Fremder in einer fremden Welt - Meisterwerke der Science Fiction - Roman

von: Robert A. Heinlein

Heyne, 2009

ISBN: 9783641032739 , 656 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Fremder in einer fremden Welt - Meisterwerke der Science Fiction - Roman


 

ERSTER TEIL
SEINE BEFLECKTE ABSTAMMUNG

1


Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte ein Marsianer namens Smith.
Dass es Valentine Michael Smith tatsächlich gab, lässt sich ebenso wenig leugnen wie die Existenz zu hoher Steuern. Die erste menschliche Expedition zum Mars wurde nach der Theorie zusammengestellt, die größte Gefahr für den Menschen sei der Mensch. Zu jener Zeit, acht Jahre nach Gründung der ersten menschlichen Kolonie auf Luna, war eine von Menschen durchgeführte interplanetare Reise nur auf Umlaufbahnen im Freien Fall möglich – von der Erde zum Mars in zweihundertachtundfünfzig terranischen Tagen plus einer Wartezeit von vierhundertfünfundfünfzig Tagen auf dem Mars, während die Planeten weiterkrochen, bis sie die für die Rückkehr-Bahn günstigen Positionen erreicht hatten. Ein ausgesprochen langwieriges Verfahren.
Die Reise war jedoch nicht nur elend lang, sondern auch äußerst risikoreich. Nur indem sie an einer Raumstation auftankte und anschließend fast wieder in die Erdatmosphäre hineinfiel, konnte dieser primitive fliegende Sarg, die Envoy, die Reise überhaupt schaffen. Hatte sie den Mars einmal erreicht, würde sie unter Umständen auch zurückkehren – falls sie nicht abstürzte, falls Wasser gefunden wurde, um ihre Reaktionstanks nachzufüllen, falls tausend Dinge nicht schiefgingen.
Man war sich jedoch bewusst, dass die physischen Gefahren bei weitem nicht so groß waren wie die psychischen. Acht Menschen, die beinahe drei terranische Jahre lang zusammengepfercht waren, mussten unbedingt besser miteinander auskommen können, als es unter Menschen im Allgemeinen üblich ist. Eine rein männliche Crew wurde als ungesund und unstabil abgelehnt. Als optimale Lösung betrachtete man vier verheiratete Paare, sofern es möglich war, die notwendigen Spezialkenntnisse in einer solchen Kombination zusammenzufügen.
Die Universität von Edinburgh, die Hauptunternehmerin, übertrug dem Institut für Sozialwissenschaften als Subunternehmer die Auswahl der Crew. Nachdem das Institut Freiwillige aussortiert hatte, die wegen Alter, Gesundheitszustand, Mentalität, Ausbildung oder Temperament ungeeignet waren, blieben ihm neuntausend mögliche Kandidaten. Jeder von ihnen entsprach sowohl körperlich als auch geistig den Anforderungen. Es war die Aufgabe des Instituts, mehrere annehmbare Crews mit je vier Paaren vorzuschlagen.
Eine solche Crew wurde niemals gefunden.
Die benötigten Berufe waren Astrogator, Arzt, Koch, Maschinist, Schiffskommandant, Semantiker, Chemiker, Elektroniker, Physiker, Geologe, Biochemiker, Biologe, Atomwissenschaftler, Fotograf, Hydroponiker, Raketeningenieur. Jeder sollte mehr als einen dieser Berufe beherrschen. Zumindest sollte er dazu fähig sein, einen anderen in angemessener Zeit zu erlernen. Es gab Hunderte von Kombinationen aus acht Freiwilligen, die die entsprechenden Kenntnisse besaßen, und darunter drei, die aus verheirateten Paaren bestand – aber in allen drei Fällen rangen die Psychodynamiker, die die Verträglichkeitsfaktoren bewerteten, vor Entsetzen die Hände. Die Hauptunternehmerin regte an, den vorgegebenen Kompatibilitätswert herabzusetzen; das Institut erbot sich, sein Honorar von einem Dollar zurückzugeben. In der Zwischenzeit sollte eine Computerprogrammiererin, deren Name nirgendwo verzeichnet ist, eine Rumpfmannschaft aus je drei Paaren zusammenstellen. Sie fand mehrere Dutzend kompatibler Kombinationen. Jede wurde durch ihre eigenen individuellen Merkmale charakterisiert, die sie zum Gelingen der Operation benötigten.
Die Computer fuhren fort, ihre Daten zu sichten, die sich durch Todesfälle, Rücktritte und neue Freiwillige änderten. Captain Michael Brant, Magister der Naturwissenschaften, Pilot und im Alter von dreißig Jahren Mondflug-Veteran, hatte einen direkten Draht zum Institut. Seine Kontaktperson schlug für ihn Namen von ledigen weiblichen Freiwilligen nach, die (mit Brant!) eine Crew vervollständigen könnten, und paarte seinen Namen dann mit diesen, um mithilfe der Maschinen Probleme durchzuspielen, und so herauszufinden, ob eine Kombination akzeptabel wäre. Dies hatte zur Folge, dass Captain Brant nach Australien jettete und Dr. Winifried Coburn, einer unverheirateten, pferdegesichtigen Semantikerin, die überdies neun Jahre älter war als er, einen Heiratsantrag machte. Die Carlsbad-Archive zeigen sie als eine humorvolle Frau, der jedoch jegliche Attraktivität fehlte.
Vielleicht handelte Brant auch, ohne irgendwelche InsiderInformationen zu haben. Stattdessen verließ er sich ausschließlich auf jene intuitive Dreistigkeit, die man braucht, um ein derartiges Unternehmen kommandieren zu können.
Lichter blinkten, Lochkarten sprangen heraus, eine Crew war gefunden worden:
Captain Michael Brant, 32, Kommandant – Pilot, Astrogator, Vertreter der Köchin, Vertreter des Fotografen, Raketeningenieur.
Dr. Winifried Coburn Brant, 41 – Semantikerin, praktisch ausgebildete Krankenschwester, Lagerverwalterin, Historikerin,
Mr. Francis X. Seeney, 28 – stellvertretender Kommandant, Zweiter Pilot, Astrogator, Astrophysiker, Fotograf,
Dr. Olga Kovalic Seeney, 29 – Köchin, Biochemikerin, Hydroponikerin,
Dr. Ward Smith, 45 – Arzt und leitender Sanitätsoffizier, Biologe,
Dr. Mary Jane Lyle Smith, 26 – Atomingenieurin, Elektronikerin und Energietechnikerin,
Mr. Sergei Rimsky, 35 – Elektroniker, Chemotechniker, verantwortlich für Maschinen und Instrumente, Kryologe,
Mrs. Eleonora Alvarez Rimsky, 32 – Geologin und Selenologin, Hydroponikerin.
Diese Leute besaßen alle erforderlichen Kenntnisse, von denen einige in den Wochen vor der Abreise durch intensives Büffeln erworben worden waren. Wichtiger als das, sie waren gegenseitig kompatibel.
Vielleicht sogar zu kompatibel.
Die Envoy startete. In den ersten Wochen konnten ihre Sendungen von Privatleuten aufgefangen werden. Als die Signale schwächer wurden, verstärkten Radiosatelliten der Erde sie. Die Crew schien gesund und glücklich zu sein. Ringwurm war das Schlimmste, womit Dr. Smith sich zu befassen hatte. Alle gewöhnten sich an den Freien Fall und brauchten nach der ersten Woche keine Medikamente gegen Übelkeit mehr. Falls Captain Brant disziplinarische Probleme hatte, meldete er sie nicht.
Die Envoy erreichte eine Parkbahn innerhalb des Phobos-Orbits und verbrachte zwei Wochen mit einer fotografischen Erkundung. Dann funkte Captain Brant: »Wir werden morgen um 12.00 Uhr Greenwich-Sternzeit am Südrand des Lacus Soli landen.«
Es kam keine weitere Botschaft mehr.

2


Ein irdisches Vierteljahrhundert verging, ehe der Mars wieder von Menschen besucht wurde. Sechs Jahre nachdem die Envoy verstummt war, überquerte die unbemannte Sonde Zombie, finanziert von La Société Astronautique Internationale, die Leere, ging für die Wartezeit in eine Umlaufbahn und kehrte dann zurück. Fotografien, die das Robotfahrzeug aufgenommen hatte, zeigten ein nach menschlichen Begriffen wenig einladendes Land. Seine Instrumente bestätigten, dass die marsianische Atmosphäre dünn und für menschliches Leben ungeeignet ist.
Aber die Bilder der Zombie bewiesen, dass die »Kanäle« technische Leistungen waren, und andere Einzelheiten wurden als Ruinen von Städten interpretiert. Man hätte eine bemannte Expedition losgeschickt, wäre nicht der Dritter Weltkrieg dazwischengekommen.
Eine Folge von Krieg und Aufschub war jedoch auch, dass die nächste Expedition mit besseren Aussichten startete als die verschwundene Envoy. Das Föderationsschiff Champion legte den Weg mithilfe des Lyle-Antriebs in neunzehn Tagen zurück. Es hatte eine rein männliche Crew aus achtzehn Raumfahrern und beförderte dreiundzwanzig männliche Pioniere. Es landete südlich vom Lacus Soli, da Captain von Tromp beabsichtigte, nach der Envoy zu suchen. Die zweite Expedition berichtete täglich; drei Meldungen waren von besonderem Interesse. Die erste lautete:
»Raketenschiff Envoy gefunden. Keine Überlebenden.« Die zweite: »Der Mars ist bewohnt.«
Die dritte: »Berichtigung von Meldung 23-105. Ein Überlebender der Envoy gefunden.«

3


Captain Willem van Tromp war von humaner Gesinnung. Er funkte voraus: »Meinem Passagier darf auf keinen Fall ein Empfang in aller Öffentlichkeit bereitet werden. Bitte Niedrig-g-Fähre, Bahre und Ambulanz bereitstellen, dazu bewaffnete Wache.«
Er schickte seinen Schiffsarzt mit, der sich vergewisserte, dass Valentin Michael Smith in einer Suite des Medizinischen Zentrums »Bethesda« untergebracht, in ein Wasserbett gelegt und vor Kontakten von außen geschützt wurde. Van Tromp selbst ging zu einer außerordentlichen Sitzung des Hohen Rates der Föderation.
Als Smith ins Bett gehoben wurde, erklärte der Hohe Minister für Wissenschaft soeben: »Sicher, Captain, ich räume ein, dass Ihre Autorität als Kommandeur einer Expedition, die nichtsdestotrotz...