Inselkoller - Jung ermittelt auf Sylt

von: Reinhard Pelte

Gmeiner-Verlag, 2009

ISBN: 9783839233962 , 287 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Inselkoller - Jung ermittelt auf Sylt


 

Der Somali


»Jussuf Barre«, schallte es über den Werkhof hinüber zu den Wohncontainern, vor denen Jussi im Gespräch mit seinen Landsleuten stand. Der Beamte winkte ihm mit erhobener Hand zu. Er schwenkte ein weißes Papier. Jussi wusste, was er von ihm wollte, und freute sich.

Er war vor rund einem Jahr als Asylbewerber aus Somalia in der Bundesrepublik anerkannt worden. Anschließend war er, wie etliche seiner Landsleute auch, einer deutschen Gemeinde zugeteilt worden. Er und einige andere wurden nach Niebüll/Nordfriesland geschickt. Aus Mangel an geeigneten Sozialwohnungen brachte man sie in dem etwas abgelegenen und eingezäunten Werkhof der Gemeinde in Wohncontainern unter. Er teilte sich mit fünf seiner Landsleute einen davon. Sanitäre Anlagen fanden sie im Bürogebäude des Werkhofs. Bargeld stand ihnen bis 40 Euro im Monat zu. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit Lebensmittelgutscheinen und der Gewährung von Sachleistungen. Im Prinzip war ihnen bezahlte Arbeit verboten. Aber unter der Hand wurden sie von den Beamten als Hilfsarbeiter gegen geringes Entgelt an Dienstleister vermittelt. Die schätzten sie als billige Handlanger für die Arbeiten auf den vor der Küste liegenden Ferieninseln. Das nützte sowohl der heimischen Wirtschaft als auch dem Lagerfrieden unter den Asylanten.

Jussi hatte Glück gehabt. Er übernahm Aufgaben für einen Gebäudeservice, der u. a. auf Sylt im Auftrag einer Ferienhausvermittlung alle Arbeiten rund um die zugehörigen Wohnungen zu erledigen hatte. Sie arbeiteten im Garten, halfen beim Putzen und Reinigen, reparierten Dächer und Elektroanlagen. Jussi wurden auch Kurierdienste übertragen. Er besaß einen gültigen Führerschein und sprach Deutsch. Ihm machte die Arbeit beim Gebäudeservice Spaß. Sie brachte ihm Geld und war eine willkommene Abwechslung. Außerdem war das Ende absehbar. Seine Tage in Deutschland waren gezählt. In zehn Tagen reiste er zurück, nicht nach Somalia, aber nach Dschibuti.

Sein Onkel Siad Barre hatte ihn seinerzeit zum Studium des Marxismus-Leninismus in die ehemalige DDR geschickt. Aus diesem Studium hatte er neben der deutschen Sprache und einem gültigen Führerschein nur die bleibende Erkenntnis mitgenommen, dass die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse das Öl in der Lampe der Geschichte sei. Alles andere war ihm langweilig und seinem Wesen fremd geblieben. Er hatte es bald vergessen.

Er studierte noch in der ehemaligen DDR, als das Ende der Regierung seines Onkels Siad Barre in Somalia eingeläutet wurde. Den Scheichs der arabischen Sultanate und Emirate war sein Onkel ein Dorn im Auge. Anfangs hatten sie trickreich, leise und diskret, wie es ihre Art ist, daran gearbeitet, ihn in ihr Machtkartell um das Arabische Meer einzubinden. Aber sein Onkel wollte sich ihrem Machtanspruch nicht fügen. Er hielt an seiner Idee von einem eigenständigen, sozialistisch ausgerichteten somalischen Einheitsstaat fest. Darauf beschlossen die Scheichs seine persönliche und politische Liquidierung.

Sie begannen, ihre Macht und ihren weltweiten Einfluss zu nutzen, um ihn zuerst einmal in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu bringen. Das zwang ihn dazu, selbst wirtschaftliche Macht anzuhäufen, was ihn in Widerspruch zu seiner Staatsidee brachte. Er versuchte, die mächtigen Vereinigten Staaten für seine Sache zu gewinnen. Deren Hilfe blieb aber halbherzig und machte ihn in den Augen seiner Landsleute und der übrigen Welt noch unglaubwürdiger. Schließlich entstand der Eindruck einer marxistisch inspirierten, diktatorischen Kleptokratie1, vor allem auch deswegen, weil er seinen Landsleuten keine spürbare Verbesserung ihrer erbärmlichen Lebensumstände bieten konnte. Damit war sein Ende absehbar.

Die von den Scheichs ins Leben gerufene und ausgerüstete Sezessionsbewegung in Nordsomalia (SNM2) zwang ihn schließlich zur Flucht, auf der er später in Lagos an einem Herzinfarkt starb. Sein Clan und seine Getreuen wurden in den ausbrechenden blutigen Unruhen restlos liquidiert. Der Niedergang seines Onkels und der der DDR verliefen synchron. Jussuf war klug genug zu wissen, dass seine Tage in Deutschland gezählt waren. Bis jetzt hatte er hier als Bannerträger des Sozialismus in Ostafrika ein vergleichsweise privilegiertes Dasein geführt. Nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes und dem absehbaren Ende der Herrschaft seines Onkels wurde er aber lästig.

Er wartete ab und verfolgte mit großer Wachsamkeit die Entwicklung in seinem Heimatland, soweit ihm das überhaupt möglich war. Dann erreichte ihn ein Schreiben der Intergovernmental Authority on Development (IGAD) aus Dschibuti. Darin wurde er gebeten, sich und seine in Deutschland erworbenen Kenntnisse, in erster Linie seine Sprachkenntnisse, der IGAD zur Verfügung zu stellen. Für einen entsprechenden Lebensunterhalt werde gesorgt werden, ein Flugticket sei bei der Air France hinterlegt.

Jussi überlegte lange, was er von diesem Schreiben halten sollte. Der Mangel an Alternativen und die durchaus realistische Chance, für mächtige Autoritäten von Nutzen sein zu können, ließen ihn den Flug nach Dschibuti antreten.

Beim Anflug auf Dschibuti kamen ihm erste Zweifel, ob er sich richtig entschieden hatte. Neben der Rollbahn machte er ein ausgedehntes Zeltlager aus, das von Erdwällen, hohen Zäunen und Türmen aus bewacht wurde. Es sah nach einem Internierungslager aus. Als die Maschine auf der Runway ausrollte, entdeckte er aber Transporthubschrauber mit amerikanischen Hoheitsabzeichen, die auf einem abgesteckten Platz vor dem Lager abgestellt waren. Auf dem Taxiway rollte eine Herkules der US Air Force in ihre Startposition, und überall liefen amerikanische Soldaten herum. Er beruhigte sich bei dem Gedanken, dass er ein amerikanisches Militärcamp vor sich hatte und kein Lager für unerwünschte Immigranten.

Jussi hatte sich nicht verrechnet, wenn auch die IGAD sich rasch als vorgetäuschte Adresse herausstellte. Sie war gewählt worden, um sein Vertrauen zu gewinnen und ihn zu beruhigen. Der regierende Clan um den amtierenden Außenminister Dschibutis, Mahamoud Youssouf, steckte hinter seiner Anwerbung. Dessen Absichten aber waren in dem Schreiben korrekt wiedergegeben worden.

Beamte des Außenministers empfingen ihn am Flughafen zuvorkommend und mit Respekt. Man entschuldigte sich nebenbei, aber ohne ersichtliche Skrupel für den kleinen Trick, seinem Entschluss nachgeholfen zu haben. Ihm wurde höflich bedeutet, dass seine Fähigkeiten im Dienste der arabischen Sache gebraucht würden. Er könne auch ablehnen und nach Europa zurückkehren. Vorher sei es empfehlenswert, sich anzuhören, was von ihm erwartet werde. Dazu war ein Treffen in Sansibar City mit Scheich Hamid vorbereitet, Bruder des regierenden Sultans von Oman, Qabus ibn Said, und – nach westlichem Sprachgebrauch – Stabschef der islamischen Sultanate und Emirate. Der private Learjet3 des Scheichs stehe übermorgen – genug Zeit für ihn, sich auszuruhen – auf dem Airport Dschibuti bereit, ihn nach Daressalam zu fliegen. Von da ginge es per Tragflügelboot direkt nach Sansibar City.

Jussi war klar, dass ihm die Machtverhältnisse keine Wahl ließen. Die Erwähnung des Scheichs erfüllte ihn mit Ehrfurcht und gleichzeitig mit Angst. Aber sie gab ihm auch Hoffnung, dass sein Leben noch nicht verwirkt war. Der Scheich hätte nie zugelassen, dass sein Name im Zusammenhang mit der Liquidierung unerwünschter Personen hätte genannt werden können.

Er war Gast des Außenministers und verbrachte zwei Nächte im Gästehaus des Präsidentenpalastes. Arabische Kleidung und Geld wurden ihm gestellt. Dschibuti war angefüllt mit Flüchtlingen und Opfern der Bürgerkriege in den Nachbarländern. Er sah und vor allem roch er das Elend auf den Straßen: Kloake und verbrennender Müll. Überall wurde Khat4 verkauft und in dicken Backen gekaut. Die Droge hielt den Deckel auf dieser brodelnden, vor der Explosion stehenden, giftigen Suppe. Der wöchentlich einfliegende Khatbomber aus Äthiopien, eine uralte, propellergetriebene Superconstellation, war der Fixpunkt des Lebens auf der Straße und gab ihm einen brüchigen Halt. Es ging das Gerücht, dass die Präsidentengattin den Khathandel kontrolliere und diese Quelle nie versiegenden Geldes geschickt nutzte, die Macht ihres Clans auszuweiten und zu festigen.

Jussi war von dem, was er sah und roch, wenig berührt. Er war aus Somalia längst daran gewöhnt. Welche Rolle spielte schon ein Leben unter diesen Umständen? Keine. Wichtig war, nicht unter denen zu sein, die es verloren.

Er traf in Sansibar City ein und wurde am Hafen von einem Assistenten des Scheichs empfangen. Der führte ihn in die arabisch geprägte Altstadt zu einem verschachtelten, vielräumigen und von Gängen, Durchlässen und Innenhöfen durchzogenen Gebäudekomplex, dessen Fassade sich zur Straße hin schroff und kärglich, ja armselig gab, dessen Innenleben aber von zurückhaltendem Geschmack, Ruhe und Komfort zeugte.

Außer einigen wenigen männlichen Bediensteten bekam er keine weiteren Menschen zu Gesicht. Ihm wurde ein Zimmer zugewiesen und arabisches Essen gereicht mit der Bitte, sich zu gedulden, bis seine Hoheit ihn rufen lasse.

Der Sekretär des Scheichs holte ihn schließlich zur Audienz ab. Sie durchschritten schattige Treppenhäuser und lichte Höfe, bis sie einen in braunbeige gehaltenen Raum betraten, dessen Einrichtung aus einem bodendeckenden Teppich und drei...