Il silenzio - Das große Schweigen - Ein Anti-Mafia-Polizist erzählt

von: Gianni Palagonia

Heyne, 2009

ISBN: 9783641032944 , 384 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Il silenzio - Das große Schweigen - Ein Anti-Mafia-Polizist erzählt


 

Der neue Freund
In der vierten Klasse bekamen wir einen neuen Mitschüler, einen Jungen, der in einem der verrufensten Viertel der Stadt wohnte. Cirino Cavallaro hieß er und war anders als alle anderen: mit allen Wassern gewaschen, aber kein schlechter Kerl, der niemandem von uns etwa zuleide tat. Ich war fasziniert von ihm, von den Dingen, die er erzählte, von seiner unerschrockenen Art, wie er sich bewegte und mit der Lehrerin redete, und vor allem auch von der Tatsache, dass er nie für die Schule lernte, gerade so, wie ich es auch gern getan hätte. Mit ihm zusammen fühlte ich mich stärker, vielleicht weil er als Einziger in der Schule immer ein Messer dabei hatte, oder vielleicht auch nur, weil ich wusste, dass alle, so wie ich, einen Heidenrespekt vor ihm hatten. Als die Lehrerin eines Tages, verärgert über die Tatsache, dass Cavallaro wieder einmal die Hausaufgaben nicht gemacht hatte, die zigste Benachrichtigung an dessen Eltern schrieb und sie zu einem Gespräch in die Schule bat, fragte sie anschließend: »Sag mal, Cirino, wieso machst du denn bloß nie deine Hausaufgaben? Erklär mir das doch mal.«
Cirino setzte seine typische freche Unschuldsmiene auf und antwortete in breitem Sizilianisch: »Ich weiß nix und will auch nix wissen. Zum Lernen hab ich keine Zeit.«
Die ganze Klasse brach in schallendes Gelächter aus, sehr zum Leidwesen unserer Lehrerin.
Jeden Tag stellte Cirino irgendetwas an. Einmal waren wir zusammen draußen bei den Feldern nicht weit von der Schule, und Cirino zeigte mir, wie man Eidechsen fängt. Plötzlich holte er ein Messer aus der Tasche und reichte es mir: »Hier, das ist ein Geschenk von mir. Wenn dir jemand blöd kommt, kannst du dich verteidigen.«
Das Messer war ganz ähnlich wie sein eigenes, mit einem Griff aus Perlmuttimitat und einer sechs, sieben Zentimeter langen Klinge. Ich war glücklich, erschrak aber auch bei dem Gedanken, es mit mir zu führen.
»Und was ist, wenn die Polizei mich anhält und das Messer bei mir findet?«
»Wen interessiert denn die Polizei? Nee, mach dir nicht so viele Gedanken, du bist doch ein Mann, oder?«
»Und wenn mein Vater oder meine Mutter dahinterkommen?«
»Kein Problem, denen sagst du einfach, du hast es gefunden.«
Ich hatte mir immer ein Taschenmesser gewünscht, und das wusste er, weil ich seines oft voller Neid betrachtet hatte. Zu Hause versteckte ich es dann unter der Matratze. Ein paar Tage lang nahm ich es auch zur Schule mit und zeigte es voller Stolz meinen Klassenkameraden, die sich darum rissen, es mal anzufassen. Anfangs hatte ich meinen Spaß daran, fühlte mich stark und geachtet und ließ mich manchmal sogar dazu hinreißen, großspurig zu drohen: »Sei still, Kleiner, sonst schlitz ich dich auf.«
Ein paar Tage später fand meine Mutter zufällig das Messer unter der Matratze und stellte mich zur Rede. Von meinem Vater bekam ich was hinter die Ohren.
»Nur Mafiosi tragen Messer«, sagte er und warf es fort.
Von wem ich das Messer hatte, erzählte ich ihm nicht. Natürlich wollte ich nicht, dass er sich an die Schule wandte und unsere Lehrerin informierte. Vor allem aber wollte ich kein Verräter sein.
Ich traf mich weiter mit Cirino, auch nachmittags, wenn meine Mutter dachte, dass ich im Kommunionunterricht sei. Wir schlichen uns in die Gärten bei der Schule, klauten Mandarinen und versteckten uns im Gebüsch, um vorüberfahrende Autos damit zu bewerfen: Wie oft sind wir von wütenden Autofahrern verfolgt worden! Häufig waren wir auch in seinem Wohnviertel, wo er mir unzählige interessante Dinge beibrachte, zum Beispiel wie man die Tür eines verschlossenen Autos aufbekommt, wie man den Motor anlässt, indem man die Zündkabel löst, wie man bei einem Mofa das Lenkradschloss aufbricht und dergleichen mehr. Während der Lektionen schärfte er mir immer wieder ein: Um respektiert zu werden, brauche man nur seine Hände und ein Messer.
Mir gefiel, was er da erzählte, aber ich spürte auch, dass seine Welt zwar faszinierend, aber auch falsch war, und so erwies sich letztlich die meiner Eltern für mich als die stärkere.
Eines Nachmittags spielte ich mit ein paar Freunden vor dem Haus Fußball, als eine Bande zwölf-, 13-jähriger Jungen aus Cavallaros Viertel auftauchte. Einer von ihnen schnappte sich den Ball und rannte davon. Dieser Ball war ein sogenannter San Siro, damals etwas ganz Besonderes. Wir kamen uns alle ein bisschen belämmert vor, denn eigentlich waren wir in der Überzahl und hätten es mit denen aufnehmen können. Aber die Befürchtung, dass sie wahrscheinlich Messer trugen, hielt uns davon ab. Am Tag darauf erzählte ich Cirino von dem Vorfall. »Diese Arschlöcher«, polterte er los, »aber pass auf, jetzt sind sie reif.«
Zwei Stunden später war er mit dem Fußball wieder da. Ich war überglücklich, und als ich damit bei meinen Freunden auftauchte, war ich einen Tag lang für alle der Held.
Diese Erfahrung machte mir erneut klar, dass es in manchen Fällen ratsamer war, sich an jemanden aus dem »Umkreis«, wie man damals sagte, anstatt an die Polizei zu wenden. Eine Haltung, die auch viele Erwachsenen einnahmen, die ich aber damals noch nicht richtig einordnen konnte. Mir kam es manchmal fast so vor, als würden es sich Gesetzesbrecher und Polizei, jeder auf seine Weise, zur Aufgabe machen, den Schwachen zu helfen. Häufig hörte ich die Erwachsenen von einem gewissen Baron reden, einem bekannten Mafioso, der als ein echter Wohltäter betrachtet wurde, weil er vielen, vor allem im Bauwesen, Brot und Arbeit gab. Hinter vorgehaltener Hand hieß es zwar auch, dass er ein Verbrecher sei, doch in der Not wandten sich alle an ihn.
Das Problem sei das Fehlen von Arbeitsplätzen und staatlicher Unterstützung, sagte man.
 
Häufig kam Cirino gar nicht zur Schule, weil er arbeiten musste, und wenn er dann mal wieder auftauchte, tat er so, als wenn dies die normalste Sache der Welt sei. Da nützte es auch nichts, dass die Lehrerin ein ärztliches Attest von ihm verlangte und seine Eltern sprechen wollte …
»Mein Vater arbeitet und kann nicht kommen«, bekam sie zu hören, »und meine Mutter ist krank. Aber ich bin ja da. Reicht Ihnen das nicht …? Sind Sie nicht froh, dass ich wieder da bin? Nur fragen Sie mich bloß nicht nach den Hausaufgaben, die hab ich nämlich nicht gemacht. Ich bin halt ein Esel, und ein Esel will ich bleiben.«
Wenn die Lehrerin gar nicht mehr wusste, wie sie mit ihm fertigwerden sollte, schaltete sie das Jugendamt ein. Cirino erzählte mir, dass manchmal hässliche, fette, streng dreinblickende Damen bei ihnen zu Hause vorbeikämen, um mit seinen Eltern zu reden. Wenn er sie anrücken sehe, klettere er aus dem Badzimmerfenster und komme erst wieder heim, wenn sie wieder abgezogen seien.
An manchen Nachmittagen und sonntagmorgens verkaufte Cirino Brot und geschmuggelte Zigaretten an den Straßenecken: MS, Marlboro, Super ohne Filter. Manchmal setzte ich mich aufs Rad und fuhr zu ihm, um ihm Gesellschaft zu leisten. Einmal fragte er mich: »Lässt du mich mal’ne Runde drehen?«
»Ja, klar, aber wer kümmert sich in der Zeit um dein Geschäft?«
»Du.«
»Ich? Bist du verrückt? Ich weiß doch gar nicht, was ich zu den Leuten sagen soll.«
»Ganz einfach, Zigaretten 150 Lire, Brot 100 Lire das Kilo. Du packst die Sachen in das Papier dort ein. Und denk dran, immer erst das Geld, dann die Ware.«
Zehn Minuten war er fort, eine Ewigkeit, und zum Glück blieb niemand bei mir stehen. Was, wenn mich jemand aus meiner Familie oder irgendein Mitschüler gesehen hätte? Wie hätte ich denen erklären sollen, was ich dort tue? Erst als Cirino zurückkam, fiel die Anspannung von mir ab.
»Hast du was verkauft?«
»Nein, es war niemand da.«
»Na ja, dann essen wir heute Abend mal wieder trockenes Brot mit’ner Zigarette drauf. Aber jetzt zisch ab, es ist schon spät für dich.«
»Das weiß ich besser, ob es spät für mich ist.«
Cirino blickte mich spöttisch an. »Donnerwetter, du bist ja ein harter Typ geworden. Pass auf, ich mach mir gleich in die Hose vor Angst.« Und dabei lachte er.
Ich fühlte mich verhöhnt und trollte mich mit den Worten: »Das nächste Mal komme ich nicht. Da kannst du lange auf mich warten.«
Doch während ich mich wütend entfernte, rief er mir nach: »War doch nur Spaß! Komm zurück, du weißt doch, dass ich dich mag, komm zurück!«
»Leck mich am Arsch, Cavallaro, ich will dich nicht mehr sehen.«
So war es häufig. Es krachte mächtig, und dann waren wir wieder Freunde, enger noch als zuvor.
 
Einmal war ich mit meiner Mutter auf Besuch bei Verwandten gewesen. Auf dem Heimweg hielt sie vor einem...