wer würde denn freiwillig … oh.« Sein Blick ruckte zu Nova. »Oh! Du verdammtes, geschwätziges Weib!«

»Abmarsch.« Argon drehte sich wieder um und widmete sich den Anzeigen. »Ihr könnt euch nach der Landung beschimpfen. Ihr habt ja einen ganzen Tag lang Zeit dafür, wenn ihr den Interimsschleim bis auf den allerletzten Tropfen aus den Ritzen kratzt. Jetzt hau dich aufs Ohr, wir sind gleich so weit.«

Puke starrte Nova drohend an und fuhr sich mit dem Daumen über die Kehle, bevor er sich davonmachte. Sie duckte sich und zog eine entschuldigende Grimasse. In Wirklichkeit war sie so erleichtert, dass sie die beiden Männer hätte umarmen mögen. Schleimdienst – als sie vor knapp einem Jahr zu Argons kleinem Haufen gestoßen war, hatten gleich drei Leute versucht, ihren nächsten Schleimdienst auf sie abzuwälzen, ihr sogar Geld geboten, und zwar nicht wenig. Die Virago war ein uralter Kreuzer der Trilobit-Klasse, ausgeweidet und mit einem riesigen und ebenfalls nicht gerade taufrischen Sprungantrieb gepfählt, die Außenhülle war weder brauchbar beschichtet noch annähernd so glatt wie bei moderneren Schiffen. Zwei Crewmitglieder und eine ganze Armada Reinigungsdrohnen hatten gut zehn, zwölf Stunden lang damit zu tun, das zähe Zeug abzuschrubben, das nach jedem Sprung durchs Interim an ihr klebte. Machte nichts. Wenn sie die Wahl zwischen Argons Verärgerung und Schleimdienst hatte, nahm sie den Schleimdienst.

»Und … weg«, sagte Argon, als sie den Orbit verließen. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch.

Nova lächelte. »Ich programmiere den Sprung.«

»Javee«, sagte er. »Direkt nach Javee.«

»Ich weiß.«

Ohne die Augen zu öffnen, grinste er. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie angespannt er gewesen war. So wie jetzt hatte sie ihn kennengelernt, aber sie wusste nicht, wann sie ihn zum letzten Mal so vergnügt gesehen hatte.

Kurz betrachtete sie ihn, dann legte sie die Fingerspitzen auf das Kontrollpult und versenkte sich in die Steuerung des Antriebs. Sie hatte die Spekulationen der Crew, ob es sich nun um einen antiken Antrieb handelte oder um einen Nachbau, beenden können – der Antrieb war alt. Alt und müde und eigenwillig. Wolf hatte sich mit der Programmierung eines Sprungs mitunter anderthalb Stunden lang herumgequält, weil die Werte manchmal aus unerfindlichen Gründen...