Engelssturm - Uriel - Engelssturm 1 - Roman

von: Heather Killough-Walden

Heyne, 2012

ISBN: 9783641076368 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Engelssturm - Uriel - Engelssturm 1 - Roman


 

1

Er war gewarnt worden, oder nicht? Wieder und wieder.

Der Erzengel Uriel seufzte tief und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann biss er die Zähne zusammen und schaute wieder aus dem Fenster der Limousine. Geistesabwesend bemerkte er, dass der Wagen an mehreren Schaufenstern vorbeikam, die mit überlebensgroßen Plakaten des Blockbusters Ausgleichende Gerechtigkeit dekoriert waren. Es war Samstag, Spätnachmittag, und sie befanden sich in einer Kleinstadt. Die Läden waren geschlossen. Aber trotzdem waren die Plakate überlebensgroß. Er zuckte zusammen, als seine eigenen eisgrünen Augen ihn anstarrten, eingerahmt von bröckelnden Burgmauern, einem blitzdurchzuckten Himmel und seiner attraktiven Filmpartnerin, die sich an seinen muskulösen Arm klammerte.

»Himmel.« Er wandte den Blick ab und ließ sich tiefer in den Ledersitz sinken.

»Du solltest Gabriel besser nicht merken lassen, dass du auch nur die geringste Reue verspürst, denn sonst lässt er dich das nie vergessen.« Max Gillihan, Uriels Agent, saß ihm mit übereinandergeschlagenen Beinen und einem wissenden Lächeln gegenüber. Seine dunkelbraunen Augen glitzerten hinter seiner Brille mit Stahlgestell. Wie gewöhnlich trug er einen Straßenanzug in gedeckten Farben, und sein Haar war kurz und ordentlich geschnitten. Als er lächelte, blitzten seine weißen Zähne auf. »Niemals

»Erzähl mir was Neues«, murmelte Uriel leise.

Er war sich nur allzu bewusst, was sein Bruder von solcher Reue halten würde. Zumal dieser ihn diverse Male davor gewarnt hatte, in die Welt der Reichen und Schönen einzutreten. Er hatte seinen verdammten Kopf mit den schwarzen Haaren geschüttelt und ihm mit seinem schottischen Akzent gute Ratschläge gegeben. Er hatte Uriel vor der Berühmtheit genauso gewarnt wie davor, zu bekannt zu werden und in einer Welt zu leben, in der das eigene Gesicht überall an Plakatwänden hing. Die Erzengel waren unsterblich; sie alterten nicht. Welche Art von vorgetäuschter Katastrophe würde Uriel erfinden müssen, um die Welt nicht merken zu lassen, dass er in Jahrzehnten kein bisschen gealtert war? So ungern Uriel es auch zugab, Gabriel hatte recht gehabt. Obwohl er betrunken gewesen war, als er all das von sich gegeben hatte. Egal ob nüchtern oder nicht, Gabriel behielt immer recht.

Und das nervte Uriel unendlich.

»Außerdem solltest du es nicht bereuen, Uriel. Schließlich bist du Christopher Daniels, und der ist jetzt ein echter Filmstar«, erklärte Max unter Bezug auf Uriels Künstlernamen.

Uriel zog seine rechte Augenbraue hoch. Auf der Kinoleinwand trieb das Frauen fast in den Wahnsinn. »Und warum genau ist mir das wichtig?«, murmelte er.

Max warf den Kopf zurück und lachte. »Vor einem Jahr, als du den Vertrag für Ausgleichende Gerechtigkeit unterschrieben hast, war es dir ziemlich wichtig.«

Uriel verschränkte die Arme vor der Brust und wich Max’ Blick aus. Faktisch gestand er damit seine Niederlage ein.

Wieder lachte der Mann vor ihm leise, aber diesmal begleitet von einem leisen Kopfschütteln. »Zweitausend Jahre und nie irgendwelche Lorbeeren. Gönn es dir jetzt, Uriel. Du bist ein Erzengel, um Himmels willen. Du bist dazu bestimmt, im Rampenlicht zu stehen.« Er machte eine effektvolle Pause. »Richtig?«

»Wenn du so argumentierst, klingst du wie Samael«, gab Uriel zurück.

»Darauf wette ich. Er mag ja eine unglaubliche Nervensäge sein, aber du musst zugeben, dass er einen ziemlich guten Geschäftssinn hat.« Gillihans Lächeln schwand nicht. Der Mann hatte viele Talente. Er war Uriels Agent, und außerdem war er der Hüter der Erzengel. Und als Hüter war er ein sehr alter, sehr weiser Mann, trotz seines faltenfreien Gesichts und des jugendlichen Leuchtens in seinen schokoladenbraunen Augen.

Uriel schüttelte den Kopf. Er fühlte sich im Moment einfach seltsam fehl am Platz. Er war ein Erzengel – oder war es zumindest vor vielen Jahren gewesen. Vor ungefähr zweitausend Jahren, plus minus einem Jahrhundert, waren er und seine Brüder in die Welt der Sterblichen gekommen, um zu suchen, was der Alte Mann ihnen zugedacht hatte: die Sternenengel, ihre Gefährtinnen.

Uriel schloss die Augen, als seine Gedanken finster wurden. Er und seine drei Brüder hatten geglaubt, es wäre ganz einfach. Sie waren schließlich Erzengel. Für sie war noch nie etwas schwierig gewesen. Aber Jahrzehnte waren vergangen, dann ganze Jahrhunderte, und die vier Brüder fanden nicht den kleinsten Hinweis auf ihre perfekten weiblichen Gegenstücke. Stattdessen sahen sie sich in Körpern gefangen, die mehr Mensch waren als Erzengel. Sie empfanden menschliche Gefühle und fühlten menschlichen Schmerz. Nach einer Weile stellten sie fest, dass allein die täglichen Überlebensanstrengungen sie ständig von ihrer Suche nach den Sternenengeln ablenkten.

Michael hatte als Erster seinen Platz in der Menschenwelt gefunden. Er war der Krieger unter ihnen. Er schloss sich jeder Armee an, kämpfte in jedem Krieg, meldete sich für jede gefährliche Aufgabe, war Spion, Kampfpilot, Rebell. Er war von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt gezogen und hatte immer wieder sämtliche Freunde hinter sich gelassen, wenn die Zeit verging und klar wurde, dass er nicht alterte. Das Leben war hart, aber mit den Jahren hatte er sich angepasst, zusammen mit seinen Brüdern. Im Moment war Michael Polizist in New York City.

Gabriel, der frühere Himmelsbote, hatte seit ihrer Ankunft auf der Erde immer wieder in Schottland gelebt. Er fühlte sich zu der Gegend und ihren Bewohnern hingezogen, aber auch er musste sorgfältig auf die Zeit, die verging, achten. Ungefähr alle zwanzig Jahre verließ er voller Bedauern das Land der Distel und hielt sich eine Weile von dort fern. Er näherte sich im Moment dem Ende einer dieser Pausen und arbeitete als Feuerwehrmann in New York, nicht weit von Michael entfernt.

Azrael, der ehemalige Todesengel, blieb nicht an einem bestimmten Ort der Erde. Seine Existenz war noch schwieriger als die der anderen drei Brüder. Zuerst hatten sie nicht verstanden, was mit Azrael passiert war, als sie auf die Erde kamen. Er hatte sich auf grausame, schmerzliche Weise verändert. Aber inzwischen wussten die Erzengel, in was er sich verwandelt hatte. Sie wussten, was er war. Um genau zu sein, war er der Erste gewesen: der erste Vampir.

Und als solcher besuchte er jede Nacht eine andere Stadt. Er hielt sich in den Schatten; er nährte sich und zog weiter. Nie tötete er, wenn er sich nährte. Er nahm das Blut von aggressiven Betrunkenen und Drogensüchtigen und schützte so die Menschen, denen sie Gewalt angetan hätten. Er selbst wurde von der Verunreinigung ihres Blutes nicht beeinflusst.

So zog Azrael seit Jahrhunderten ständig umher. Doch in den letzten paar Jahren hatte er sein Verhalten ein wenig geändert. Jetzt stand er, wann immer er nicht schlief oder sich von einem ahnungslosen Menschen nährte, auf der Bühne – gekleidet in schwarzes Leder und mit einer schwarzen Augenmaske. Das war das Kostüm, das er trug, wann immer er seine Musik zur Aufführung brachte. Die Maske verbarg die obere Hälfte seines Gesichts vor den neugierigen Blicken von Millionen und Abermillionen kreischender Fans.

Azrael war der Maskierte, Frontsänger der berühmten Rockband Valley of Shadow, die vor ungefähr zehn Jahren die Welt im Sturm erobert hatte. Er hatte schon immer eine unglaubliche Stimme besessen. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes hypnotisierend und hatte ihn in kürzester Zeit an die Spitze der Hitparaden katapultiert.

Gelegentlich nährte sich Az von jemandem, der ihn als das erkannt hatte, was er wirklich war. Diese außergewöhnlichen Personen traten an ihn heran, weil sie erkannt hatten, dass Azrael ein Vampir war, und sie selbst auch zum Vampir werden wollten. Nur selten kam Azrael dieser Bitte nach. Doch ab und zu war er davon überzeugt, dass es richtig wäre, einen Sterblichen zu verwandeln. Dann nährte er sich eine bestimmte Anzahl von Malen von dieser speziellen Person – und die Verwandlung fand statt. Und über Tausende von Jahren addieren sich selbst die seltensten Gefallen auf. Ob Uriel es nun guthieß oder nicht, inzwischen durchstreiften eine ganze Menge Vampire die Welt und betrachteten Azrael als ihren Vater.

Uriel dagegen hatte nie das Gefühl gehabt, dass es in der Welt der Sterblichen eine Nische für ihn gab. Einst war er der Racheengel gewesen. Früher hatte er die unzähligen Frevler gezüchtigt, die der Alte Mann erschaffen und auf die Welt losgelassen hatte. Zusammen mit den Menschen waren die verschiedensten Tiere und Kreaturen entstanden. Einige dieser Kreaturen waren heute in der Welt der Sterblichen als Dämonen, Teufel, Ghule und Kobolde bekannt.

Als er noch im Gefilde der Erzengel gelebt hatte, war es Uriels Aufgabe gewesen, diese Wesen und die Menschen, die sich ihnen angeschlossen hatten, ausfindig zu machen. Aber jetzt, da er auf der Erde wandelte … war es nicht mehr so leicht, die Monster von den Menschen zu unterscheiden. Und außerdem war Bestrafung nicht mehr länger seine Aufgabe.

Immer noch kannte er den Unterschied zwischen Richtig und Falsch. Er hasste immer noch das Böse und hatte das Bedürfnis, die Unschuldigen zu beschützen. Aber es war nicht so leicht, einen Weg zu finden, wie er das in der Welt der Sterblichen tun konnte. Schließlich war er seine einstige Rolle so dermaßen leid gewesen, dass er beschlossen hatte, wenigstens einmal für eine Weile jemand anders zu sein. Und so hatte er sich bei einem Casting angemeldet, zu dem ein...