Assessment Center - Erfolgstipps und Übungen für Bewerber

von: Holger Beitz, Andrea Loch

Goldmann, 2009

ISBN: 9783641033590 , 192 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 5,99 EUR

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Assessment Center - Erfolgstipps und Übungen für Bewerber


 

Ein Assessment-Center wie (k)ein anderes!
So, da wären wir endlich. Dieser Stress auf den Autobahnen ist einfach unerträglich. Eine Stunde Stau bei Wuppertal. Gut, dass ich Pufferzeiten eingeplant habe. Bis zehn Uhr sollten wir uns im Schulungszentrum der Hartmann AG einchecken, zehn Uhr Beginn des Assessment-Centers. Den Stadtplan mit der Anfahrtsskizze müsste man auch einmal überarbeiten. Na ja, von einem zukünftigen Verkäufer sollte man schließlich erwarten, dass er sich auch in fremden Städten zurechtfindet.
Das Zimmer ist ja ganz ordentlich, etwas spartanisch, na gut, die eine Nacht bekommen wir schon rum. Welche Voraussetzungen die anderen wohl mitbringen? Meine Schulabschlüsse sind ja ganz okay, und das Reden ist mir ja auch nie schwer gefallen. Aber die Sache mit der Bundeswehr?! Und das Studium war auch etwas lang. Na egal, die anderen kochen auch nur mit Wasser. Sitzt die Krawatte? Daran muss ich mich auch erst noch gewöhnen...
Mal schaun, ob die anderen schon da sind. Die Mitbewerber, Konkurrenten, Mitstreiter, Rivalen, Kampfgenossen im Job-Ring – einer kommt durch. Du bist ganz schön einsam in diesen Minuten vor dem großen Kampf.
In der Halle vor der Arena haben sie Kaffee und Plätzchen für uns aufgebaut. Ein Teil der anderen ist schon da, der Rest findet sich nach und nach ein. Hallo, man begrüßt sich, die Zimmer sind ganz okay, nicht? Eine nette junge Dame, wie sich später herausstellt Psychologin von Beruf, huscht von Bewerber zu Bewerber, fragt nach unseren Namen, stellt sich vor und bittet uns, die Namensschildchen anzuheften, die man für uns vorbereitet hat. So lernen wir Sie schneller kennen, sagt sie, das ist dann nicht so unpersönlich. Aufgefallen ist mir nur, dass sie bei der jungen Blonden mit dem forschen Auftreten etwas mehr gelächelt hat. Na ja, Genossinnen im Kampf um die Gleichberechtigung unter sich.
Kurz vor zehn wird es dann etwas unruhig. Vier arrivierte Herren, elegant gekleidet und mit ausdrucksstarken Gesichtern, mischen sich unter das Volk in der Halle, jeder von ihnen gleicht einem Schicksalsgott. Sie begrüßen jeden von uns, freundlich und mit einem Lächeln auf den Lippen versuchen sie, uns die Scheu zu nehmen. Meine Hände sind etwas feucht, aber meine Stimme klar und deutlich.
Die Psychologin tritt dann wieder in Aktion, fordert uns und die arrivierten Herren auf, in die Arena zu kommen, wo der Kampf gleich losgehen sollte. Sie sagt das natürlich freundlicher; überhaupt gibt sie sich alle Mühe, der Situation etwas von ihrem Schrecken zu nehmen. Der Raum, in den sie uns bittet, ist hell und angenehm. Wir sitzen alle auf etwas unbequemen Stühlen im Kreis, auch die arrivierten Herren und die Psychologin, kein Tisch als Schutz. Die Psychologin beginnt. Sie freut sich mit uns, dass wir heil und wohlbehalten im Schulungszentrum der Hartmann AG angekommen sind. Und natürlich dürfen wir stolz darüber sein, dass wir zu den Auserwählten gehören. Dann erklärt sie uns mithilfe einer Art Tafelersatz, eines Flipcharts, wie sich dieser große Notizblock auf einem noch größeren Ständer mit den weit abstehenden Standbeinen nennt, wie die beiden Tage ablaufen werden. Zuerst wird einer der arrivierten Herren, den sie als Verkaufsleiter ausweist, uns die Hartmann AG vorstellen, dann sind wir selbst dran mit der Vorstellung. Jeder muss einen Steckbrief von sich anfertigen. Dann Pause. Danach die erste Übung, Mittagessen, wieder eine Übung, wieder Pause, noch’ne Übung, Abendessen mit gemütlichem Beisammensein, morgens um neun Uhr soll es weitergehen, Übung, Pause, Übung, Mittagessen, zum Abschluss dann nach einer längeren Pause die Rückmeldung, wie sie das nennt, bei der wir dann wohl erfahren, wer als Sieger aus den beiden Tagen hervorgegangen ist. Nach dieser Orientierung, mit der ich noch so wenig anzufangen weiß wie die Psychologin mit den staksigen Beinen des Flipcharts, an denen sie sich ständig verhakt, stellt uns die Dame die anderen Herren des Gremiums vor, das sie als Beobachterkonferenz tituliert. Alles erfahrene Herren aus dem Verkauf, für den wir ja als Verkäufer ausgesucht werden sollen. Dann noch ein paar persönliche Worte zu sich selbst. 33 Jahre ist sie, hätt’ ich nicht gedacht, verheiratet auch, die Liste der Hobbys und beruflichen Erfahrungen ist beeindruckend, dagegen wird sich mein Steckbrief eher kümmerlich ausnehmen.
Vorstellung der Hartmann AG durch den arrivierten Herrn, der als Leiter des Verkaufs eingeführt wurde: Er berichtet eindrucksvoll über die Erfolge und die Geschäftstätigkeit der Hartmann AG, beschreibt das Aufgabengebiet, für das wir uns beworben haben. Kein Beruf ist so herausfordernd, so anspruchsvoll, stellt so viele Anforderungen an die Persönlichkeit, an das Wissen und die soziale Kompetenz, wie er das nennt, wie der Beruf eines Verkäufers. Ich werde etwas kleiner in meinem Stuhl. Sympathisch ist, dass ich auch ein klein wenig Nervosität bei dem referierenden Herrn verspüre, auch er verhaspelt sich an der einen oder anderen Stelle, vertauscht Worte, spricht Sätze nicht perfekt zu Ende. Das macht Mut. Ob die Beobachter das wohl auch registrieren?
Der Steckbrief ist schnell gemacht. Fünfzehn Minuten hatten wir Zeit, nach fünf war ich fertig. Einigen meiner Mitstreiter ging es ähnlich, kurzer Erfahrungsaustausch, in der Not kommt man sich näher. Fang an, dann hast du es hinter dir, sage ich mir. Den Steckbrief auf die Pinwand genagelt und dann mit möglichst sicherer Stimme zu den einzelnen Stichworten gesprochen. Du stehst mit beiden Beinen auf der Erde, beschwöre ich die Lockerheit meiner Beinmuskulatur. Nach den ersten Worten verschwinden die weichen Knie, ich werde sicherer, sogar ein kleiner Scherz gelingt mir. Na wer sagt’s denn, das wäre geschafft. Den anderen geht es auch nicht besser, das sehe ich ihnen an, aber wesentlich schlechter sind sie auch nicht. Die armen Beobachter, nach dem zehnten Steckbrief sieht man ihnen die Ermüdung schon etwas an. Die Pause haben sich alle verdient.
Die Psychologin stellt uns die erste Übung vor. Es geht um eine Diskussion, die wir in der Gruppe führen sollen. Jeder bekommt einen kurzen Text mit dem Thema, Tische werden in die Mitte geräumt. Die Beobachter bleiben auf ihren Stühlen sitzen, jeder ein Klemmbrett mit verschiedenen Zetteln als Schreibunterlage in seinem Arm. Dann sitzen wir alle da und warten.
Wer fängt an? Meine Strategie aus der Steckbriefübung, als Erster vorzupreschen, verfängt diesmal nicht. Ein etwas hagerer Mittzwanziger fährt mir in die Parade, ergreift das Wort und versucht als Erstes einmal festzustellen, worüber wir eigentlich reden sollen. So gerate ich ein wenig ins Hintertreffen, denn sofort reden fast alle gleichzeitig. Ich schweige – Ruhe und Übersicht ausstrahlen, denke ich mir, nur so kannst du wieder Boden wettmachen. An geeigneter Stelle greife ich ein, versuche zum Kern des Themas mittels einer knackigen These vorzudringen, doch der Hagere würgt mich wieder ab. Ich schweige, versuche aber meine Irritation hinter interessierten Blicken zu verbergen. Die Blonde kommt mir zu Hilfe, meint, man solle sich doch noch einmal mit meiner These auseinander setzen, und so bin ich wieder im Spiel.
Ich wiederhole,untermauere, führe aus, ein wahrer Redeschwall strömt aus meinem Mund, bis ich ermattet innehalte. Auch die anderen sind etwas erschlagen ob dieser vehementen Ausführungen. Jemand meint, er könne sich meiner Meinung anschließen. Allerseits zustimmendes Nicken. Ratlosigkeit macht sich breit, worüber sollen wir noch reden, wenn wir alle einer Meinung sind. Hier erweist sich der Hagere als Helfer in der Not. Er meint, es sei sinnvoll, alles noch einmal zusammenzufassen, tut es, und es schließt sich eine heftige Diskussion darüber an, ob seine Zusammenfassung auch den Kern der Sache trifft. Die Lager spalten sich, ich wiederhole einige Male, was ich vorher schon so ausführlich dargestellt hatte, ein munteres Treiben entbrennt, das die Psychologin mit dem Hinweis beendet, wir hätten uns nun das Mittagessen verdient.
Die Psychologin und die Beobachter kommen erst nach der Suppe und verschwinden auch nach dem Hauptgericht wieder. Tauschen wohl ihre Eindrücke aus, viel mitgeschrieben haben sie ja. Unsere Unterhaltungen werden etwas lockerer, die Konkurrenten bekommen Gesichter und Namen, wir tauschen uns aus über unsere Erfahrungen und Eindrücke. Coole, Nervöse, Sympathische, Widerlinge, alle sind vertreten, alle verbindet uns dieses Assessment-Center.
Nach dem Essen bekommen wir eine neue Aufgabe gestellt. Wir sollen eine Rede halten. Zwischen drei Themen dürfen wir wählen. Vorbereitungszeit zwanzig Minuten. Zwanzig einsame Minuten, trotz der Tasse Kaffee und des gelegentlichen Auftauchens der Psychologin, die fragt, ob wir mit der Zeit zurechtkämen. Natürlich nicht, möchte ich sagen, aber wer traut sich schon. Ich sinne nach über den Kunden von morgen, mache mir Stichworte, schreibe ganze Sätze hin, streiche sie durch, grabe in meinem Hirn erfolglos nach Zitaten, bis ich von der netten Psychologin aufgefordert werde, wieder in unseren Raum zu kommen. Dort werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt, aus Zeitgründen, wie man uns sagt, vielleicht wollen...